Test & Technik

Leistungsmesser: Mehr Daten, mehr Power?

09.06.2015

Mehr als 25 Jahre ist es mittlerweile her, dass Pionier SRM mit dem ersten Leistungsmesser die Radsportbühne betrat. Bei den Radprofis sind Powermeter heute Standard – und auch bei Radmarathons und Jedermannrennen sieht man sie immer häufiger an den Rädern. Doch was genau bringt die Wattmessung? Die plakativen Phrasen wie „Herzfrequenz war gestern – Leistungsmesser sind die Zukunft“, sind eher Marketing als sportwissenschaftliche Realität. Fakt ist, dass man mit einem Powermeter viele nützliche Informationen sammeln kann. Doch es gibt, neben dem Preis, einen großen Haken: Man muss diese Daten auch auswerten und die richtigen Schlüsse für das eigene Training daraus ziehen können.


Die Technik


Ein Powermeter kann mehr als nur „die Leistung“ messen. Die Technik dahinter ist in der Regel kompliziert. Je nach Hersteller ist die Messtechnik an unterschiedlichen Orten verbaut. Der Kurbelarm und der Kurbelstern sind dabei die am weitest verbreiteten Stellen zum Erfassen der Leistung. Auch in der Nabe des Hinterrades und im Bereich der Pedale werden von verschiedenen Herstellern Messsysteme integriert. So genannte „Dehnmessstreifen“ erfassen dabei in fast allen Fällen die Verformung des Materials und wandeln diese in elektronische Signale um. Die Leistung wird dabei aus diesen Signalen errechnet. Derzeit sind zehn Hersteller auf dem Powermetermarkt vertreten. Die Preise pro Gerät liegen zwischen rund 550 und 3000 Euro.  
Wichtig für die Kaufentscheidung sollte auch die Frage sein, wie man an die Daten der Trainingseinheiten kommt und welche Auswertungsoptionen der neue Leistungsmesser bietet. Wer mit einem Trainer arbeitet, sollte darauf achten, dass die Daten in eine Trainingsplattform wie atleta.de oder trainingspeaks eingespielt werden können. Am einfachsten geht das aktuell mit Garmin und dem neuen SRM, denn diese Generation der Radcomputer kommuniziert per Bluetooth mit dem Smartphone. Andere Geräte werden zumeist mit einem Kabel geliefert oder kommunizieren mit den eigenen Plattformen per Smartphone-App. Für Einsteiger und unerfahrene Athleten sollte auch die Auswertung und das Arbeiten mit den Daten ein wichtiger Baustein bei der Kaufentscheidung sein.


Kostenlose Hilfe


Im ersten Schritt sind die Angebote der Hersteller in jedem Fall ausreichend. Im Internet sind jedoch auch Profitools erhältlich, die dabei helfen, das Training auszuwerten und die Daten zu interpretieren. Erwähnt sei an dieser Stelle insbesondere das Programm „Golden Cheetah“, das sowohl für Windows als auch für das OS X von Apple kostenlos aus dem Netz geladen werden kann.
Und wie steht es um die andere, „althergebrachte“ Methode der Trainingssteuerung? Der Messung der Herzfrequenz? Immer wieder ist zu lesen, dass die Möglichkeit, die Leistung zu messen „besser“ und das „herzfrequenzgesteuerte“ Training veraltet und ungenau sei. Auf den ersten Blick erscheint dies richtig: Wenn Sie etwa ein lockeres Grundlagentraining auf dem Rad absolvieren, wird Ihre Herzfrequenz bei gleichbleibender Leistung geringer werden. Der Grund für dieses Phänomen ist die einsetzende Ermüdung. Dieser so genannte Puls-Drift oder Herzfrequenz-Shift wurde als Argument gegen die Trainingssteuerung per Herzfrequenz angeführt. 180 Watt seien dagegen auch nach fünf Stunden noch 180 Watt. Allerdings werden hier zwei komplett unterschiedliche Aspekte verglichen.  Im Kern kann, je nach Zielstellung, beides sinnvoll eingesetzt werden: Trainingseinheiten, bei denen man bewusst nach der Leistung trainiert und solche, bei denen die Herzfrequenz den Steuerparameter darstellt. Es ist falsch zu denken, dass man als Nutzer eines Powermeters einfach die Herzfrequenz durch Wattzahlen ersetzt. Tatsächlich kann die Leistung die direkte Aktion des Körpers abbilden, während die Herzfrequenz eher die Reaktion des Körpers auf die Belastung darstellt. Das wiederum ist ihr Vorteil: Sie kann auch ermüdungsbedingte Prozesse abbilden.


