Maratona dles Dolomites, Erfahrungsbericht
Maratona dles Dolomites: Erfahrungsbericht vom Radmarathon

Maratona Perfetta

Maratona dles Dolomites: Erfahrungsbericht vom Radmarathon

138 Kilometer, 4230 Höhenmeter – bergauf, bergab, keine Flachstücke. Der Erfahrungsbericht von der Maratona dles Dolomites – dem Radmarathon über die legendären Pässe der Dolomiten. Auf der vielleicht schönsten Strecke der Welt.
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Ein leichtes Schleifen ist das einzige, das einsame Geräusch dieser Abfahrt. Mit fünf anderen Fahrern bin ich über die Passhöhe auf 2233 Metern gekommen. Der Anstieg war lang und steil, die Auffahrt gelang mir gerade noch ohne Krämpfe, gerade noch mit einem flüssigen Tritt. Der Einbruch blieb aus. Ich fuhr an meinem Limit, aber nie darüber.

Gemeinsam mit meinen Begleitern geht es in die Abfahrt: Wir neigen uns in die steilen Kehren, auf denen das schmale, dunkle Asphaltband Höhenmeter für Höhenmeter bergab führt. Keine Autos kommen uns entgegen – denn die Strecke ist komplett abgesperrt. Ein leises Schleifen der Bremsflanken, ein sanftes Quietschen der Scheibenbremsen, das ruhige Abrollen der Reifen, das sind die einzigen Geräusche unserer Abfahrt vom Passo Giau.

In meinem Kopf ist ein einziger Gedanke, ein Gedanke, der meine Stimmung in die Richtung der Euphorie verschiebt: Ich habe den Giau überstanden, konnte mein Tempo fahren, hatte keine Krämpfe – und fühle mich noch immer frisch. Relativ. Heute könnte mein Tag sein. Die ersten Serpentinen durchfahren wir gemeinsam, die letzten passiere ich alleine. Vor den anderen. Es ist der gleiche Ablauf, Kurve für Kurve. Ich erkenne die Ideallinie, bremse im richtigen Moment, trete dann wieder in die Pedale, bis ich wieder bremse, mich neige, die Kurve durchfahre und wieder beschleunige. Die Kurven sind eng, mein Neigungswinkel wird immer größer. Doch der Grip bleibt, mit jeder Kurve wird meine Abfahrt sicherer.

Maratona dles Dolomites, Emotion

„Es geht entweder bergauf oder bergab: Was man beim maratona leistet, schafft man selbst. heute ist mein bester Tag.“

Der beste Tag auf dem Rennrad: Maratona dles Dolomites

Auch nach dem Passo Giau mit seinen 849 Höhenmetern auf 9,5 Kilometern sind meine Kräfte noch nicht aufgebraucht. Die Konzentration ist bei 100 Prozent. Heute stürze ich nicht. Denn heute ist mein perfekter Tag. Mein bester Tag auf dem Rennrad: Maratona dles Dolomites. Es ist ein perfekter Tag, der perfekt begann.

Um 6.30 Uhr stehe ich am Start in La Villa, einer Fraktion der Tourismus-Gemeinde Alta Badia in den Südtiroler Dolomiten. Gemeinsam mit 9239 anderen starte ich in der Morgensonne, die Strecke beginnt für alle gleich – sie empfängt uns nach wenigen Kilometern mit der ersten Passauffahrt des Tages, dem Passo Campolongo. Es ist ein kurzer Pass, ein gnädiger Einstieg in einen langen, harten Tag: 368 Höhenmeter sind auf 5,9 Kilometern zu überwinden.

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Kaum Vorteile durch Windschatten

Ich werde zum Teil eines der schönsten Panoramen, welche die Alpen zu bieten hat: Während ich von Corvara in mäßig steilen Serpentinen bei gut sechs Prozent Durchschnittssteigung zur ersten Passhöhe des Tages hinauffahre, ragt hinter mir der markante, 2665 Meter hohe Felsturm des Sassongher auf. Für jeden, der heute am Start ist, ist der Campolongo der erste Anstieg.

