Race



Das Comeback

07.11.2017
Das Comeback: Michael Büttner

Nach vier Jahren Pause - Handicap-Athlet Michael Büttner hatte 2017 ein sehr starkes Jahr. Daran will er auch 2018 anknüpfen. Sein emotionaler Bericht:

Ich dachte nie, dass 2017 so beginnen und enden würde. Eigentlich nahm ich an, dass alles wieder bei Null beginnen würde. Doch mein wunderbarer Körper und mein Geist zeigten mir einmal mehr, dass Handicap und Radsport zusammenpassen können - wenn nur der Wille dazu da ist. Ein Körper ist lernfähig, und an einmal erlerntes erinnert er sich schnell wieder. Er kann sich sofort darauf einstellen, ohne dass der Geist dazu helfen muss. Es ist für jemanden, der von Null beginnt, viel schwerer dies zu schaffen, als für einen Veteranen, dessen Körper das Gebiet der Ultra-Ausdauer schon kennt. Auch das Team Bike Center Dressel Kronach, für das ich seit Beginn meiner beeindruckenden Geschichte 1998 unterwegs bin, war sehr glücklich darüber, dass ich wieder da anfangen konnte, wo ich 2012 unfreiwillig aufhören musste. Alles unter meinen Haaren, am nördlichsten Punkt meines Körpers also, hatte nichts verlernt -obwohl der mentale Bereich erst wieder mit Erfolgen angefüttert werden musste. Wie macht man so etwas wie Anfüttern, mental stark werden, den Willen zu solchen fast schon unmenschlichen Aktionen zu bekommen?  In den nächsten Zeilen folgen einige Einblicke wie ich meine ABE´s (Alltagsbewältigungseinheiten) – andere nennen das Trainingseinheiten – streue, um solche Strecken trotz Behinderung schadlos übersteht zu können. Schlafdefizite kenne ich dabei kaum, solange es nur eine Nacht betrifft.

Ich bin jemand der seine Fahrten auf der Langstrecke erst mit Brevets stärkt. Wie kam ich überhaupt zu Brevet- Fahrten? Mir ging es 2006 und 2007 so schlecht, dass ich mich, ohne zu überlegen, für die von Randonneuren liebevoll „Langstreckenolympiade“ genannte Runde Paris-Brest-Paris 2007 angemeldet habe. 1228 Kilometer und 10000 Höhenmeter bedeuten ein fast selbstzerstörerisches Vorhaben, vor allem für einen behinderten Radsportler wie mich. Und um noch eins drauf zu setzen: ohne Begleitfahrzeug. Das wird hier eh überhaupt nicht gerne gesehen. Um hier starten zu dürfen, bedarf es bestimmte Prüfungen ein Jahr vorher abzulegen. Diese nennt man man Brevets. Brevets sind unter Randonneuren Prüfungen, deren Weg das Ziel ist und nicht die Zielzeit. Die Distanzen beginnen bei 200 Kilometern in meist sportlichem Tempo mit nur geringen Pausen. Diese muss man autark zurück legen. Hier legt man Distanzen von 200, 300, 400 oder 600 Kilometern zurück – in Zeiten von 13,5, 20, 27, oder 40 Stunden. Wenn man möchte, zusätzlich mit einer Super-Randonneur-Wertung.

