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Studie zu Rennradfahrern: Grüßen oder nicht?

01.03.2017

Ungeschriebene Regel: Man grüßt sich auf dem Rennrad

Beobachtung zeigt: Kein Zusammenhalt unter Radfahrern – ein Kommentar

In sozialen Gruppen herrschen – ungeschriebene – Regeln. Eine davon, so wurde ich sozialisiert, ist, dass sich Rennradfahrer grüßen, wenn sie sich auf der Straße begegnen. Viel spricht für diese Tradition, sehr viel: Man gehört zur selben Gruppe, man teilt das schönste Hobby der Welt, man trotzt dem Wetter und dem PS-getriebenen Verkehr, man erholt sich auf dem Rad vom Stress des Alltags. Im Idealfall wird auf dem Rennrad der Kopf frei – Glückshormone werden freigesetzt.

Warum grüßt man nicht?

Wenn ich im Münchner Süden Rad fahre, begegnen mir viele Menschen, die vor sich hin oder einen anstarren, weiterpedalierend, keine Miene verziehend, kein einziger Finger bewegt sich auch nur einen Millimeter vom Lenker. Im Laufe der vier Jahre, in denen ich das hier erlebt habe und weiter erlebe, haben sich meine Gedanken und Gefühle in jenen Momenten folgendermaßen entwickelt – in chronologischer Reihenfolge: „Hä?“, „Ich verstehe dich nicht“, „Warum freust du dich nicht?“, „Dann halt nicht“, „Lass mich in Ruhe mit deiner Arroganz“, „Bleib Zuhause, trainiere auf dem Ergometer und starre dein Spiegelbild böse an“, „Depp“.

Die Studie

Nach Jahren des Beobachtens habe ich vor zwei Wochen beschlossen, eine kleine soziologische „Studie“ durchzuführen. Während drei je zwei bis drei stündigen Ausfahrten im Münchner Süden, an einem Samstag und zwei Sonntagen, bei gutem sonnigen Februarwetter. Das Studiendesign: Bei einer Fahrt zählte ich alle Rennradfahrer, die mich zuerst grüßten – bei zwei Fahrten zählte ich alle Rennradfahrer, die zurückgrüßten, nachdem ich sie gegrüßt hatte. In die Grüßwertung ging jedes Fingeranheben vom Lenker sowie jedes Kopfnicken ein. Bei der Auswertung wurden je die Zahl der Grüßer mit der der Nicht-(Zurück)-Grüßer in Relation gesetzt.

Das Ergebnis

Die Ergebnisse: Von jenen Rennradfahrern, die gegrüßt wurden, grüßten rund 35 Prozent zurück. Zuerst, also von sich aus, grüßten rund zehn Prozent der rennradfahrenden Probanden. Ein Desaster. In meinen Augen. Weitere Beobachtungen: Frauen grüßen eher noch seltener als Männer – genau wie Fahrer, die neue teure „Edel-Radkleidung“ bestimmter Marken tragen. Wer schnell und guttrainiert beziehungsweise nach Lizenzfahrer aussieht, grüßt tendenziell öfter.

Natürlich ist dies eine „Witz-Studie“, die weder valide noch objektiv ist. Dennoch haben diese Beobachtungen meine zuvor selbstauferlegte Gleichgültigkeit erschüttert. Ich wurde im Radsport anders sozialisiert. Die Gründe dieses fehlenden Verbundenheitsgefühls, dieser fehlenden Höflichkeit kenne ich nicht. Wie ich damit umgehen soll, weiß ich auch nicht. Vermutlich werde ich mich weiter über jeden freuen, der mich grüßt – und alles andere ausblenden.

Quelle: 

Redaktion RennRad (David Binnig), Foto: Tour de Kärnten (Archiv)

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