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Paul Seixas: das französische Top-Talent im Portrait

Tadej Pogačars Nachfolger?

Paul Seixas: das französische Top-Talent im Portrait

Der Franzose Paul Seixas ist erst 18 Jahre alt – und bereits ein besonderer Fahrer. Sein Weg in den Profi-Radsport, erste Erfolge und Ziele für die Zukunft.
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Fast 80 Kilometer vor dem Ziel passiert, was jeder zuvor schon wusste: Tadej Pogačar attackiert – und nur ein Fahrer hält dagegen. Ein 19-jähriger Teenager. Paul Seixas muss erst einige andere Fahrer überholen, dann hält er den Abstand zu dem aktuellen „Überfahrer“ für eine Weile konstant. Er holt ihn zwar nicht mehr ein, aber er bricht auch nicht ein. Im Gegenteil.

Er ist der zweitbeste Fahrer in einem Weltklasse-Starterfeld. Für etliche Kilometer „klebt“ Pogačars Teamkollege Isaac del Toro an seinem Hinterrad. Der Franzose fährt einfach weiter, bergauf, bergab, und wird am Ende Zweiter des Klassikers über die weißen Schotterstraßen der Toskana, Strade Bianche.

Paul Seixas: Top-Talent & Watt-Werte

Spätestens seit dieser Fahrt ist klar: Er ist mehr als ein Supertalent – er ist das kommende „Monster“ des Radsports. „Ich glaube, er ist der Auserwählte. Er wird der Fahrer sein, auf den Frankreich gewartet hat, um die Tour zu gewinnen“, sagte Marc Madiot, der Groupama-FDJ-Teamchef in einem RMC-Interview. Im Hinblick auf den französischen Radsport gelte demnach: „Seixas ist in diesem Sinne der Messias.“

„Ich habe versucht, ihm zu Beginn zu folgen, als er in der Abfahrt attackierte, aber UAE hat dort als Team agiert und Del Toro hat mich blockiert“, sagte Seixas nach dem Rennen gegenüber dem französischen Radsport-Portal DirectVelo. „Er wollte mich wirklich nicht vorbeilassen. Ich habe ihn überholt, dann hat er mich wieder überholt und vor mir gebremst. Ich musste die entstandene Lücke schließen und mir fehlten ein paar Meter.“

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Die Analysten des Magazins Velo konstatierten: „Fast an Pogačar dranzubleiben bei einem Rennen, das ihm perfekt liegt, sein größtes Problem zu sein und dann mit 19 Jahren nicht einzubrechen und Zweiter zu werden? Das ist eigentlich völlig verrückt. Aber genau das ist es, was der Radsport braucht. Noch ein ‚Alien‘, endlich ein echter Rivale für Pogačar.“

Pogačar leistete bei seinem Solo über 77,7 Kilometer durchschnittlich 380 Watt – 40 mehr als bei seinen früheren Solofahrten bei diesem Rennen. Seixas mittlere Leistung betrug in dieser Schlussphase 330 Watt – das entspricht rund 5,2 Watt pro Kilogramm Körpergewicht. Seine normalisierte Leistung dürfte, laut Velo, über zwei Stunden bei fast 400 Watt gelegen haben. Im Verlauf der Attacke des Slowenen leistete Seixas am Monte-Sante-Marie-Anstieg für 1:32 Minuten im Mittel 580 Watt. Dies sind schier unglaubliche Leistungsdimensionen für einen 19-Jährigen.

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Paul Seixas: erste Erfolge & Bestzeiten

Seinen ersten Sieg als Profi hatte Seixas in seinem zweiten Saisonrennen 2026 geholt – bei der zweiten Etappe der Volta ao Algarve. Er gewann die Bergankunft nach 147 Kilometern und 2800 Höhenmetern und schlug dabei Weltklassefahrer wie Juan Ayuso, João Almeida, Oscar Onley oder Florian Lipowitz.

Sieg Nummer zwei folgte neun Tage später. Im Verlauf der Faun-Ardèche Classic hängte er mit mehreren Attacken alle anderen Top-Fahrer ab. Den letzten verbliebenen, Matteo Jorgenson, fuhr er mit einem konstanten Tempo bergauf von seinem Hinterrad. Mehr als 40 Kilometer fuhr er danach als Solist. Im Ziel hatte er 1:48 Minuten Vorsprung auf den Zweiten, den Schweizer Jan Christen.

