Teilnehmer der L’Étape du Tour Trondheim auf einer Küstenstraße in Norwegen
Rennrad-Abenteuer in Norwegen: L’Étape du Tour Trondheim

Meer erleben

Rennrad-Abenteuer in Norwegen: L’Étape du Tour Trondheim

Rennradfahren zwischen Fjorden, Küste und norwegischer Bilderbuchlandschaft: Die L’Étape du Tour Trondheim bietet 130 Kilometer, rund 1600 Höhenmeter, steile Anstiege, schnelle Abfahrten und einen Gravelsektor. Dazu kommen Tausende Radsportler, begeisterte Zuschauer und prominente Mitfahrer. Ein außergewöhnliches Rennrad-Abenteuer in Norwegen.
TEILE DIESEN ARTIKEL

Ich sprinte einen letzten Hügel hinauf – danach geht es in eine kurze Abfahrt, durch vier Kurven, über Kopfsteinpflaster und den Zielstrich. Dahinter stehen Wikinger in Kettenhemden und mit Streitäxten, die mich anstarren. Dies ist das Ziel. Nach einem Rennen der besonderen Art, vor allem: einer besonderen Umgebung – meist direkt am Meer. Es war eine Fahrt der Wow-Effekte und des mentalen Abhakens: Jeder Radsportler hat andere Prioritäten – jeder erhofft sich besonders Erfahrungen und Erlebnisse. Dazu haben viele eine imaginäre Checkliste im Kopf, auf der man hinter Stichpunkten Häkchen setzen kann oder nicht.

Diese Stichpunkte lauten im Hinblick auf Rad-Events zumeist: Schöne Landschaften, viel Natur, eine besondere Verpflegung, ein gutes Miteinander in einer positiven Atmosphäre, eine gewisse sportliche Herausforderung, schöne Anstiege, schnelle kurvige Abfahrten, gesperrte Straßen, viele Fans und eine Top-Stimmung am Streckenrand. Hier hat man alles – jeden einzelnen Punkt kann man abhaken. Dieses Rad-Event bietet so viel – komprimiert in rund 130 Kilometer. Mitten in Trondheim geht es los. Erst ruhig und neutralisiert, doch dann wird es sofort schnell. Erik Resell begleitet uns. Er trägt das rot-gelbe Trikot des Teams Uno-X Mobility. Wie so viele andere in diesem Fahrerfeld. Das norwegische World-Tour-Team ist hier extrem populär. Nur: Erik hat dieses Trikot, ebenso wie das Ridley-Teamrad, nicht gekauft. Er ist einer von mehreren Uno-X-Profis, die hier mitfahren. Wir unterhalten uns, bis das Rennen richtig beginnt – mit dem härtesten und zudem steilsten Anstieg der gesamten Strecke, der Côte de Grøset. Deren Daten: 1,9 Kilometer, 7,1 Prozent durchschnittliche Steigung.

Rennradfahrer bei der L’Étape du Tour Trondheim vor dem Trondheimfjord

Direkt am Wasser: Die Strecke der L’Étape du Tour Trondheim führt durch die Küsten- und Fjordlandschaft Mittelnorwegens.

Wikinger bei der L’Étape du Tour Trondheim

Norwegischer Auftakt: Als Wikinger gekleidete Darsteller sorgen im Startbereich der L’Étape du Tour Trondheim für besondere Atmosphäre.

Erik Resell von Uno-X Mobility bei der L’Étape du Tour Trondheim

Profi im Fahrerfeld: Uno-X-Fahrer Erik Resell bei der L’Étape du Tour Trondheim.

Anstiege & Abfahrten

Wir starteten irgendwo zwischen Ende des ersten Drittels und der Hälfte des Fahrerfeldes. Die ersten Kilometer verlaufen langsam und neutralisiert. Doch hier, an diesem ersten Anstieg, dieser Wand, explodiert alles. Vor mir stauen sich die Fahrer. Es ist ein Slalom-Fahren. Aus dem Sattel gehen und beschleunigen, hinsetzen, langsamer werden und wieder antreten. Ich tue – aus Instinkt, alter Gewohnheit, Spaß und Dummheit das, was man zu Beginn eines Rennens nicht tun sollte: Ich verschleudere Energie und fahre extrem unrhythmisch. An den längsten Anstiegen gibt es je Zeitnahmen. Das macht es, zumindest für mich, noch schwieriger, sich zu beherrschen. Das Ergebnis: Ich haushalte nicht mit meinen überschaubaren Reserven und vergeude schon jetzt im ersten Zehntel des Rennens viel Kraft.

