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Die Recherche: Doping im Hobby-Radsport

24.07.2017
Gedopt im Hobby-Radsport

Wie dreckig ist der Hobby-Radsport?

Am Spitzensport verdienen Doping-Hersteller und -Händler Millionen, am Breitensport Milliarden. Auch im Hobbyradsport wurden in den letzten Jahren Doper überführt. Ein Einblick in das Doping- und Anti-Doping-Geschäft.

Der Anti-Doping-Kampf im Spitzensport produziert viele Schlagzeilen – für Enthüllungsjournalisten ist er sogar lukrativ. Recherchen und Reportagen über Staatsdoping in Kenia oder Russland bringen maximale Aufmerksamkeit und im Anschluss viel Geld. Doch die Zeichen mehren sich, dass weit verbreitetes Doping kein Phänomen einzelner Nationen und seiner Spitzenathleten ist, sondern systemimmanent. Auch im Amateur- und Hobbyradsport wurden in den vergangenen Jahren viele Fahrer des Dopings überführt. In Großbritannien beispielsweise gab es 2016 drei Positivtests bei 44 durchgeführten Kontrollen.1 Eine enorme Quote. Einer der Doper war ein 46-jähriger Teilnehmer eines Zwölf-Stundenrennens für Hobbyfahrer, ein anderer war erst 17 Jahre alt – er wurde positiv auf EPO getestet.

Um jeden Preis

Die „Leistungsoptimierung“ um fast jeden Preis ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Gedopt wird überall, bei Olympia, beim Boston-Marathon oder dem Volkslauf von Wanne-Eickel. Auch Deutschland hat ein Dopingproblem. Es betrifft nicht nur seine Spitzensportler, sondern auch Menschen, die nicht vom und für den Sport leben. Den Nachbarn, den Kollegen, den Chef, den Schüler. Rund zwei Drittel der 80 Millionen Deutschen treiben regelmäßig Sport. Zumindest geben sie dies in Umfragen an. Für Spitzensportler ist die Motivations- und Kausalkette klar: Leistung bringt Erfolge, Erfolge bringen Geld. Lässt man den moralischen und den gesundheitlichen Aspekt außen vor, kann die Doping-Entscheidung im Spitzensport aus Sicht des Athleten, Trainers, Teams als „pragmatisch“ bezeichnet werden: Es erhöht die Wahrscheinlichkeit, Teil des Systems zu werden oder zu bleiben, Verträge zu bekommen, Aufmerksamkeit, Sponsoren und damit letzten Endes immer das, was diese Welt – scheinbar – antreibt: Geld.

Warum wird im Hobbysport gedopt?

Warum die Dopingmentalität im Hobbysport aufkam, ist eine weit schwierigere Frage. Studien zufolge greifen schon jetzt mindestens 200.000 Breitensportler in Deutschland regelmäßig zu leistungssteigernden verbotenen Mitteln.2 Schlimmer noch: Mindestens zehn Prozent der deutschen Schüler, von der Grundschule bis zum Gymnasium, verfügen über ausgeprägte Dopingerfahrungen.3 Jeder fünfte 17-Jährige kennt Jemanden, der Steroide benutzt oder benutzt hat. 30 Prozent der Verwender von anabolen Steroiden in Norwegen beginnen laut einer Studie der Universität Bergen vor dem 21. Lebensjahr.4

Das Geschäft mit Dopingmitteln ist lukrativ. Es gibt verhältnismäßig wenige Spitzensportler, aber umso mehr Menschen, die in ihrer Freizeit Sport treiben. Doping-Hersteller und -Händler haben das längst begriffen. Dopingmittel werden in Untergrundlaboren selbst hergestellt oder gelangen über illegale Wege – etwa durch korrupte Apotheker – aus der Pharmawirtschaft auf den Schwarzmarkt. Die Gewinnmargen sind enorm. Medikamente, die in der Herstellung maximal einen Euro pro Einheit kosten, werden auf dem Schwarzmarkt oft für 30 bis 35 Euro pro Stück verkauft.