Auf den Plätzen folgten Lenny Martinez, Matteo Jorgenson, Mattias Skjelmose – alles Weltklassefahrer. Paul Seixas attackierte an der 6,9 Kilometer langen und durchschnittlich 7,2 Prozent steilen Côte de Saint-Romain-de-Lerps. Dabei leistete der 19-Jährige inoffiziellen Berechnungen zufolge 7,46 Watt pro Kilogramm Körpergewicht für 16:28 Minuten. Er fuhr den Anstieg 35 Sekunden schneller als im Vorjahr und genauso schnell wie Tadej Pogačar während des EM-Rennens 2025.

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World-Tour-Debüt & Team

Zehn Monate zuvor, Ende April 2025. Zwei Fahrer desselben Teams fahren auf die Ziellinie zu. Rund zehn Kilometer zuvor haben sie zusammen attackiert und sich abgesetzt. Die beiden dominieren die fünfte Etappe der Tour of the Alps. Sie tragen beide die türkis-blauen Trikots der Equipe Decathlon AG2R La Mondiale. Wie oft kommt es vor, dass zwei Teamkollegen alleine zusammen ankommen? Fast nie. Dies ist etwas Besonderes – doch es wird noch mehr. Es wird historisch.

Die Ziellinie. Beide jubeln. Der ältere rollte vor dem jüngeren Teamkollegen über die Linie – und als Revolutionär. Ihr Sportdirektor gab ihnen via Funk die Anweisung, wer gewinnen soll. Doch: Paul Seixas widersetzte sich ihm. Entgegen den Anweisungen überließ er den Sieg seinem Teamkollegen Nicolas Prodhomme. Für Seixas wäre es der erste Sieg als Radprofi gewesen – in seinem 14. Rennen.

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Im Vorjahr fuhr er noch in der Junioren-Klasse. Er war damals erst 18 Jahre alt – und damit zehn Jahre jünger als sein Teamkollege. „Nicolas hatte es verdient“, sagte er im Ziel gegenüber der ‚L‘Équipe‘. „Er hat die ganze Woche so viel für uns gearbeitet. Das Team wollte, dass ich gewinne – aber ich habe gesagt, ‚nein, er verdient es mehr als ich‘. Es ist mir eine riesige Freude, ihm den Sieg zu überlassen. Ich werde mich noch weiter steigern und ganz sicher weitere Chancen bekommen.“

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Anstiege & Zeitfahren

Seixas „schenkte“ seinem Teamkollegen dessen ersten Sieg als Profi. Welcher 18-Jährige denkt und handelt so? Welcher hat eine solche Reife, ein solches Selbstbewusstsein, eine solche Leistungsfähigkeit? Seine Bilanz bei der Tour of the Alps: Dritter, Zweiter, Sechster, 15., Zweiter und Sieger der Punktewertung. Beim folgenden Critérium du Dauphiné, bei dem alle Top-Stars und Tour-de-France-Favoriten am Start waren, fuhr er auf den achten Gesamtrang. Bei dem dortigen Zeitfahren wurde er Zehnter. Er ist damit der jüngste Mensch, der jemals in die Top-Ten eines World-Tour-Zeitfahrens fuhr.

Etwa sechs Monate zuvor, Costa Blanca, Spanien. Der Coll de Rates ist unter Radsportlern einer der bekanntesten und meistbefahrenen Anstiege der Welt. Seine Daten: 6,43 Kilometer, 5,5 Prozent Durchschnittssteigung. Im Dezember 2024 holte sich der Top-Star Tadej Pogačar den „KOM“, ergo die Bestzeit. Fast sein komplettes UAE-Team hatte sich vor ihm aufgereiht. Er vollendete. Seine Zeit: 12:21 Minuten.

Seixas hatte nur wenig Hilfe – und war rund eine Minute langsamer. Doch er leistete, geschätzt, 7,1 Watt pro Kilogramm über 13 Minuten. Im Jahr 2024 gewann er 13 Rennen und wurde U19-Zeitfahr-Weltmeister. Seine „schlechteste“ Gesamtplatzierung bei einer Rundfahrt: Dritter.

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Die Grande Nation sah seit 1985 keinen männlichen französischen Tour-de-France-Sieger mehr. Paul Seixas hat die Anlagen dazu. Er ist ein Berg- und Zeitfahrer – und ein potenzielles Jahrhundert-Talent. „Paul Seixas ist der beste Fahrer unter 19 Jahren der Geschichte“, sagte der französische Ex-Profi Nicolas Fritsch im Eurosport-Interview.

