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Kommentar: Das Sportjahr 2016 - ein Abgesang

30.12.2016

Der etwas andere Jahresrückblick

Im Sportjahr 2016 war der Sport oft nur Nebensache. Die Schlagzeilen wurden auf Funktionärsebene geschrieben. Athleten, Trainer und Betreuer sind die Leidtragenden.

Die schlechte Nachricht vorneweg: Es geht um Doping, Korruption und Vetternwirtschaft. Die gute Nachricht hinterher: Es ist nicht mehr NUR vom Radsport die Rede. Denn so langsam macht sich – wenn auch noch nicht überall – die nicht mehr zu ignorierende Erkenntnis breit: Es gibt nicht ein schwarzes Schaf in einer Herde blütenweißer Unschuldslämmer. Die ganze Herde ist schwarz. Das sollten nach diesem Sportjahr 2016 auch die letzten begriffen haben. Die schwarzen Schafe sitzen überall: Zum Beispiel im IOC, der IAAF, FIFA, UEFA und dem DFB. 

2016 hat der Sport seine Glaubwürdigkeit endgültig verloren

2016 haben die größten Sport-Institutionen ihr höchstes Gut endgültig verloren: ihre Glaubwürdigkeit. Das „Sommermärchen“ wurde als mit 6,7 Millionen Euro erkaufte Lügengeschichte enttarnt. Aus dem „Kaiser“ Franz Beckenbauer wurde „ein einsamer alter Mann“ (SPIEGEL). Die einst wichtigsten Figuren des Weltfußballs, Joseph Blatter und Michel Platini und auch der frühere DFB-Chef Wolfgang Niersbach haben ihre Ämter verloren. Noch nie stand ein amtierender IOC-Präsident derart unter Dauerbeschuss wie derzeit Thomas Bach.

Der Olympische Geist ist nur noch eine Hülle

Dabei könnte alles so schön sein. Olympia hatte früher die wunderbare Eigenschaft, selbst die größten Krisenherde der Welt für ein paar Tage in den Hintergrund zu rücken. Der Olympische Geist, Werte wie Fairplay, Teamgeist und Völkerverständigung, standen über allem. Heute ist der Olympische Geist nur noch eine Hülle. Das IOC selbst hält sich nicht dran. In den Ausrichterstädten trägt die Organisation eine Mitschuld für derartige Kostenexplosionen wie in Rio. Oxford-Wissenschaftler schätzen, dass Olympische Spiele die Anfangskalkulationen durchschnittlich um mehr als 150 Prozent überschreiten. 

Statt Fairplay dominiert nur noch eines: der Kommerz. Statt bei Dopingtests überführte Sportler zu sperren, durften diese sich bis Anfang dieses Jahres gegen einen Obolus von ihren Sünden freikaufen. Das war das Geschäftsmodell des ehemaligen IAAF-Präsidenten und IOC-Mitglieds Lamine Diack. Er und sein Clan verdienten laut SZ bis zu 700.000 Euro pro vertuschter Probe. 

Es dominieren Macht, Politik, Geld

Ein weiteres Beispiel: Bei den Spielen 2014 in Sotchi wurden Dopingproben durch ein Loch in der Laborwand ausgetauscht. Russlands Inlandsgeheimdienst, die Anti-Doping-Agentur und das Sportministerium sollen das laut dem jüngsten sogenannten Mclaren-Report überwacht haben. Bis zu 1000 russische Athleten sollen außerdem vom Dopingmissbrauch betroffen sein. Die Beweislage ist erdrückend. Doch passiert ist bislang wenig. Das IOC und sein Präsident Bach winden sich, russische Athleten für unbestimmte Zeit von Veranstaltungen auszuschließen. Es geht um Macht, Politik, Geld.

Der Sport habe sich zum Handlanger von Regimen und Wirtschaftsinteressen gemacht, sagte der SZ-Sportchef Thomas Kistner treffend. Dies gilt für Olympische Spiele genauso wie für die Gelddruckmaschine überhaupt: Fußball. Dank Football Leaks weiß man heute, dass dieses Multimilliardengeschäft ein schmutziges ist. Eine Art Menschhandel von Spielerberatern und dubiosen Beteiligungsfirmen, die ihre Geschäfte – wie einige Superstars der Szene auch – oft über Steueroasen abwickelten. 

