Extrem-Radsportler Michael Büttner
Extremradsportler Michael Büttner: zwei Weltrekorde auf der Ultrastrecke

Handicap-Athlet: Weltrekorde beim Race Across Germany

Extremradsportler Michael Büttner: zwei Weltrekorde auf der Ultrastrecke

Handicap-Extremradsportler Michael Büttner schafft zwei neue Weltrekorde beim Race Across Germany: mit 1111 Kilometern die größte Distanz, mit 54:29 Stunden die längste Zeit.
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1111 Kilometer, mehr als 8000 Höhenmeter in 54 Stunden und 29 Minuten: Michael Büttner gelingen beim Race Across Germany 2018 gleich zwei Weltrekorde. Der Münchberger, der nach einem Schlaganfall vor 15 Jahren zum Extrem-Radsport gefunden hatte, berichtet in seiner gewohnten Art: subjektiv, selbstbewusst und emotional.

Es ist wieder soweit: RAG, Race Across Germany. Die Möglichkeit, sich in Deutschland für das legendäre Race Across America zu qualifizieren. Ich weiß etwas jetzt schon ganz genau: Es wird bei diesem Race für mich keinen Graubereich geben. Entweder ich bewege mich im roten oder grünen Bereich. Ich werde bis zur ersten Timestation und Kilometer 245 alles von meinem Körper fordern, ohne Gnade. Dies soll schon der Grundstein für alle Vorhaben 2018 auf dieser Strecke sein. Weltrekord in Distanz und Zeit als Handicapper mit CP-8-Behinderung und vielleicht auch die RAAM Qualifikation. Aber das wichtigste ist: finishen.

Vollgas

Normal ist es das „Todesurteil“, wenn man auf einer Ultradistanz mit einer derartigen Intensität anfängt. Aber ich habe in acht Monaten alles getestet was nur zu testen war um meinen Körper das vor Augen zu führen was er hier abzuliefern hat. 16000 Kilometer und fünf Langstreckeneinsätze mit dreieinhalb kompletten Nachtfahrten hat er so hinter sich gebracht. Und er weiß genau, was Herz und Beine leisten können.

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Was treibt einen Menschen im Radsport mit Behinderung auf solche mörderischen, weltweit einmaligen Strecken die auf der Welt, und bei der Kilokalorien in Unmengen vernichtet werden?
Ich habe nach meinem Schlaganfall auch mal in den offiziellen Behinderten-Radsport DBS geschnuppert, aber nur einige Runden um den Häuserblock zu drehen genügt meinen Anforderungen einfach nicht. Was soll ich da? Das ist zwar vielleicht die Creme de la Creme in Behindertenradsport, aber nicht mein Gebiet. Es ist die Ultraszene, in der ich der Welt meine Fähigkeiten richtig zeigen kann. Zweimal tief durchatmen und dann ist bei Kurzdistanzen schon wieder die Heimreise fällig!

Ultrastrecke

Auch wäre ich hier nie soweit gekommen wie im Extremradsport, dem nur die Titanen der Straße gewachsen sind. Nur auf Ultrastrecken finde ich das Gleichgewicht zwischen Körper und Geist, was zeitweise einfach nötig ist. Sicher ist hier auch. Sich anzumelden bedeutet den Mut, zu starten. Es bedeutet jedoch auch absolute Stärke in Geist und Körper. Es gibt keine leichten Strecken im vierstelligen Kilometerbereich, und hier werden dir sämtliche Schattenwelten, durch die du zu fahren hast, vor den Latz geknallt, rigoros, rücksichtslos und brutal. Bei Tag und bei Nacht, und das mehrmals hintereinander ohne Schlaf, wenne s geht und wenn es sein muss. Bei einer mehr als fünfzigstündigen Dauerparty des Körpers. Gnade: Fehlanzeige! Abfeiern ist angesagt!