Schon hier an dieser Rampe höre ich – zum ersten Mal bewusst – den Soundtrack dieses Tages: „Heija, Heija, Heija“. Kinder und Erwachsene aller Altersgruppen stehen am Streckenrand und feuern uns an. Die meisten mit eben jenen Rufen – und norwegischen Flaggen. Oben am höchsten Punkt steht eine Art Zielbogen, an dem der Zeitnahme-Abschnitt endet. Von hier aus geht es sofort steil nach unten: 50 km/h, 60, 70 – dann kommt die erste, enge Kurve, dann die nächste und dann die übernächste. Zum ersten Mal sehe ich vor mir das Meer. Wir fahren darauf zu. Der Großteil der Strecke verläuft direkt an der Küste.

Eine 110-Grad-Kurve nach links bringt uns auf die Küstenstraße. Hier ist es flach – aber nur kurz, sehr kurz. Helfer winken uns nach links. Sie blockieren die rechte Straßenseite. 20 Sekunden später sehe ich auch, warum: Mehrere gestürzte Fahrer liegen auf dem Boden oder stehen neben ihren kaputten Rädern. Einer sitzt am Straßenrand und hält sich den blutenden Kopf. Später nach dem Rennen wird bekannt, dass niemand schwer verletzt wurde. Zum Glück. Dennoch: Der Anblick verursacht mir Gänsehaut. In der nächsten Abfahrt fahre ich extra vorsichtig und verliere mindestens 20 Positionen. Erst später komme ich über diesen Anblick hinweg und finde auch bergab eine gewisse Sicherheit.

Wir fahren zunächst gen Spongdal – nahe am Ufer des Meeres. Die Wettervorhersage für heute war grausam: Sie lautete Kälte und Regen. Doch hier an der Küste kann es schnell gehen. Alles kam anders. Schon vor dem Start, der um elf Uhr erfolgte, schien die Sonne. Noch im Startblock reichte jemand eine Flasche Sonnencreme herum. Ich hatte meine komplette Winter- und Regen-Ausrüstung inklusive wasserdichter Neoprenhandschuhe umsonst mitgebracht. Stattdessen lautete die Realität: 19, 20, 21 Grad im Schatten – ideale Temperaturen für ein Radrennen.

Der nächste Anstieg ist kurz, aber steil. Schon wieder platzt die Gruppe, in der ich fahre, auseinander. Ein konstantes Tempo erlebe ich hier, zumindest in der ersten Renn-Hälfte, nicht. Viele fallen zurück, andere kommen nach vorne und man muss sich immer wieder neu finden. Irgendwann bin ich Teil einer schnellen Gruppe: Acht, neun Leute, die alle mitarbeiten. Gerade im Flachen ist das Tempo hoch – die meisten Fahrer um mich herum gehören der Ü75-Kilogramm-Klasse an, ergo dem Körperbautyp „Rouleur“. Nach und nach holen wir andere Gruppen ein. Doch nach dem nächsten Anstieg sind wieder völlig andere Leute um mich herum als zuvor.

Links vor mir fährt plötzlich ein großer Fahrer mit braungebrannten Beinen und einem sehr breiten Kreuz, dessen Gesicht mir bekannt vorkommt. Es ist Johannes Klæbo, einer der größten Athleten, die es auf diesem Planeten gibt. Mit insgesamt elf olympischen Goldmedaillen ist der Skilangläufer der erfolgreichste Wintersportler der Geschichte. In Norwegen ist er ein Nationalheld.

Rennradfahrer an einem Anstieg bei der L’Étape du Tour Trondheim in Norwegen

„Heija, Heija, Heija“: Zuschauer am Streckenrand und Rennradfahrer an einem der zahlreichen Anstiege der L’Étape du Tour Trondheim.

Uno-X-Fahrer an einem Anstieg bei der L’Étape du Tour Trondheim

Prominente Begleitung: Auch Fahrer des norwegischen World-Tour-Teams Uno-X Mobility waren bei der L’Étape du Tour Trondheim am Start.

Helden & Küsten

Um mich herum höre ich nur Norwegisch. Die Landschaft, durch die wir fahren, passt dazu: Um uns herum ist es eine Postkartenidylle – einzelne rote Holzhäuser, winzige Dörfer, alte Steinbauten, kleine Buchten, weite unverbaute Küstenabschnitte, dunkelblaues Wasser. Es riecht nach Meer und Salz. Im Hinterland wechseln sich Wälder und Wiesen ab. Überall, wo Häuser sind, stehen auch Menschen am Straßenrand und jubeln. Viele haben ihre Tische, Stühle und Sofas rausgetragen und neben der Straße postiert. Oft läuft Rockmusik, es wird gegrillt, es gibt Bier. Die Stimmung ist unbeschreiblich. Man spürt die Lebensfreude, die Zufriedenheit, die Ausgeglichenheit, den Willen zu feiern und die Lust am Leben.

