300 Kilometer
Mecklenburger Seen Runde: Langstrecken-Radmarathon im Selbstversuch
in Event
Der Bass der Musik vibriert in meinem Kopf. Er vermischt sich mit dem Jubel und dem Händeklatschen etlicher Menschen – mit dem Pfeifen, dem Trommeln und dem Geräusch, das entsteht, wenn Hunderte von Klatschpappen rhythmisch aufeinanderschlagen.
Ein Mann steht mit einem Megafon zwischen einer Gruppe von Cheerleadern am Straßenrand. Er brüllt in unsere Richtung und feuert uns an, als ginge es in diesem Moment um alles.
Ich fahre im Wiegetritt bergauf und fühle mich wie in einem Tunnel aus Lärm. Was eben noch eine breite zweispurige Straße war, verengt sich nun zu einem schmalen Spalier aus Menschen.
„So ähnlich muss sich eine Bergankunft bei der Tour de France anfühlen“, denke ich. Doch der Anstieg, den wir gerade hinauffahren, ist nicht einmal einen Kilometer lang. Und dies ist nicht das Finale einer Bergetappe, sondern die Startphase der 300 Kilometer langen Mecklenburger Seen Runde.
Mecklenburger Seen Runde: Gänsehaut schon beim Start
„Die beste Radfahrt deines Lebens“ nennen die Macher ihre Seen Runde. 2012 hatte Detlef Koepke die Idee, einen Radmarathon in seiner Heimatregion zu veranstalten, inspiriert von der berühmten 300 Kilometer langen „Vätternrundan“ in Schweden.
Im Jahr darauf meldeten sich über 2000 Menschen zur Premiere an. Inzwischen hat sich die Teilnehmerzahl mehr als verdoppelt.
Wann man startet, ist jedem selbst überlassen. Somit gibt es hier kein frühes Anstehen in der Startaufstellung, kein Gedränge, keinen Stress. Ähnlich wie bei einer Radtouristikfahrt kann man innerhalb eines vorher festgelegten Zeitfensters losfahren. Alle zehn Minuten werden 15 Fahrer auf die Strecke geschickt.
Dies ist genau das, was ich suche.
Radmarathon ohne Stress: Konzept und Teilnehmerfeld
Wir – das sind Antonia und Ringo – reisen am Freitagnachmittag aus Berlin an und sehen vor Ort ein „buntes“ Fahrerfeld: Rennrad- und Trekkingradfahrer reihen sich bei der Startnummernausgabe neben Mountainbikern und Tandem-Paaren.
Sogar an einigen Liegerädern und Tretrollern mit großen Laufrädern wurden MSR-Startnummern befestigt. Viele Teilnehmer starten in kleinen Teams mit selbst designten Trikots.
Wer will, kann sich auch den vom Veranstalter gestellten „Pacemakern“ anschließen, die ein bestimmtes Tempo für die gesamte Gruppe vorgeben.
Wir wollen die MSR zu zweit finishen. Unser Zeitfenster beginnt um 20:10 Uhr. Wir gehören somit zu einer der ersten Gruppen auf der Strecke. Dies ist meine dritte MSR – immer sind wir am Freitagabend losgefahren. In der Nacht sind die Straßen leerer, das Erlebnis Langstrecke ist so – zumindest für mich – noch intensiver.
Start in Neubrandenburg: ruhig, geregelt, entschleunigt
Der Start ist im Naturpark von Neubrandenburg: Wir rollen über einen schmalen Weg am Nordufer des Tollensesees. Keiner drängelt, keiner versucht, der Erste zu sein.
Paare und Familien sitzen auf den Wiesen oder den Bänken am Ufer. Viele Segler nutzen den stetigen Westwind für einen abendlichen Törn.
Innerhalb der Stadt bleiben wir an den Ampeln und Kreuzungen stehen. Für alle Teilnehmer gilt die StVO.
Für mich ist es die dritte, für meinen Freund die fünfte MSR. Er hat mich 2023 dazu überredet, erstmals mitzufahren.
Erste Erfahrungen auf der Langdistanz
Ich hatte vorher keine Ahnung, wie jemand 300 Kilometer am Stück auf dem Rad bewältigen kann. Erst seit 2022 besitze ich überhaupt ein Rennrad.
Bei meiner ersten Teilnahme zwangen mich Knieschmerzen fast zur Aufgabe. Bei meiner zweiten machte das Knie weniger Probleme, aber noch am Start stellte ich fest, dass mein Carbonlenker in den Drops gebrochen war.
