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Arlberg Giro 2026: Race-Report, Taktik & Ergebnisse
in Event
Noch 150 Meter auf der Zielgeraden in St. Anton am Arlberg. Die Muskulatur brennt nach 142 Kilometern und mehr als 2400 absolvierten Höhenmetern. Der Deutsche Sebastian, „Seb“, Breuer schaltet, geht aus dem Sattel und eröffnet den Zielsprint aus einer dreiköpfigen Verfolgergruppe heraus. Direkt in seinem Windschatten positioniert sich Simon Betz. Es geht um Platz drei beim Arlberg Giro – und um mehr: Beide Athleten stehen exakt punktgleich in der Gesamtwertung des Wochenendes, dem Kampf um den Titel „Hero of the Arlberg“.
Beide Fahrer sind voll am Limit – doch Breuer ist in diesem finalen Sprint der stärkere Fahrer und überquert unmittelbar vor Betz die Ziellinie. Die Fahrzeit beider Fahrer: drei Studen und 41 Minuten. Doch der Kampf um die Gesamtwertung dieses dreitägigen Radsport-Festivals ist aufgrund des komplexen Wertungssystems erst bei der finalen Abrechnung am Nachmittag zu Ende.

Der Zielsprint um Platz drei beim Giro und um den Sieg in der Gesamtwertung des dreitägigen Events.
Arlberg Giro: insgesamt drei Wettbewerbe
Dass dieser Zielsprint am Sonntag eine derartige Brisanz besaß, liegt in der Struktur des Events begründet. Der Arlberg Giro besteht nicht nur aus einem großen Radmarathon am Wochenende. Die Gesamtwertung setzt sich aus drei Wettbewerben zusammen, die physiologisch teils sehr unterschiedlich sind und damit nicht nur reine Kletterspezialisten anspricht.
Dieser Umstand wird bereits am Freitagabend deutlich. Der „St. Anton Night Sprint“ bildet den Auftakt. Das Setting: Eine rund 200 Meter lange Strecke direkt durch die Fußgängerzone, gerahmt von einer großflächigen LED-Wall, lauter Musik und dichten Zuschauerreihen. Gefahren wird im kompromisslosen K.o.-System. Mann gegen Mann, Frau gegen Frau.

Tolle Stimmung beim Night Sprint in St. Anton.
Für klassische Ausdauerathleten ist diese Belastung aus physiologischer Sicht oft schwierig. Seb Breuer gilt als Spezialist für Ultra-Distance-Rennen, dennoch geht er hier an den Start. Neben ihm formierten sich Bahnradsprinter, deren Muskelmasse und Faserstruktur auf völlig andere Belastungszeiten ausgelegt sind. Breuer qualifizierte sich dennoch für das Achtelfinale der besten 16. In der ersten K.o.-Runde traf er unmittelbar auf diese Schnellkraft-Spezialisten.
Seb Breuers Leistungsdaten verdeutlichen das Niveau: 1290 Watt Maximalleistung über eine Fahrzeit von 17 Sekunden. Gegen die Bahnspezialisten war dies jedoch nicht ausreichend – er schied aus. Der Niederländer Rens Vermeulen sicherte sich bei den Männern im Fotofinish den Sieg vor dem Vorjahressieger Matthias Saam. Bei den Frauen setzte sich Carina Profunser aus Axams mit knapp einer halben Sekunde Vorsprung gegen Elena Brasch und Melanie Geiger durch. Breuer landete auf Platz 15 – eine Platzierung, die im komplexen Punktesystem des Wochenendes noch von Bedeutung sein sollte.
Das Radkriterium: Kurven & Regen
Nur 24 Stunden später, am Samstagabend, verlangte das Internationale Radkriterium ein völlig neues Fähigkeitenprofil. Der kurvenreiche, etwas mehr als einen Kilometer lange Rundkurs durch das Ortszentrum von St. Anton erforderte höchste Konzentration. Nach Regenfällen am Nachmittag trocknete der Asphalt rechtzeitig zum Start ab, dennoch blieb die Linienwahl in den engen Kurven eine Herausforderung.
Auf eine neutrale Runde folgten bei den Frauen 14 beziehungsweise bei den Männern 20 Wertungsrunden, bevor die fünf punktbesten Athleten in zwei finalen Superrunden den Sieg ausfuhren. Im Frauenrennen prägten vor allem die drei Erstplatzierten des Vorjahres das Rennen: Leila Gschwentner, Lea Fuchs und Belinda Holzer. Zusammen mit Tabea Huys und Rahel Aschwanden bildeten sie das finale Quintett. Nach einer kontrollierten ersten Superrunde erhöhte Gschwentner im entscheidenden Umlauf früh das Tempo, distanzierte ihre Konkurrentinnen und fuhr zu ihrem mittlerweile dritten Kriteriumssieg in St. Anton.