Irgendwann sehen wir ein größeres Peloton vor uns, an dessen Spitze ein kleiner schmaler Fahrer im Uno-X-Trikot fährt. Ich erkenne ihn schon von weitem. Es ist Johannes Kulset. Gestern, am Tag vor dem Rennen, konnte ich ihn interviewen. Dies ist seine Heimat. Er ist aus Trondheim – und eines der Radsport-Top-Talente Skandinaviens. Mit 19 Jahren wurde er Radprofi, obwohl er erst in den Corona-Jahren mit dem Sport begonnen hat. Die Fahrt heute ist für ihn ein Ausflug – an seinem Hinterrad fährt seine Frau. Am nächsten Anstieg zerlegt sich wieder alles, und wieder bleibt nur eine kleine Gruppe vorne übrig. Es geht, zumindest gefühlt, meist leicht bergauf oder bergab. Auf den Flachstücken wird gebolzt – und bergauf wird der Rhythmus gebrochen.

Dabei begann alles so entspannt, zwei Stunden zuvor, auf dem Marktplatz von Trondheim: Rund 5000 Radsportler stehen um mich herum, aufgeteilt in acht Startblöcke. Trondheim liegt rund 390 Kilometer Luftlinie nördlich der norwegischen Hauptstadt Oslo – und geografisch auf etwa 63,4 Grad nördlicher Breite, ungefähr auf Höhe des südlichen Islands. Mit rund 215.000 Einwohnern ist Trondheim die drittgrößte Stadt Norwegens und an vielen Stellen eine Bilderbuch-Idylle. Mehr als 30.000 der Einwohner sind Studenten.

Der Fluss Nidelva zieht sich durch die Innenstadt, überquert von der Gamle Bybro, der alten Stadtbrücke. Dahinter stehen der Nidarosdom und der angrenzende Erzbischofspalast, die an die mittelalterliche Geschichte der Stadt und die Christianisierung Norwegens erinnern. Mitten in der Innenstadt steht zudem der Stiftsgården, mit mehr als 4000 Quadratmetern eines der größten Holzgebäude Europas. Rund um Trondheim wechseln sich bewaldete Hügel, der Trondheimfjord und offene Landschaften ab. Im Norden beginnt die weitläufige Küsten- und Berglandschaft Mittelnorwegens.

L’Étape du Tour Trondheim: Strecke & Event

  • Termin: 13. Juni 2026
  • Teilnehmer: rund 3600
  • Lange Strecke: 130 km, rund 1600 Höhenmeter
  • Kurze Strecke: 75 km, rund 1000 Höhenmeter
  • Ort: Trondheim, Norwegen

Der Radsport hat in Norwegen in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen – unter anderem durch das Profirennen Arctic Race of Norway und das World-Tour-Team Uno-X Mobility. 2026 kam die L’Étape-Serie erstmals nach Norwegen. Hinter dem Konzept steht die Amaury Sport Organisation, ASO, der Veranstalter der Tour de France. Beide Routen boten viel Abwechslung und führten über weite Strecken am Meer entlang.

Gestern kam ich hier an. Die Nacht war kurz – eigentlich war sie nicht vorhanden. Denn: Auch nachts bleibt es fast durchgehend hell. Um 23 Uhr schien noch die Sonne. Nach rund 25 Kilometern trennt sich die Strecke auf: Sie ist zweigeteilt in eine kurze, 75 Kilometer umfassende, und eine 130er Runde. Danach fahren wir auf einer Art Hochplateau weiter – vorbei an einzelnen Häusern und einem kleinen Bauernhof. Die Bewohner sitzen daneben auf einer Couch, die auf einem Traktorhänger steht und trinken Bier. Aus riesigen Lautsprecherboxen dröhnt Heavy-Metal-Musik. Was für ein Samstag.