Ich startete trotzdem und griff während der 300 Kilometer nicht einmal in den Unterlenker. Heute würde ich so nicht mehr starten – und ich würde es auch keinem empfehlen.
Verpflegung und Strategie bei 300 Kilometern
Noch etwas will ich in diesem Jahr besser machen: häufiger essen. Bei meiner MSR-Premiere wusste ich nicht wirklich, was und wie viel ich essen sollte, und fuhr nach nicht einmal der Hälfte der Strecke in einen Hungerast.
Dabei gibt es bei der MSR etwa alle 40 Kilometer Verpflegungsstopps, die hier Depots heißen. Dort stehen für die Teilnehmer rund um die Uhr jede Menge Snacks und Getränke bereit: Süßes und Salziges.
Es gibt Kuchen, Obst, Riegel, teils warme Verpflegung und an jeder Station einen Massage- und Mechanikerservice. Theoretisch muss man kein eigenes Essen mitführen, sondern könnte sich einfach unterwegs verpflegen.
Deshalb halte ich die MSR auch für Ultra-Einsteiger absolut für geeignet.

Rechts am Straßenrand steht ein Schild: „Nur noch 297 Kilometer“. Es wirkt ein bisschen spöttisch und zugleich motivierend.
Eigene Ernährung: Lehren aus den Vorjahren
Ich entschied mich nach den Erfahrungen der Vorjahre dennoch dazu, einen kleinen Rucksack zu tragen und jede Stunde mindestens ein Gel zu mir zu nehmen.
In eine meiner beiden Trinkflaschen füllte ich immer wieder Wasser, in der anderen löste ich regelmäßig etwas Kohlenhydratpulver auf.
Durch die Nacht: Rhythmus, Wind und Kilometer
Wir verlassen die „Fanmeile“ in der Bergstraße und der Lärm, der uns eben noch umgeben hat, ebbt langsam ab. Links und rechts säumen jetzt Einfamilienhäuser die Straße.
In den Einfahrten parken Autos. Davor: kleine gepflegte Gärten, Obstbäume, ein frisch gemähter Rasen – man kann es im Vorbeifahren riechen.
Die Stadt endet und die Straße geht in eine breite Allee über. Es ist Ende Mai und kurz nach halb neun Uhr abends. Die Luft ist noch angenehm warm: 20 Grad.
Die untergehende Sonne wirft lange Schatten.
„Nur noch 297 Kilometer“ – das Abenteuer beginnt
Rechts am Straßenrand steht ein Schild und darauf geschrieben: „Nur noch 297 Kilometer“. Es wirkt ein bisschen spöttisch und zugleich motivierend.
Ich weiß: Erst jetzt geht unser ganz persönliches Abenteuer richtig los. Bald wird es dunkel, und wir fahren durch die Nacht, nonstop, bis zum Vormittag, um dort anzukommen, wo wir vor einer halben Stunde gestartet sind.
Dies sollte mein längster Tag des Jahres auf dem Rad werden.
Nachtfahrt, Depots und neue Weggefährten
Ohne die Hektik eines Rennens, sondern selbstbestimmt im eigenen Tempo, in der Natur, mit Pausen und Verpflegung.
Bis zu unserem ersten Halt nach 40 Kilometern kommt der Wind fast immer von schräg hinten. Über die kleinen Wellen „drücken“ wir auf dem großen Kettenblatt.
Im Depot in Feldberg füllen wir unsere Flaschen auf und ziehen die Arm- und Beinlinge an. Noch kommt es mir so vor, als seien wir gerade erst gestartet.
Zu dritt Richtung Ziel
Wir rollen weiter und sind auf einmal zu dritt. Jonas schließt sich uns an. Er fährt das gleiche Tempo wie wir und wird uns, ohne dass wir es zu diesem Zeitpunkt ahnen, bis ins Ziel begleiten.
Einen Grund dafür erfahren wir kurz nach Mitternacht. 100 Kilometer später in Röbel an der Müritz gehen sein Front- und Rücklicht beinahe gleichzeitig aus. Die Akkus sind nicht ausreichend geladen.
Aufgeben und nach Hause fahren, nach nur 140 Kilometern, will er aber nicht.
Sicherheit, Erfahrung und mentale Stärke
Wir entscheiden uns, ihn in „unsere Mitte“ zu nehmen, zumindest erst einmal bis zum nächsten Depot. Zudem trage ich eine auffällige reflektierende Warnweste, um für andere Verkehrsteilnehmer besser sichtbar zu sein.
Die habe ich mir vor einem Jahr besorgt, als mein Freund und ich erstmals beim Ultra-Cycling-Event Berlin-München-Berlin gestartet sind. Leider endete unser Vorhaben schon nach dem zweiten Tag im Erzgebirge, nach „nur“ 400 Kilometern.
