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Ein neuer 24h-Weltrekord: Meine Welt, Mein Rekord

03.03.2017

 

Ein neuer 24h-Weltrekord: Meine Welt, Mein Rekord

22622,6 Höhenmeter sind es nun geworden. Das ist eine schöne Zahl, die ich so schnell nicht vergessen werde. Ebenso wenig wie die 24 Stunden, in denen ich 154 Mal die Bergstraße in Holzhau hoch und wieder herunter gefahren bin. Es war der schönste Tag in meinem bisherigen Leben. Warum ich das so empfand, möchte ich in den nachfolgenden Zeilen schildern. 

 

Es war der letzte Herbst, als aus einer Spinnerei eine Idee wurde. Ich wollte bergauffahren. Lange und schnell. Ich wollte den bestehenden 24-Stunden-Höhenmeterweltrekord knacken. Es war nicht nur Herbst und die Temperaturen sanken, auch meine körperliche und mentale Verfassung war am Tiefpunkt.

Knieprobleme machten jeden Tritt zur Qual. Ich musste das Radfahren eine Weile sein lassen. Monatelang kam ich nicht in Tritt an längere Radtouren war überhaupt nicht zu denken. So fragte ich mich, als ich die 30 Kilometer von Freiberg nach Rechenberg zum dortigen Bürgermeister radelte und meine Idee vom Rekord vorstellte, aber den Rückweg wegen Knieschmerzen nur im Zug fahren konnte, was ich ihm hier gerade für einen Wahnsinn erklärt hatte. Volle Zuversicht verbreiten müssen, dass es für mich möglich ist, einen 24-Stunden-Weltrekord aufzustellen, bei totaler Unsicherheit, wann und ob ich überhaupt wieder schmerzfrei in diesen Umfängen Radfahren kann – das ist eigentlich unmöglich. Eigentlich.

Aufstieg

Doch Zeit und Geduld heilen Wunden und ab Januar war ich auf Kurs. Die Trainingsbelastung konnte ich wieder kontinuierlich aufbauen und aus der Idee wurde ein Projekt, das von vielen Freunden, Partnern und meiner Familie unterstützt wurde. Im März stand der Umzug von

Freiberg nach Dresden an und die Entscheidung, das Masterstudium mit der halbfertigen Masterarbeit kurz vor Schluss in die Tonne zu drücken. Nicht das Leben zu leben, was von einem erwartet wird. Nicht den gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Zwängen genügen müssen, sondern ein Leben zu führen, das man selber will. Ohne viel Kohle, aber mit viel Zeit für sich. Handeln durch Mut geleitet und nicht von Ängsten geprägt. So war der Kopf endgültig frei. Für den Radsportler Robert Petzold und das in letzter Konsequenz. Mit viel Zeit zum Trainieren, Regenerieren und Vertrauen in die eigene Stärke. Mit jeder Menge Spaß und einem klaren Bekenntnis gegen Doping. Die Siege bei einem Radmarathon in Mähren in Tschechien, beim Bergzeitfahren von Krupka hinauf zum Mückentürmchen im Erzgebirge sowie die Titelverteidigung beim Race across the Alps, einem 530 Kilometer langen Rennen über zwölf Alpenpässe waren letztlich nur die logische Konsequenz und eine super Vorbereitung auf die 24 Stunden in Holzhau.

So stand ich mit viel Selbstvertrauen am 30. Juli mittags in Holzhau, als mich der Moderator Othmar Peer kurz vor dem Start des Rekordvorhabens auf der Bühne interviewte. Die Waage zeigte knapp unter 60 Kilogramm Körpergewicht an. Dazu hatte ich extra für die 24 Stunden ein sehr leichtes Cervelo RCA zur Verfügung gestellt bekommen. Beste Voraussetzungen für den Rekord. Auch das Wetter spielte mit. Ein Grinsen machte sich in meinem Gesicht breit, eines, das für die kommenden zehn Stunden nicht weichen sollte. Um auf Rekordkurs zu bleiben, hätte ich mir Rundenzeiten von genau zehn Minuten erlauben können. Ich begann mit neun Minuten. Berghoch brauchte ich für die 146,90 Höhenmeter um die 7:35 Minuten. Die Abfahrt meisterte ich mit unter 90 Sekunden und Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 93 km/h. Es war traumhaft zu sehen, wie die graue Theorie in der Realität aufging und der Anstieg in Holzhau die richtige Wahl war. Dazu die Anfeuerung von den Zuschauern und begeisterten Dorfbewohnern am Streckenrand. Runde für Runde verging mit quasi identischen Durchgangszeiten.

