Reise

Wein, Berge - Weinberge

09.03.2017

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Wein, Berge - Weinberge

Pässe, warmes Klima, italienisches Flair – die Südtiroler Weinstraße ist ein Traum für Rennradfahrer. 

 

Die Straße ist so schmal, dass maximal zwei Radfahrer nebeneinander passen würden. Nur treffe ich keine anderen Radfahrer. Ich bin allein, in diesem dunklen Fichtenwald, auf diesem vielleicht zwei Meter schmalen Asphaltband. Kein Handyempfang, kein Haus. Durch die dichte Walddecke dringt kaum Licht. 16 Kilometer ist dieser Pass lang. Dies ist die „einfache“ Seite, die mit nur 1200 Höhenmetern. Der Pass ist eine Legende.
Am Passo Manghen zerlegte Marco Pantani beim Giro d’Italia 1999 seine Konkurrenten. Danach wurde er des Dopings überführt. 2050 Meter ist der Übergang zwischen dem Val di Fiemme und dem Val Sugana hoch – und rau und weit und leer. Keine Menschen, keine Autos, nur Wald, Wiesen, Felsen, Natur.

An den Straßenrändern liegt noch Schnee. Es ist Mitte Mai. Im Tal schien noch die Sonne, bei 20 Grad. Jetzt ist der Himmel grau. Ich friere. Ich fahre aus der Dunkelheit des Waldes auf eine offene Fläche und kann sehen, was noch kommt. Ein paar Serpentinen, konstante Steigungsgrade weit über zehn Prozent, Felsen, graugrünes Gras. 15 Minuten später bin ich am Gipfel. Ein Haus, ein kleiner Teich, ein Passschild.

Das Beste aus zwei Welten

Dies hier ist eine völlig andere Welt. Zwischen ihr und der warmen, flachen, zivilisierten Welt liegen nur 45 Kilometer. So weit ist es von Kurtinig bis zum höchsten Punkt des Passo Manghen. Kurtinig ist ein kleines Örtchen an der Südtiroler Weinstraße. Es ist der Ausgangspunkt meiner Touren. Die Region zwischen Bozen und dem Gardasee hat vor allem eines, das für Rennradfahrer entscheidend ist: Auswahl. Die Möglichkeiten sind grenzenlos. Man kann ins Hochgebirge, kurze Berge oder völlig flach fahren, in mildem Klima, durch Weinberge oder an Seen entlang. Die Großstadt Bozen ist nicht weit, der Gardasee auch nicht. Auch nach Trento sind es keine 40 Kilometer. Durch das ganze Etschtal zieht sich ein gut ausgebauter und auch gut beschilderter Radweg. Der kürzeste Weg vom Tal zu möglichst vielen Höhenmetern führt über den Passo San Lugano. Die Straße „hängt“ quasi an einem der Steilhänge, die das Tal begrenzen. Die Straße ist recht breit, hier fahren auch LKW, doch es gibt noch einen anderen Weg, der zwar länger dauert und 200 Höhenmeter mehr als Tribut fordert, doch die Schönheit der Landschaft und die Leere des Sträßchens entschädigt für alles. Über das Dorf Truden kommt man kurz vor San Lugano wieder auf die Hauptstraße. Es folgt eine kurze Abfahrt. Ab dort wird der Verkehr dann wieder weniger. Ab hier bieten sich etliche Optionen – zum Höhenmetersammeln. Das Reiterjoch, die Seiser Alm, das Jochgrimm, der Nigerpass. Ab hier kann man ins Herz der Dolomiten vorstoßen, zu den Klassikern unter den Pässen, Sella, Giau, Valparola und all den anderen. Wer Mehrtagestou- ren machen beziehungsweise das Hotel wechseln möchte, kann zum Beispiel nach Badia, Corvara oder Cortina d‘Ampezzo fahren. So wie ich in diesem August - konkret durch das Val du Cembra, über den Pordoi und den Falzaregno – im Rahmen einer neuntägigen Alpentour. Der ausführliche Bericht dazu wird im Frühjahr 2017 in der RennRad erscheinen.