Die Mittel der Wahl

Äußerst beliebte Dopingmittel im Breitensport sind Testosteron-Präparate, die zu großen Teilen aus den Balkanländern stammen. Im Gegensatz zur Regelung in Deutschland gilt das männliche Sexualhormon etwa in Serbien als handelsübliche Apothekerware. Fünf Ampullen à 250 Milligramm Testosteron „Depo Galenika“ kosten in der Online-Apotheke zwischen drei und fünf Euro. Bezahlt wird per Kreditarte. Auch das Dopen mit dem „Klassiker“ EPO, Erythropoetin, ist inzwischen viel „günstiger“ geworden. Für eine vierwöchige Kur zahlt man zwischen 500 bis 600 Euro. Das Problem der Doping-Fahnder: Der Markt kennt derzeit weit über 150 verschiedene EPO-Varianten, die überall auf der Welt produziert werden. Vietnam, Indien, China, Brasilien, Mexiko und Kuba gelten als Hochburgen der Produktion.⁵

Epo ist nach wie vor beliebt

Bei 75 Prozent aller als Dopingpräparate eingestuften Arzneimittel handelt es sich um rezeptpflichtige Medikamente für kranke Menschen. EPO ist nach wie vor eines der am häufigsten in Tests gefundenen Dopingmittel. Erst im Oktober 2016 sperrte das Nationale Olympische Komitee Italiens (CONI) vier Radmarathon-Fahrer. Darunter war mit Alessio Ricciardi auch ein relativ prominenter EPO-Doper. Der Italiener gewann im September 2016 den Granfondo Tre Valli Varesine. Sein Team beziehungsweise Teamverbund „Veloclub.it“ ist für Außenstehende kaum transparent. In der italienischen Radmarathon-Szene gehen laut einer Quelle Gerüchte um, dass diese Teams in zwei weitere Dopingfälle des Jahres 2016 verwickelt gewesen sein sollen. Es blieb bei Gerüchten.

Das Darknet liefert alles

Jeder, der EPO, Testosteron und andere synthetisch hergestellte Hormone dauerhaft einsetzt, setzt sich einem enormen Gesundheitsrisiko aus. Und doch werden diese Produkte wider jede Vernunft verwandt. Auch im Hobbysport. „Heute können Sie alles kaufen. Sogar Forschungsmittel- und dosierungen. Dazu kann man völlig neue Dopingmittel herstellen lassen, die noch nicht entdeckt werden“, warnte Helmut Mahler vom Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen beim Frankfurter Anti-Doping-Symposium 2016. Die meisten Hobbysportler versorgen sich in der Anonymität des Internets mit leistungssteigernden Substanzen. Das Darknet liefert alles. Man findet, was man will: gefälschte Medikamente, auch solche für Krebs- und Herzkranke. Wenige Klicks, eine Überweisung, eine Lieferung. 

Der Kostenfaktor

Abseits der ethischen Komponente hat das Dopingproblem auch weitreichende finanzielle Folgen. Doping im Breitensport hat das Potenzial, in den folgenden Jahren gesetzliche wie private Krankenkassen zusehends zu belasten. Schon 2009 warnte der ehemalige Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestags, Peter Dankert, davor, die gesundheitlichen Folgen des Doping- und Drogenmissbrauchs im Freizeitsport klein zu rechnen. Die Kosten übertreffen mittlerweile alle Vorausberechnungen. Sie liegen über der Milliardengrenze. Auch für die betroffenen Menschen hat der regelmäßige Dopingkonsum oft kaum absehbare Nachwirkungen: Massive Leber- und Nierenschäden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen, zunehmende Aggressivität, Krebs.

Die Schwächen des Systems

Das System lässt dies zu. Der renommierte Dopingforscher Perikles Simon sagte vor kurzem: „Wir haben generell ein fragwürdiges Gesundheitssystem: Es wird aktiv, wenn jemand krank ist. Die Behandlung ist bei uns wichtiger als die Prävention, beim Doping, aber auch bei klassischen Suchtmitteln.“ Es müsse genau andersherum sein, fordert Simon, die Prävention müsse Priorität haben. Mit dieser Meinung steht er nicht alleine da. Andere Länder sind da sehr viel weiter, etwa in Skandinavien. Prävention hat in Norwegen und Dänemark einen sehr hohen Stellenwert. Dort fließen bis zu 30 Prozent des NADA-Etats in die Doping-Prävention.

Interessenkonflikt

Trotz der prognostizierten Mehrkosten für das Gesundheitssystem finden der Anti-Doping-Kampf und die Prävention im Breitensport hierzulande noch wenig statt. Einer der wenigen, der bei seinen Events für Hobby-Radsportler Dopingkontrollen aus eigener Tasche zahlt, ist Uli Fluhme. Der Geschäftsführer der Gran-Fondo-New-York-Serie (GFNY) hat zum Thema Doping eine klare Haltung und vertritt diese auch öffentlich. Oscar Tovar und Yamile Lugo, beide aus Kolumbien, wurden beim GFNY 2015 des Dopings überführt. In ihren Dopingproben fand man synthetisches Testosteron und anabole Steroide. Bereits 2012 ließ Fluhme außerdem zwei Altersklassen-Athleten aus den USA und Italien nachträglich wegen Epo-Missbrauchs disqualifizieren und für lebenslang von GFNY-Events ausschließen. Andere Veranstalter verweisen auf das komplizierte Regelwerk.

