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Ganz heimlich nimmt die breite Straße ganz allmählich bereits kurz nach dem Ortsausgang Meiringen an Steigungsprozenten zu, und ehe ich es richtig realisiert habe, stecke ich nach knapp sechs Kilometern am Fuß des ersten Alpen-Monsters. 26 Kilometer entfernt wartet in 2164 Metern Höhe bereits sehnsüchtig der Grimsel auf die Wagemutigen. Das Feld sortiert sich, die ersten größeren Gruppen reißen schon zu diesem frühen Zeitpunkt des »Rennens« wie zäher Brei auseinander.
»Michael, du bist ein wenig arg weit vorne«, stelle ich leicht erschrocken fest, als ich den ersten langen Anstieg unter den Top-Ten nach oben rausche und mein Puls in Richtung 170 Schläge klettert. Klarer Fall, ich bin zu schnell unterwegs für diese Mammutaufgabe. Hin- und hergerissen zwischen dem euphorischen Gefühl hier vorne mit dabei zu sein und dem Wissen, dass ich, wenn ich so weiterfahre, früher oder später sowieso abgehängt werde, entscheide ich mich nach rund vier Kilometern Hatz gen Gipfel, das Tempo zu reduzieren.
Klack, ich schalte einen Gang leichter, schwenke meinem Hintermann nach vorne und lasse abreißen. Sofort schieben sich drei, vier, fünf Fahrer an mir vorbei und dann, dann bin ich alleine. Langsam, aber erbarmungslos schleicht die Führungsgruppe davon, während sich mein Puls so weit entspannt, dass ich wieder durch die Nase atmen kann. »Bye-bye«, denke ich ein wenig wehmütig.
Für mich und die allermeisten geht es beim Alpenbrevet darum, die Aufgabe zu meistern, und nicht darum, vor Mitstreitern im Ziel zu sein. Angesichts der bevorstehenden Strapazen ist es so grundsätzlich ratsam, auf seinen Körper zu hören, eventuell sogar mit Pulsmesser zu fahren, um sich nicht vom Rennfeeling verführen zu lassen. Wer beim Alpenbrevet zu früh in die Vollen geht, der geht am Ende unter.
Eine tiefschwarze Färbung wirkt bedrohlich apokalyptisch 34/21, der Puls hat sich beruhigt, die Vegetation ist verschwunden, ich kurbele nach rund einer Stunde Alpenbrevet gemeinsam in einer kleinen Gruppe flüssig gen Gipfel.
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