Ich brauche den Geschmack von Blut im Mund. Auflösungserscheinungen meines Körpers und das Gefühlt eines Traumes, der tagelang geträumt werden kann. Ohne Pausen. Nonstop, fast bis der Arzt kommt. Tagelange Taubheitsgefühle nach einem solchen Einsatz sind eine kleine Beigabe, auf die ich zwar verzichten könnte, aber das will ich nicht. Gefüllte Knöchel und Füße mit Wasser, sodass sie aussehen wie Bierfässer und am liebsten platzen wollen. Das sind die Gratis-Zugaben eines solchen Races am Ende.

Mehr als 1000 Kilometer

Vielleicht sollte man einmal die Kameras da aufstellen, wo all das geschieht, um den Schmerz und das Leid dort einfangen zu können, wo es nie aufzuhören scheint. Gesichter werden durch den Schmerz zu entstellten Grimassen. Ich bin jetzt ganz oben an der Pyramide des Radsports. Nach 2007 und der damaligen Paris-Brest-Paris-Teilnahme in Frankreich bin ich erneut ganz oben angekommen wo es richtig und wirklich richtig weh tut. Wo die Knochen und Bänder und Sehnen so aneinander reiben das sie gerne vor Schmerz schreien würden wenn sie das nur könnten. Nach mehr als zehn Jahren Pause in der Über-1000-Kilometer-Fakultät, wo mir weltweit niemand das Wasser reichen kann, bin ich wieder da.

2017 wollte ich dieses RAG unsupported schon einmal überwinden, also ohne Begleitfahrzeug und ebenfalls ohne fremde Hilfe. Der 31-Stunden-Dauerregen und der Wind, welchen mir das Race Across Germany da entgegenstellte, waren selbst für mich ein Trip in die Hölle fast ohne Wiederkehr. Ich fühle mich als das Beste, was Deutschland und die Welt in diesem Bereich im Handicap-Radsport zu bieten hat. Das macht mich stolz. Ich fühle mich genial und mental unschlagbar.

Abend heißt nicht Feierabend

Mehrere Nächte muss Büttner durchfahren

2007 hatte ich erfolgreich beim Klassiker Paris-Brest-Paris über 1228 Kilometer gefinisht. Ich hatte darum gebeten, das als Weltrekordversuch zu deklarieren. Man meinte dann wohl, ich hätte nicht mehr alle Latten am Zaun und würde das ohnehin nie schaffen. Als ich dann nach 78:02 Stunden über die Ziellinie rollte, machte man sehr lange Gesichter, und die macht man wohl heute noch. Denn da bin ich seit 1891 der Einzige mit Handicap, der dieses „Ding aus einer anderen Welt“ nach 127 Jahren zertreten hat, und dabei nur 6 Stunden Schlaf gebraucht hatte. Das sogar ohne Begleitfahrzeug und Hilfe.

Am Start

Aber jetzt zum RAG! In Stadtlengsfeld, nach 665 Kilometern war an einem Bahnübergang für mich das Ende, als ich in den schräg zur Straße verlaufenden Gleisen mit dem Vorderrad einfädelte und so hart auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde, wie ich es selbst nicht glauben wollte. Fast wäre ich da sogar noch von einem nachfolgenden Auto überfahren worden. Bis dahin hatte ich noch alle Trümpfe in der Hand gehabt– finishen und selbst die RAAM-Quali. Trotz des Mehrgewichtes von 14 Kilogramm an Reisegepäck. Ich konnte die Tränen einfach nicht mehr zurückhalten und weinte in einem Bushäuschen alleine vor mich hin, ohne irgendeinen Trost von anderen zu bekommen der mir da sicher gut getan hätte. Dafür brauchte ich aber bestimmt kein Mitleid, denn das war Eigenverschulden.