Es werden dabei Kontrollstellen angefahren, die bestimmte Öffnungs- und Schließzeiten haben. Diese sind dann auch einzuhalten. Aber trotzdem ist ein gewisses Maß an Ausdauerleistung Voraussetzung. Die 200 und 300 Kilometer langen Distanzen fahre ich meist in sehr hohem Tempo. Wobei ich bei der längeren versuche, so lange wie möglich auf „Strom“ zu bleiben. Deshalb fahre ich so lange, bis ich fast übersäuert bin. Der Rest der Strecke geht dann logischerweise mit Gewinsel zu Ende, um schon mal zu testen, ob die nötige Ausdauer im Winter „angefüttert“ worden ist. Das erste Brevet ist Ende März in Nordbayern, und genau richtig, um die Leidensphase zu testen. Die 400 und 600 Kilometer langen Brevets dann dienen mir nur noch zum „sattfüttern“ und mental eine Stabilität in den Geist zu bekommen. Zu wissen „Du kannst das“, und wenn man 600 Kilometer kann, dann kann man auch mehr. 1000 Kilometer und mehr zum Beispiel. Diese 1000 Kilometer-Grenze ist für mich dann die Gladiatorenmoral, die dich alles erreichen lässt, was du nur willst. Auf solchen Strecken kommt nur noch ein Spruch zu meiner Seele durch: „Du hast 1000 Kilometer geschafft dann ist das auch kein Problem für dich. Du bist einfach unverwüstlich. Du bist die Kampfsau! Ein Navy Seal auf 2 Rädern.“

Wenn du diese Brevets dann jährlich durchziehst und deine Zeiten vom Vorjahr unterbietest, siehst du sofort ob du dich gesteigert hast, oder ob du zu wenig getan hast für deine Ziele in diesem kommenden Jahr. Ich bin zu meiner Passion als Kilometerfresser, zu der ich nach meinem Schlaganfall gekommen, bin wieder zurück gekehrt. Für mich, der 1997 einen Schlaganfall erlitten hatte, und auf anraten der Reha-Ärzte und meiner Hausärztin begann, Ausdauersport zu treiben war das eine enorme neue Welt für mich. Nachdem ich von einer Nacht zur nächsten in ein absolut neues Leben katapultiert wurde, um meinen alten auf 125 Kilogramm gemästeten schweren Körper in einen neuen leistungsstarken Body umzutunen begann, für mich ein ganz neues Spiel. Wo dieses Spiel hinführen würde, wagte ich da überhaupt noch nicht zu vermuten. Ein Spiel, das irgendwann in einem Endspiel endet, das keinen Verlierer kennen würde, könnte ich jetzt mit Stolz sagen. Sowie seelisch, körperlich und sportlich. Dieses Spiel an Radeinheiten, die für mich nie als Training angesehen werden und wurden, habe ich mir selbst angeeignet! Ich bin sehr stolz darauf, nie einen Trainer oder einem Trainingsplan bedingungslos gefolgt zu sein. Ich bin nur mir gefolgt, einem Willen, den Auswirkungen des Schlaganfalls zu entkommen. Es ist nicht für Menschen die komplett gesund sind, denn hier wäre das „Training“ vom Aufwand und der Belastungen völlig anders. Meine Erfahrungen sind hier nur grob geschildert und ich möchte darauf hinweisen das man dies nicht ohne ärztliche Rücksprachen und Untersuchungen von Herz und Gefäßen usw. tun sollte. Vor meinem Megaritt in Frankreich etwa  habe ich eine Strecke von insgesamt 28000 Kilometer hinter mich gebracht, da ich 2007 in einer richtig schlechten psychischen Verfassung war und mich deshalb auch ohne nachzudenken einfach zur Kultveranstaltung Paris-Brest-Paris angemeldet hatte. Ich wollte einfach meine ganze Situation verarbeiten, und dabei half und helfen mir auch heute einfach solche Teilnahmen besser als alles was die Medizin meint anbieten zu können, ja sogar zu müssen. Da ich durch meinen Schlaganfall immer mit einem Herzfrequenzmesser unterwegs sein muss, und dieses Gerät mein bester Freund geworden ist, damit ich mich nie überlaste, wurde mir von Ärzten eine Belastungsgrenze gesetzt die ich strikt befolge. Er liegt auf jeden Fall unter dem s.g. Entwicklungsbereich (EB) wie man das in Fachkreisen nennen mag. Dies halte ich auch strikt ein. Eigentlich dachte ich ein Jahr nach meinem Schlaganfall immer hohe Belastung ist besser, was heißt: richtig ranklotzen. Täglich so eine Stunde. Weit gefehlt, denn für die Ultralangstrecke brauchst du Langzeit-Ausdauer, am besten im Überfluss, damit dich auch mal bei körperlichen Problemen der Körper und der Geist ins Ziel peitschen. Bei einem CC – Rennen etwa ist das nicht der Fall, hier geht die Post kurz und bündig ab.

