Race



Das Ende des Leistungssports?

31.05.2017

500 Rennradfahrer - die letzten ihrer Art?

Leitartikel: Gesellschaft & Politik vs. Leistungssport

 

„300“ – heißt ein Actionfilm über die Schlacht bei den Thermopylen. Im Jahr 480 vor Christus kämpften 300 Spartaner – und, was im Film eher zu kurz kommt, rund 6000 andere Griechen – gegen 2,6 Millionen Soldaten. So groß soll das persische Heer laut der, unrealistischen, Überlieferung Herodots gewesen sein.

500 – Juniorenfahrer gibt es in Deutschland, schätzungsweise: Rund 500 Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren haben eine Lizenz gelöst, um Radrennen zu fahren. 131 weniger als Abgeordnete im deutschen Bundestag sitzen. Sofern sie denn da sind. 500 Jugendliche – die Zukunft des deutschen Radsports. Aus diesen 500 müssen die zukünftigen Tour-de-France-Starter kommen. Aktuell gibt es in den großen Teams keinen einzigen deutschen Radprofi, der nicht die Junioren-Landes- oder Bundeskader durchlaufen hat. In den Jugend- und Juniorenrennen erhält man die technische und taktische Grundausbildung – die Grundlage aller großen Erfolge. Nur wenige schaffen es ganz nach oben, zu den Profis, zur Spitze der Leistungspyramide. Es werden immer weniger werden. Denn die Basis der Pyramide ist viel zu schmal. Und sie wird immer schmaler.

Der Prozess, der wohl kommen wird, irgendwann, ist absehbar – die Faktoren sind klar kausal miteinander verknüpft: keine „Stars“, keine Medienpräsenz, keine Sponsoren, kein Geld, keine Teams, keine Verträge, keine Vorbilder, keine Talente. Noch gibt es in Deutschland Spitzen-Nachwuchsfahrer. Niklas Märkl zum Beispiel, Jahrgang 1999, Junioren-Vizeweltmeister. Der Bundestrainer nennt ihn „Jahrhunderttalent“. Doch Talente brauchen anspruchsvolle Rennen, um sich zu entwickeln. In Deutschland werden die Rennen weniger, die Felder kleiner, das allgemeine Niveau wird geringer. Die genauen Zahlen: die Zahl der Junioren-Lizenzfahrer ging zwischen 1997 und 2016 von 1423 auf 769 zurück – allerdings sind darin auch Mountainbiker und BMX-Fahrer enthalten, für die Straße erscheint die Zahl 500 als realistisch.

Die Zahl der Straßenrennen nahm in den vergangenen zehn Jahren in den meisten Bundesländern zwischen 40 und 50 Prozent ab – zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen, von mehr als 130 in 2005 auf weniger als 70 in 2015. Das wichtigste Nachwuchsetappenrennen des Landes, die Thüringenrundfahrt für U23-Fahrer, ist genauso Vergangenheit wie das erfolgreichste Nachwuchsteam, aus dem Fahrer wie Kittel, Martin, Degenkolb, Greipel hervorgingen. Es gibt viele Gründe für diese Entwicklung: die Demographie, die Bürokratie, die gesellschaftliche Stimmung.

 

Allein gegen den Mainstream

 

500 – diese Jugendlichen sind, überspitzt formuliert, die modernen Spartaner. Sie leben einen Anachronismus: schwitzen, leiden, sich schinden, verzichten, Selbstdisziplin, Selbstaufgabe, Selbstaufopferung für Teamkollegen – all das gehört untrennbar zum Radrennsport. Der politisch-mediale- und damit auch der gesellschaftliche Mainstream ist das exakte Gegenteil: Ein Schulsystem, das in den vergangenen zwei Jahrzehnten – trotz aller Erfolge, denn dieses Bildungssystem war die Grundlage der Wirtschafts- und Innovationskraft und damit des Wohlstands in diesem Land – den Leitlinien der OECD angepasst wurde. Welche Interessen diese Organisation von 35 wirtschaftlich entwickelten Mitgliedsstaaten vertritt, wurde und wird nicht hinterfragt. Ihre Leitlinien lauten, polemisch ausgedrückt, in der deutschen Interpretation anscheinend: Hauptsache die Abiturienten- und Studentenzahlen sind möglichst hoch, niemand bleibt sitzen, alle dürfen aufs Gymnasium, Hauptsache schnelle Arbeitsmarktreife, Hauptsache Konformität.

Die große Mehrheit der Jugendlichen passt sich dem an. Sie streben nach Sicherheit, nach Karriere. Dies passt zu einer Zeit, in der rund die Hälfte der Unter-24-Jährigen nur befristet beschäftigt ist. Zu einer Zeit der explodierenden Mieten, einer Zeit, in der so gut wie niemand aus den jungen Generationen damit rechnen kann, Zinsen für sein Erspartes zu bekommen, einmal etwas mehr vom prozentual extrem geringen Netto vom Brutto zu haben oder sich jemals eine selbst erarbeitete Immobilie in einer Stadtlage leisten zu können. Was war 2016 wohl, laut einer Umfrage, der mit Abstand meistgenannte Berufswunsch aktueller Studenten? Beamter. Rund ein Drittel der Befragten nannte den Staatsdienst als Traumziel. Das ist rational, auf Sicherheit bedacht – und traurig, mutlos, konform.

