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Kommentar: Die Zukunft des Sports in Deutschland

16.02.2017

Sport fördern, aber wie?

Der deutsche Spitzensport soll reformiert werden. Das neue Spitzensportkonzept soll dabei helfen. Im Kern ist es ein Rückschritt. Ein Kommentar.

Im Fußball sieht man an vielen Beispielen – Real Madrid etwa, Manchester City, RB Leipzig und sehr vielen mehr –, dass die Phrase „Geld schießt Tore“ oft richtig ist. Auch im gesamten Hochleistungssport sind die Erfolge von den Investitionen abhängig – und davon, wie sie eingesetzt werden. Sucht man für den deutschen Sport eine Antwort auf die Frage zur Effizienz, zur Qualität und Quantität des Mitteleinsatzes und nimmt dafür die Medaillenspiegel der vergangenen Olympischen Spiele als Orientierungsgrößen, kann diese nur lauten: schlecht, sehr schlecht. Um 66 Prozent ging die Zahl der deutschen Medaillen bei den Sommerspielen in drei Jahrzehnten zurück. Das deutsche Innenministerium und die Vertreter des Deutschen Olympischen Sportbundes haben nun den neuen Plan zur Sportförderung verkündet. Jenen Plan, der dafür sorgen soll, dass der deutsche Spitzensport international konkurrenzfähig bleibt – und zukünftig wieder mehr Medaillengewinner hervorbringt. Sein Inhalt: Medaillen bringen Geld. Das Budget wird noch strenger nach Leistung aufgeteilt: keine Erfolge, keine Förderung. Oder zumindest eine stark verringerte.

Fehlanreize

Das ergibt Sinn – auf den ersten Blick. Auf den zweiten nicht. Dies liegt, meiner Ansicht nach, an zwei Hauptgründen: Zum einen gibt dieser Ansatz einzig und allein das Ziel vor, Medaillen zu gewinnen, nicht aber den Weg dorthin. Man verstärkt somit die Anreize, die sich im gesellschaftlichen System des Spitzensports noch gravierender, zumindest offensichtlicher auswirken als in den anderen gesellschaftlichen Teilbereichen, die auch betroffen sind: Leistung um jeden Preis. Dass dabei auch betrogen wird, ist offensichtlich. Das betrifft Manager genauso wie Studenten, Hobby-Marathonläufer, Ärzte. Die Effekte der Leistungsgesellschaft. Selbst in Bereichen, in denen es weder um Geld noch um die Karriere geht, „optimieren“ Menschen ihre Leistung – ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit. Studien zufolge dopen sich weit über 20 Prozent der regelmäßigen Fitnessstudiobesucher. Im Spitzensport existieren auch heute noch ganze Staatsdopingprogramme. Die illegale Leistungssteigerung ist systemimmanent. Das neue Förderungssystem wird hier eher Fehlanreize setzen als präventiv wirken.

Überall wird Geld versenkt

Zum anderen haben 99 Prozent aller deutschen Sportverbände andere, größere, strukturelle Probleme. Die Förderung der wenigen Olympiakandidaten an der Spitze der Leistungspyramide ist nur ein Aspekt auf dem Weg zu Medaillen – und ein winziger Teil der sozialen Verantwortung und der Aufgaben, die der Sport gesamtgesellschaftlich übernehmen soll und muss. Das größere Problem ist: Die einst breite Basis der Sportpyramide wird immer schmaler. Was zum einen an der geringeren Zahl an Kindern und Jugendlichen liegt. Zum anderen am gesunkenen Stellenwert des Spitzensports. Warum, fragen Medienleute und „intellektuelle Eliten“, soll ein Staat Geld in Hochleistungssport investieren? So wird etwa in der Süddeutschen Zeitung kommentiert, Zitat: „Ob die Republik aber eine Bahnrad-Nationalmannschaft braucht, nur weil die gute Chancen hat, es im Linksrum-im-Kreis-Fahren unter die besten drei der Welt zu schaffen - das sei dahingestellt.“ Die 160 Millionen Euro Spitzensportförderung könnten doch auch „nachhaltiger“ eingesetzt werden, heißt es andernorts. Zum Vergleich: Die Hamburger Elbphilharmonie kostet die Steuerzahler rund 800 Millionen Euro, der unter der Stadt versenkte Stuttgarter Bahnhof zehn Milliarden, der Berliner Flughafen sechs Milliarden, mindestens, die „Energiewende“ 520 Milliarden, die Polizeieinsätze bei Fußballspielen der 1. und 2. Liga rund 100 Millionen pro Jahr, die Zwangs-Umbenennung vom inzwischen nicht mehr politisch korrekten Wort „Studentenwerk“ in das vielleicht niemand verletzende „Studierendenwerk“ rund eine Million allein in Berlin, zwischen 40.000 und 150.000 Euro in Baden-Württemberg – pro Universität.

