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Toskana, Italien. 6 Uhr morgens.
»Scusi – No!« Nur wenige Zentimeter vor der Handfläche kommt meine Nase zum Stillstand. Dahinter ein Arm, der Mann daran ist die Materialkontrolle und erklärt: Ohne Haken und Riemen an meinen Pedalen dürfe ich nicht starten. Die Regeln verlangen ein Bike von 1987 oder älter. Klickpedale, Schalthebel am Lenker und integrierte Züge sind verboten – zu modern.
Nach etwas hin und her darf ich doch zur Startlinie. Vielleicht weil mein Rad alt genug ist, vielleicht weil ich es mit blanken Plattformpedalen ohnehin noch schwerer habe. Andere haben weniger Glück: Wer ein modernes Rad fährt, muss Startnummer und Stempelkarte abgeben, darf nur inoffiziell mitfahren. Die Eingangskontrolle ist quasi das Pendant zum UCI-Mindestgewicht: Das Rad muss ein gewisses Handicap darstellen, um gleiche Chancen zu gewähren. Und dabei gibt es noch nicht einmal eine Zeitnahme.
Was das ganze Theater soll? Eigentlich wollten die Veranstalter der ersten L‘Eroica 1997 nur Radsportlegenden wie Fausto Coppi ehren und die weißen Schotterstaßen, die »Strade Bianches« vor der Asphaltierung bewahren. Mittlerweile fahren 2 400 Retro-Freaks mit und die Schotterstraßen sind mit »L‘Eroica«-Schildern ausgewiesen. In den letzten Jahren haben zu viele Fahrer mit modernen Rädern den historischen Flair der Rundfahrt gestört – daher die Materialkontrolle.
Aufsitzen, durchatmen, los.
Die ersten Gruppen sind bereits auf und davon, ein paar Fahrer tauschen ihre Hakenpedale nach dem Start gegen moderne Klickpedale. Noch glauben sie, sie seien damit aus dem Schneider.
Eine Gruppe überholt, also hinterher. Es bleibt beim Versuch: Als ich runterschalten will, reiße ich fast den Bremshebel vom Lenker. Noch mal Gedanken ordnen, Griff zum Schalthebel am Unterrohr, Mist, das war der Umwerfer, Kette fällt runter, anderer Schalthebel, krack, falsche Richtung, endlich, der Gang sitzt, Wiegetritt und hinterher!
Der erste Anstieg. Im orange-roten Morgengrauen verabschiedet sich die Nacht, ein wärmendes Spalier aus Öllampen leuchtet uns den weißen Schotterweg hinauf zum Castello di Brolio, hinein in die grünen Weinberge der Toskana umrahmt von einem traumhaften Himmel. Fast unmerklich rotieren die Naben langsamer, die Gespräche reduzieren sich auf »Ui« und »Toll«. Als ob so der Moment anhalten würde. Selbst die coolsten Leistungssportler können sich wenigstens einen Funken Begeisterung nicht mehr verkneifen.
Die Räder sind oft älter als die Teilnehmer, viele tragen Wolltrikots und Sturzring, manche fahren die Originalrennräder aus ihrer Jugend. Fast ist mir mein 80er-Jahre-Rad etwas peinlich – damit ist es schon einfacher als mit dem Vorkriegsmaterial einiger Fahrer.
Cool sind hier nicht die Rahmen aus raumfahrterprobten Carbonfasern, sondern schwere Kisten, teils vom Schrottplatz gerettet, liebevoll restauriert. Mit Sitzposition und einer Ergonomie, die jedem Orthopäden Albträume bereiten. Wenn Neuteile verbaut sind, so sind diese oft mit Feile und Staub verschämt auf alt getrimmt. Dazu Wolltrikot, Sturzring und um die Schultern der Ersatzreifen – ein wunderschönes Rennradmärchen.
Jedes Rad ein Statement: Seht her, mir ist es egal, dass ich langsamer bin als ihr Wadenrasierer auf euren modernen Maschinen. Ihr könnt ins Ziel hetzen – aber ich sehe mehr von der Toskana!
Martialisches Scheppern kündigt eine besondere Erscheinung an: Ein etwa 70 Jahre altes Rennrad zieht gleichauf, vielleicht ein Postrad, vielleicht ein Armeerad.
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