Immer schneller

Pro Runde holte ich eine Minute auf den Rekord raus und hatte am Abend ein sicheres Polster von einer Stunde auf den Rekord herausgefahren. Jede Runde nahm ich einige Schlucke von meiner Zuckerlösung zu mir, die mir meine Betreuer in der Auffahrt reichten. Ich war voll im Plan und fuhr mein eigenes Rennen ohne auf andere schauen zu müssen. Bekannte und unbekannte Radfahrer begleiteten mich berghoch und sorgten für Abwechslung. Interessant war auch immer der Leistungsvergleich. Wo ich als Federgewicht in der 18 Prozent steilen Rampe 230 bis 240 Watt drückte, schnellten bei den gleich schnellen Mitfahrern die Leistungszahlen auf 300 Watt und höher. Gegen Abend nahm ich einen Gang raus. Der Puls driftete merklich nach oben und 195 Watt Durchschnittsleistung sind physiologisch einfach ein Ding der Unmöglichkeit für mich. Also pendelte ich mich bergauf bei 220 Watt ein. Im Durchschnitt mit der Abfahrt waren das dann unter 190 Watt – und es war schon eher realistisch, 24 Stunden ohne Einbruch durchzuhalten. Nun holte ich nicht mehr eine Minute pro Auffahrt heraus, aber immer noch 40 Sekunden. Und das ohne wirklich zu leiden. Ich bewegte mich einfach im Wohlfühltempo. Die Nacht brach herein und die Straßenbeleuchtung   ging an. Dazu machte die Feuerwehr am oberen Wendepunkt und an dunklen Streckenabschnitten zusätzlich Licht. Die Bewohner zündeten Kerzen an, saßen bis tief in die Nacht an der Strecke und hatten immer aufmunternde Worte parat. In der Nacht wurde es kühler. Während am Nachmittag die Temperaturen auf 30 Grad anstiegen, sank jetzt das Thermometer auf 15 Grad. Leicht zu kühl bei der Abfahrt, die aber zu kurz war, um sich auszukühlen und genau die richtige Temperatur beim Bergauffahren. 15 Grad bedeuten eine minimale Herz-Kreislaufbelastung. Weder muss der Körper gekühlt werden, noch hat er damit zu tun, auf Betriebstemperatur zu bleiben. Wieder konnte ich mit 130 bis 140 Pulsschlägen pro Minute nach oben treten. Mittlerweile auch wieder etwas zügiger, da ich die Abfahrt nun nicht mehr mit voller Geschwindigkeit und unnötigem Risiko in Angriff nahm und dadurch mehr Zeit zur Erholung hatte. 

Bei meiner Verpflegungscrew durfte ich immer wählen: Zuckerwasser ohne Geschmack oder Zuckerwasser mit Früchtetee, Pfefferminztee oder Schwarztee gemischt. Letztgenannte Va- riante kam immer dann zum Einsatz, wenn ich die Befürchtung hatte müde zu werden. Acht Teebeutel schwarzer Tee und das darin gelöste Koffein hielten mich wach. Ich hatte zu keiner Zeit größere Probleme mit der Müdigkeit. Die rein flüssige und kohlenhydratbasierte Ernährungsstrategie ohne Fette und Eiweiße oder sonstigen Zusätze, die sonst in vielen Sportgetränken angepriesen werden, ging annähernd perfekt auf. Nur selten gönnte ich mir zusätzlich Mal eine Frischeiwaffel und einen Schluck Eistee.