Bei meiner Verfassung jedoch hielt eine einstündige Belastung und das Wohlfühlklima in meiner Seele nur kurzfristig an und war nach einer eintägigen Erholung wieder bei fast null gelandet. Auch mein Gewicht wurde dabei nur geringfügig weniger denn meine 125 Kilogramm zu diesem Zeitpunkt mussten ja auch abschmelzen. Abschmelzen funktioniert aber viel besser wenn man im Fettstoffwechselbereich unterwegs ist, was bei mir bedeutet: Mit einer Herzfrequenz um die 120-130 radeln. EineSpazierfahrt, wenn man das so nennen mag. Mein Geist war dabei, und ich hatte das Gefühl, ich war in Feierlaune. Keine schweren Anstrengungen und trotzdem: alle Bereiche in Geist und Gewicht wurden vorzüglich bedient. „Supergeil“, dachte ich und steigerte stetig meine ABE´s (Altagsbewältigungseinheiten), wie ich das gerne liebevoll nenne, während andere da mit dem Wort Training protzen, um vielleicht professionell zu wirken. Anfänglich lag die jährliche Wegstrecke bei etwa10000 Kiloemtern, bis ich an die oben genannte maximale Ausbeute von bis zu 28000 Kilometern kam und fraß dabei förmlich die Straßen auf, ohne das zu wollen. Hier war aber eine Grenze für mich, die mir dann zeigte, das jetzt auch für diesen neuen Körper langsam alles des Guten zu viel würde. Die tägliche Dauer meiner Ausfahrten zählte ich nie, sodass ich sagte, heute fahre ich mal 100 Kilometer. Nein, ich merkte, meine Verfassung ist heute, um es untertrieben zu nennen „etwas angeschlagen“, und ich fahre heute mal 4-6 Stunden am Stück, weil ich wusste, da beruhigt sich meine Seele sodass ich diesen Teil von mir nicht mehr als Feind sondern als Freund verspürte.

1998 hatte ich meine erste Erfahrung bei einem MTB-Marathon in Rotenburg a.d.F. auf der 80-Kilometer-Distanz. Ich knallte diese Strecke immer am mir gesetzten Herzschlaglimit durch und war am Ende selbst am Ende. Ich merkte mir fehlt etwas, oder besser gesagt ich fühlte es sollte nicht nur der Fettstoffwechsel bedient werden (FSW). Meine Kraft ließ sehr zu wünschen übrig, was ich an jedem Anstieg zu spüren bekam, je länger das Martyrium dauerte. Aber trotzdem: Der dritte Platz in meiner Altersklasse war für mich ein Glücksgefühl der besonderen Art denn so etwas fehlte meiner angeschlagenen Seele doch sehr. Einfach ein Erfolgskick, den ich im Alltag seit dem Schlaganfall nie mehr spürte. Ich spürte hier eigentlich nur das ständig negative in meinem Geist was mich dann schnell in den absoluten Seelenkeller stützen ließ. Der Winter kam und auch eine Zeit die mich noch mehr in eine Situation zurück warf, die mein Geist nicht gebrauchen konnte. Ein Heimtrainer musste her, um bei Schnee und Kälte meine ABE´s zelebrieren zu können. Da gab es eine Anzeige, die ich noch nicht kannte. Die Trittfrequenz! Woher auch? Gepaart mit der HF war eine neue Art der ABE entstanden. Die KA – Kraftausdauer ABE. Langsames treten um die 50-70 U/min bei mittlerem Puls um die 140-150 HF geht so richtig in die Oberschenkel und gibt demzufolge ein großes Plus an Kraft. Eine richtige Musik dazu, die den Takt optimal vorgibt, und ich konnte da auch stundenlang die Pedale Richtung Erdmittelpunkt stemmen, und ich verlor dabei am brutalsten Gewicht. Während die FSW-Fahrten so um die 170-200 Kilometer  betrugen, waren die KA-Fahrten natürlich kürzer. An die ein bis  fünf Stunden und ständig schweren Gängen, um dann draußen immer die Oberschenkel auf Zug zu halten, wenn mal kein Anstieg zur Verfügung stand. Da wurde ich von Außenstehenden gelegentlich schon mal angesprochen, ob ich vielleicht das schalten vergessen hatte. Ich dachte nur, was weißt du denn schon von mir, und kümmere dich um deinen eigenen Sch…! Im Juni 2001 meldete ich mich zum ersten Mal bei einem 24h-Rennen in Serfaus in Tirol an, Die Strecke war nicht zu schwer und schien für eine lange ABE mit Wechsel FSW-KA würde da genau das Richtige sein, um mal zu sehen, was meine kleinen Muskelfasern in den Beinen schon alles drauf haben. Ich war der glücklichste Mensch im Feld. Trat, trat und trat 24 Stunden komplett durch, während einige andere nach zehn Stunden zu jammern begannen, obwohl sie vor dem Start von ihren doch so glorreichen Erfolgen erzählten. Ich blickte so oft zu den Sternen und glaubte, dass diese nur mir den Weg in eine neue Richtung zeigten. Sie hieß Langstrecke.

