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Kommentar: Stadtverkehr - Die Politik ist gefordert

14.06.2017
Radfahren in der Stadt: Gefährlich wie nie

Radfahrer haben keine Lobby

Die Politik übertrifft sich mit Ankündigungen zu "Verkehrskonzepten der Zukunft". In der Realität spürt man davon wenig. Radfahren in der Stadt ist so gefährlich wie nie.

Wer als Mensch, der den Radsport als Hobby hat, öfter auf einem muskelbetriebenen Zweirad in einer mittel bis sehr großen deutschen Stadt unterwegs ist, der hat mit leider hoher Wahrscheinlichkeit schon erlebt, was niemand erleben will: Angst um sein Leben. Politiker aller Parteien übertreffen sich mit Ankündigungen und Bekenntnissen zu „Verkehrskonzepten der Zukunft“. Es gibt wohl keinen gewählten oder durch die übliche Hinterzimmerklüngelei in Machtpositionen aufgestiegenen Anzug- oder Hosenanzugträger, der nicht eine Stärkung und Förderung des Radverkehrs in Städten „fordern“ würde. Nur umgesetzt werden diese hochtrabenden Pläne nicht. Als sportiver Radfahrer, der wie ich jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit pendelt, fühlt man sich mit der Zeit immer mehr als Paria – als Ausgestoßener.

Jedes Auto weniger ist gut

Beispiel: München. Dort gaben die Lokalpolitiker 2010 das Ziel aus, München zur „Radlhauptstadt“ machen zu wollen. Allein für die PR-Kampagnen der ersten beiden Jahre wurden fast zwei Millionen Euro ausgegeben. Der wichtigste Grund, um den innerstädtischen und vor allem den Pendel-Verkehr per Fahrrad zu fördern, betrifft alle Großstädte und liegt auf der Hand: Jedes Auto weniger auf den Straßen ist eine Entlastung – für die Stadt, für deren Haushalt, für die Umwelt. Die Innenstädte sind chronisch verstopft, die volkswirtschaftlichen Kosten dieser Staus betragen Milliarden von Euro. Ergo sollte man denken, dass diejenigen, die diese Verkehrssituation (mit) zu verantworten haben, alles dafür tun würden, um diese Lage zu verbessern. Vor allem indem sie die Rad-Infrastruktur verbessern. Dies geschieht zwar – aber in viel zu geringem Umfang. Die potentielle Entlastung für die Krankenkassen - Stichwort „Herz-Kreislauferkrankungen“ ‒ sollten eigentlich ein weiterer Ansporn für die Politik sein.

Ein Radweg, der in die Irre führt

Die „Haupt-Rad-Verkehrsader“ durch München ist der Isarradweg. Lassen Sie sich von dem Namen nicht täuschen: Er führt in die Irre. Denn dies ist kein Radweg, sondern ein teilweise keine zwei Meter breiter Pfad, auf dem zu großen Teilen Fußgänger, Jogger, Nordic Walker und viele viele Hunde unterwegs sind. Gerade im Sommer gilt für diesen „Radweg“, was auch für sehr viele andere in der Stadt gilt: Zum Pendeln ist er gänzlich ungeeignet. Die Radfahrer stauen sich, bei Gegenverkehr ist jegliches Überholen unmöglich – und dazwischen sind noch Fußgänger und Tiere unterwegs. Diese Situation steht symbolisch für die in vielen anderen Städten.

2014 kamen in Deutschland fast 400 Radfahrer bei Verkehrsunfällen ums Leben. Mehr als die Hälfte, 58 Prozent, dieser Unfälle geschahen innerorts. Zudem gilt für innerstädtische Unfälle, in die Radfahrer verwickelt sind, fast immer: Der Radler bekommt vor Gericht eine Teilschuld. Zumindest wenn ein Fußgänger mit involviert ist. Bei einem Fall vor dem Oberlandesgericht Bamberg ging es um einen Unfall zwischen einer Fußgängerin, die durch ihren freilaufenden Hund abgelenkt war und plötzlich einen Schritt auf den Radweg gemacht hatte, was zu einem Crash führte, durch den sie und ein Radfahrer schwer verletzt wurden.

Das Urteil

Dem Radfahrer wurden 80 Prozent der Schuld zugesprochen. Er musste der Frau 6000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Und die Pointe dabei: Der Radfahrer fuhr 15 km/h. Wer sportlich unterwegs ist beziehungsweise zur Arbeit pendelt, kann demnach bei jeder Art Unfall, in die er verwickelt ist, damit rechnen, am Ende der Schuldige zu sein. Dieses Urteil ist ein Symbol – es zeigt den niedrigen Stellenwert, den Radfahrer in der heutigen Stadtplanung, Politik und Justiz leider immer noch einnehmen. Trotz all der schönen Worte und Pläne. Schöne „neue“ Welt

Quelle: 

Text: David Binnig

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