Die Staatseinnahmen sprudeln

Die Abgabenlast der Bürger ist in Deutschland, neben Belgien, die höchste der Welt. Bis Mitte Juli jeden Jahres arbeitet man hierzulande durchschnittlich nur für den Staat. Allein durch die kalte Progression, eine heimliche Steuererhöhung, nahm der Staat seit 2010 mehr als 70 Milliarden Euro ein. Die gesamten Staatseinnahmen wuchsen in dieser Zeit um 160 Milliarden Euro. Zum Vergleich hier das „Wachstum“ der durchschnittlichen Bruttolöhne zwischen den Jahren 2000 und 2015: 1,4 Prozent. Die Zahl der Vollzeitstellen, die in diesem Zeitraum abgebaut wurden: 1,9 Millionen. Schulen, Straßen und Sportstätten verfallen. Ohne die Nullzinspolitik, die alle normalen Sparer enteignet und für eine Geldschwemme sorgt, die unter anderem die Immobilienpreise sowie die Mieten explodieren lässt, würde im Staatshaushalt dennoch keine schwarze Null stehen - sondern eine hohe rote Zahl. Klar ist: Die Rente wird auf die niedrigste Quote aller europäischen Industrieländer sinken, die Renten- und Krankenkassenbeiträge werden stark steigen.

Die Goldman-Sachs-Gesellschaft

Zudem können und wollen immer weniger der wenigen Talente den Spitzensportweg bis zum Ende gehen. Also bis – im Optimalfall – zu den Olympischen Spielen. Denn das 1-Komma-Abitur, der Bachelor in Regelstudienzeit, Praktika und der frühe Berufseinstieg sind wichtiger. Was nicht dem Fortkommen, der Karriere, der sozialen Sicherheit dient, wird aus dem Leben verbannt. Die Angst vor Hartz IV, dem Nichtleistenkönnen der Miete in der Stadt, die zwar teuer ist, in der es aber Jobs gibt, die Aussicht auf ein Rentenniveau von 40 Prozent oder weniger – all das erzeugt Angst. Und Konformität. So funktioniert die deutsche Gesellschaft im Jahr 2017. Eine „marktkonforme Demokratie“, wie sie unsere Regierung will. Für „unproduktive“ Tätigkeiten wie Sport bleibt da kein Raum. Eine Gesellschaft wie aus dem Goldman-Sachs-Lehrbuch.

Deutschland braucht den Leistungssport

Eine entwickelte Gesellschaft braucht den Leistungssport. Nicht nur wegen der Medaillen. Sondern weil er Vorbilder generiert. In einem verschulten und auf schnelle Arbeitsmarktreife und Konformität ausgelegten Schul- und Post-Bologna-Universitätssystem wird Kindern und Jugendlichen ihr natürlicher Bewegungsdrang aberzogen. Immer mehr sportferne Eltern tragen ihren Teil bei. Dazu passt, dass Deutschland verfettet. Zwei Drittel der deutschen Männer und die Hälfte der Frauen sind übergewichtig. Die Folgekosten der Fehlernährung und des Bewegungsmangels: 15 bis 20 Milliarden Euro pro Jahr. Auch rein volkswirtschaftlich gesehen muss eine Regierung, muss ein Land in Sport investieren. Es muss alles getan werden, um Menschen in den Sport und im Sport zu sozialisieren. Sport vermittelt die Werte, die eine Gesellschaft ausmachen (sollten): Disziplin, Ausdauer, Fairness, Teamwork, den Sinn von Regeln, Zusammenhalt.

Bisher fehlt es auch an einem Konzept zum Breitensport

Wer den Spitzensport fördern will, muss auch den Breiten- und vor allem den Schulsport fördern. In Berlin fallen weit über zehn Prozent der Schulsportstunden aus. In vielen Bundesländern können die Hälfte der Kinder nicht mehr schwimmen – weil Grundschulen keinen Zugang zu einem Schwimmbad haben, weil Kommunen aus finanziellen Gründen immer mehr Bäder schließen, weil Eltern keinen Wert darauf legen, dass ihr Kind in den Sport sozialisiert oder wenigstens kein Bewegungslegastheniker wird. Ein untragbarer Zustand und ein fatales Symbol. Zudem könnte man theoretisch effizient und pragmatisch vorgehen und sich – wie auch in vielen anderen Bereichen, Stichwort Rentensystem – an erfolgreichen Nationen orientieren. An Australien etwa, das durch seine Talenterkennungs- und -förderungsprogramme und seine extrem wirkungsvollen Verschränkungen zwischen Universitäten, Trainern und Sportverbänden trotz seiner nur 22 Millionen Einwohner schon vor Deutschland in den Medaillenspiegeln lag. Oder an Großbritannien mit seinen enormen Erfolgen und seiner zentralistischen Stützpunktstruktur. Mit der neuen Reform machen die deutsche Politik und die Sportverbände jedoch das, was die Politik immer macht: an den Symptomen herumdoktern, statt die Ursachen anzugehen.  //
 

Quelle: 

Redaktion RennRad (David Binnig), Foto: Cor Vos

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