Christoph Strasser
Extremradsport: Christoph Strasser im Interview über das Race Across America

RAAM-Sieger Christoph Strasser im Interview

Extremradsport: Christoph Strasser im Interview über das Race Across America

Christoph Strasser fuhr 4880 Kilometer in sieben Tagen, 15 Stunden und 56 Minuten auf dem Rennrad. Er durchquerte die USA (fast) nonstop und gewann das Race Across Amercia in Rekordzeit. Einige Menschen werden sich jetzt fragen: wie? Alle anderen fragen sich: warum? RennRad hat ihn gefragt.
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Disclaimer: Das Interview mit Christoph Strasser wurde am 29.9.2014 erstmals bei RennRad veröffentlicht.

RennRad: Christoph, du saßt knapp acht Tage lang fast ununterbrochen auf dem Rad. Wie hast du die ersten Stunden nach der Zielankunft erlebt?

Christoph Strasser: Ich bin fast sofort eingeschlafen. Unter der Dusche waren wir dann zu dritt, zu zweit haben sie mich gestützt, denn ich konnte und wollte nicht mehr stehen. Ich hatte auch keine Stimme mehr. Nach dem Duschen habe ich zehn Stunden durchgeschlafen.

RennRad: Wann nach dem Start begannen die Schmerzen?

Christoph Strasser: Nach zwei Stunden. Da ging es mir zum ersten Mal richtig schlecht. Es ging steil bergauf und es war extrem heiß, über 40 Grad. Die längerfristigen Probleme haben dann ab der Hälfte angefangen: Knieschmerzen und Sitzprobleme vor allem, wobei man eigentlich überall leichte Schmerzen hat. Die letzten beiden Tage sind einfach brutal, die gingen nur mit Tapes und Schmerzmitteln. In den Appalachen  drückt es dir bergauf die Tränen aus den Augen, so schmerzen die Knie.

RennRad: Und, bist du abgestiegen?

Christoph Strasser: Nein, nur wenn es absolut nicht mehr ging mit den Knien. Drei Minuten lang. Dann gings weiter, auch wenn ich zwischendurch den Sinn des Rennens nicht mehr verstanden habe. Ich dachte, ich wäre wieder Radkurier und müsste ein ganz wichtiges Päckchen abliefern. Das kam vom Schlafmangel.


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Christoph Strasser: Fünfeinhalb Stunden Schlaf in fast acht Tagen

RennRad: Wie viel hast du in den fast acht Tagen geschlafen?

Christoph Strasser: Fünfeinhalb Stunden.

RennRad: Wie ist es möglich, fast ohne Schlaf eine solche Leistung zu bringen?

Christoph Strasser: Für den Körper ist der Schlaf nicht so wichtig, das hält man acht Tage lang aus. Es ist ein Kopfproblem. Es geht um das Hirn, die Konzentration. Aber nach 20 Minuten Powernap ist man wieder da. Nach dem Rennen dauert es dann mindestens eine Woche, bis man den normalen Schlafrhythmus wieder hat.

RennRad: Hast Du das trainiert, mit so wenig Schlaf auszukommen?

Christoph Strasser: Nein, gar nicht. Ich schlafe ganz normal, sieben, acht Stunden. Bei weniger erholt man sich nicht so gut. Ich trainiere auch nicht nachts, das ist schlecht für den Biorhythmus.

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Auswirkungen des Schlafdefizits

RennRad: Wie wirkt sich der wenige Schlaf auf dich aus?

Christoph Strasser: Die Wahrnehmung ist manchmal etwas verschwommen. Beim RAAM habe ich bisher jedes Jahr nachts irgendwann kleine Menschen am Straßenrand gesehen, die mir zujubelten. Mittlerweile weiß ich: Das sind Briefkästen mit Gartenzwergen drauf.

RennRad: Mit einem Gehirn im Halbschlaf Rad zu fahren, kann gefährlich werden.

Christoph Strasser: Mein Betreuerwagen hinter mir schützt mich vor dem Verkehr. Ich hatte auch schon einmal Sekundenschlaf und bin von der Straße ab und in einer Wiese gelandet. Aber ein gewisses Risiko muss man eingehen, wenn man unter acht Tagen bleiben will.

