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Kommentar: Doping – der Fußball und seine Privilegien

05.04.2017

Der Fußball hat eigene Gesetze - andere Sportarten werden verhöhnt

Der Fußball genießt in Deutschland einen Sonderstatus. Das betrifft seinen Stellenwert – und den Platz, der ihm eingeräumt wird.

Vor allem auch von den gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen Sendeanstalten. Sportschau, Sportreportage, Live-Übertragungen von Drittligaspielen am frühen Samstagabend und etliche weitere Beispiele zeugen davon. Was jedoch aktuell immer deutlicher wird: Auch beim Thema Dopingkontrollen hat der Fußball ein absurdes Privileg.

Nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks (BR) gewährt die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) Sonderregelungen, die den Anti-Doping-Kampf ad absurdum führen. Seit 2015 hat zwar die NADA die Dopingkontrollen im Fußball übernommen. De facto hält jedoch das Fußballsystem selbst noch das Krisenmanagement in Händen. Binnen 24 Stunden nach dem Eingang eines positiven Laborbefunds bei der NADA  muss dem DFB laut Paragraf 3, Absatz 3 seiner Durchführungsbestimmungen das positive Kontrollergebnis mitgeteilt werden. Die Sonderregelung verstößt zwar gegen den gängigen NADA-Code, verschafft den DFB-Funktionären aber eine Reaktionszeit im Falle eines GAUs. Denn die NADA muss nach dem neuen Anti-Doping-Gesetz mit dem Eingang eines positiven Befunds auch die Staatsanwaltschaften informieren. Die wiederum nimmt dann ihrerseits Ermittlungen auf, die unter Umständen zu Hausdurchsuchungen führen können.

Ermittlungen ohne Wert

Doch welchen Wert haben solche staatlichen Ermittlungen, wenn der Verband seine Vereine vorwarnen könnte? Thomas Kistner von der Süddeutschen Zeitung stellte dazu treffenderweise fest: „Razzien bei Sportlern, die zeitgleich mit den Behörden über einen Verdacht informiert werden, kann man gleich sein lassen – Razzien erfolgen nicht binnen Stunden, vorsorgliche Aufräumaktionen im Zweifelsfall schon.“ Dieses Privileg des Fußballs könnte demnach eine Absicherung gegen unliebsame Ermittlungen und Negativ-Schlagzeilen sein. Proficlubs sind längst mehr als reine Fußballvereine. Der moderne Fußball ist ein Milliardengeschäft. Ein positiver Doping-Test eines Ribery, Robben, Lewandowski oder Aubameyang könnte potenziell über Nacht Millionensummen vernichten. Doch dazu wird es wohl nie kommen.

Die Wahrscheinlichkeit als Fußballspieler positiv getestet zu werden, ist ohnehin verschwindend gering. Was zum einen an der Zahl der Kontrollen liegt: In der Saison 2013/2014 finanzierte der DFB 1700 Tests – verteilt auf mehr als 1000 Spieler. In den Regionalligen war die Quote noch verheerender: 70 Dopingkontrollen für 2000 Spieler. Und das Beste: Im Gegensatz zu Athleten anderer Sportarten dürfen Fußballer nur unter zwei Bedingungen getestet werden: nach einem Spiel – oder bei offiziellen Trainingseinheiten. Während der Saison 2015/2016 wurden in der 1. und 2. Bundesliga 517 Dopingproben im Training genommen. Setzt man hier eine Kadergröße von (mindestens) 20 Spielern in Relation, wäre es rechnerisch möglich, jeden Bundesliga-Profi nur ein einziges Mal pro Saison im Training zu testen.

Keine Dopingtests im Trainingslager

Wer heute dopen will, der macht dies sehr wahrscheinlich während der Trainingsphasen. Nach den Recherchen des BR wurde in der Winterpause nicht einmal jeder zehnte Bundesligaspieler getestet. Von den Spielern des aktuellen Tabellenzweiten RB Leipzig wurde während des Trainingslagers gar kein einziger Spieler getestet. Die NADA rechtfertigte ihre Untätigkeit mit der Aussage, das Kontrollsystem sei auf „unberechenbare Zielkontrollen“ angelegt. Deshalb würden einige Spieler im Trainingslager getestet, einige zu einem anderen Zeitpunkt.

Diese Aussagen sind bemerkenswert. Auch wenn man einige Hintergründe kennt.  Zum Beispiel den, dass im Red-Bull-Sport-Universum noch immer ein des Dopings an minderjährigen verurteilter ehemaliger DDR-Sportmediziner eine wichtige Rolle spielt. Seit 2003 leitet Bernd Pansold das firmeneigene Diagnostik- und Trainingszentrum, in dem gesponserte Profisportler und Vereine betreut werden.

Andere Sportarten werden verhöhnt

Natürlich sind auch in anderen Sportarten, leider gerade auch dem Radsport, nicht selten Ex-Doper nach ihrer Karriere beschäftigt. Doch die mediale Resonanz auf solche Situationen ist beim Fußball eben anders, nämlich kaum vorhanden. Dazu ein Gedankenexperiment: Was geschähe, würde man diese Ausgangslage auf den Radsport projizieren? Ein erst kürzlich in die WorldTour aufgestiegenes, von einem Mega-Konzern finanziertes Team fährt in der ersten Saisonhälfte einen Sieg nach dem nächsten ein. Im Ranking rangiert man nur knapp hinter der seit Jahren alles dominierenden Equipe. In der zweiten Saisonhälfte kommt heraus, dass die Fahrer des neuen Teams im entscheidenden Trainingslager keine einzige Dopingkontrolle absolvieren mussten. Wie wäre wohl die Reaktion der deutschen Medien?

Für den Fußball gelten wohl andere Mechanismen. Der Fußball schreibt seine eigenen Gesetze – und kaum einer stört sich daran, kaum einer bekommt es mit. Denn die beiden Prinzipien, die dahinter stehen, sind wohl die mächtigsten, die es aktuell gibt: „The show must go on.“  Und: Geld regiert die Welt.

Quelle: 

Redaktion RennRad (Daniel Götz; David Binnig)

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