 

Wertloser Spitzensport

 

Die Faktoren, die den Sport ausmachen, Leistung und Talent, werden von der aktuellen Bildungspolitik „weichgespült“. Statt Wissen, Eigenverantwortung, Mündigkeit, Leistung und kritischem Denken geht es heute um „Kreativität“, „Mediennutzung“, „Kompetenzen“. Die Ergebnisse dieser Politik: Eine Studenteninflation, schon im Winter 2015 begannen 59 Prozent der jungen Erwachsenen ein Studium, 15 Prozent mehr als 2006. Rund ein Drittel davon bricht das Studium wieder ab. Und eine Noteninflation. 2014 schlossen landesweit 50 Prozent mehr Abiturienten mit der Note 1,0 ab als 2006. Berlin, das bei sämtlichen Leistungstests seiner Schüler, trotz recht hoher Bildungsausgaben, zusammen mit den anderen Stadtstaaten Bremen und Hamburg, fast schon traditionell auf dem letzten Platz beziehungsweise den letzten Plätzen liegt, vergab 2015 fünfmal so viele 1,0-Noten wie neun Jahr zuvor.

Die nachfolgenden Ergebnisse dieser Politik: eine Niveaunivellierung. Bei einer IHK-Umfrage in Niedersachsen gaben fast die Hälfte der 700 befragten Firmenvertreter an, keine qualifizierten Auszubildenden zu finden, denn: Die Bewerber seien in der Regel nicht ausbildungsreif. Bei der letzten dazu durchgeführten Studie 2011 zeigte sich, dass 7,5 Millionen Menschen in Deutschland funktionale Analphabeten sind. Seitdem ist ihre Zahl sehr wahrscheinlich stark gestiegen. Der renommierte und valide TIMSS-Test von 2015 zeigte, dass deutsche Grundschüler in Mathematik im internationalen Vergleich nur Mittelmaß sind. Der Mittelwert ihrer Leistungen lag sogar unterhalb des Durchschnitts der teilnehmenden EU-Staaten. Fast ein Viertel der Schüler erreichte nicht einmal ein ausreichendes Niveau.

In den anderen Naturwissenschaften erreichten rund 22 Prozent kein ausreichendes Kompetenzniveau. Zur höchsten Kompetenzstufe in Mathematik zählten nur 5,3 Prozent. Die PISA-Studie 2012: 17,7 Prozent der älteren Schüler gehören zur schwächsten Leistungsgruppe, 17,5 Prozent zu den beiden höchsten. Zum Vergleich: In Shanghai gehören mehr als 55 Prozent der Schüler zu dieser Spitzengruppe. 15-Jährige aus Singapur haben, nach PISA, im Lesen einen Kompetenzvorsprung von einem Schuljahr zu gleichalten deutschen Schülern. In Mathematik beträgt der Vorsprung zwei Jahre. Welten.

 

Ein Wirtschafts-Wettkampf

 

Wie schnell man aus rein ideologischen Gründen ein funktionierendes Bildungssystem zugrunde richten kann, zeigte die grün-rote Regierung Baden-Württembergs: Sechs Jahre zuvor noch nationaler Spitzenreiter bei der Rechtschreibkompetenz seiner Schüler fiel das Land in der „Studie Bildungstrend“ 2015 auf einen geteilten elften Rang zurück. In der Lesekompetenz lagen die Schüler nun um den Leistungsstand eines kompletten Schuljahres hinter denen aus Sachsen. Ein Desaster. Die Politik in Deutschland verwechselt, absichtlich, Chancengleichheit mit Gleichheit. Sie setzt auf Quantität und Geschwindigkeit statt auf Qualität und Leistung.

Wo diese Entwicklung hinführt, ist absehbar – in Richtung eines Systems, wie es heute schon in den USA zu besichtigen ist: ein höchster Schulabschluss, der nichts mehr wert ist, da ihn jeder hat, eine boomende Nachhilfe- und Privatschulindustrie, eine noch stärker auseinanderdriftende Gesellschaft. Zu Ende gedacht ist das Ergebnis dieser Politik: Deutschland verliert nicht nur seine Leistungssportler, jene, die Vorbilder sind, die Teamwork und Fairplay vorleben, sondern auch seinen großen Erfolgsfaktor, die wichtigste wirtschaftliche und damit auch sozial-gesellschaftliche Stärke, die es hat: das Wissen und Können seiner Menschen.

