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Plötzlich Weltmeisterin - Katharina Venjakob im Fokus

17.01.2016

Manche Frauen bekommen zur Volljährigkeit ein Auto, ziehen in die erste eigene Wohnung oder setzen den ersten Freund vor die Tür.

Katharina Venjakobs Vater schenkt seiner Tochter ein Rennrad. Ein Geschenk mit Folgen. Das Rad steht erst ein paar Jahre unbenutzt im Keller. Dann, 2012, entscheidet sich die von Verletzungspech geplagte Fußballerin Katharina Venjakob dazu, ihr Glück auf dem Rad zu suchen. Eine gute Entscheidung. Drei Jahre später gewinnt sie den Amateur-Weltmeistertitel im Einzelzeitfahren und im Straßenrennen. Obendrein gibt es den souveränen Sieg im German Cycling Cup, der bekanntesten deutschen Jedermann-Serie. Katharina Venjakob ist plötzlich mittendrin in der großen Welt des Radsports und ein Symbol des stetig wachsenden Frauenanteils.

„Ich sehe diese Entwicklung positiv. Es ist gut, dass immer mehr Nachfragen nach Frauenrennen kommen.“ Katharina Venjakob weiß, wovon sie spricht. Vor drei Jahren war sie diejenige, die gar nicht wusste, dass es überhaupt Radrennen für Frauen gibt. Sie ließ sich zum German Cycling Cup überreden. Auf Anhieb wurde sie 2013 Zweite der Gesamtwertung. Die Erfolgsgeschichte der mittlerweile 26-Jährigen nimmt ihren Lauf. 2014 und 2015 gewann sie die Rennserie jeweils souverän. „Irgendwie ist Gewinnen wie eine kleine schöne Sucht“, meint sie schmunzelnd. „Zudem findet man in der Szene neue Freunde, Radsport verbindet.“ So wie sie sehen das immer mehr junge Frauen. Es sind Quereinsteiger, die eine Verletzung daran hindert, weiter Fußball zu spielen oder der Leichtathletik nachzugehen. Sie melden sich spontan für ein Rennen an und sind gefesselt von der Atmosphäre, dem Geist, der in der Szene herrscht. Als Frau versucht man zunächst, den Männern hinterher zu radeln. Schnell fährt man ein paar von ihnen um die Ohren. Ein Schnitt von 40 Kilometern pro Stunde ist in GCC-Rennen keine Seltenheit.

Plötzlich Doppel-Weltmeisterin

Schauplatzwechsel: Dänemark, ein Wochenende im September 2015. Katharina Venjakob hat sich zuvor im Tiroler Sankt Johann für die Amateur-Weltmeisterschaften qualifiziert. Für die Titelkämpfe in Dänemark hat sie an ihrer Zeitfahrtechnik gefeilt, die Position auf dem Rad optimiert und viele Intervalle in aerodynamischer Position abgespult. Der Kampf gegen die Uhr liegt ihr. Im WM-Zeitfahren findet sie früh ihren Rhythmus, tritt flüssiger und schneller als die Konkurrenz. Der Titel ist ihr nicht zu nehmen. Oben auf dem Siegerpodest bekommt sie das Regenbogentrikot übergestreift. Sie strahlt, nimmt die Glückwünsche entgegen und schüttelt oft mit dem Kopf. Man merkt ihr an, dass sie sich unglaublich freut, aber den Erfolg noch nicht fassen kann. 