Dopingtests sind teuer

Die Nationale Anti-Doping-Agentur habe ihnen zufolge im Breitensport nur einen begrenzten Spielraum für Kontrollen. Dem widersprach Lars Mortsiefer, Chef-Justiziar der NADA, vor kurzem in einem Interview: „Die Teilnehmer eines Rennens können auch ohne BDR-Lizenz an das Anti-Doping-Regelwerk des jeweiligen Veranstalters gebunden sein. Beispielsweise weil sie vor dem Rennen eine Einverständniserklärung über die Durchführung von Kontrollen unterschrieben haben.“ Doch die Dopingkontrollen gelten auch als verhältnismäßig teuer. Eine Urinkontrolle kostet laut Mortsiefer von der Abnahme bis zur Analyse „zwischen 260 und knapp 900 Euro“. Blutproben sind sogar noch teurer. Hier liegen die Kosten „zwischen 400 bis weit mehr als 1000 Euro“. Angesichts dieser Zahlen schrecken die meisten Radmarathon-Veranstalter vor mehr Kontrollen zurück. Dabei nimmt der Konsum von Dopingmitteln bei Jedermann-Sportlern seit zwei Jahrzehnten stetig zu. Bei einer anonymen Umfrage des Ironman Frankfurt gaben 20 Prozent der befragten Athleten an, dass sie sich mit Dopingpräparaten auf den Event vorbereitet haben. ⁶

Viele dopen fürs Ego, für "Likes" und "Follower"

In Fitnessstudios, Volksläufen, Triathlon-Events und Radmarathons sehen viele Protagonisten einen ewig sprudelnden Jungbrunnen. „Übersteigertes Körperbewusstsein ist die maßgebliche Triebfeder für Doping“, warnte das Berliner Robert-Koch-Institut schon 2006 in einer Studie. Der Selfie-Boom verstärkt diese Entwicklung. Viele Menschen verbringen mehrere Stunden am Tag in den sozialen Medien. Sie wetteifern im Freundeskreis um das bessere, perfekte Profilbild, um die Zahl ihrer Follower oder „Likes“. Man arbeitet am eigenen Körper – oder an der Leistung auf dem Rad, beim Laufen oder auf dem Platz – denn darüber definiert man sich. Man stärkt das Ego, hebt sich von anderen ab, bekommt Anerkennung – man arbeitet an der eigenen Identität.

Doping-Motive 

Zehn Prozent der deutschen Männer, die in Fitnessstudios gehen, nehmen derzeit frei verkäufliche Mittel zum Muskelaufbau, weitere drei Prozent nutzen Abnehmpräparate.⁷ Das alleine ist noch nicht das Grundproblem. Doch der Übergang von legalen Aufbaupräparaten zu Hormonen, Stimulanzien und anderen illegalen Dopingmitteln ist oft schleichend. „Man beginnt mit einer Kreatin-Kur zur Steigerung der Muskelkraft und stößt damit womöglich eine Dynamik an. Erst etabliert sich Stück für Stück eine Kuren-Logik, und dann prägt sich oftmals eine Dopingmentalität aus“, warnte der Doping-Forscher Mischa Kläber von der TU Darmstadt in einem Interview.