Was mir heute noch gelegentlich passiert, ist, dass ich Tränen in den Augen spüre wenn ich den Tag in die Nacht und umgekehrt begleiten darf. FSW und KA waren geboren. Was jetzt noch fehlte war etwas mehr Tempo, da ich in Serfaus zwar den 5. Platz bei den Einzelstartern einfuhr, aber merkte, dass hier eine noch bessere Platzierung drin gewesen wäre. Nachdem ich jetzt neben dem MTB auch ein Rennrad hatte, mit dem die FSW am besten gefahren werden konnten fehlte die GA 1-2 wie das in Büchern so heißt. Eine Mischung aus Ausdauer-Kraft und etwas Schnelligkeit in gezügelter Version. Diese Fahrten sind dann aber auch meine oberste Belastung, denn hier war ein Bereich von 140-160 HF von mir genau an der Grenze meiner Möglichkeiten laut Ärzte. Während ich mit dem MTB alles, was hart macht, schon mal gefahren hatte, auch Rennen die es heute nicht mehr gibt, war mein Bestreben die Grenzen weiter und weiter zu verschieben. Schon aus Gründen meiner langen Fahrten die ich mit dem Roadracer absolvierte, wurden meine FSWs  jetzt länger und länger, und so dauerten sie jetzt schon zwischen vier und acht Stunden, meine KAs bis fünf Stunden und meine GAs bis zu fünf oder sechs Stunden. Meine Seele war zufrieden, und ich wurde einfach vom Alltag nicht mehr eingeholt, der mich immer wieder an meinen Stroke erinnerte um mich zu piesacken. Nicht einmal in meinem Windschatten konnte er sich mehr halten. Gerade beim Rennrad fahren machte ich irgendwann eine Entdeckung, die mich umdenken ließ. Ich war irgendwann sehr erstaunt das mein Herzschlag nach sehr langen Ausfahrten sich so einpendelte, das ich machen konnte was ich wollte, die HF stieg einfach nicht mehr und daran konnte auch ein Anstrengen nichts ändern. Das war vor dem P-B-P in Frankreich 2007. Darauf hin maß ich das erste Mal meinen Ruhepuls und der pendelte sich bei 29 Schlägen pro Minute ein. Brutal, und gleichzeitig wusste ich noch nicht, dass ich jetzt etwas geschafft hatte, was ich so überhaupt nicht im Sinn hatte. Noch etwas anderes kann man über diesen RP ersehen. Eines Tages morgens beim messen des RP war dieser Wert zehn Schläge höher als am Tag zuvor. Zwei Tage später war ich krank, und mein Körper hatte da schon angefangen, die beginnende Erkrankung zu bekämpfen ohne dass ich es da schon wusste oder merkte. Aber jetzt zurück zum