Die Politik erreicht das Gegenteil dessen, was sie propagiert – und verspielt die Stärke des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Und damit die Grundlage des Wohlstandes. In den vergangenen Jahren wanderten je rund 140.000 Deutsche aus – einer von der Stiftung Mercator geförderten Studie zufolge liegt der Anteil der Hochqualifizierten unter den Auswanderern bei 70 Prozent. Nach Zahlen der OECD können insgesamt rund 1,2 Millionen Deutsche, die das Land verlassen haben, ein abgeschlossenes Studium vorweisen, 50.000 einen Doktortitel. Im starken Kontrast zu Deutschland schaffen es klassische „Einwanderungsländer“ wie etwa Kanada, Neuseeland oder Australien durch ihre Immigrationspolitik, das Kompetenzniveau im Land zu steigern.

Noch geht es den meisten Deutschen gut – vor allem aber dem deutschen Staat, denn dessen Einnahmen sind „dank“ der, laut der meisten Vergleiche, zweithöchsten Abgabenquote des Planeten, die mitverantwortlich für die relative Unmöglichkeit eines Vermögensaufbaus, die grassierenden Abstiegsängste der Mittelschicht und den wachsenden Konformitätsdruck sind, der Niedrigzinsen, der gewollten Geldflut durch die Notenbanken und der steigenden Inflation, durch die sich der Staat auf Kosten aller normalen Sparer entschuldet, extrem gestiegen. Rational gesehen können die jungen Generationen heute gar nicht anders, als sich auf „das Wesentliche“ zu konzentrieren: die Karriere und damit das Streben nach materieller Sicherheit.

Zudem wird ihr Alltag durch den Ausbau von Ganztagsschulen und das Bachelor-Master-System an den Universitäten immer stärker strukturiert und verschult – die Zeit in staatlichen „Betreuungseinrichtungen“ steigt, die Freiheitsgrade nehmen ab. Leistungssport als „Luxus-Freizeitgut“ fällt damit durch das Raster. Es fehlen die Zeit, die Anerkennung, die Zukunftsperspektiven, die Leistungsmentalität.  

 

Suggeriert wird eine Insel der Glückseligen

 

„Gut gehen“ ist, wie alles, relativ. Der Durchschnittsdeutsche besitzt viel weniger als fast alle anderen Westeuropäer oder Bewohner anderer Industrieländer. 2014 lag der Medianwert des durchschnittlichen Haushalts-Nettovermögens bei rund 60.000 Euro. Weit unter dem in Spanien, Griechenland, Zypern. Der Medianwert eines Haushalts in Italien: 138.000 Euro. Schon heute liegt das prozentuale Rentenniveau in Deutschland sehr weit, mehr als 20 Prozent, unter dem Durchschnitt der EU-Länder. Ein Österreicher bekommt bei gleichem Bruttoeinkommen fast 40 Prozent mehr Rente als ein Deutscher. Bei Niedrigverdienern erhalten deutsche Rentner EU-weit den niedrigsten Satz. Dass das Rentenniveau weiter fallen und/oder die Beiträge zur Rentenversicherung massiv steigen werden, zeigen alle Berechnungen: 2045 wartet demnach ein Rentenniveau von 41,6 Prozent (heute: 47,8) des Durchschnittslohns  – oder, alternativ, wenn das Niveau stagnieren soll, ein Beitragssatz von 26,4 Prozent (heute: 18,7).

Ganz anders ist die Situation bei den Pensionen. Beamte bekommen heute gut 71 Prozent ihres letzten Bruttogehalts. Die aktuelle Durchschnittspension: 2940 Euro. Die Rente eines normalen Arbeitnehmers nach 45 Beitragsjahren: 1314 Euro. Die aktuelle Durchschnittsrente: 857 Euro. Die Kosten der Beamten-Pensionen für die deutschen Steuerzahler bis 2050: knapp 1,4 Billionen Euro. Der Anteil der „unteren“ Hälfte der Bevölkerung am Privatvermögen in Deutschland: 2,5 Prozent.

Deutschland ist keine Insel der Glückseligen. Es zehrt von seiner Substanz, von dem, was aufgebaut, entwickelt, erfunden wurde. Davon, dass die Qualität der Produkte höhere Preise als anderswo rechtfertigt. Davon, dass der Euro aktuell sehr schwach ist. Davon dass bisher die einzige Ressource, die das Land hat, auf dem Niveau war, um auf dem Weltmarkt zu bestehen: die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Menschen. Das Bildungsniveau – Können, Wissen, Kompetenzen – und eine starke Wirtschaft sind verknüpft. Genau wie die Wettbewerbsfähigkeit und der Wohlstand eines Landes. Deutschland ist, wie jedes andere Land, einem weltweiten Wettbewerb ausgesetzt, in dem es um Leistung geht, nicht um Ideologie. Wohlstand kommt und bleibt nicht einfach so – er basiert auf Leistung. Es ist wie im Sport: Wer schwächer wird, wer nachlässt, wer sich auf früheren Erfolgen ausruht, wer satt ist, der wird abgehängt werden.

Quelle: 

Fotos: Vos, Heede

News: 

In News anzeigen

Themen, die Sie interessieren könnten