Es ist der 29. Juni 2018, 8.05 Uhr. Es sind noch drei Minuten, bis es für mich heißt: Go, Micha, go! Ich bin so nervös und lasse mir das trotzdem nichts anmerken. Denn eigentlich besitze ich Routine en masse. Ich hab mich vor dem Race so sehr selbst unter Druck gesetzt wie ich das sonst nie tue. Ich bin eigentlich niemand, der vorher große Töne spukt, und lieber nachher spricht, wenn alles super gelaufen ist. Beim RAG muss ich mit meinem Marschplan zweimal die ganze Nacht und zweieinhalb Tage am Stück durchkämpfen, fighten und teilweise die Sonne vermissen. Diesmal wird alles anders, habe ich mir geschworen. Diesem RAG 2018 werde ich diesmal den Zahn ziehen und das ohne Narkose, mit allem Schmerz, den ich in Beinen, Kopf und Seele verkraften kann. Und das ist nicht wenig vorab schon mal erwähnt. Und jetzt 3-2-1, und ich muss den ersten Kurbelhub von insgesamt 212550 erledigen, welche ich auf diesen 1111 Kilometern leisten muss, um erfolgreich im Ziel anzukommen. Dies wird mich weit mehr als 20000 Kalorien kosten. Drei Ziel habe ich heute und jetzt: Finishen! Weltrekord-Distanz! Weltrekord-Zeit! Die RAAM-Quali ist zweitrangig!

Ziel: Weltrekorde

Mein erster Marschplan: nach elf bis zwölfeinhalb Stunden bei der ersten TS (Timestation) wo eine SMS von meiner Crew an die Rennleitung mit Angaben zu Startnummer, Zeit und TS gesendet werden muss. Ich schlug dort um 17:01 uhr auf, also nach nicht einmal neun Stunden. Bis hierher gab es keinen Bereich grün, sondern nur rot für meinen Körper. Ein Zeitpolster von dreieinhalb Stunden hatte ich mir da schon erarbeitet, und das bei mehr als 30 Grad, dafür aber mit etwas Rückenwind. Diese dreieinhalb Stunden wollte ich natürlich in der ersten Nacht bei kühleren Temperaturen noch ausbauen, denn es würde die Zeit kommen, in der ich Pausen brauche. 245 Kilometer waren jetzt von meinen Schwalbe-Reifen überrollt worden, und das RAG war aber noch frisch.

Mein zweiter Marschplan lautete: mit aller Härte fahren.. Mich selbst jagen, bis ich mich nicht mehr jagen kann. Fast schon selbstzerstörend war diese Herangehensweise am Anfang eines solchen Races, aber ich wollte das bewusst so. Fast hatte ich das Gefühl, dieses kleine Schweinchen RAG würde mit mir spielen wollen weil ich ja Handicapper bin. Ich dachte mir: Du willst spielen? Dann lass uns spielen! Am Ende werde ich dir das Pokerspiel mit einem Full House servieren.

Die TS2 Bilderlaher Höhe/Seesen vor den Toren des Harzers tauchte um 2.26 Uhr und nach 465 Kilometern vor mir auf. Ich war richtig schnell für meine körperlichen Verhältnisse, denn 2017 war ich hier erst gegen 7.30 Uhr früh. Mein Marschplan hier: zwischen 21 und 24 Stunden. Erneut hatte ich dem RAG mit meinen jetzt 18 Stunden und 20 Minuten großen Polster Zeit abgeluchst. 2:0 für mich, dachte ich da. So langsam wurde es still um mich, mitten in der Nacht und bei kalten gut neun Grad. Gelegentlich hörte ich den Lüfter an meinem Begleitfahrzeug hinter mir laufen, sonst nichts.

Durch die Nacht

Bei der TS2 hatte ich auf einmal zwei Typen um mich. Sie kamen von einer Geburtstagsparty angelaufen und fragten mich und meine Crew, was denn hier ab ginge, mitten in der Nacht, weil schon mehrere Radfahrer um diese Zeit durch ihr kleines Kaff rasten. Die Frage der Jungs: Wo kommt ihr her, wo wollt ihr hin? Meine Antwort: Flensburg, Garmisch! Sie dachten, wir wollten sie verarschen. Mein Crewmitglied Julian beendete das Gespräch: „Jetzt lasst ihn mal in Ruhe, denn er hat noch mehr 650 Kilometer vor sich und muss weiter.“ Ich hatte neben meinem Fahrer und Navigator also auch einen Bodyguard, der alles von mir abhielt was störend für mich war. War schon ein geiles Gefühl für mich. Und dann waren wir auch so schnell verschwunden, wie wir gekommen waren.