P-B-P. Ich konnte so in die Pedale hämmern, dass ich nicht mehr über die Grenze meiner persönlichen Herzleistung kam. Ich fuhr bei diesem Rennen das Ding meines Lebens. Es regnete 46 Stunden lang und es war das härteste Wetter, das diese Tortur seit 1891 je erlebt hatte. Ich war mitten drin und rockte diesen Teufel von 1228 Kilometer in 78:02 Stunden, dabei benötigte ich nur 6 Stunden Schlaf und war zeitweise so schnell, dass es mir selbst unheimlich wurde. Wenn du nach mehr als 700 Kilometern auf gerader Strecke an die 40-45 Kilometer pro Stunde schnell den Asphalt unter deinem Tretlager fliegen siehst, kommst du fast vom Glauben ab. Vor allem je länger ich unterwegs war desto, besser kam mein Körper und Geist auf Betriebstemperatur.

Jetzt war ich fast da wo andere einen professionellen Trainer brauchen. Ich war auf die Gerade der Ultrastrecke eingebogen ohne dabei blinken zu müssen. Ich war schnell, und ich wurde nicht müde weil ich mich nicht einmal sonderlich dabei anstrengen musste. Was für ein geiler Scheiß den ich da meinem Geist und Körper gelehrt hatte! Ich war mental bei über gefühlten 100 Prozent angelangt, und ich hatte jetzt vor nichts, aber auch gar nichts mehr Angst. Google an - Extremrennen suchen – anmelden, ohne nachzudenken. Wer viel nachdenk,t der bekommt viele Zweifel, der bekommt im Geist negative Aspekte vorgespielt, was überhaupt nicht gut ist. Wenn ich da die Flaschen und Loser am Straßenrand sah, die alles in sich hinein stopften, nur dass die Veranda am Körper immer größer wurde dachte ich, hätte ich keinen Schlaganfall gehabt wäre ich jetzt auch so eine Nullnummer geworden. Dazu noch einen Sargnadel im Mundwinkel um cool zu wirken. Fast dachte ich schon, werden die unbewusst an einem Stroke arbeiten? Und wieder war ich in Frankreich, diesmal 2008 beim RPE (Raid Provence Extrem 667 Kilometer -10000 Höhenmeter) das der Mt.Ventoux am Beginn und Ende zu meistern war, machte mich richtig heiß. Nach 200 Kilometern war jedoch Schuss mit meinem nächsten Ultraritt, weil mir der Umwerfer abriss.

Ich möchte noch einmal zurückkommen auf die erstaunliche Entdeckung meines besten und liebsten Organs in mir, dem Herzen. Ich verfeinerte diese Entdeckung ungewollte darin das ich nach langen und grenznahen Belastungen zwei weniger harte Fahrten unternahm. Einerseits weil ich Erholung dabei fand, und andererseits weil ich meine Fähigkeit so lange ich wollte Leistung zu bringen stabilisieren konnte. Das Prinzip nennt sich im Fachkreis 3-1, oder man kann auch 2-1 Phasen wählen wie ich es aktuell tue da meine biologische Uhr unaufhaltsam tickt. Irgendwann wird jeder älter und der Körper braucht dann früher oder mehr Pausen. Das bedeutet, dass 3 hohen Belastungen eine niedrige folgen sollte was einer wirklichen Spazierfahrt zwischen 110-120 HF. entspricht. Einer aktiven Erholung so zu sagen. Dies sollte dann auch bei den Wochenumfängen angewendet werden. Drei stetig steigenden Wochenumfängen folgt dann etwa eine Erholungswoche.