Gedanken an das Risiko

RennRad: Kamen denn Gedanken an dieses Risiko auf, an ein warmes Bett, an Essen, Schlafen, Absteigen, Aufhören?

Christoph Strasser: Den Gedanken ans Aufgeben gibt es nicht. Sollte er eine Zehntelsekunde lang auftauchen, wird er sofort verdrängt. Der an die Pausen kommt oft vor, aber da ist dann das Team beinhart zu mir. Sie geben mir die Pausen nicht, auch wenn ich noch so bettle. Das haben wir vorher auch so besprochen. Jeder will mit aller Macht verhindern, dass ich vom Rad steige. Es war immer klar: Wegen einer Sache bleiben wir nicht stehen. Es muss mindestens drei Gründe geben.

RennRad: Und wie lief eine solche Pause dann ab?

Christoph Strasser: Ich bin zum Beispiel vom Rennrad aufs Shiv (das Zeitfahrrad, Anm. der Redaktion) gewechselt, habe gepinkelt, die Jungs haben volle Akkus und Trinkflaschen eingesteckt und mir die Windjacke angezogen. Da waren fünf Leute beschäftigt, und das Ganze hat eine Minute gedauert.

Die Ernährung von Christoph Strasser

RennRad: Und was ist mit Essen? Wie hast du dich während der fast acht Tage auf dem Rad ernährt?

Christoph Strasser: Flüssig, mit Kohlenhydrat-Elektrolytgetränken und Flüssignahrung, die in Krankenhäusern eingesetzt wird, bei Patienten, die nicht kauen können. Da ist alles drin, Fett, Protein, ein kleines Fläschchen hat 300 Kalorien. Dazu Salz-, Kalium-, Magnesium-Tabletten und gegen die Müdigkeit ab und zu mal eine Cola.

RennRad: Wie hält man es aus, acht Tage lang nichts „Gescheites“ zu essen?

Christoph Strasser:Ich habe gewusst, dass das das Beste für meinen Körper ist, auch wenn‘s gegen Ende hin immer weniger schmeckt. Vor dem Rennen braucht man ein paar Reserven, jetzt habe ich vier Kilogramm weniger – und sehe aus wie einer vom Team Sky.

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Wichtigkeit des Materials

RennRad: Welche Rolle spielt das Material?

Christoph Strasser:Früher hätte ich gesagt eine kleine, aber inzwischen weiß ich, dass es entscheidend sein kann. Das Powermeter hilft mir sehr dabei, die Kraft richtig einzuteilen. Dieses Jahr war ich vor dem RAAM bei Specialized im Windkanal. Da wurde festgestellt, dass es aerodynamisch genauso viel ausmacht, mit offenem Trikot zu fahren, wie der Unterschied zwischen dem Rennrad und dem Zeitfahrrad mit Scheibe. Letzten Endes war ich zu 50 Prozent auf dem Shiv, dem Zeitfahrrad, unterwegs und zu 50 Prozent auf dem Roubaix, dem normalen Rad.

RennRad: Wie lange hast du dich auf das RAAM vorbereitet?

Christoph Strasser: Eigentlich seit dem Zieleinlauf im Jahr davor. Die reine RAAM-Vorbereitungszeit war sieben Monate. Mit durchschnittlich 25 bis 30 Stunden Training pro Woche.

Christoph Strasser, Interview

Bei 43 Grad durch die Wüste

Christoph Strasser über sein Wintertraining

RennRad: Wie sah dein Training im Winter aus? Warst du viel im Kraftraum?

Christoph Strasser:Nein, ich mache alles auf dem Rad, auch im Winter. Wenn man wegen des Wetters absolut nicht raus kann, ziehe ich das Programm eben auf dem Ergometer durch. Da gab es dann auch schon mal Wochen, in denen man fünf Mal sechs Stunden auf dem Ergometer saß.

RennRad: Und was steht auf deinen Trainingsplänen: Grundlage, Grundlage, Grundlage?