Seit Stunden hatte es geregnet und wir waren darauf nicht ausreichend vorbereitet – weder materiell noch mental.
Warum die MSR mental leichter ist
Relativ schnell war uns klar, dass das Zeitlimit nicht zu halten war. Bei der MSR kann uns das nicht passieren. Durch die vielen Stopps kann man sich die Strecke in gleichmäßige Abschnitte aufteilen, was die Herausforderung auch mental einfacher macht.
Wer will, kann sich auch zwischendurch in den Depots schlafen legen und später weiterfahren. Die letzten Teilnehmer erreichen am Samstagabend um null Uhr das Ziel.
Es gibt eine Zeitnahme, aber keine Wertung und keinen Gewinner.

Im Ziel werde ich fast 2000 Höhenmeter überwunden haben. Das Höhenprofil meiner Strava-Aufzeichnung wird aussehen wie ein Sägeblatt
Hügel, Wind und stille Kilometer
Weder Zahlen noch Platzierungen oder die Geschwindigkeit stehen im Vordergrund, sondern das eigene Erlebnis. Jeder soll die 300-Kilometer-Distanz schaffen.
Nach 180 Kilometern, irgendwo zwischen Röbel und dem nächsten Depot im Ort Nossentiner Hütte, werden wir immer langsamer. Wir wechseln uns in der Führung ab, aber der Wind, der hier ständig weht, kommt jetzt fast immer von vorne.
Zudem reihen sich jetzt Hügel an Hügel.
Mecklenburg-Vorpommern: unterschätzt und anspruchsvoll
Nichts entlang der 300-Kilometer-Runde kann man als „Berg“ bezeichnen. Absolut platt ist Mecklenburg-Vorpommern aber auch nicht.
Die Hügel weisen hier oft nicht mehr als 100 Höhenmeter am Stück auf, aber von denen gibt es viele. Im Ziel werde ich fast 2000 Höhenmeter überwunden haben.
Das Höhenprofil meiner Strava-Aufzeichnung wird aussehen wie ein Sägeblatt.
Schweigen, Nacht und Natur
Ständig wechselt der Rhythmus, ständig muss ich hoch- und runterschalten, um meine Trittfrequenz zu halten. Inzwischen fühle ich mich alles andere als frisch. Den anderen geht es nicht viel besser.
Keiner redet, alle schweigen – für Minuten, für Stunden. Während etlicher Kilometer sehen wir abwechselnd nichts als den Schein unserer Frontlampen oder das Rücklicht unseres Vordermanns.
Es geht abwechselnd über zweispurige Bundes- und kleinere Nebenstraßen, fast immer über guten Asphalt.
Einsame Dörfer und perfekte Bedingungen
Die Dörfer, die wir durchfahren, wirken wie verlassen. Alle Fenster sind dunkel. Während der Nacht begegnen wir nur wenigen Autofahrern.
Mecklenburg-Vorpommern ist fast zehnmal so groß wie das Saarland, es hat aber nur etwa eineinhalbmal so viele Einwohner.
Auf einen Quadratkilometer kommen im Saarland durchschnittlich 390, in Mecklenburg nur 70 Einwohner.
Kilometer 242: Das Ziel rückt näher
Ideale Bedingungen für ein so großes Event auf öffentlichen Straßen. Unser nächstes Teilziel heißt Alt-Schönau bei Kilometer 242.
Zuvor passieren wir die Ausläufer der Mecklenburgischen Schweiz. Die Reiseführer sagen, dass es hier ausgedehnte Hügel, Wälder und Seen gibt, zudem etliche alte Gutshäuser und kleine Schlösser.
Dies alles können wir in den Nachtstunden nur erahnen.
Wahrnehmung in der Nacht
Man sieht vielleicht weniger, dafür riecht man aber das Wasser, den Wald, das feuchte Moos, die klare, reine Luft und man fühlt jede Temperaturveränderung, während man über Hügel, durch Senken oder Dörfer fährt.
Auch anderen Fahrern begegnen wir unterwegs nur selten. Dafür treffen wir die immer gleichen Gruppen an den einzelnen Depots wieder.
Man nickt oder prostet sich zu. Keiner wirkt gestresst oder sichtlich erschöpft, viele grinsen.
Morgendämmerung und zweite Luft
Unsere Pausen bleiben pragmatisch und kurz: Wasser auffüllen, auf die Toilette gehen, zu einem Gel oder kleinen Snack greifen.