Beim Radkriterium kam es zu sehr spannenden Entscheidungen.
Im Herrenrennen zog sich das 37-köpfige Starterfeld aufgrund der ständigen Antritte nach den Kurven schnell in die Länge. Patrick Reißig und Pirmin Benz fuhren taktisch äußert präzise und sammelten kontinuierlich Punkte. Gemeinsam mit Michael Schwarzmann, Adrian Stieger und Felix Rützler erreichten sie das Superfinale. Im Zielsprint setzte sich schließlich Reißig durch und gewann vor Schwarzmann und Benz.
Arlberg Giro: Arlbergpass & Kops-Stausee
Am Sonntagmorgen um 7:00 Uhr begann mit dem Radarathon das Highlight des Arlberg-Giro-Events. 1300 Meter Seehöhe, frische Morgentemperaturen und ein wolkenfreier Himmel über dem Stanzertal bildeten die Kulisse für den Hauptbewerb. Über 1400 Fahrerinnen und Fahrer standen in fünf Startblöcken bereit.
Eine Einrollphase gibt es nicht: Vom Ortsausgang steigt die Straße unmittelbar und ohne flache Passagen in Richtung Arlbergpass an.

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Seb Breuer verzichtete bewusst auf eine Position in den vorderen Reihen. Er begleitete vor dem Start seinen jüngeren Bruder, der in St. Anton seinen allerersten Radmarathon bestritt. Die Konsequenz dieser Entscheidung: Nach dem Startschuss musste Breuer auf den ersten ansteigenden Kilometern enorm viel Energie investieren, um gut 200 Positionen zuzufahren und den Kontakt zur Spitzengruppe herzustellen. Das Tempo im vorderen Feld war bereits am ersten Anstieg extrem hoch, die Selektion erfolgte unmittelbar. René Pammer, der Sieger zahlreicher großer Radmarathons und amtierender oberösterreichischer Bergmeister der Amateure, verschärfte mit seinem Teamkollegen Christian Oberngruber das Tempo und setzte sich ab. Dahinter formierte sich eine achtköpfige Verfolgergruppe. In dieser befand sich neben Breuer auch Simon Betz – jener Fahrer, der am Freitagabend im Sprint knapp vor Breuer platziert war.
Nach der Überquerung des Arlbergpasses folgte die lange, schnelle Abfahrt durch das Klostertal in Richtung Montafon. Die achtköpfige Verfolgergruppe funktionierte zu diesem Zeitpunkt gut, die Nachführarbeit wurde gleichmäßig aufgeteilt. Doch bei Partenen änderte sich die Charakteristik der Strecke nach 72 gefahrenen Kilometern. Die Route bog in das schmale Ganifertal ab. Die Straße verengte sich, die Steigungsprozente stiegen in den zweistelligen Bereich.