Christoph Strasser:Ich fahre viel weniger im Grundlagenbereich, als man so denkt. Nach so vielen Jahren mit so vielen Kilometern brauche ich das nicht mehr so. Heute fahre ich viele Intervalle: mit dem Zeitfahrrad, am Sweet Spot, einbeinig.

RennRad: Dein Training ist also über die Jahre kürzer, aber härter geworden?

Christoph Strasser:Ja, es wird jedes Jahr härter. Gemütliche Rollereinheiten gibt es nicht mehr.

Rennen gegen die Zeit

RennRad: Das klingt sowohl physisch als auch psychisch hart. Wie kamst du beim RAAM damit klar, dass du schon früh keinen ernsthaften Gegner mehr hattest, dass es ein reines Rennen gegen dich selbst und gegen die Zeit war?

Christoph Strasser: Hätte ich den Vorsprung nur verwaltet, hätte mich das nicht glücklich gemacht. In den Vorjahren war das Rennen extrem eng, 2012 gewann Reto Schoch. Ich wusste, dass ich in diesem Jahr schneller sein kann. Dann fährt man los und sitzt gut auf dem Rad und der Tritt ist gut und man kommt einfach in den Flow. Ich gehe soweit und sage: Der, der das stärkste Flow-Gefühl hat, wird der Schnellste sein.

RennRad: Und wenn es regnet und windet und bergauf geht? Man kann doch nicht ewig im Flow bleiben.

Christoph Strasser: Man kann immer wieder reinkommen. Auch am letzten Tag.

RennRad: Es ist die siebte Nacht, du sitzt seit 4500 Kilometern auf dem Rad – was geht da in deinem Kopf vor?

Christoph Strasser:Um ehrlich zu sein: ganz wenig. Deshalb sage ich meinen Leuten im Begleitauto dauernd: Burschen redet mit mir, gebt mir Rechenaufgaben, egal was, Hauptsache, es passiert was im Kopf. Der wichtigste Faktor ist: Du musst dem Gehirn etwas zu tun geben. Mein Funkgerät läuft auf Dauerbetrieb, wir reden stundenlang, Musik wird gespielt, Witze erzählt. Alles hängt vom Team ab. Ich bin kein harter Hund. Ich bin ein Teamplayer. In diesem Sport darf man kein Egoist sein, man ist absolut auf sein Team angewiesen.

RennRad: Und wenn die Ablenkung mal nicht funktioniert hat? 

Christoph Strasser: Wenn ich geträumt habe, dann von den einfachen Dingen: im Bett liegen und Ausschlafen, ein dickes fettes Steak auf dem Teller, ein, zwei kühle Bier. Um motiviert zu bleiben, ist mentales Training vor dem Rennen ganz wichtig: Du musst deine Ziele formulieren und wissen, was es dir bringt, diese Ziele zu erreichen. Du musst die Antwort auf die Sinnfrage haben. Denn die wirst du dir im Rennen garantiert oft stellen.

Christoph Strasser: „Der Sport bestimmt mein Leben“

RennRad: Und, wie lautet deine Antwort?

Christoph Strasser: Die war von Anfang an klar: Es geht um viel, der Sport bestimmt mein Leben, ich habe alles auf eine Karte gesetzt, das Studium abgebrochen. Ich wollte den Radsport professionell betreiben. Die Antwort lautet deshalb: Ich liebe, was ich tue. Ich habe das Privileg, von dem leben zu können, was mir Spaß macht, was mich erfüllt. Dafür bin ich dankbar – und dafür muss ich Leistung bringen.

„Ich habe alles auf eine Karte gesetzt“ (Christoph Strasser)

RennRad: Dafür nimmst du extreme Strapazen in Kauf. Wie hast du den letzten Tag vor dem Ziel erlebt?

