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Lebensbeichte: Doping unter Radprofis

13.07.2017

Doping, Sex und Radrennen

Radprofis: Thomas Dekkers Enthüllungsbuch

 

Er galt als zukünftiger Tour-de-France-Sieger. Er war ein Star, die große Hoffnung des niederländischen Radsports: Thomas Dekker. In den Nachwuchsklassen gewann er alles. Alles. Ich musste gegen ihn fahren. Als Profi gewann er große Rennen – bis er des Dopings überführt wurde. Jetzt ist sein Enthüllungsbuch auf Deutsch erschienen: „Unter Profis“.

Ich habe es innerhalb eines Tages gelesen. Der renommierte Radsport-Journalist Daniel Friebe nennt es „die schockierendste Biographie, die der Profiradsport jemals produziert hat“. Thomas Dekker gewann die Tour de Romandie, 2007, und Tirreno Adriatico, 2006. Da war er Anfang zwanzig. Zwischen 2009 und 2011 saß er eine Dopingsperre ab. In dem Buch legt er nun eine Art Beichte ab. Er schildert den Alltag eines Radprofis, wie er damals, in seinem Team, dem Team Rabobank, anscheinend normal war.

Dekker stammt aus einfachen Verhältnissen. Er trainierte sehr jung schon sehr viel und hart – zum Beispiel stundenlang mit 50 oder mehr km/h hinter seinem Vater, der auf einem Motorroller vor ihm fuhr. Dekkers Aufstieg war kometenhaft. Er galt als Wunderkind, als Jahrtausendtalent.

Als er 17 ist, wird er zu einer Talentsichtung eingeladen, seitdem fährt er in einem der Rabobank-Nachwuchsteams. Er wechselt vom Gymnasium auf die Realschule, bleibt sitzen, verlässt die Schule ohne Abschluss. Er hat nur ein Ziel: Radprofi werden.

Der Aufstieg

2004, mit 20, wird er Gesamtvierter der Algarve-Rundfahrt. Einen Platz vor Lance Armstrong. Er unterschreibt einen Vertrag bei Rabobank. Den ersten über 100.000 Euro pro Jahr kündigt er auf Drängen seines neuen Managers sofort wieder. Nach einer Nachverhandlung bekommt er 200.000 Euro jährlich.

Seine ersten Erfahrungen im Team der Großen führen ihn ins Bordell. Zwei Jahre später steigt sein Jahressalär auf 800.000 Euro. Dekker lebt exzessiv. Er macht Geld, viel Geld. Er hat Frauen, viele Frauen. Er beschreibt, wie er zum Doping sozialisiert wird. Im Team wird das Thema ignoriert, die Sportler suchen sich ihre Ärzte und Quellen selbst. Kortison ist ein Standardmittel. Dekker sucht sich Luigi Cecchini als Trainer aus. Der Italiener führte etwa Bjarne Riis zum Tour-de-France-Sieg. Er arbeitete mit etlichen Top-Profis zusammen: Jan Ullrich, Fabian Cancellara, Mario Cipollini, Tyler Hamilton, Ivan Basso und vielen anderen.

Dekker zog von Belgien in die Toskana nach Lucca, in Checcinis Heimat. 1998 geriet Checcini im Zuge um die Dopingermittlungen gegen seinen früheren Chef, den Dopingarzt Ferrari, in den Fokus der italienischen Staatsanwaltschaft. Das Verfahren wurde eingestellt.

Der Absturz

Bei seinem ersten Giro d’Italia wird Dekker bergauf gnadenlos abgehängt. Ihm ist klar warum. Andere Radsportler versorgen ihn mit Dopingmitteln. Epo, Testosteron, Dynepo. Später geht er in bestimmte, unter Radprofis bekannte Apotheken, in denen er Dopingmittel bekommt. Er berichtet von Teamkollegen, etwa Michael Boogert, die vor und sogar während Etappenrennen einen so hohen Hämatokritwert hatten, dass sie sich jeden Morgen Salzlösung injizierten, um den Wert zu senken. Die Profis hatten eigene Zentrifugen, um zu sehen, ob ihr Blut bei einem Dopingtest im auffälligen Bereich sein würde.