Der französische Nationaltrainer Thomas Voeckler ergänzte: „Seit wir physiologische Daten messen, sahen wir noch nie ein solches Potenzial. Er ist 18 Jahre alt und schon der Spitzenreiter. Ich glaube, dass er seinem Status gerecht werden kann. Solch ein Phänomen gab es in Frankreich lange nicht.“ Auf die Frage, ob Seixas die Tour de France gewinnen kann, antwortete Voeckler: „Glauben wir daran, ja. Das kann nicht schaden.“

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Rundfahrten & Ziele

Sein Teamchef Dominique Serieys sagte vor dieser Saison: „Wir wollen ihn nicht verbrennen. Wir verfolgen einen klaren Plan. Ab 2028 wollen wir eine große Tour gewinnen.“ Paul Seixas wurde am 24. September 2006 geboren. Er ist 1,85 Meter groß und 62 Kilogramm leicht – ein extremer Wert. Sein Talent war bereits in den Vorjahren klar zu sehen.

2024, die Königsetappe der U19 Swiss Tour du Pays de Vaud. Die Strecke führt über den Anstieg nach Villars-sur-Ollon. Jenen Anstieg, der bei der Tour de Suisse gleich zweimal auf dem Programm stand. Seine Daten: 8,9 Kilometer, 8,4 Prozent Durchschnittssteigung. Seixas kommt allein oben an, mit 1:23 Minuten Vorsprung vor den ersten Verfolgern.

Er braucht von unten bis oben knapp 25 Minuten – und ist damit nur 40 Sekunden langsamer als Remco Evenepoel bei der Tour de Suisse 2023. Im Profi-Rennen wäre Seixas mit dieser Zeit unter die Top-Ten gefahren. Bei der Classique Alpes Juniors zerlegt er am knapp zwölf Kilometer langen Col du Mont Tournier das Feld. Nur zwei Fahrer können das Tempo überhaupt halten.

Später am Mont du Chat – 8,6 Kilometer bei 7,9 Prozent – hängt er alle ab. Im Ziel hat er mehr als vier Minuten Vorsprung auf den Zweitplatzierten, Adrià Pericas. Seine Auffahrtszeit auf den Mont du Chat: 25 Minuten und 52 Sekunden. Zum Vergleich: Valentin Paret-Peintre, der Sieger des Rennens 2019 und Gewinner der Bergankunft auf dem Mont Ventoux im Finale der 16. Tour-de-France-Etappe, war an derselben Stelle eine volle Minute langsamer.

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Entwicklung & Ambitionen

Seixas ist wohl erst am Anfang seiner Entwicklung. „Ich kann in allen Bereichen noch besser werden“, sagte er im Januar gegenüber Wielerrevue.nl. „Im vergangenen Winter habe ich zum ersten Mal komplett auf der Straße trainiert. Davor bin ich in diesem Zeitraum viele Cyclocross-Rennen gefahren. Es ist spannend zu sehen, wie sich das auswirkt. Meine größte Stärke ist das Bergfahren – das war schon immer so.“

Mit acht Jahren unternahm er die ersten längeren Touren. Mit elf fuhr er auf seinen ersten Pass: den 11,6 Kilometer langen Col den Joux Plane. „Ich wusste sofort: Das ist mein Sport, meine Leidenschaft. Im Vorjahr habe ich die Sekundarschule abgeschlossen. Jetzt studiere ich an der Business School der Universität Lyon, online. Ich arbeite daran, wenn es passt. Während dieses Frühjahrs-Trainingslagers habe ich Prüfungen abgelegt. Das Studium ist wichtig für später – man kann nicht ewig Radprofi sein.“

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Die ersten zwölf Jahre verbrachte er in Lyon. Als er 13 war, zog seine Familie in die 8140-Einwohner-Stadt Anse. Welchem Fahrertyp ähnelt er am meisten? „Es gibt so viele verschiedene Typen im Feld. Wenn ich jemanden nennen müsste, dann wohl Pogačar – aber ohne seinen Sprint. Ich mag Rennen mit vielen Höhenmetern. Für Anstiege gilt: Je härter, desto besser. (…) Nach der Vorsaison haben sich viele Teams gemeldet. Soudal Quick-Step, EF Education-EasyPost, UAE Team Emirates-XRG, Groupama-FDJ und Lidl-Trek, um nur einige zu nennen.