Zwei Tage später ein ähnliches Bild. Im Straßenrennen ist Venjakob „so konzentriert wie nie.“ Das wellige Profil kommt ihr entgegen. Über 165 Kilometer geht es ständig hoch und runter. Am Ende läuft es auf einen Massensprint hinaus. Die letzten fünf Kilometer schwimmt sie vorne im Feld mit. „Ich wusste, dass ich gut sprinten kann. Nicht überragend, aber gut genug. Im Zielsprint habe ich mir einfach eingeredet ‚du schaffst das‘. Es hat geklappt.“ Katharina Venjakob gewinnt wieder Gold und kürt sich zur Doppel-Weltmeisterin. „Es war überwältigend“, sagt sie. „Normalerweise brauche ich ein oder zwei Tage, um alles zu realisieren. Nach der WM hat es eine Woche gedauert, um das in irgendeiner Weise zu verarbeiten.“

Zu Hause in Münster

Zurück in ihrer Heimat Münster bleibt alles wie gewohnt. Katharina Venjakob arbeitet Vollzeit im öffentlichen Dienst – Weltmeistertitel hin oder her. „41 Stunden Arbeit und 17 bis 20 Stunden Training – pro Woche. Unter der Woche sind es drei Einheiten à drei Stunden, am Wochenende zwei Einheiten, wobei der Sonntag mit bis zu fünf Stunden Training die mit Abstand längste Trainingseinheit ist.“ Viel Zeit für Freizeit bleibt da kaum. Ein gutes Zeitmanagement ist Grundvoraussetzung für Erfolg. Es bleiben nur Montag und Freitag Zeit für andere Sachen. Einkaufen, Mädelsabend, die Familie besuchen. Venjakob sieht es pragmatisch. „Wenn ich auf der Arbeit viel zu tun habe, muss zur Not auch mal eine Trainingseinheit ausfallen. Ich verdiene schließlich nicht mit dem Radsport, sondern als Rechtspflegerin mein Geld.“ 

Daran wird sich auch 2016 nichts ändern, wenn Venjakob ihr bisheriges Bürstner – Dümo Cycling-Dress gegen die Farben von Maxx-Solar tauschen wird. Deren Managerin Vera Hohlfeld hat ihr ein Angebot gemacht, dass sie nicht ablehnen konnte. Die Folge: Venjakob wird dann nicht mehr im German Cycling Cup, sondern bei Lizenzrennen starten. „Mein Riesenziel ist es, mich weiterzuentwickeln. Im neuen Team werde ich den Radsport neu kennenlernen müssen. Das heißt vor allem erstmal, Helferrollen übernehmen.“ Zwischen GCC und Lizenzradsport sieht Venjakob noch einen entscheidenden Unterschied: „Die Events sind viel mehr von Taktik geprägt als im GCC-Bereich, wo man sich als Frau zur Not auch einfach mal in den Windschatten der Männer hängen kann.“

Die neuen Aufgaben verlangen nach neuen Trainingsreizen. „Ein konkretes Konzept für 2016 werde ich mit meinem Trainer ausarbeiten.“ Derzeit ist Katharina Venjakob vor allem eine Allrounderin, eine die welliges Profil und Windkantensituationen gut beherrscht. 

Zukunftspläne

In bergigen Streckenpassagen sieht sie noch Verbesserungspotenzial. Das flache Trainingsgebiet um Münster ist kaum von Vorteil. Wenn man Berge dort schon nicht fahren kann, muss man sie simulieren. „Mein Trainer wird sich im nächsten Jahr sicherlich viele fiese Intervalleinheiten ausdenken, um meine Bergfähigkeiten auf diese Weise zu verbessern.“ Die Tempoeinheiten wird sie in gewohnter Manier mit MP3-Player im Ohr absolvieren. „Bei Intervallen ist er mein bester Freund geworden“, gibt sie preis und lacht.