Mehr als Auswahl

Doch von Kurtinig aus sind auch in den anderen Richtungen traumhafte Runden möglich. Harte, lange, steile, flachere Berge etwa. Wirklich schön und nicht zu schwierig ist zum Beispiel der Mendelpass. Bis zu seinem Fuß sind es nur rund zehn Kilometer. Ab der Hälfte des rund zwölf Kilometer langen Anstiegs bieten sich traumhafte Ausblicke über das Tal. Einige Serpentinen sorgen für Abwechslung. Oben ist dann Zeit für eine Cappuccinopause in einem der Restaurants auf der Passhöhe. Die Abfahrt nach Fondo ist schnell und lang und technisch sehr einfach. Zeit um zu entspannen. Auch hier hat man wieder die Qual der Wahl. Ich fahre an meinem zweiten Tag in Südtirol nach dem Mendelpass noch den 1250 Meter hohen Predaia. 12 Kilometer, 700 Höhenmeter. Der Anstieg ist ein einfacher, ein Rollerberg. Die Straße führt durch drei kleine Dörfer, dann durch den Wald. Wieder: Keine Autos, fast keine Menschen, kurz vor der Passhöhe kommen mir dann doch noch zwei Rennradfahrer entgegen. Oben: ein geschlossenes Restaurant, sonst nichts. Abfahrt. Der Predaia ist somit wieder ein kleiner Schritt für mich, hin zum Wiederaufbau meines Selbstwertgefühls. Am Tag zuvor war es ins Wanken geraten. An beiden Bergen meiner Tour. Ich kam mittags im Hotel an und wollte in relativ kurzer Zeit relativ viele Höhenmeter machen. Also suchte ich zwei Anstiege heraus, die je nur fünf und acht Kilometer von Kurtinig entfernt sind. Keine großen Namen, keine Pässe, die man vom Giro d‘Italia oder anderen Profirennen kennt: der Fennberg – und der Gfrill. Ersterer beginnt bei Kurtatsch, an der Westseite des Tals. Zweiterer liegt an der Ostseite. Doch sie haben vieles gemeinsam: Sie sind böse. Im Sinne von „Berge, die einem nicht optimal trainierten Rennradfahrer den Zahn ziehen und an seiner Form, dem Talent und/ oder Körper- und Radgewicht zweifeln lässt“. Der erste ist 14 Kilometer lang und stellt dem Radfahrer 800 Höhenmeter in den Weg, der andere ist elf Kilometer lang und mit seinen 1100 Höhenmetern extrem. Beide beginnen steil – und bleiben es bis oben.

Genuss

Auf den Fennberg brennt die Sonne. Ich sehe meinen Schweißtropfen beim Fallen zu und blicke nach unten, auf die Kompaktkurbel an meinen Rad. 34 vorne, 30 hinten – Gott sei Dank ist die Bergübersetzung montiert. Doch die beiden Anstiege sind jeden Schweißtropfen wert. Die Landschaft ist wunderschön. Die Ausblicke, die kleinen Dörfer, die kleinen schmalen Wege. Auf dem Weg vom Fennberg zum Hotel komme ich durch ein Dorf, dessen Name mir bekannt vorkommt: Tramin. Das größte Gebäude neben der Kirche sieht aus wie ein grünes Ufo. Hier residiert die Winzergenossenschaft. Tramin ist die Heimat des Gewürztraminers. Der Wein ist hier – wie überall in diesem Tal – allgegenwärtig. Rebstöcke überall, ein warmer starker Wind weht Richtung Berge. Die Straßen um die restaurierten Dorfplätze sind gepflastert. Abends dann: drei Gänge, Pasta, Fleisch oder Fisch, Dessert, Gelato, Espresso. Ein Traum. // 

 

Touren

Tour1: Der Manghenpass – 152 Kilometer, 2600 Höhenmeter

Tour2: Mendelpass und Ultental – 161 Kilometer, 2500 Höhenmeter

 

Die Region

Die Südtiroler Weinstraße liegt zwischen Bozen und dem Gardasee. Von München aus dauert die Fahrt, die über den Brenner führt, rund 3,5 Stunden.

Kurtinig ist ein kleines Winzerdorf rund 25 Kilometer südlich von Bozen. Das Hotel Teutschhaus bildet das Dorfzentrum. Als Roadbike-Holidays-Hotel bietet es einen videoüberwachten Radraum, Tourenkarten und -Ideen sowie ein auf Sportler ausgelegtes Frühstücksbüffet. Zudem punktet das Hotel mit einem großen Außenpool, Spa, Garten und Boulebahn.

Mehr Informationen: www.roadbike-holidays.com

www.teutschhaus.it
Sankt Martinsplatz 7
39040 Kurtinig an der Weinstraße

In Tramin kann das Bikehotel Arndt Ausgangspunkt für Touren sein. Der Besitzer Arno ist selbst ambitionierter Rennradfahrer und Triathlet und kennt sämtliche Nebenstraßen und Schleichwege. Neben einem Radraum und Infomaterial überzeugen vor allem der gemütliche Garten, der Pool und das hervorragende Essen.

www.hotelarndt.it Weinstraße 42 39040 Tramin

Mehr zur Region: www.tramin.com/bike www.suedtiroler-unterland.it/bike 

 

Quelle: 

Autor: David Binnig; Bilder: Lynn Ellenberger

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