Test & Technik

Business-Bekleidung für Rennradfahrer

08.03.2016
Die Gründer von Aesparel: Marco Hantel, Dina Stoecker, Axel Brunn (v.l.)

Perfekte Passform

Große Oberschenkel, schmaler Oberkörper: Rennradfahrer haben einen ganz speziellen Körperbau und können dadurch Probleme bekommen - zum Beispiel bei der Wahl der passenden Business-Bekleidung. Dieser Schwierigkeit hat sich das Startup-Unternehmen Aesparel angenommen. Wir haben uns mit Marco Hantel, einem der Gründer des Unternehmens, zum Interview getroffen.

 

Herr Hantel, wie sind sie auf die Idee von Aesparel gekommen?
Auf die Idee für Aesparel bin ich zusammen mit meinem alten Schulfreund Axel Brunn gekommen. Als Unternehmensberater und langjähriger Powerlifter hatte er schon immer Probleme, passende Kleidung für seinen Job zu finden. Auch ich als Rennradfahrer habe mich schon oft über schlecht sitzende und unflexible Jeans geärgert – jeder kennt diesen kurzen Moment der Angst, dass die Jeans reißt, wenn man beim Aufsteigen auf das Rad das Bein über den Rahmen schwingt. Eines Tages erzählte er mir, dass er beim Jeans und Hemden kaufen in die Übergrößenabteilung verwiesen wurde - eine amüsante Vorstellung, wenn man seine Trainingsform kennt. Als wir uns beim Training mit einigen Freunden über diese lustige Geschichte unterhielten, fiel uns auf, dass viele Sportler dieselben Probleme beim Kaufen von Alltagskleidung teilen: Schlechte Passform, geringe Bewegungsfreiheit, fehlende Funktionalität. An diesem Tag beschlossen wir, diese Probleme im Namen aller Sportler anzupacken. Meine Leidenschaft für Mode, Axels Unternehmergeist und unsere gemeinsame Passion für Sport haben uns so dazu ermutigt, die Marke Aesparel (Anm. d. Red.: Aesthetic Apparel) zu gründen.

Welche anatomischen Unterschiede gibt es genau bei einem Radfahrer und einem Normalbürger?
Viele Radsportler - ob engagierter Freizeitsportler oder Profi - haben eine ausgeprägtere Beinmuskulatur als Nicht-Sportler. Klar, das extremste Beispiel sind Bahnradfahrer, die mit ihren Oberschenkeln sogar Kraftsportler in den Schatten stellen. Doch man muss kein Bahnradprofi werden, um über eine spürbar und auch sichtbar leistungsfähigere Bein- und Rumpfmuskulatur zu verfügen. Der Körper eines jeden ambitionierten Rennradfahrers passt sich der regelmäßigen Belastungen an. Was physiologisch sinnvoll und wünschenswert ist, kann im Alltag schnell zum Problem werden, da es mit trainierter Beinmuskulatur schwierig bis unmöglich wird, eine passende Jeans zu finden, die an der Hüfte sitzt und an Po und Oberschenkeln genug Platz bietet.

Es gibt auch bei Radfahrern große Unterschiede im Körperbau – zum Beispiel bei Sprintern oder Bergfahrern. Welche Individualisierungsmöglichkeiten hat man bei einer Hose von Aesperal?
Wir haben bei unseren Outfits größten Wert auf Innovation und Funktionalität gelegt. Dies spiegelt sich sowohl in der Passform als auch in den verwendeten Materialen wider. Für unsere Jeans haben wir eine sportliche Passform, den „Athletic-Fit“ entwickelt, der speziell auf die anatomischen Profile männlicher und weiblicher Sportler angepasst ist. Das wichtigste Merkmal ist ein weiterer Oberschenkelschnitt bei gleicher Hüftbreite, um der Problematik "zu großer Oberschenkel zu schmale Hüfte" zu begegnen. Dazu kommt eine anatomisch optimierte Schnittführung. So ist etwa der hintere Hüftbereich und Schritt leicht erhöht, um sicherzustellen dass die Jeans perfekt sitzt, bei jeder Bewegung. Bei der Stoffauswahl sind wir differenziert vorgegangen: Bei Männern kommt ein neuartiger Toughmax-Denim zum Einsatz, der mehr als doppelt so reißfest wie ein herkömmlicher Baumwoll-Denim ist. Gleichzeitig bietet der Stoff einen hohen Stretchanteil, der eine super Bewegungsfreiheit ermöglicht. Bei den Damenjeans nutzen wir hingegen einen Powerstretch-Denim, der durch eine noch größere Stretchfähigkeit und einen „Support“-Effekt besticht, der die sportliche Figur noch besser zur Geltung kommen lässt. Alle Jeans verfügen zudem über eine Lotus-Effekt-Ausstattung: Die Oberfläche ist dank Nano-Beschichtung Schmutz- und Wasserabweisend.

