|
Egal wie ich mich wende, rechts, links, vorne, hinten und vor allem oben, in Meiringen in der Schweiz kommt man sich als Radsportler vor wie in der Mausefalle. Zwischen den Füßen der alpinen Gebirgsriesen bieten sich Fluchtwege über den Grimsel in 2164 Metern Höhe oder den Sustenpass, 2224 Meter über dem Meeresspiegel, an.
Nicht genug für einen Marathon durch die Alpen, hat sich der Veranstalter des »Alpenbrevet« gedacht und zwischen die beiden bereits erwähnten legendären Pässe den Nufenen (2476 m) sowie den klangvollen Kopfsteinpflaster-Anstieg auf den Passo del San Gottardo (2106 m) gepackt. Damit die Teilnehmer der »Cycling Tour Gold« möglichst rasch wieder im Ziel sind, wurde die kürzeste Verbindung zwischen den Titanen gewählt. 173 Kilometer, vier Pässe und 5294 Höhenmeter später erwartet Veranstalter Michael Schild die Glücklichen im Ziel in Meiringen. »Der Erste wird so zirka sieben Stunden benötigen«, berichtet Herr Schild am Abend vor der Veranstaltung relativ nüchtern meinem staunenden Ohr.
26 Kilometer entfernt wartet sehnsüchtig der Grimsel
Am Start des Alpenbrevet in 595 Metern »Höhe« hat sich fatalistische Ruhe breit gemacht. Gemütlich sitzen einige Radsportler noch kurz vor dem Startschuss in den Cafés am Straßenrand, trinken Espressi und halten einen Schwatz – 10 Minuten früher oder später im Ziel, was soll‘s!?. Obwohl 1700 Teilnehmer gemeldet sind, einen abgesperrten Startbereich gibt es hier nicht. Wie von gnädiger Hand gelenkt, stellt sich einfach jeder ungefähr an der Position auf, wo er sich selbst im Ziel erwartet.
»Aber wer schnell genug ist, kann es trocken ins Ziel schaffen«, verspricht Michael Schild von der Startlinie aus dem Starterfeld Regen für die Reise. Aus dem Peloton erntet der makabere Scherz nur wenig müde Lacher. Zur Strafe drückt er ab, die Pistole knallt, 1700 Männer und einige Damen rollen an, machen sich auf, eine Aufgabe zu bewältigen, die weltweit ihresgleichen sucht.
Ganz heimlich nimmt die breite Straße ganz allmählich bereits kurz nach dem Ortsausgang Meiringen an Steigungsprozenten zu, und ehe ich es richtig realisiert habe, stecke ich nach knapp sechs Kilometern am Fuß des ersten Alpen-Monsters. 26 Kilometer entfernt wartet in 2164 Metern Höhe bereits sehnsüchtig der Grimsel auf die Wagemutigen. Das Feld sortiert sich, die ersten größeren Gruppen reißen schon zu diesem frühen Zeitpunkt des »Rennens« wie zäher Brei auseinander.
»Michael, du bist ein wenig arg weit vorne«, stelle ich leicht erschrocken fest, als ich den ersten langen Anstieg unter den Top-Ten nach oben rausche und mein Puls in Richtung 170 Schläge klettert. Klarer Fall, ich bin zu schnell unterwegs für diese Mammutaufgabe. Hin- und hergerissen zwischen dem euphorischen Gefühl hier vorne mit dabei zu sein und dem Wissen, dass ich, wenn ich so weiterfahre, früher oder später sowieso abgehängt werde, entscheide ich mich nach rund vier Kilometern Hatz gen Gipfel, das Tempo zu reduzieren.
Klack, ich schalte einen Gang leichter, schwenke meinem Hintermann nach vorne und lasse abreißen. Sofort schieben sich drei, vier, fünf Fahrer an mir vorbei und dann, dann bin ich alleine. Langsam, aber erbarmungslos schleicht die Führungsgruppe davon, während sich mein Puls so weit entspannt, dass ich wieder durch die Nase atmen kann.
|