Da ich ja ein Handicap habe, ist das bei gesunden Radsportlern etwas anders, denn die streuen auch noch die Höchstbelastung in ihr „ Training“  ein, welche ich absolut ausgrenze. Das sind die EB-Bereiche, schon mal angesprochen, oder die SB (Submaximaler Bericht), die absolute Vollgasfahrten von 180 zum absoluten Anschlag, was für mich strikt verboten ist. Meine monatliche Zeit, die ich mit dem Rad unterwegs bin, bewegen sich so zwischen 50 und 120 Stunden, was wöchentlich bedeutet, dass ich etwa 10 bis 30 Stunden mein liebstes Gerät zum Seelenheil quäle! Die Kilometer, die ich dabei vernichte bewegen sich dabei um monatlich 1200 und 2700 Kilmetern, wöchentlich etwa 200 bis 700 Kilometer. Das nur zu einem Hauptzweck, den ich schon erwähnt hatte: meinem Körper und der Seele das zu geben um nicht noch einmal einen Schlaganfall, oder eine kranke Seele zu bekommen. Immer mehr legte ich meine Langstreckeneinsätze auf die Straße weil ich da einfach meinen Herzschlag absolut exakt steuern kann und keine großen Schwankungen wie im Gelände durch ein ständiges Auf und Ab vorfinde. Aber das bedeutet nicht, dass ich hier ein leichtes Fressen für andere Handicapper bin. Da hatte ich Mal das Styrkeproven in Norwegen gefahren (Trondheim-Olso), und dachte mir, 540 Kilometer sollte für mich ja ein Klacks sein. Das ganze Starterfeld bog auf die E6 ein und machte sich auf nach Olso. Ich dachte mir noch, man sind die langsam unterwegs auf den ersten 20 Kilometern und knallte mit drei anderen an die Spitze, die es sich in meinen Windschatten gut gehen ließen. Zwei von ihnen schalteten am Anstieg zum Dovrefjell einen Gang zurück, während ich am Anstieg nach 170 Kilometern Führung auch diesen Kameraden vernascht hatte. Ich fühlte mich da wie Jens Voigt in seinen besten Phasen, der es auch so gemacht hatte. Aber auch ich musste dann ein Team ziehen lassen das im Zehner-Pack an mir am Ende dieses Hochplateaus vorbei flog wie ein ICE. Handicap-Rekordzeit war am Ende mein Erfolg der heute noch besteht. Das war 2005! Neun internationale Titel insgesamt bei Marathonss, 24h- und 12h-Einsätzen befinden sich jetzt aktuell auf meiner Habenseite. Die schönsten Rennen durfte ich in meinem diesjährigen Comebackjahr feiern. Ich holte mir beim wunderschönen und harten 24h Rennen am Alfsee, und das bei brutaler Hitze den Sieg in der Nähe von Osnabrück. Trotz eines Sturz sowie einem katastrophalen Reifenschaden der mich eine Stunde ins Ziel schieben ließ. Auch durch einen Beleuchtungsdefekt musste ich hier drei Stunden lang eine nächtliche Zwangspause einlegen. In der Gesamtwertung belegte ich sogar immer noch einen Platz und den Top 20 bei mehr als 100 Teilnehmern bei den Einzelstartern. Der neue Streckenrekord in der Handicapklasse wurde durch einen eigenen Fehler verpasst. Dies war meine letzte Vorbereitung auf die absolute Supernummer Deutschlands, dem Race Across Germany, dem Höllenritt für die, die vielleicht auch einmal das Gefühl haben möchten das der Körper durch den eigenen Schweiß aufgelöst wird. Während ich vorher noch an vier Brevets zum Super-Randonneur über 200, 300, 400 und 600 Kilometer teilnahm. Zum dritten Mal holte ich mir diese Auszeichnung und bin damit weltweit der einzige mit Handicap und dieser Auszeichnung jetzt zum dritten Mal. Nach 665.64 Kilometer war hier der Traum ausgeträumt, als ich durch Übermüdung auf einem Bahnübergang zu Sturz kam und dabei noch sehr aussichtsreich die Möglichkeit zur RAAM - Qualifikation hatte. Bei 31 Stunden im Dauerregen und dem Nonstopritt bis dahin  war das schon fast voraus zu sehen. Das war eigentlich das erste Mal überhaupt in meiner gesamten Laufbahn das ich richtig schlaftechnische Probleme hatte.