Gibt es bei den Oberteilen ähnliche viele Optionen?
Bei unseren Hemden und Blusen sind wir sogar noch einen Schritt weiter gegangen: Unsere Hemden und Blusen haben eine ganz neue und individuelle Größeneinteilung. Normale Hemden werden nach Halsumfang bemessen. Bei uns hingegen bilden das Brust-  und das Taillenmaß zwei unabhängige Referenzgrößen. Dieses Modell erlaubt es, unabhängig von der Anatomie des Oberkörpers immer eine perfekte Passform zu finden, da Brust- und Taillenmaß unabhängig voneinander ausgewählt werden können. So kann ein „drahtiger“ Typ z.B. die Größenkombination „M/S“ (Brust: Medium, Taille. Small) bevorzugen, während ein trainierter Kraftsportler mit schmaler Taille die Kombination „XL/S“ und einen generell kräftiger Typ die Kombination „XL/L“ als perfekte Wahl ansieht. Auch unsere Stoffe sind etwas besonderes. Die Hemden- und Blusenstoffe beziehen wir aus einer Weberei in der Schweiz. Das Besondere: Durch eine neue Webtechnologie erhält der Stoff Stretchfähigkeit, obwohl er aus 100 Prozent Baumwolle besteht – auf jegliche künstliche Faser wie Elastan wird verzichtet. So erhöht sich der Tragekomfort.

Was waren die technischen Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Kollektion?
Die größte Herausforderung war die Ausarbeitung der athletischen Schnitte sowie der modularen Größentabelle, da wir sehr viele Sportler vermessen mussten, um aussagekräftige Werte zu erhalten. Wir haben versucht, auf jede Disziplin Rücksicht zu nehmen, vom Rennradfahrer über den Handballer bis zum Bodybuilder war also alles dabei. Insgesamt haben wir mehr als 100 Hobby- und Profiathleten vermessen. Eine weitere große Hürde war die Identifikation von Materialien, die unseren hohen Ansprüchen an Ästhetik und Funktionalität gerecht wurden – fündig geworden sind wir bei den „Hidden-Champions“ der Branche, Innovationsführer die jedoch aufgrund ihrer speziellen Ausrichtung wenig bekannt sind. Auch die Suche nach geeigneten Produzenten erwies sich als extrem schwierig, da wir einen hohen Wert auf die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards legen. Wir sind stolz darauf sagen zu können, dass all unsere Lieferanten hohen sozialen und ökologischen Standards genügen und dies durch Zertifizierungen wie den OEKO-TEX Standard 100” und „bluesign“ belegen können.

Warum haben Sie sich für ein Crowdfunding via Kickstarter entschieden?
Das Konzept des Crowdfundings hat uns fasziniert, seit wir das erste Mal davon aus den USA gehört haben – es erschien uns ideal für unser Vorhaben. Beim Crowdfunding geht es darum, das Start-ups ihre Projektideen durch eine kleine Homepage und ein Konzeptvideo präsentieren und versuchen, eine große Community um ihre Projektidee herum aufzubauen, die das Team dann bei der Realisierung durch Feedback und Diskussionen, aber auch durch Vorbestellungen unterstützt. Wir haben uns für die Crowdfunding- Plattform „Kickstarter“ entschieden, die größte Plattform dieser Art. Durch die Kickstarter-Kampagne erhoffen wir uns zwei Effekte: Durch das Sammeln von Vorbestellungen können wir das notwendige Kapital beschaffen, um unsere erste industrielle Großserie der Jeans, Hemden und Blusen produzieren zu lassen. Aufgrund von Mindestbestellmengen bei Stoffen ist hierzu eine hohe Stückzahl erforderlich, die wir mithilfe der vielen Unterstützer erreichen möchten. Gleichzeitig stellt Kickstarter einen hervorragenden Marketingkanal dar, da unsere potenziellen Kunden direkt mit uns interagieren und uns so besser kennenlernen können.

Wie lange dauert es von der Bestellung, bis ich mein Aesparel-Bekleidungsstück in den Händen halten kann?
Wie bei allen Crowdfunding-Projekten geht es auch bei uns darum, ein neues Produkt und ein neues Unternehmen auf den Markt zu bringen. Durch Vorbestellungen erhalten wir die hierzu nötige Vorfinanzierung. Im Gegenzug erhalten unsere Unterstützer besonders günstige Preise und natürlich das gute Gefühl, uns Gründern mit unserem Start-Up auf die Beine zu helfen. Wenn die Kickstarterkampagne ein Erfolg wird, können wir ein Lieferdatum Ende Mai garantieren.

Angenommen, ich bestelle mir eine Jeans und sie passt mir doch nicht. Kann ich sie dann einfach zurück schicken?
Kleidung über das Internet zu kaufen ist oftmals eine schwierige Angelegenheit. Auch wir haben privat schon häufig bei der Größenwahl danebengegriffen und waren dann enttäuscht, als die Ware bei uns ankam. Um diesem Problem zu begegnen, haben wir uns mit einem Schweizer Kooperationspartner zusammengetan. Das Unternehmen „Fision-Technologies“ hat eine Software entwickelt, mit der es möglich ist, seine Größe ganz einfach per Laptop-Kamera in drei Schritten ermitteln zu lassen: Ein Foto von vorne, eins von der Seite und eins vom Hintergrund - fertig! Wir haben die Software selbst getestet und sind  erstaunt, wie präzise sie funktioniert! Falls es trotzdem mal nicht passen sollte, tauschen wir die Kleidung selbstverständlich gerne gegen die passende Größe um.

Das Video zur Geschichte von Aesparel gibt es hier.

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