Nachrichten bestätigen die Time-Stationen

Nachrichten bestätigen die Time-Stationen

Jetzt visierte ich die TS 3 Berka-Werra an, das bedeutete: der Harz, und damit das härteste Teilstück des RAG-Geschichte, und das nach nun 605 Kiloemtern. Es war mehr als die Halbzeit der 1111- Kilometer-Tortur. Es war jetzt 11.09 Uhr, und brütend heiß mit weit über 30 Grad Celsius. Mein Marschplan sagte mir, dass ich spätestens um 15.30 Uhr dort eintreffen musste, um in Garmisch-Partenkirchen zu finishen. Mein Zeitpolster: gut 4:15 Stunden. Ich hatte nur sagenhafte eineinhalb Stunden im Harz verloren. Aber das hatte ich in etwa einkalkuliert. Mir ging es richtig schlecht. Die Augen wurden immer kleiner, als ich auf der vielbefahrenen B196 fuhr. Meine Frau und das Team zog mich aus Sicherheitsgründen einfach aus dem Verkehr. Powernap war der Befehl, den ich nicht folgen wollte, aber dann doch einwilligte. 20 Minuten und keine Sekunde länger, das war meine Vorgabe.

Gefahr

Ich war eine Gefahr für den Straßenverkehr geworden. Ich kam wie verwandelt zurück auf die Strecke und trotz der brutalen Hitze ging es jetzt Richtung Kitzingen in etwa 125 Kilometer Entfernung. Die Hitze war einfach unglaublich für mich, aber da mussten alle durch. Zwei meiner direkten Konkurrenten in meiner Altersklasse waren schon ausgeschieden, während ich innerlich um Gnade flehte, wirklich! Ich verbarg es aber geschickt vor meiner Crew. Kitzingen hat sein eigenes Namensschild für dieses RAG: der Schafrichter. Wer es hier noch weiter durchhält, der kommt in der Regel auch in Garmisch ins Ziel. Und ich hielt durch, obwohl jetzt jedes Steinchen, jeder kleine Hügel schmerzten, als würde ich das Stilfser Joch hochfahren.

Gerade das ist etwas, was mich immer wieder auszeichnet. Wenn es mal richtig brutal wird, komme ich aus den tiefsten Canyons des Leides durch meine geschickte Schonweise des Körpers immer wieder zurück. Anderen ist da das Licht schon ausgeblasen. Und es wieder anzuzünden, fehlt einfach das Zündholz mit den Namen Moral und Mentale Stärke. Ich habe es einfach, obwohl mein Körper fürchterliche Nehmerqualitäten zu zeigen hatte. Mein Puls war irgendwo bei 100 und fuhr auf Sparflamme, was ich immer als super bewerte. Er ist im Schonmodus und auch Strapazen gehen an meinem Herzen vorbei, ohne Reaktion. Gerade dafür liebe ich ihn so sehr.

Es geht weiter

Kitzingen machte mir aber so Probleme weil ich mich total verhedderte, da ich mein Navi total fehlbedient hatte. Ich verlor hier viel Zeit, ehe ich per Telefon mein Begleitfahrzeug rief, das auch nach zehn Minuten da war. Jetzt wurde es richtig zickig, und ich zeigte mein anderes Gesicht, das ich habe, wenn es mies läuft. Armes Team, muss ich jetzt sagen, denn nur ich alleine war an dieser Misere schuld. Aber ich hatte sie gewarnt, das für uns alle ein hartes Erlebnis werden würde. Ich warf mein RR in den Graben und wollte einfach meine Ruhe haben. Julian machte mein Navi wieder flott, Lisa und Regina wollte nach GAP, also fuhr ich auf die Bundesstraße Richtung Ansbach um schon zu ahnen das dies nicht meine einzige Zickerei bleiben sollte. Irgendwo bei Ansbach ging es nachts einen Berg hoch. den ich nicht enden spürte. Ich hatte an die zehn Stundenkilometer auf dem Tacho, wenn nicht noch weniger. Ich konnte hier fast nicht mehr und hatte an die 850 Kilometer hinter mir.