Christoph Strasser: Schlimm, wirklich schlimm. 20 Stunden vor dem Ziel hatte ich meinen absoluten Tiefpunkt. Es war in den Appalachen, in der Mittagshitze, ich war in einem riesigen mentalen Loch. Die letzten Stunden habe ich mich dann wie jedes Jahr über die Zielanfahrt geärgert: Dichter Verkehr, viele rote Ampeln, die Ziellinie ist ein Klebeband zwischen zwei Hütchen. Im Ziel war ich dann viel zu fertig, um mich zu freuen.

Christoph Strasser, Interview

Gemeinsam am Ziel. „Ohne mein Team hätte ich das nie geschafft“, sagt der RAAM-Sieger.

Land und Leute

RennRad: Du durchquerst ein ganzes Land. Aber was siehst du von diesem Land? Asphalt und Autos?

Christoph Strasser: Nein, man fährt fast 5000 Kilometer Rad, aber ich habe alles, was ich gesehen habe, abgespeichert. Das Monument Valley ist schon sehr beeindruckend. Nur bin ich inzwischen so schnell, dass ich in der Nacht durchfahre. Rund um Flagstaff ist eine tolle Wild-West-Landschaft. Ab der Hälfte wird es aber langweilig, da sieht alles gleich aus. Schnurgerade Straßen bis zum Horizont. In Kansas geht es knapp 800 Kilometer lang flach, geradeaus mit nichts um einen herum als Weizenfelder. Aber ich mag das.

RennRad: Wie bitte? Warum?

Christoph Strasser: Weil ich weiß, dass alle anderen es hassen. Daraus ziehe ich Motivation.

RennRad: Wie kamst du überhaupt auf die Idee, Extremradsport zu machen?

Christoph Strasser: Das lag an Wolfgang Fasching (dreimaliger RAAM-Sieger, die Redaktion). Als kleiner Bub habe ich ihn und das RAAM im Fernsehen gesehen. Die Kombination aus Wettkampf und Abenteuer fand ich von Anfang an faszinierend. Ich habe dann schon sehr früh mit 24-Stunden-Rennen angefangen. 2005 bin ich dann mit 22 Jahren das Race Across the Alps gefahren, das war der richtige Einstieg.

RennRad: Für einen Extrem-Ausdauersportler bist du mit 31 Jahren noch jung, oder?

Christoph Strasser: Schon. Trotzdem überlegt man sich jedes Jahr, wie oft man sich das noch antun soll. Aber im Moment läuft es. Wir haben den Code geknackt, wie man beim RAAM schnell fahren kann. Jure Robic hat es fünf Mal gewonnen, aber drei Mal in Serie oder sechs Siege wären ein neuer Rekord. Das sind die Gedanken in meinem Kopf, alles andere wäre sinnlos, denn die Motivation ist da. Aber generell definiere ich mich nicht über die Zeit oder die Platzierung, sondern über meinen Einsatz: Ich will und werde im Ziel mit null Prozent Energie ankommen. Alles rausquetschen – und dann sehen, was rauskommt.

RennRad: 4800 Kilometer in sieben Tagen, 15 Stunden und 56 Minuten, ein Rekord für die Ewigkeit?

Christoph Strasser: Nein. Ich weiß, dass es noch schneller geht.

Christoph Strasser und sein Training

Beispiele aus einer „typischen“ Vorbereitungswoche

– Vier Stunden: G1 mit 6 x 8 Minuten K3

– Fünf Stunden: G1 mit 3 x 20 Minuten „Sweet Spots“

– Fünf Stunden Tempo/G2/EB mit durchschnittlich 300 Watt (80% FTP)

– Weitere 10 Stunden im G1-Bereich, frei eingeteilt

Gesamt: 20–30 Stunden pro Woche, 800–1000 Kilometer

Das Race Across America

4880 Kilometer, 50.000 Höhenmeter, einmal quer durch die USA. Christoph Strasser benötigte für das Race Across America sieben Tage, 15 Stunden und 56 Minuten. Er schlief 5,5 Stunden und fuhr inklusive aller Pausen (insgesamt gab es zwölf Stunden, an denen er nicht auf dem Rad saß) eine Durchschnittsgeschwindigkeit von fast 27 km/h.

Mehr Informationen unter: www.raceacrossamerica.org


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