Das System Fußball gewinnt immer

Doch welche Konsequenzen wurden aus den Football-Leaks-Erkenntnissen gezogen? Fast keine. Der Fußball ist unangreifbar, er ist viel zu mächtig, seine Wirtschaftskraft viel zu groß. Niemand wird dieses weltumspannende Reich, in dem teilweise Gewinne wie sonst nur im Drogenhandel erzielt werden, zu Fall bringen wollen – oder können. Thomas Kistner bringt es schön auf den Punkt: „Ein Dopingfall bei einem Messi, Neymar oder Cristiano Ronaldo würde über Nacht einen Marktwert von rund einer viertel Milliarde Euro vernichten.“ Dies wird nicht passieren. Punkt. Das System gewinnt immer.

Um die Sportler geht es schon lange nicht mehr

Zurück zu den armen, vernachlässigten Schwestern des Fußball, den Olympischen Sportarten: Um die, die es bei Olympia eigentlich gehen sollte, die Sportler, geht es schon lange nicht mehr. Sie sind die kleinsten Rädchen in der Kommerzmaschine des IOC. Diesen Stellenwert haben sie nicht verdient. Die meisten von ihnen, ob Leichtathleten, Schwimmer, Radsportler, Triathleten oder Sportschützen leben nach wie vor im Vier-Jahres-Zyklus. Sie richten ihr Leben nach Olympia aus, geben ihre Aufenthaltsorte für die Dopingkontrolleure bis zu ein Vierteljahr im Voraus an und trainieren bis zu acht Stunden am Tag. 

Viele junge Athleten können alleine von ihrem Sport nicht leben. Sie sind auf die Förderung ihrer Familien, Freunden und Sponsoren angewiesen. Die Deutsche Sporthilfe fördert mit ihrem Etat von 10 bis 12,5 Millionen Euro bis zu 3800 deutsche Sportler im Jahr. Viele bezahlen davon ihre Miete, das Benzingeld zur Trainingsstätte oder das ein oder andere Trainingslager. Zu mehr reicht es nicht. Zum Vergleich: Christiano Ronaldos Jahresgehalt lag 2016 bei 77,2 Millionen Euro.

Das neue Leistungssportkonzept ist eine Farce

Das neue Leistungssportkonzept des Bundesinnenministeriums wird an dieser Konstellation wenig ändern. Es belohnt die ohnehin schon erfolgreichen Sportverbände und gibt eine eindeutige Richtung vor: Mehr Medaillen bei Olympia – um jeden Preis. Das Budget wird noch strenger nach Leistung aufgeteilt. Keine Erfolge, keine Förderung.

Bei all dem Schrecken hat das Sportjahr 2016 aber auch Gutes hervorgebracht: Mehr Transparenz im Sport. Ohne die Recherchen von Journalisten, dem mutigen Einsatz von Whistleblowern wie Julia Stepanowa und anderen, hätte es die Enttarnung des Systems „Organisierter Sport“ nicht gegeben. Die schmutzigen Geschäfte und Missstände im Sport sind zum öffentlichen Thema geworden. Das ist das Positive am Sportjahr 2016. 

Das Sportjahr 2017 kann nur besser werden

Es wird selbstverständlich trotzdem weiter gedopt und Schmiergeld für Großveranstaltungen gezahlt. Die großen Sportorganisationen und Verteilungsschlüssel bleiben stark reformbedürftig. Und doch dürften es zukünftige Betrüger nicht mehr so leicht haben wie in den vergangenen Jahren. Das Sportjahr 2017 könnte alleine aus diesem Grund schon besser werden als das von 2016. Der Glaube daran ist ein zartes Pflänzchen.

 
 

Quelle: 

Redaktion RennRad (Daniel Götz, David Binnig)

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