Motivation

Einen besonderen Anteil an der kurzweiligen Nacht hatten auch Thomas und Tobias, die mich stundenlang begleiteten und mich unterhielten. Tobias philosophierte mal wieder über das Bedingungslose Grundeinkommen und Thomas machte ordentlich Licht mit seinem Scheinwerfer auf dem Lenker, der mir mit dem dicken Akkupack für mein Rad zu schwer war. Lange Zeit war auch einfach nur Ruhe und wir fuhren nebeneinander. Richtig laut wurde es nur, als mich Arno begleitete. Er schniefte wie eine Diesellok und hatte schwer zu tun, mein Tempo am Berg zu halten. Nach meist zwei Runden entschuldigte er sich, dass er eine Pause braucht. So kann man mich auch motivieren. Gegen 3 Uhr tauchte Manu auf, der mit einem Kumpel extra aus dem Allgäu ins Erzgebirge fuhr, um mich in sonderbar lustigen Kostümen und mit dem Megafon anzufeuern und in den Morgenstunden die Bewohner von Holzhau zu wecken. Einfach grandiose Unterhaltung! 

Es wurde langsam hell und die Abfahrten nahm ich nun wieder mit etwas mehr Geschwindigkeit. 16 Stunden lang war es ein perfektes Rennen, der Rekord schon so gut wie sicher. Aber es sollte noch einmal dramatisch werden. Gegen halb 6 Uhr öffnete der Himmel seine Schleusen, kurz vorm oberen Wendepunkt regnete es in Strömen, während es am unteren Wendepunkt nur leicht nieselte. Jedenfalls war die Straße jetzt nass und ohne zu bremsen war es in der Abfahrt zu gefährlich. Ich musste langsamer fahren. Da das Bergauffahren aber noch immer ohne Schwäche von statten ging, akzeptierte ich die Gegebenheiten. In den Morgenstunden, so gegen 9 Uhr, kamen wieder mehr Zuschauer und Radfahrer nach Holzhau. Ich konzentrierte mich nicht auf das Ende des Rekordversuches, sondern nur auf das Überbieten der alten Rekordmarke von 21086 Höhenmeter, was schon nach Hochrechnungen gegen 11 Uhr, also zwei Stunden vor Ende des ganzen Tages und der Nacht geschehen sollte. Leider verlor ich dadurch etwas den Fokus und die Anspannung fiel ab. Warum sich quälen, wenn ich den Rekord auch so überbiete? Ob 11 Uhr oder 12 Uhr war mir gerade ziemlich egal. Erstmals hatte ich mit Rundenzeiten von über 10 Minuten zu kämpfen. Ein paar Pinkelpausen legte ich auch ein. Insgesamt hatte ich um die vier Minuten Standzeit. Zwanzig Minuten weniger als die Marschtabelle vorsah.

Mehr als ein erfüllter Traum

Je näher ich dem Rekord kam, desto fokussierter wurde ich. Nur nicht zu weit denken. Die Stimmung an der Strecke war genial. Bei jeder Durchfahrt am unteren Wendepunkt, wo Othmar Peer den Zuschauern einheizte, verdrängten die Endorphine jegliche Ermüdungserscheinungen. Runde 142, Runde 143, Runde 144. Abklatschen mit den Zuschauern. Weltrekord nach genau 22 Stunden und 22 Minuten! Kurzes Posen für die Kamera und Hochheben des Rades. Erleichterung! Aber Grund zum Aufhören war das noch nicht. Die Uhr tickte weiter. 1500 Höhenmeter waren nun ein gutes Ziel für die verbleibenden 90 Minuten – und so gelang es mir kurz vor 13 Uhr noch die 154. Runde zu absolvieren. 22622,6 Höhenmeter innerhalb von 24 Stunden. Unter tosendem Applaus und mit dem Siegerkranz wurde ich empfangen. Und mit etwas zu essen.

Ich weiß nicht genau, was ich in diesem Moment empfand. Wahrscheinlich Freude und Leere zugleich. Mir war schwindlig. Was ich mir nun wünsche, fragte Othmar. Ich sagte ohne zu denken: „Eigentlich nur was Herzhaftes zu essen. Zum Beispiel eine Bratwurst nach dem ganzen süßen Zeug.“ Mein Wunsch wurde innerhalb von zehn Sekunden Wirklichkeit. Kurz nachdem mein Traum Wirklichkeit geworden war. // 

 

Quelle: 

Autor: Robert Petzold; Bilder: M. Weinberg, F. Bienenwald

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