|
Im 19. Jahrhundert war es der Goldrausch, der „Go West!“ zum Credo vieler Abenteuerhungriger machte. Ob die Rennradlust, die Amerika seit Lance Armstrong packt, auch zu einem Rausch anwächst? Noch ist Kalifornien ein Geheimtipp, doch seit der Premiere der Amgen Tour of California rollt das Rad immer professioneller durch Schwarzeneggers Regierungsbezirk.
„Hör endlich auf, mir die Ohren vollzuheulen!“
schimpft mein Rennrad-Compagnon und Urlaubsbegleiter Martin und unterbricht jäh meine Sangeslust, in der ich abwechselnd mit Mamas and Papas‘ „California Dreaming“ und Scott McKenzies „If You‘re Going to San Francisco“ schwelge. Dabei versuche ich doch nur mit weiblich-leichter Fröhlichkeit die Zeit zu überbrücken, in der wir ungeduldig mit den Klickplatten auf dem Asphalt scharren, bis die Leihräder unserer achtköpfigen Truppe angepasst sind. Stefan, unser Guide von Velo City & Country LLC, lacht, als er meinen Schmollmund sieht und klatscht in die Hände: „So, Jungs und Mädels, rauf auf die Räder, Kalifornien heißt euch herzlich willkommen!“
Es ist zehn Uhr morgens, die Luft über der liberalen Studentenstadt Berkeley in der San Francisco Bay ist mild und verträumt neblig trüb. In eleganten Kurven schlängelt sich die kleine Straße hinauf in die Berkeley Hills, auf denen sich die Sonne kraftvoll durchkämpft. Das Gefühl von Freiheit breitet sich aus, Eukalyptusduft umweht unsere Nasen. Eukalyptus- und Eichenhaine zieren zunächst die wenig frequentierten Straßen, zu unseren Füßen blitzen immer wieder die Bucht von San Francisco und der Pazifik durch. Je tiefer wir in die Hügellandschaft vordringen, desto eindrucksvoller reckt sich ein Wahrzeichen Kaliforniens in die Luft – der Redwood-Baum. „Auch Küsten-Sequoie genannt, gehört der immergrüne Redwoodbaum der Familie der Mammutbäume und damit der Zypressengewächse an. Der Küstenmammutbaum wird über 110 Meter hoch!“ Martin dreht sich zu mir um und rezitiert in Lehrer-Manier die Reiseführer, die er vor unserer Tour of California gewälzt hat. Während er sich pädagogisch verausgabt, sprinte ich an der Gruppe vorbei und bin als Erste über dem letzten Hügel, der den freien Blick auf die romantisch schroffe Küste der San Francisco Bay versperrt. 62 Kilometer zeigt mein Tacho nach dem ersten Einrolltag an und eines ist schon klar: Kalifornien ist nicht nur Stars, Hollywood und Bikinimodels am Venice Beach; der „Golden State“ – so steht es auf den Nummernschildern der Autos – hat viele andere goldene Seiten, die nichts mit den Sternen des Walk of Fame zu tun haben.
Meer und Wein und Natur pur
Nordkalifornien eignet sich aufgrund der moderaten Temperaturen, der schönen Nebenstraßen und der abwechslungsreichen Topographie besonders gut für Rennradtouren. Sowohl entlang der Küste ins Marin und Mendocino County als auch ins Hinterland entlang von Goldrauschflüssen hinauf zu den alpinen Pässen der Sierra Nevada kann man wunderbare Trainingsrunden ziehen. Der Vorteil, wenn man in Kalifornien mit dem Rad unterwegs ist: Man bekommt schwer zugängliche Naturschönheiten zu sehen, die den Autofahrern auf der Touristen-Route Highway No. 1 verschlossen bleiben. Der Tourismus in den Küstendörfern nördlich von San Francisco ist viel kleinteiliger und familiärer als in den Metropolen und entlang der großen Verbindungsstraßen, man rollt durch provence-ähnliche Landstriche mit sanfthügeligen Weinbergen und einfachen Menschen.
„Wusstest du, dass Koriander in Amerika ‚cilantro‘ genannt wird?“ Heute spiele ich den Oberlehrer, als wir in der Community Bar von Tomales in der gleichnamigen Bucht sitzen, die lecker-leichte pazifische Küche genießen und unseren zweiten Kalifornientag Revue passieren lassen.
|