Das Begleit-Wohnmobil auf der Extrem-Strecke

Das Begleit-Wohnmobil auf der Extrem-Strecke

Mitten im Nirvana spielte mein Kopf-Kin: nur wirres Zeug und eigentlich nichts, was mir weiterhelfen konnte. Plötzlich schaltete mein Begleitfahrzeug hinter mir das Fernlicht ein und ich sah den ganzen noch vor mir liegenden Anstieg in voller Pracht ausgeleuchtet vor mir. Ein mentaler Lanzenstoss! Ich hätte meine Crew umnieten können, so gemein war das. Moralischer Volltreffer in negativer Form, obwohl sie das nur gut gemeint hatten. Ich schrie, ohne dass sie das hören konnten. Die 140 Kilometer zur TS Mauren bei Kilometer 918 war jetzt anzusteuern. Sechs bis sieben Stunden waren da für mich in etwa einkalkuliert. Es war immer noch Nacht und etwa zwei Uhr in früh. Ich hatte bis jetzt gerade mal 20 Minuten in etwa 42 Stunden gepennt. Ich brauchte auf den Nebenstraßen die ganze Fahrbahn, und weil da kein Verkehr herrschte, ließ meine Crew mich walten, aber mit viel Sorge, denn das würde ich so nicht bis GAP schaffen – und irgendwann bitter so kurz vor dem Ziel noch eingehen wie ein Fisch ohne Wasser. Mein Sky-Wave-Wohnmobil von Knaus fuhr jetzt langsam vor mir, um mit seinen roten LED-Lichtern meine Augen zu reizen. Ich fantasierte, fuhr an mein WOMO und klopfte an die Beifahrerscheibe. Jetzt wurde es übel und gerade Lisa saß hier zum falschen Zeitpunkt am falschen Platz und bekam es ab. Gerade meine Lieblingsnichte! Geschönter Wortlaut von mir:

Nerven

Wollt ihr mich veräppeln wir fahren schon stundenlang im Kreis, hier war ich schon mehrmals vorbei gekommen.
LISA: Ich führe genau so, wie es der Track vom Rennleiter es uns in Schlangenlinien anzeigt. Machen wir Pause?
ICH: Einen S…! Ich will erst in Mauren sein, dann vielleicht!
LISA: Wir fahren nicht im Kreis und wir waren hier noch nicht, das kannst du mir glauben!
ICH: Das gibts nicht verdammte …, ich will auf direktem Weg nach GAP und nicht Abkürzungen fahren, die es gar nicht gibt. Wie weit ist es noch bis Mauren?
LISA: 16 Kilometer. Halt den Rand, ich will auch nach GAP und jetzt spinn nicht rum, wir machen Pause. Du kannst keinen klaren Gedanken mehr fassen. Du bist im A…!
ICH: In Mauren und nicht früher. Basta!

Weiter ging es und als wir im kleinen Ort Mauren bei der TS 5 eintrafen war es 4:26 Uhr, also war die zweite Nacht fast vorüber und schon wieder ziemlich hell. Ich war hier mental voll daneben und frage mich jetzt immer noch, wie ich hier das Ruder noch herum reißen konnte. Mein Marschplan sagte mir, das ich ab hier für 200 Kilometer noch eine Zeit von zwölfeinhalb Stunden hätte. Trotzdem zickte ich weiter und als wir durch Mauren kamen, sagte mir meine Frau Regina beim vorbeifahren, dass sie uns ein Plätzchen suchen will, damit ich mich noch mal ablegen kann. Na gut, dachte ich, machen wir.