Mit mächtig Wut im Bauch wollte ich jedoch dieses Jahr 2017 nicht so enden lassen und fuhr bei der 12h-MTB-EM in Diessen am Ammersee ein Rennen, das ich von Anfang bis Ende taktisch perfekt kontrollierte. Zwar dachte man an eine Sensation, und viele meinten, eine 14 Jahre währende Serie ohne Niederlage außerhalb jedes Verbandes würde jetzt enden, da ich nach fünf Stunden nur an vierter Stelle lag! Aber auf dieser wunderschönen Strecke kamen mir die fünf Gegner sehr entgegen, da sie am Anfang diese EM viel zu schnell angingen und in den letzten Stunden mächtig Lehrgeld zu zahlen hatten. Ich konnte hier ein Spielchen mit den Gegnern spielen, weil ich wusste, was mein Körper kann, und vor allem, wie lange er das kann. Auch mein lädiertes Knie beim RAG-Sturz konnte da meinen Erfolg nicht vereiteln. Meine enorme Erfahrung gerade bei solchen Einsätzen halfen hier kräftig mit, die Goldmedaille erneut nach 2009 zu holen. Hier hatte ich bereits nach 4 Stunden meinen Puls im Griff und fuhr seelenruhig meine Runden mit fast identischen Zeiten bis zum Ende. Eine letzte Runde die ich richtig genoss, hatte ich mir genau so gewünscht! Auch 24 Stunden lang wäre das möglich gewesen. Ich muss einfach sagen, dass diese sieben Einsätze die schönsten und punktgenauesten waren, die ich nacheinander bestritten und abgestimmt hatte. Alles war 2017 perfekt. Eigentlich außer der RAG. Ich fühlte mich einfach als Sportler des Jahres auf der Langstrecke mit Handicap.

2018 werden noch einige Einsätze von mir folgen die sich gewaschen haben. Meine Seele und mein Herz werden mich begleiten und mir die Kraft geben, denn ich bin mir sicher einer dieser zwei Kameraden werden mich erneut zum Ziel führen. Weil ich sie liebevoll pflege, und weil ich mit ihnen umzugehen weiß. Eine Krankheit von der um die 100000 in Deutschland jährlich gegeißelt werden, hat mir dazu den Weg gezeigt. Eine Krankheit, die sich einfach den falschen Gegner gesucht hat. Gedankt habe ich es diesen, weil ich durch sie ein Mensch mit besonderen und einzigartigen körperlichen Fähigkeiten weltweit geworden bin, und ich auch jetzt noch Grenzen verschieben kann. An die andere noch nie gewagt haben, einen Gedanken zu verschwenden. Ein Mensch der durch solche Artikel Mut machen möchte, es sich nach einem schlimmen Ereignis wie einem Stroke zum Beispiel nicht leicht zu machen, indem er sich seinem Schicksal kampflos ergibt. Ich werde auch 2018 gerne über mein erneuten ABE´s in Form von Ultraeinsätzen berichten.

Bei der RAG 2018 etwa habe ich bereits einen riesigen Glückstreffer gelandet. Diesmal versuche ich es mit Begleitfahrzeug und wird dabei mit einem Grandhotel, einem Palast auf Rädern, dem Wellenreiter der Straße, vom Reisemobilhersteller KNAUS unterstützt. Genau das richtig um die Wellen des Harzes zu meistern die sich mit ihren 25 Anstiegen erneut in meinen Weg stellen werden. Der SKY WAVE 700 MEG auf den sich schon meine ganze Crew wahnsinnig freut. Für mich jetzt ein weiterer Grund diesmal nicht nur zu finishen, sondern noch einen obendrauf zu setzen.

Quelle: 

Michael Büttner

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