Besseres Training?


Wenn es um intensives und hochintensives Training geht, haben Powermeter klare Vorteile: Mit ihnen lassen sich Intervall- und „Sweet-Spot“-Einheiten effektiv steuern. Die Herzfrequenz ist dafür nur ungenügend geeignet, da sie immer etwas zeitverzögert reagiert. Wenn Sie ein fünfminütiges Intervall im Entwicklungsbereich (EB) fahren wollen, kann es sein, dass Sie die Zielbereiche über die Herzfrequenz erst erreichen, nachdem Sie schon eine Minute im Intervall fahren.
Ein Leistungsmesser zeigt hingegen unmittelbar an, wenn die Belastung steigt. Dennoch kann die Herzfrequenz wertvolle Informationen über die Beanspruchung des Körpers und über die Ermüdung liefern.
Während des Trainings zeigen die meisten Leistungsmesser viele weitere nützliche Informationen an. Die pedalbasierten Systeme von Polar und Garmin und auch die Infocrank von Verve geben unmittelbar Rückmeldung zur Verteilung der Leistung zwischen dem rechten und dem linken Bein. Ungleichmäßiges Treten wird so unmittelbar auf dem Display sichtbar.
Auch viele Rechenwerte der Leistung lassen sich mit modernen Radcomputern anzeigen. Der Computer von Garmin und der Navi2Coach von Osynce sind etwa Ant+ kompatibel und zeigen die Durchschnittsleistung über drei, zehn oder 30 Sekunden an. Auch zur Formüberprüfung kann der Leistungsmesser genutzt werden: In Zeitfahren, in denen man über eine bestimmte Zeit die maximale Leistung tritt, lässt sich direkt überprüfen, ob man in der Lage ist, seine Leistung zu halten.


Die Daten interpretieren


Den größten Wert bietet ein Leistungsmesser nach den Trainingsausfahrten. Die Möglichkeiten sind so vielfältig, dass man anfangs fast sicher überfordert ist. Je nachdem, ob Sie mit einem Trainer arbeiten oder nicht, müssen Sie sich an das Thema „Auswerten der Daten“ heranwagen. Ein Einstieg: Zu den wichtigsten Parametern, die aus der Leistung berechnet werden können, gehört die „Normalisierte Leistung“. Dieser Wert fasst die Messwerte der Trainingseinheit zusammen und glättet sie. Im Gegensatz zur Durchschnittsleistung werden bei der Normalisierten Leistung jedoch die Intervalle gewichtet und in den Kontext der Trainingseinheit gesetzt. Wenn Sie beispielsweise viele harte kurze Intervalle fahren, kann durch die „Pausen“ die Durchschnittsleistung sehr stark abfallen. Die „Normalisierte Leistung“ spiegelt dagegen die tatsächliche Intensität der Trainingseinheit besser wider. Ein weiterer interessanter Wert für die Auswertung des Trainings ist der „Intensitätsfaktor“. Bei diesem Wert wird die eben beschriebene Normalisierte Leistung in ein Verhältnis zur „Funktionellen Leistungsschwelle“ gebracht. Dies ist die maximale Leistung, die Sie über 60 Minuten treten können. So kann man über das Grundlagentraining ermitteln, wie sich die Leistungsfähigkeit verändert. Wenn Sie im Frühjahr bei einer längeren Ausfahrt 180 Watt fahren und Ihre Funktionsleistungsschwelle bei 250 Watt liegt, liegt Ihr Intensitätsfaktor ungefähr bei 0,72. Wenn Sie bei derselben Fahrt im Sommer dann eine höhere Funktionsleistungsschwelle erreicht haben, sinkt Ihr Intensitätsfaktor.


Das Fazit


Ein Leistungsmesser kann seinen wahren Wert nur entfalten, wenn man weiß, wie man ihn einsetzt und wie man seine Daten auswertet. Sonst bleiben die Geräte nur Datensammler ohne Mehrwert.
Potenzial bieten sie vor allem dann, wenn man die Informationen in die Arbeit mit einem Trainer oder in die persönliche Planung einfließen lassen kann.

 

 

Der Autor

Dennis Sandig ist Sportwissenschaftler und arbeitet am iQ athletik Institut zur Trainingsoptimierung für Sport und Gesundheit. Er ist Trainer des Teams Stuttgart und von Profis wie Björn Thurau und Ralf Matzka ( beide Team Bora Argon 18).

Infos zum Autor: www.iq-athletik.de

Quelle: 

Foto: Dennis Sandig

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