Weit und breit im Donauries war kein Anstieg – aber meine Crew fand trotzdem einen, der leider genau auf dem Track war, was ich allerdings nicht wusste. Der Anstieg und jede noch so kleine Welle tat jetzt nach 900 Kilometern richtig weh, und ich schrie beim Verlassen des Dorfes auf dem Rat herum. Endlich am Anstieg angelangt, sofort in Klamotten aufs Bett und eine Stunde lang Teufelchen-Träume träumen. Nach dieser Stunde war ich wie ausgewechselt, und der alte Micha war wieder vorhanden. Essen, Toilette, und es ging weiter Richtung TS 6 Moorenweis bei Kilometer 1016. Jackpot und 10.15 Uhr!

Versöhnung

Ich war wieder richtig geil drauf und brauchte für die läppischen letzten 100 Kilometer nur knappe 6.45 Stunden zu fahren, und alles wäre in trockenen Tüchern. Die Maschine Michael lief wieder super. Ich hielt in Moorenweis an und bat meine Crew, mir eines meiner WM-Trikots zu reichen, die ich mitgenommen hatte um stilgerecht in GAP einzufahren. Ich bekam sogar von meinen Lieben ein Calippo-Eis, das ich jetzt lutschen durfte, während ich gen GAP rollte. Ich war böse zu Euch und möchte mich dafür entschuldigen, sagte ich kleinlaut. Mir rollten vor Freund die Tränen übers Gesicht, als ich alleine Richtung Ziel weiter rollte, weil ich so kurz vor einem erneuten Triumph über mehr als 1000 Kilometer stand. Ich war stolz auf mich und vor allem auf meine geniale Crew, meine Mannschaft, jetzt schon. Sie waren so toll zu mir, obwohl ich gelegentlich mal einen Tritt in den Allerwertesten gebraucht hätte. Aber dann hätte ich wohl das Handtuch geworfen, weil solche Situationen einfach in diesen Momenten so eng beieinander liegen. Hier benötigt man Feingefühl und Nehmerqualitäten und muss auch mal einstecken auch wenn es schwer fällt. Und das konnte meine Crew.

Das waren meine schönsten 100 Kilometer die ich je auf meinem Rennrad gefahren bin. Ich genoss das so sehr! Vier Stunden lang. Wenn man das nicht genießen kann, ist man hier fehl am Platz!
In Farchant allerdings war v mir etwas die Orientierung verloren gegangen, und mein Team hatte ich schon ins Ziel geschickt.
Ich fragte einen Einheimischen: Grüß dich, wo geht‘s genau zum Skisprungstadion?
Er: Wo kommst denn her?
ICH: Aus Flensburg!
ER: Genau – verarschen kann ich mich selber!
ICH: Doch, ich fahre das Race Across Germany und dort ist die Siegerehrung.
Er: Was? Vielviele Kilometer sind das denn?
ICH: 1111km!
ER: Mir tut der Hintern schon nach 50 Kilometern weh!

Finale

Er sagte mir wo es lang geht, und um genau 14.37 Uhr fuhr ich in die Arena, oder besser, ich bog ich in den Garten der Freude, ins Kolosseum der Extremisten ein und wurde vom Rennleiter Dieter Göpfert mit den Worten empfangen: Es ist noch keiner so ins Ziel gekommen wie du gerade. Man könnte meinen, du wärst mal eben 50 oder 100 Kilometer unterwegs gewesen. Ich nahm das gerne zur Kenntnis und genoss die anschließende Siegerehrung. Die RAAM Qualifikation verfehlte ich zwar, aber das war auch nie mein Hauptziel gewesen, das war zu verschmerzen.

Alle Ziel habe ich erreicht :
Weltrekord – Distanz Handicap 1111 Kilometer
Weltrekord – Zeit Handicap 1111 Kilometer
Finishen in unter 57 Stunden
Finisherzeit: 54:29 Stunden

Zusätzlich:
Top 10 Platzierung
4.Pl. AK 50+
Und der erste Handicapper der Welt, der dieses RAG zu Ende gebracht hat

Das war ein legendärer, genialer Ritt. Ich denke, das wird wieder ein Meilenstein im Radsport sein, eine Leistung, die ein anderer Handicapper auf diesem Planeten nicht so schnell wiederholen kann.

www.raceacrossgermany.de
www.bikingbuettner.wordpress.com


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