Die Bedingungen beim Giro am Sonntag waren extrem gut.
Das fünf Kilometer lange Segment hinauf zum Kops-Stausee stellt den Scharfrichter des Rennens dar. Hier wurde auch die Bergwertung abgenommen. An der Spitze fuhr René Pammer ein konstantes, hohes Tempo und vergrößerte den Abstand zum restlichen Feld sukzessive. Breuer absolvierte den rund 22-minütigen Anstieg mit einer Durchschnittsleistung von 398 Watt. Dennoch reichte diese Leistung nicht aus, um die Distanz zu Pammer zu verringern. Stattdessen musste er voll ans Limit gehen, um den Kontakt zu Simon Betz zu halten, der sich am Berg erneut als starker Allrounder erwies. Pammer passierte die Kuppe nach 78,3 Kilometern als Erster und sicherte sich den Titel „King of the Mountain“.
Ein vergleichbares Bild zeigte sich im Rennen der Frauen. Die Deutsche Eva Schien, im Vorjahr bereits Zweite, zeigte ihre Fähigkeiten am Berg. Sie distanzierte ihre Konkurrentinnen deutlich, sicherte sich den Titel „Queen of the Mountain“ am Stausee und ging mit einem recht großen Vorsprung in die Abfahrt. Melanie Geiger aus Vorarlberg wählte dahinter ein gemäßigteres Pacing. Sie vermied es, das hohe Tempo von Schien im steilen Terrain mitzugehen, fuhr ihren eigenen Rhythmus und hielt den zeitlichen Rückstand in einem Bereich, der ihr Optionen für die zweite Rennhälfte offenließ.
Taktik & Aerodynamik im Paznauntal
Die kurvenreiche Abfahrt vom Kops-Stausee und die anschließenden flacheren Kilometer durch das Paznauntal erforderten eine deutliche Umstellung der Fahrweise. Anstelle der reinen Watt-pro-Kilogramm-Leistung rückten nun Aerodynamik, Windschattenfahren und Gruppenarbeit in den Fokus. Die Verfolgergruppe der Männer, in der sich Breuer, Betz, der SuperGiroDolomiti-Sieger Miguel Brugger und der Niederländer Juul Hendrikx befanden, arbeitete gut zusammen. Breuer investierte in dieser Phase viel Kraft und fuhr lange Nachführarbeit an der Spitze der Gruppe, um den Abstand zum Führenden Pammer zu verkleinern. Der Rückstand reduzierte sich zeitweise auf eine halbe Minute.
Einer profitierte von dieser Konstellation jedoch stark: Christian Oberngruber. Als Teamkollege des Führenden René Pammer war er von jeglicher Führungsarbeit befreit. Er hielt sich konsequent am Ende der Gruppe auf und sparte so sehr viel Kraft. Diese Fahrweise zahlte sich aus, als es vor dem Schlussanstieg von Pians nach St. Anton wieder bergauf ging. Etwa zehn Kilometer vor dem Ziel, an einer steilen Gegenwelle, beschleunigte Oberngruber . Breuer, dessen Beine nach der intensiven Nachführarbeit im Tal keine Belastungsspitzen mehr zuließen, konnte nicht reagieren und musste die Lücke aufgehen lassen. Pammer gewann souverän mit einer Fahrzeit von 3:38:31 Stunden, sein Teamkollege Oberngruber wurde Zweiter. Dahinter kam es zum Zielsprint um Platz drei, den Breuer gewinnen konnte.

Der Österreicher Rene Pammer gewinnt den Giro.
Im Frauenrennen zahlte sich das Pacing von Melanie Geiger aus. Auf der langen, schnellen Passage durch das Paznauntal verringerte sie den Rückstand auf die führende Eva Schien kontinuierlich. Am Fuß des langen Schlussanstiegs nach St. Anton holte Geiger sie schließlich ein. Mit den besseren Kraftreserven im Finale distanzierte sie Schien auf den letzten ansteigenden Kilometern und gewann den Arlberg Giro mit einer Fahrzeit von 3:59:44 Stunden. Schien sicherte sich zeitgleich Rang zwei, Platz drei ging an Julia Schallau.
Arlberg Giro: Gesamtwertung & Siegerehrung
Die finale Siegerehrung vor dem Tourismusverband: Nach drei absolvierten Disziplinen wiesen Breuer und Betz exakt die gleiche Punktzahl für den Titel „Hero of the Arlberg“ auf. Da das Reglement in diesem Fall die besseren Einzelplatzierungen heranzieht, entschied das Abschneiden beim Sprint und bei der Bergwertung. In beiden Wertungen war Betz als 14. im Sprint und durch seine bessere Platzierung am Kops-Stausee weiter vorne, wodurch er die Gesamtwertung gewann.
Bei den Frauen war die Entscheidung eindeutig: Melanie Geiger gewann durch ihren ihren Sieg beim Giro, den dritten Platz im Night Sprint und Rang zwei bei der Bergwertung.

Melanie Geiger gewinnt nicht nur den Giro, sondern auch die Gesamtwertung des Events.
Der 14. Arlberg Giro markierte zudem das Ende einer Ära. Für Martin Ebster, den Geschäftsführer des Tourismusverbandes St. Anton, war es nach über einem Jahrzehnt die letzte Veranstaltung in leitender Funktion vor seinem Ruhestand. Die Zahlen – komplett ausverkaufte Startplätze und ein sehr hohes sportliches Niveau – belegen, dass sich das Konzept, die verschiedenen Disziplinen des Straßenradsports an einem Wochenende im Hochgebirge zu bündeln, fest im europäischen Rennkalender etabliert hat.