Seit 1. November läuft das Training für die nächste Saison. Zuerst ganz locker, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Dann wird nach und nach langsam gesteigert. Die Umfänge und die Intensität. Nach dem Maxx-Solar-Teamtreffen im Dezember werden die Einheiten dann länger und auch härter. „Ich werde mich bestmöglichst vorbereiten, um mich in den Dienst der Mannschaft stellen zu können. Man kann sicher nicht erwarten, dass ich an meine Erfolge in der Jedermann-Klasse anknüpfe“, zeigt sich Katharina Venjakob defensiv aber realistisch. Wird sie die erfolgreiche Zeit der letzten Jahre denn nicht vermissen? „Ich schaue mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück. Es war eine superschöne Zeit für mich.“ Dann hält sie kurz inne: „Doch jetzt brauche ich einfach eine neue Herausforderung. Ich bin total hungrig darauf Neues kennenzulernen.“ Den letzten Satz betont sie mit Nachdruck. Man merkt ihr sofort an, wie groß der Hunger auf neue Erfolge ist.  //

 

Steckbrief

Jahrgang: 1989

Beruf: Diplom-Rechtspflegerin, angestellt im öffentlichen Dienst

Team: bis 2015 Bürstner – Dümo Cycling, ab 2016 Maxx-Solar 

Jahreskilometer 2015: 17.000

 

Weltmeister-Tipps von Venjakob

Intervalle, wichtig zur Kraftentwicklung: Ob 3x4 Minuten, 5x5 Minuten, 4x15 Minuten oder 10x1 Minute. „Man muss dabei immer aufpassen, das richtige Gleichgewicht von Be- und Entlastung zu erwischen.“

„Auf meinem täglichen Teller befindet sich immer Gemüse und Obst in Kombi mit Fleisch und Fisch. Je nach Wettkampf und Trainingsbelastung natürlich auch Kartoffeln, Reis und manchmal Nudeln.“

„Bei der Ernährung sollte auch auf ein gutes Gleichgewicht zwischen sauren und basischen Lebensmitteln geachtet werden. Zusätzliche Säurezufuhr über die Lebensmittel kann den Körper übersäuern und das wirkt sich auch auf die Leistung aus. Gemüse ist meist basisch, Fleisch und Fisch dagegen sauer. Es sollten auch Dinkelprodukte anstatt Weizen bevorzugt werden.“

„Besonders am Anfang sollte man nicht übermotiviert sein und jeden Tag trainieren. Der Körper braucht auch eine entsprechende Erholung. Es bietet sich an,  immer drei Tage zu fahren und dann einen Tag Pause einzuschieben. Die Ausfahrten sollten nicht zu schnell sein und man sollte mit einer Pulsuhr fahren. Seinen G1-Ausdauerbereich kann man super über einen Leistungstest ermitteln.“

 

German Cycling Cup 2015

Der German Cycling Cup (GCC) ist Deutschlands größte Jedermann-Serie. Teilnehmen darf jeder Radfahrer ohne Lizenz oder mit Amateur-C-Lizenz. Das Leistungsniveau an der Spitze ist in den letzten Jahren explodiert. Die Geschwindigkeiten sind für die meisten Hobbyfahrer unvorstellbar. Die Ausstattung der großen GCC-Teams erinnert an die kleinerer Profiteams. Einige Fahrer treten auch so auf: Sie arbeiten zusammen, fahren taktisch und opfern sich für den Erfolg des Teams. Wie sich die Szene weiterentwickelt weiß keiner. Fest steht, die Rennen werden bestimmt nicht langsamer werden.

Katharina Venjakob (Bürstner – Dümo Cycling) gewann die Frauenklasse des GCC nach 2014 zum zweiten Mal in Folge. Sie siegte vor Bianca Brückner (Strassacker) und Melina Mäckle
(Team Albstadtwerke – Belenus – Easy Tours).

Bei den Herren darf sich Marek Bosniatzki (Bürstner – Dümo Cycling) über den Titel „Deutscher Jedermann-Meister 2015“ freuen. Er gewann die Gesamtwertung des GCC hauchdünn mit acht Punkten Vorsprung vor Paul Sicking (Leeze – gebioMized). Dritter wurde Christoph Heider (Team Strassacker).  Sieger der GCC-Teamwertung ist das Team Strassacker vor Bürstner – Dümo Cycling und dem Team merkur-druck.com. 

Quelle: 

Foto: Markus Stera, Björn Wagner

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