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Der Fixie-Weltmeister Sebastian Körber im Interview

17.02.2016
Sebastian Körber - Fixie Weltmeister 2015

Faszination Fixie

Keine Bremsen, ein Gang, starre Nabe, Rennradlenker: Das ist ein Fixie. Mit ihm bestreitet Sebastian Körber Rennen. In Berlin hat er sich den Weltmeister-Titel in der noch jungen Disziplin geholt. Ein Gespräch über die Angst zu stürzen und die perfekte Übersetzung. 

RennRad: Du warst Straßenprofi, bist Cross-, Steher-, und normale Bahnrennen gefahren – wie kommt man zu Rennen mit Fixed-Bikes?

Sebastian Körber: Ich probiere gerne alles aus, was mit Radrennsport zu tun hat. Und ganz besonders gerne das Ungewöhnliche. In Nürnberg gibt es eine Gruppe von lockeren Typen, die einfach zum Spaß Radfahren, Schweinshaxn- und Biervergleichs-Runden organisieren – die Schleuder-Gang. Durch sie bin ich auf die Fixed-Rennen aufmerksam geworden. Ich war sofort neugierig, habe die Szene lange beobachtet. In diesem Jahr bin ich eingestiegen.

 

Mit Fixies bist Du aber schon länger vertraut.

Fixies sind im Endeffekt nichts anderes als Bahnräder. Und zu Bahnrädern habe ich schon seit meiner Kindheit einen engen Bezug. Wir haben vom Verein aus im Reichelsdorfer Keller trainiert, einer Bahn in der Nähe von Nürnberg. Dorthin bin ich als Jugendlicher immer mit dem Bahnrad durch den Wald gefahren. Die Liebe zum Radsport ist bis heute geblieben, das Interesse für alternative Rennformen immer größer geworden. 

 

Was macht ein Fixed-Rennen so besonders?

Der Nervenkitzel. Fixed-Rennen sind kurz und intensiv. Man kann nicht bremsen, darf nie aufhören zu treten, um einen herum sind zig andere Fahrer, die alle als erster um die nächste Kurve kommen wollen. Einfach draufsitzen und losfahren is‘ da nicht. Man braucht viel Mut und Zeit, bis man mit der starren Nabe schnell durch die Kurve kommt. Vor allem, wenn man in einem 100-Mann-Pulk unterwegs ist.

 

Die meisten Teilnehmer bei Fixed-Rennen sind Straßenräder und -rennen gewohnt, es fahren aber auch viele Anfänger mit. Wie hoch ist das Sturzrisiko?

Stürze kommen meistens nur in der Anfangsphase vor. Da ist alles noch kompakt, Profis fahren neben Amateuren, Fahrradkuriere neben Typen mit abgeschnittenen Jeans und Flatter-T-Shirts. Bunter kann ein Fahrerfeld fast nicht sein. Je länger das Rennen dauert, desto ruhiger wird es, desto weniger passiert. Dennoch: Man weiß nie, ob sich nicht doch jemand verschätzt. Bei meinem ersten Fixed-Kriterium in Köln hatte ich das erste Mal in meinem Leben bei einem Radrennen Angst. Wenn einer stürzt, stürzen alle.

 

Vertrauen spielt also eine wichtige Rolle.

Die Szene ist noch jung und klein, es gibt keine Eigenbrötler, zum Konzept der Veranstalter gehört immer eine After-Race-Party. Da kennt man schnell die anderen Fahrer. Im Rennen spiegelt sich das wider: Die Fairness ist extrem hoch. Kurven werden frühzeitig angekündigt, jeder schaut auf den anderen. Das funktioniert, weil die Atmosphäre so locker und freundschaftlich ist. Es geht nicht nur um den Wettkampf, es geht um das Wochen-
ende, um den Spaß, um das gemeinsame „Bierle“ nach
dem Rennen.

Man muss aber auch klar sagen, dass sich eine Professionalisierungs-Tendenz erkennen lässt. Die Szene wächst, die Startfelder werden größer, es gibt internationale Rennserien, eine Weltmeisterschaft.

 

Bei letzterer bist Du in diesem Jahr am Start gewesen. Wie war Dein Eindruck von der ersten WM in dieser Disziplin?