Es war keine schlechte Auswahl. Aber für mich war klar, dass ich bei Decathlon AG2R La Mondiale bleibe. Das Umfeld kannte ich, das Team hat mich als Junior gefördert. Ich wollte den Weg nicht unterbrechen. Mehr Geld woanders wäre kein Argument gewesen. Die Entwicklung war gut, und ich will genau da weitermachen. Der U19-Bereich hat sich stark verändert. Seit der Zeit von Remco ist das Niveau deutlich gestiegen. Die Fahrer entwickeln sich früher, die Leistungen steigen, obwohl wir nicht mehr Rennen fahren als früher.

Wer nicht früh in ein Development-Team kommt, hat es schwer – und es wird teuer. Ohne Unterstützung wird es schwierig, sich eine gute Zeitfahrposition zu erarbeiten oder das passende Material zu finanzieren. (…) Ich beschäftige mich nicht damit, was über mich geschrieben wird. Klar, es ist schön, wenn es positiv ist, aber ich will meine Zeit nicht damit verschwenden. Ich konzentriere mich auf mich, will mich verbessern und die Rennen fahren, die vor mir liegen. Mein Traum ist es, die Tour zu gewinnen. Ich hoffe, ich habe irgendwann die Beine, um ganz vorne mitzufahren. Aber jetzt geht es erst mal darum, mich Schritt für Schritt zu verbessern.“

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Paul Seixas hat Zeit. Seine Entwicklung ist bereits jetzt enorm. 2031 wird Tadej Pogačar 33 Jahre alt sein. Seixas zählt dann immer noch zu den Jungprofis unter 25 Jahren – und kann um das Weiße Trikot der Tour de France mitfahren. Oder, vielleicht, das Gelbe.

Talent: Gene vs. Training

Einst ging man von der sogenannten 10.000-Stunden-Regel aus. Inzwischen ist sie in Teilen der Sportwissenschaft umstritten. Sie besagt: Wer so viel Zeit investiert – zehn Jahre lang durchschnittlich mehr als 19 Stunden Training pro Woche – kann in seiner Sportart in die Weltspitze vordringen. Diese „Regel“ ist alles andere als allgemeingültig.

So zeigte eine große Metaanalyse von 88 Studien, die Forscher der Universität Princeton durchführten: Das langjährige Training ist nur zu 18 Prozent für die Varianz des Erfolgs von Top-Athleten verantwortlich. Und der Rest? Viel davon ist genetisch determiniert. Viele Experten gehen davon aus, dass einem mindestens 50, 60 Prozent des Sporterfolgs „in die Wiege gelegt werden“.

Ein extrem wichtiger Parameter ist etwa der Muskelaufbau. Grob gesagt kann man vor allem zwischen drei Muskelfasertypen unterscheiden: den roten, den intermediären und den weißen Fasern. Erstere, die slow twitch, kontrahieren langsamer und sind deutlich ausdauernder. Letztere, die fast twitch, kontrahieren schneller. Bergfahrer haben in der Regel deutlich mehr rote Muskelfasern als Sprinter. In deren Muskulatur überwiegen die weißen schnellen Fasern. Hier finden sich, statistisch gesehen, Unterschiede zwischen Populationen aus Ost- und Westafrika und Europa.

Die schnellsten 100-Meter-Sprinter haben fast alle westafrikanische Wurzeln – die besten Marathon- und Langstreckenläufer ostafrikanische. Die Hintergründe dazu finden Sie in unserem großen Artikel zu Radsport in Afrika in der RennRad-Ausgabe 1-2/2025. Allein die für Ausdauersportarten so wichtige maximale Sauerstoffaufnahme ist den meisten Studien zufolge zu rund 50 Prozent genetisch festgelegt.

Die Körpergröße ist zu bis zu 80 Prozent, der Body-Mass-Index zu 30 bis 50 Prozent und die Muskelkraft sowie die maximale Sauerstoffaufnahme zu rund 50 Prozent im eigenen Genom festgelegt. „30 bis 70 Prozent seines Leistungspotenzials erbt man“, sagt der an der Universität Melbourne arbeitende Genforscher Nir Eynon. Er ist mit Hunderten von Kollegen weltweit an der Suche nach „Sport-Genen“ beteiligt – am sogenannten Athlome Project.

Weitere Studien, Hintergründe und Tipps dazu finden Sie in der RennRad-Ausgabe 4/2020 sowie auf unserer Homepage unter www.tinyurl.com/erfolg-gene. Ein großes digitales Extra-Magazin zum Training der Profis inklusive etlichen Beispiel-Einheiten und Plänen für alle Leistungsniveaus und Zeitbudgets steht hier zum Download bereit: www.tinyurl.com/rr-training-spezial

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