Dekker traf den Dopingarzt Eufemiano Fuentes in einem Hotel in der Nähe des Madrider Flughafens. Er berichtet von den Blutdopingmethoden – und davon, wie viele Profis, sich vor und während einer Rundfahrt zuvor abgenommenes Blut wieder injizierten. Eigenblutdoping war nicht nachweisbar. Eines Morgens vor einem Etappenstart saß Dekker auf dem Boden eines Hotelbadezimmers und „hackte“ mit einer Infusionsnadel auf seinen Arm ein, ohne zu treffen. Der Boden war voll mit seinem eigenen Blut.

Erst durch eine Nachkontrolle mit neuen Verfahren wird er 2009 des Dopings mit Dynepo überführt. Er säuft, er nimmt zu, er verprasst tausende Euro in einer Nacht für Alkohol und Prostituierte. Er hat keine Perspektive. Er kann nichts außer treten.

Nach langem Suchen und Bitten bekommt er 2011 wieder einen Vertrag – für den Mindestlohn. Seine ersten Rennen fährt er für das Nachwuchsteam von Garmin-Sharp. Er fährt nur noch mit – ohne Chance auf einen großen Sieg. 2014 ist klar: Sein Vertrag wird nicht verlängert. Er greift den Stundenweltrekord an – und scheitert knapp. Vier Wochen später, im März 2015, erklärt er seinen Rücktritt. Der Mann, der die Tour de France gewinnen sollte, war einmal bei der Tour am Start, 2007. Er wurde 35.

Eigene Perspektive

Als Journalist muss man sich zurücknehmen, man muss objektiv sein. Das bin ich an dieser Stelle nicht. Denn es geht um jemanden, an den ich Erinnerungen habe. Schlechte Erinnerungen. Thomas Dekker ist ein Jahr jünger als ich. Ich musste in der U23-Klasse gegen ihn und sein Team antreten. Er fuhr für das Rabobank-Nachwuchsteam. Bei wichtigen Rennen fuhren sie alle wie vom anderen Stern. Kein deutscher Fahrer hatte auch nur den Hauch einer Chance. Bei der Thüringen-Rundfahrt, einem der wichtigsten Etappenrennen der U23, attackiert auf der Königsetappe fast das gesamte Rabobank-Team – und kam mit mehreren Minuten Vorsprung an. Alle aus dem Team wurden Profis. Bernhard Kohl etwa: Er wurde 3. bei der Tour de France, gewann das Bergtrikot – und wurde des Dopings überführt.

Ich war ein guter, nein ein sehr guter Bergfahrer. 61 Kilogramm, in der Saison vier Prozent Körperfett, sehr hohe Werte bei der maximalen Sauerstoffaufnahme. Ich liebte das Bergfahren. Dekker und seine Teamkollegen fuhren energieriegelkauend bergauf an mir vorbei. Manche Fahrer, die man bei den Junioren noch locker im Griff hatte, wechselten zur U23 zu bestimmten Teams und waren danach in einer anderen Liga. Man sieht diese Leistungen, man zweifelt an sich, an seinem ganzen Sport. Man sieht die Zusammenhänge, ignoriert sie aber. Vielleicht genügte auch das eigene Talent nicht, wer weiß. Aus gesundheitlichen Gründen war meine Karriere mit 21 Jahren vorbei. Was vielleicht etwas Gutes war. Dekker war mit 21 ein Star, ein Athlet, auf dem die Hoffnungen einer ganzen Radsportnation ruhten.

In seinem Buch berichtet Dekker auch von frühen Injektionen, von Actovegin, von „legalen“ Infusionen , die „Mineralien“ enthielten. Der Weg, den er beschritt, war in solchen Strukturen fast schon vorgegeben. Das Buch „Unter Profis“ ist absolut lesenswert. Es ist einfach und schnell zu lesen, doch bei manchen Szenen bekommt man eine Gänsehaut.   

Das Buch:

Thomas Dekker: „Unter Profis“. Covadonga Verlag Bielefeld. Aufgezeichnet von Thijs Zonneveld. Preis: 14,80 Euro.

Quelle: 

David Binnig; Foto: Vos

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