Doping im Sport - ein Spiegel der Gesellschaft

Die Gründe für den Dopingkonsum im Breitensport sind vielfältig. Ein Hauptgrund: Der Sport ist ein Spiegel der Gesellschaft. Es wird optimiert, sich angepasst – bis zur Selbstaufgabe. Zeit ist knapp. Freie Zeit gilt als ungenutzte Zeit, als Leerlauf im Lebenslauf. Im Gegensatz zum Sport findet man „Doping“, beziehungsweise die Selbstoptimierung, im gesellschaftlichen Teilbereich „Karriere“ beziehungsweise 
„Berufswelt“ ethisch kaum anstößig. Verhaltensauffällige Kinder werden schon im Kindergarten ruhig gestellt. Statt ihren Bewegungsdrang zu fördern, werden Sportstunden gestrichen. Jeder fünfte Student in Deutschland nimmt leistungssteigernde Mittel ein, um sich in Lernphasen besser und länger konzentrieren zu können.⁸ Im Studium gilt es, um jeden Preis in der Regelstudienzeit zu bleiben. Danach geht es weiter: Praktika, Auslandsaufenthalte, erste Joberfahrung parallel zum Studium. Einige Jungmanager pushen sich mit Amphetaminen. Die reine Leistung zählt. Trotz des gesellschaftlichen Trends zur Selbst- und Leistungsoptimierung wird bei Breitensportveranstaltungen kaum bis gar nicht kontrolliert. Das Budget der NADA ist mit neun Millionen Euro gering. Man hängt am Tropf der Politik. Mehr als ein Drittel des Geldes kommt vom Bund. Hilfe aus der Wirtschaft gibt es nicht. Im Herbst 2016 strich Adidas als letzter verbliebener Firmensponsor seine jährliche Unterstützung von 300.000 Euro. Die Veranstalter wollen nicht alleine für die Kosten der Kontrollen aufkommen. Die Schuld für fehlende Kontrollen schiebt man sich gegenseitig zu. Nicht nur in Deutschland ist das so. Auch in den meisten anderen Ländern stößt der Anti-Doping-Kampf an seine Grenzen. Eine Ausnahme ist Italien, wo bei vielen Radmarathons Dopingkontrollen durchgeführt werden. Italien stellt dementsprechend die meisten überführten Doper im Jedermann-Radsport der letzten Jahre.

Keine Kontrollen beim Ötztaler

Zum Ötztaler Radmarathon 2016 hatte der Veranstalter in diesem Jahr erstmals Dopingkontrollen angekündigt (RennRad 3/2016). Einige Top-Teilnehmer der vergangenen Jahre wurden wenig später, bei anderen Veranstaltungen, des Dopings überführt. Darunter waren der Sieger des Ötztalers 2014, Roberto Cunico, und der damalige Zweitplatzierte Emanuel Nösig aus Österreich. Auch Emanuele Negrini, Sieger von 2009, war gedopt. „In den letzten 15 Jahren waren wenige Sieger beim Ötztaler sauber“, meinte Othmar Peer, langjähriger Moderator des Spektakels Anfang 2016 in einem Interview. Bis wenige Wochen vor der 2016er-Ausgabe ist die österreichische NADA davon ausgegangen, dass Dopingkontrollen bestellt werden. Ein Kostenvoranschlag lag auf dem Tisch. Letztendlich aber kam es zu keiner einzigen Kontrolle. Die NADA Österreich und der Veranstalter konnten sich nicht über die Kostenübernahme für Dopingkontrollen einigen. Diese Informationen bestätigten beide Parteien gegenüber RennRad.

Topfahrer sollten kontrolliert werden

„Wenn es sich um eine Privatveranstaltung handelt, die nicht in irgendeiner Art und Weise (mittelbar oder unmittelbar) durch Sportfördermittel finanziert wird, hat die NADA Austria per Anti-Doping Bundesgesetz keine Möglichkeit, zu kontrollieren“, teilte David Müller, Leiter der Abteilung Information und Prävention, auf RennRad-Anfrage mit. Seitens des Veranstalters erklärte man uns gegenüber, dass man „das Thema Doping zwar ernst nimmt und sich der Sache auch proaktiv stellt. Das haben wir heuer vor allem durch den überaus interessanten Vortrag von Professor Perikles Simon bewiesen“. Sogar einige Topfahrer plädieren für mehr Kontrollen. Bernd Hornetz gewann die 2016er-Ausgabe mit einer Zeit von unter sieben Stunden (RennRad 11/12 2016). Im Anschluss sah er sich im Netz massiven Doping-Anschuldigungen ausgesetzt. Als Reaktion darauf hat Hornetz eine Initiative bei der deutschen NADA gestartet. Sein primäres Ziel: mehr Kontrollen. „Ich möchte mich für jegliche Form modernster Analysen bereitstellen“, schrieb er in einer E-mail an die Verantwortlichen der NADA Deutschland. Dass mehr Kontrollen zum richtigen Zeitpunkt wirkungsvoll sein können, meint auch Matthias Kamber, der Direktor der nationalen Anti-Doping-Agentur der Schweiz: „Wenn die gedopten Athleten im richtigen Augenblick getestet würden, hätten sie keine Chance. Wir wüssten also schon, wie der Betrug nachzuweisen ist.“⁹ 

Falsche Positivproben?