Die dampfenden Nudeln oder den frisch geschnittenen Obstsalat der Verpflegung lassen wir links liegen – lieber nichts riskieren, was die Verdauung nur unnötig arbeiten lässt.
Es sind noch 90 Kilometer bis ins Ziel, als kurz vor fünf Uhr die Sonne aufgeht.
Sonnenaufgang als Belohnung
Erst zeichnet sich in der Ferne die dünne Linie des Horizonts ab, dann beginnen die höher gelegen Wolken zu leuchten. Erst rot, dann orange, dann rosa.
Über Stunden habe ich nur den Wind wahrgenommen, jetzt hört man plötzlich wieder Vogelgezwitscher.
In diesen Minuten sind die Erschöpfung und die Schmerzen fast vergessen.
Die letzten Kilometer
Dies entschädigt für fast alle Anstrengungen der letzten elf Stunden. Die aufgehende Sonne wirkt – im Wortsinn – wie ein Wachmacher für alle.
Jonas, der „wie ein Uhrwerk“ pünktlich jede halbe Stunde ein Gel zu sich genommen hat, ist noch der Fitteste von uns dreien. „Ab jetzt 30er-Schnitt bis ins Ziel“, sagt er und übernimmt von nun an die Führung.
Ich reihe mich ganz hinten in unser Trio ein und mache mich im Windschatten so klein wie möglich.
Ankommen nach 300 Kilometern
Die nächste Stunde versuche ich mich nur auf das Hinterrad meines Vordermannes zu konzentrieren und dranzubleiben.
Hinter dem Dorf Wulkenzin fahren wir auf einer zweispurigen Bundesstraße. Noch einmal geht es bergauf. Wir sehen ein Schild: „Neubrandenburg 7 Kilometer“.
Und dann sind wir plötzlich zurück, in der Zivilisation.
Ziel, Erschöpfung und Zufriedenheit
Wir sehen: Ampeln, Autos, Häuser. Menschen, die am Samstagmorgen einkaufen gehen. Alles sieht so aus wie vor über zwölfeinhalb Stunden, als wir gestartet sind.
Alles, was in dem Zeitraum dazwischen passiert ist, wirkt in diesem Moment völlig unwirklich.
Noch einmal geht es durch den Park, über eine Bogenbrücke und dann sind wir endlich im Ziel.
Nach der Mecklenburger Seen Runde
Wir nehmen die Medaillen entgegen, die Urkunden, Freigetränke. In einem Zelt stehen Liegen mit Decken bereit.
Ich nehme meinen Rucksack ab, lege mich hin, schlafe quasi sofort ein und träume von leeren Straßen und neuen Erlebnissen.
Mecklenburger Seen Runde: Das Event & die Region
Die Mecklenburger Seen Runde ist ein Radmarathon mit Start und Ziel in Neubrandenburg, etwa zwei Autostunden nördlich von Berlin. Von dort führt die 300-Kilometer-Runde über Neustrelitz und Röbel rund um den Müritz Nationalpark, vorbei an dem gleichnamigen Binnensee, nach Malchow in die Mecklenburgische Schweiz und über Penzlin zum Startpunkt in Neubrandenburg zurück.
Das Event findet auf öffentlichen, nicht abgesperrten Straßen statt – die gesamte Route ist jedoch ausgeschildert und Gefahrenstellen sind abgesichert. Es gibt eine Transponder-Zeitmessung, jedoch keine Ranglisten und Wertungen.
Bei der Anmeldung entscheiden die Teilnehmer, ob sie allein, in Teams oder in einer geführten Gruppe mit erfahrenen Guides starten. Die Guides sorgen dafür, dass eine zuvor anvisierte Richtgeschwindigkeit gefahren wird. Somit kann jeder Teilnehmer die für sich passende Gruppe mit dem richtigen Tempo finden. Gestartet wird dann in Startblöcken innerhalb von zwei Zeitfenstern am Freitagabend oder am Samstagmorgen.
Entlang der Strecke gibt es regelmäßige Versorgungs-Depots mit Essen und Getränken für alle Teilnehmer. Neben dem Marathon über 300 Kilometer bietet die MSR eine exklusive Frauen-Runde über 100 Kilometer mit eigenem Start und zusätzlich einen Mini-MSR für Kinder und Jugendliche sowie ein Laufradrennen an. An beiden Tagen wird zudem ein umfangreiches Rahmenprogramm geboten. Die Mecklenburger Seen Runde findet in diesem Jahr am 29. und 30. Mai 2026 statt. Weitere Informationen zum Event und zur Anmeldung finden Sie hier: www.mecklenburger-seen-runde.de