Es war riesig, wie ein Profi-Rennen. Ich habe mich schon eine halbe Stunde vor dem Start an die Linie gestellt, weil ich Angst davor hatte, mit 280 Leuten in die erste Kurve zu fahren. Nach der Neutralisation gingen sofort die ersten Attacken los. Die meisten Fixed-Fahrer machen sich keine Gedanken, was in zehn Kilometern ist, sie treten einfach mit Vollgas los. Das Tempo war extrem hoch. Im Ziel hatten wir einen 47er Schnitt. Es war ein richtiges Ausscheidungsfahren.

 

Am Ende hast Du mit über einer Radlänge Vorsprung deutlich gewonnen.

Ich habe auf den Schlusssprint spekuliert, habe mich aus allen Vorstößen herausgehalten, bin aber trotzdem immer unter den ersten zehn Fahrern gewesen. Die Strecke war identisch mit den letzten 42 Kilometern des Velothon Berlin. Das Profirennen bin ich schon gefahren und kannte daher die Schlüsselstellen. Am Schluss geht es durch die Häuserschluchten von Berlin. Dort ist man windgeschützt, es rollt immer extrem gut. An dem Tag hatten wir zudem Rückenwind, ich habe also einen viel dickeren Gang als normal montiert. Die meisten anderen machen sich über so etwas keine Gedanken, die fahren das ganze Jahr die gleiche Übersetzung. Das hat mir am Ende im Sprint Vorteile verschafft.

 

Sind Taktik und Erfahrung bei Fixed-Rennen entscheidender als bei normalen Rennen? 

Die Erfahrung spielt eine extrem große Rolle. Neben der eigenen körperlichen Leistung gibt es noch so viele Faktoren, die das Rennen beeinflussen können: der Wind, die Strecke, die Art der Kurven. Nach all dem richtet sich die Übersetzung. Man hat nur eine Chance – legt man den falschen Gang auf, hat man verzockt. Bei einer gewissen Geschwindigkeit kann man einfach nicht mehr schneller treten, man ist limitiert. Bei normalen Rennen kommt sowas eigentlich nie vor.

 

Woher kommt Dein gutes Gespür für die richtige Übersetzung?

Ganz klar von den Bahnrennen und dem Wintertraining. Ich habe früher jeden Winter mit meinem Trainingskollegen Christoph Schwerdt draußen auf einem Fixie trainiert. Das war für den runden Tritt und die Motorikschulung sehr wertvoll.

 

Du bist in diesem Jahr Dein erstes Fixed-Rennen gefahren, bist auf Anhieb Weltmeister geworden. Was hat man da noch für Ziele?

Die Red Hook-Rennserie. Das ist die Champions League in der Fixie-Szene. Am Ende der Saison möchte ich das Rennen in Mailand bestreiten. Starts in Brooklyn, London, Barcelona sind ein Traum. Ich habe alle Rennräder verkauft, besitze nur noch einen alten Crosser für den Winter und meine Fixies. Der Fokus für die Zukunft ist klar. //

 

 

Hintergrund

Die Fixed-Szene ist in den USA aus der Radkurier-Kultur entstanden. Seit den 1970er Jahren fahren dort die Kuriere auf Rädern mit starrer Nabe – so wie man sie aus dem Bahnradsport kennt. Die Gründe: Fixies sind puristisch, deshalb kann daran weniger kaputtgehen, es gibt weniger Verschleißteile, es ist günstiger. Der Trend, mit dem Bahnrad auf der Straße zu fahren, ist nach Deutschland geschwappt. Heute gibt es immer mehr Rennen, bei denen man auf Fixies gegeneinander antreten kann. Einer der größten Veranstalter ist „Rad Race“. Er organisiert alternative Rennformate in ganz Europa. Darunter Ausscheidungsfahren, Kriterien, Eins-Gegen-Eins-Sprints. International sind die vier Rennen der Red Hook-Serie am prestigeträchtigsten. Dort treten die besten Fahrer der Welt gegeneinander an. Die erste Fixed-Gear-Weltmeisterschaft fand in diesem Jahr in Berlin statt.

 

Die Person

Sebastian Körber kommt aus Katzwang bei Nürnberg, arbeitet in der Metallverarbeitung und ist der amtierende Fixie-Weltmeister. Seit diesem Jahr bestreitet der 30-Jährige Rennen in dieser Kategorie. Davor war er Straßen-Profi beim Team Nutrixxion Abus. Sein Heimatverein ist der RC Wendelstein.

 

Quelle: 

Foto: Björn Lexius

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