Die Forderung nach mehr Präsenz der Kontrollorgane im Breitensport erscheint legitim. Doch wie aussagekräftig und verlässlich sind Dopingkontrollen überhaupt? Das EPO-Testverfahren gilt als teuer. Es gehört deshalb nicht zum Standard-Repertoire der Kontrolleure. Auf welche Substanzen getestet wird, wissen nur die NADA und das 
analysierende Labor. Dazu existieren berechtigte Einwände gegen die Anwendung des einst hochgelobten EPO-Testverfahrens. Experten wie Perikles Simon warnen seit längerem vor der Unzuverlässigkeit: „Der EPO-Test ist so etwas wie eine Lotterie und gehört in der jetzigen Form sofort abgeschafft.“ Ein fälschlicherweise als positiv eingestuftes Kontrollergebnis ist das Horrorszenario jedes Athleten. Es kann ein Sportlerleben zerstören. Auch in Deutschland kommt das vor. Benedikt Karus kann davon erzählen. Sein Fall sorgte in der Laufszene für Aufsehen.

Erwischt es die Falschen?

Der talentierte deutsche Langstreckenläufer wurde im Februar 2015 nach einer Crosslauf-Veranstaltung in Luxemburg positiv auf Darbepoetin, einen Wirkstoff aus der Gruppe der Epoetine, getestet. Die Probe untersuchte das vom IOC akkreditierte Kölner Anti-Doping-Labor. Karus, der nicht vom Sport, aber für ihn lebte, galt bis dato als eloquenter Sportler und war auch unter seinen Läuferkollegen beliebt. Der damals 25-Jährige beteuerte seine Unschuld und suchte mit seinen Anwälten nach Auswegen, die Sperre zu verhindern. Auf eigene Kosten ließ er die Proben im ebenfalls vom IOC akkreditierten Labor in Tokio analysieren. Dort arbeitet man mit einer anderen Analysemethode. Das Testergebnis in Japan fiel negativ aus. 

Wie man eine Karriere zerstört

Die Kontrolleure fanden keine Spuren von Darbepoetin in Karus‘ Probe. Im deutschen Sportgerichtsverfahren kam es – übrigens erst eineinhalb Jahre nach der positiven Probe – zum Showdown: Testergebnis gegen Testergebnis. Deutschland gegen Japan. Köln gegen Tokio. Die deutschen Richter schlugen sich auf die Seite des Kölner Labors. Benedikt Karus wurde schuldig gesprochen und für vier Jahre gesperrt. Bei Angaben zu eventuellen Hintermännern hätte die Sperre auf zwei Jahre reduziert werden können. Da Karus aber in der Verhandlung darauf beharrte, nie gedopt zu haben, blieb das Gericht bei der vierjährigen Sperre und Karus auf den Kosten in Höhe einer fünfstelligen Summe sitzen. Den Gang vor das höchste Sportgericht, den CAS in der Schweiz, hatte er ursprünglich angedacht, aber wegen der hohen finanziellen Zusatzbelastung verworfen. Seine Sportkarriere hat Benedikt Karus mittlerweile für beendet erklärt: „Ich will mit diesem Sport nichts mehr zu tun haben. Ich habe jegliches Vertrauen in die NADA, die Anti-Doping-Labore, die Verbände und seine Funktionäre, das ganze System, verloren. Ich traue da leider keinem mehr.“

Offene Fragen

Am Ende dieser Recherche stehen mehr Fragen als Antworten. Die wichtigsten: Wie kann man das Vertrauen in die Anti-Doping-Institutionen zurückgewinnen? Mit welchen geeigneten Maßnahmen kann man dem Dopingproblem im Breitensport präventiv begegnen? Wer hat die Kosten für eine effektive Anti-Doping-Bekämpfung im Amateur- und Jedermann-Bereich zu tragen? Sind es die Veranstalter? Würden fünf Euro mehr oder weniger Startgeld, die für entsprechende Kontrollen eingesetzt werden könnten, die Teilnehmerzahlen deutlich senken? Oder ist für den Anti-Doping-Kampf eigentlich der Staat verantwortlich? Immerhin sind die finanziellen Folgen für die Gesundheitssysteme aufgrund jahrelangen Doping-Missbrauchs beträchtlich. Müssen demnach der NADA als quasi-staatlichen Auftrag die Umsetzung von mehr Kontrollen im Breitensport zugeschrieben werden? Wie kann bei der finanziellen Abhängigkeit der NADA vom Bund die Unabhängigkeit der Kontrolleure gewährleistet werden? Es sind Fragen wie diese, die in den nächsten Monaten diskutiert werden müssen. Ein Königsweg ist nicht in Sicht. Noch immer suchen viele Menschen im Sport nach der Reinheit, die sie in der Welt nicht finden. Der Hobbysport kann unverfälschtes Glück sein, authentisches Drama oder ungeschminkter Gefühlsausbruch. Der erste bezwungene Alpenpass auf dem Rennrad oder der erste Radmarathon rufen Gefühle hervor, die man im Alltag nicht findet. An seine eigenen Grenzen und darüber hinausgehen und jede einzelne Pore des eigenen Körpers spüren. Das ist wahrer Sport. //