In der nächsten Abfahrt kommt einer der Fahrer vor mir bei über 60 km/h von der Straße ab und rollt in einem Feld aus. Er hat Glück und vermeidet eine Sturz. Am, gefühlt, 15. Hügel des Tages spüre ich zum ersten Mal einen Krampfansatz im rechten Oberschenkel und in der Wade. Verdammt, es ist noch weit bis ins Ziel ist. Die ersten Verpflegungsstationen sind riesig – hier stehen Zelte und Biertische mit Kartons voller Bananen, Wasser, Kaffee, Kuchen und mehr. Aber natürlich rast meine Gruppe daran vorbei. Das gilt auch für all die kommenden Labestationen. Ich habe ständig Hunger und bin gefühlt durchgehend am Essen. Nach 80 Kilometern habe ich drei Energie-Riegel und ein -Gel intus und mache mir Sorgen, dass die Vorräte in meinen Trikottaschen nicht ausreichen.

Nach rund 60 Kilometern endet, vorerst, der Asphalt – und der Gravelsektor der Strecke beginnt. Doch der Untergrund ist hart – auf dem Boden liegt feiner Kies. Die Reifen sinken nicht ein.

Rennradfahrer auf einem Gravelsektor der L’Étape du Tour Trondheim

Abwechslung auf 130 Kilometern: Ein Teil der Strecke der L’Étape du Tour Trondheim führt über festen Schotter durch die grüne Landschaft rund um Trondheim.

Große Gruppe von Rennradfahrern bei der L’Étape du Tour Trondheim in Norwegen

Gemeinsam durch Norwegen: Bei der L’Étape du Tour Trondheim sind die Teilnehmer auf abwechslungsreichen Straßen rund um Trondheim unterwegs.

Schotter & Meer

Die ersten Kurven der Abfahrt auf dem neuen Untergrund fahre ich noch sehr vorsichtig, doch ich merke: Man fährt hier fast wie auf Asphalt. Man kann es laufen lassen – und das ist auch, was alle um mich herum tun. Gefühlt wird das Tempo gerade angezogen. Mit 50 km/h fahren wir über diesen leicht abfallenden Naturweg. Hier besteht die Landschaft aus sanften Hügeln – ständig geht es mit zwei, drei Prozent Steigung bergan oder -ab. Am Ende des Gravelsektors ist unsere Gruppe noch zusammen. Wir haben einen Rhythmus.

Oben, auf einem der vielen Höhenrücken, sehe ich am Horizont dunkle Wolken. Je schneller ich im Ziel bin, desto geringer ist das Risiko für Regen, denke ich. Das erste große Schild am Streckenrand zeigt: noch 25 Kilometer. Es dauert, gefühlt, nicht lange, bis die Markierungen für 20 und 15 kommen.

Rund zwölf Kilometer vor dem Ziel beginnt der letzte längere Anstieg. Auch dies ist ein Zieherberg, nicht zu steil, aber dennoch fordernd. Von unten sieht man genau, was einem noch bevorsteht. Oben, nach einer Linkskurve passiert es dann: Ich will vom kleinen aufs große Kettenblatt schalten – doch die Kette meines Leih-Rennrades fällt nach innen runter und verklemmt sich neben dem Tretlager. Ich muss absteigen. Es dauert ein, zwei Minuten, bis ich die Kette gelöst habe und wieder fahren kann. Die Gruppe ist natürlich weg.

Ich bin völlig allein auf einer Hochebene – die Straße ist breit, der Gegenwind stark. Meine Motivation ist am Boden. Im Grundlagenbereich – vielmehr geht gerade ohnehin nicht mehr – rolle ich allein vor mich hin und durch das nächste Städtchen. Überall stehen Leute und feuern mich an, obwohl ich mir unfassbar langsam vorkomme. Nach fünf Kilometern schießt eine kleine Gruppe an mir vorbei. Die Fahrer bringen gerade, gefühlt, 150 Watt mehr auf die Pedale als ich. Dennoch schaffe ich es, zumindest den Windschatten zu erwischen.

Unglaublicherweise fangen die Jungs auf den letzten vier Kilometern dann auch noch an, sich gegenseitig zu attackieren. Wir sind schon am Stadtrand von Trondheim. Es ist kein einfaches Finale: rechts, links, rechts, links, Hügel, Abfahrt, Hügel, Abfahrt. Mit 60 km/h geht es bergab in Richtung Stadtzentrum. Eine scharfe Rechtskurve, dann geht es scharf nach links und dann sehe ich das 500-Meter-Schild am Straßenrand. Die Fahrer vor, neben und hinter mir sprinten – ich nicht. Nach knapp 130 Kilometern und rund 1600 Höhenmetern rolle ich über die Ziellinie. Von den Zahlen her war dies kein extremer Tag – doch von den Erlebnissen her war es einer der besten und intensivsten meines Radsportler-Lebens.

Mehr über L’Étape du Tour Trondheim

▶ Offizielle Website der L’Étape Trondheim

Schlagworte
envelope facebook social link instagram