 

Quellen:

1 Stuart, Peter (2016), in: The Telegraph: Getting into the gear: The rise of doping in amateur cycling, 13.07.2016.

2 Bundeszentrale für politische Bildung (1/2008): Die Schulstunde als Talk. Stark mit Anabolika?, Bonn.

3 Blume, Klaus (2012): Die Doping-Republik. Eine (Deutsch-)Deutsche Sportgeschichte, Berlin.

4 Sagoe, Dominic et al (2014): Prevalence and Correlates of Anabolic–Androgenic Steroid Use in a Nationally Representative Sample of 17-Year-Old Norwegian Adolescents Universität Bergen.

5 Blume, Klaus (2012): Die Doping-Republik. Eine (Deutsch-)Deutsche Sport-geschichte, Berlin. 

6 Stuart, Peter (2016), in: The Telegraph: Getting into the gear: The rise of doping in amateur cycling, online abgerufen am 13.07.2016.

7 Wissen.de (2016): Doping im Freizeitsport: Batagelle oder ernstes Problem?, online abgerufen am 14.07.2016.

8 Bust-Bartels, Nina Marie (2013), in: Die ZEIT, Auf den Lernrausch folgt die Einsamkeit, online abgerufen am 19.12.2016.

9 Rentsch, Bernhard (2016), in: Bieler Tagblatt, „Der Sport war zu selbstständig, man wurde selbstherrlich“, online abgerufen am 10.12.2016.

 

Ausgewählte Aktuelle Dopingfälle im Jedermann- und Amateurradsport

2016

  • Alessio Ricciardi (ITA), Positivtest: Epo , Gran Fondo Tre Valli Varesine, Varese, 4 Jahre Sperre
  • Bruno Chiocca (ITA), Positivtest auf: Cera  , Gran Fondo Campagnolo, Rom, 4 Jahre Sperre
  • Emiliano Bolletta (ITA), Positivtest: Cera, Gran Fondo Campagnolo, Rom,4 Jahre Sperre
  • Paolo Tedone (ITA), Positivtest auf: Stanzozol, Ciclocross del Salento, Gallipoli, 4 Jahre Sperre
  • Daniele Geraci (ITA), Positivtest: Methylphenethylamin Oxilofrin, Giro delle Circonvallazioni, Roccanigi, 4 Jahre Sperre
  • Igor Kopse (SVN), Verweigerung der Kontrolle, King of the Lake, Attersee, 4 Jahre Sperre

 

2015

  • H. F. (GER)*, Positivtest auf Clenbuterol und Oxandrolon, Einzelzeitfahren Aschendor, 10 Monate Sperre
  • Oscar Tovar (COL), Positivtest auf: Testosteron, Gran Fondo New York, USA, 2 Jahre Sperre
  • Yamile Lugo (COL), Positivtest auf Testosteron, Gran Fondo New York, USA, 2 Jahre Sperre
  • Roberto Cunico (ITA), Positivtest auf Epo, Gran Fondo Sestriere, Marmotte, Sestriere, 4 Jahre Sperre

 

2014

  • E. D. (GER)*, Positivtest auf Testosteron/Epistestosteron, Ort: unbekannt, 2 Jahre Sperre
  • Emanuel Nösig (AUT), Positivtest auf: Furosemid & 5aAdiol und/oder 5bAdiol, Österreichische Bergmeisterschaften für Amateure, Thalgau, 2 Jahre Sperre
  • Michael Schwarzäugl (AUT), Positivtest auf: Testosteron, Österreichische Amateur-Straßenmeisterschaften, 2 Jahre Sperre
  • Günter Baringer (AUT), Positivtest auf: Tenside (Putzmittel/Seife) in der Probe, Österreichische Amateur-Straßenmeisterschaften, 2 Jahre Sperre

 

Quelle: 

Text: Daniel Götz; Fotos: Fotolia, Sportograf

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