Drei verschiedene Strecken gibt es bei „der“ Maratona. Was sie gemeinsam haben: Sie alle sind nicht extrem lang, alle weisen sehr viele Höhenmeter auf, und auf allen geht es fast durchgehend entweder bergauf oder bergab. Anders als bei vielen anderen Radmarathons gilt: Vom Windschatten kann man hier kaum profitieren. Eine gute Zielzeit erreicht man, wenn man schnell bergauf und schnell bergab fährt. Was man hier leistet, schafft man selbst.

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Maratona dles Dolomites: Bergauf & bergab

Die Sellaronda-Strecke ist sehr kurz, sie führt nur über 55 Kilometer – doch sie ist schwer, 1780 Meter Höhenunterschied weist sie auf. Es ist die Strecke der legendären Sella Ronda, der Umrundung des Sella-Massivs, dem Gebirgsstock mit bis zu 3152 Metern Höhe.

Nach dem Campolongo geht es im Uhrzeigersinn über die Pässe Pordoi, Sella und Gardena zurück ins Ziel nach Alta Badia. Die Kurzdistanz ist auch die Basis für die beiden anderen Strecken. Auf diesen fährt man den Passo Campolongo deshalb zweimal. Auf der mittellangen Runde absolviert man insgesamt 106 Kilometer und 3130 Höhenmeter. Nachdem es zum zweiten Mal über den Campolongo geht, führt eine zusätzliche Schleife über die beiden zusammenhängenden Passhöhen des Passo Falzarego und des Passo Valparola zurück nach Alta Badia.

Auf der Maratona-Strecke absolviere ich heute jedoch 138 Kilometer, überwinde dabei 4230 Höhenmeter. Auch auf dieser Runde fahre ich über die finale Pässe-Kombination aus Falzarego und Valparola. Zuvor muss ich jedoch eine der schwierigsten Passauffahrten schaffen, die es in den Dolomiten gibt.

Auffahrt zum Passo Giau

Es ist die des Passo Giau. Plötzlich ist er da: Nach 3,5 Stunden und 85 Kilometern beginne ich die Auffahrt zum Passo Giau. Ich fahre in die erste Rampe hinein, sofort sind die Steigungsprozente im zweistelligen Bereich. Bei vielen anderen Pässen folgen auf steile Rampen Flachstücke. Beim Passo Giau folgen auf Steilstücke noch steilere Stücke.

Ich überhole Fahrer, die hier bereits an ihre Grenzen geraten sind, deren Übersetzungen keine Gänge mehr bieten, in denen sich die zwölf, 13 oder 14 Steigungsprozente mit rundem Tritt überwinden lassen. Radfahrer, die hier bereits einbrechen, mit zittrigen Fingern Energiegels ausquetschen und jedes schnell verfügbare Kohlenhydrat aus der Verpackung saugen. Athleten, die wissen, dass es von hier noch ein langer Weg ins Ziel ist – und dass dieser Weg ein schmerzhafter sein wird.

Unerreichbar

Nach 53 Minuten bin ich an der Passhöhe. Vom sozialen Netzwerk Strava kenne ich die Bestzeiten auf diesem Abschnitt. Der italienische Radmarathon-Star Stefano Cecchini, Sohn des Arztes Luigi Cecchini, der unter anderem Jan Ullrich, Tyler Hamilton und Thomas Dekker behandelte, hält hier den KOM, den Strava-Rekord. Nur 33 Minuten benötigte er – 20 Minuten weniger als ich, einige Sekunden weniger als Top-Profis wie Vincenzo Nibali oder Steven Kruijswijk. Cecchini gewann die Maratona dles Dolomites im Jahr 2014, mit seinem Sieg beim Ötztaler Radmarathon im Jahr 2017 verschaffte er sich im deutschsprachigen Raum viel Aufmerksamkeit.

Die Maratona dles Dolomites ist einer der größten Radmarathons in Italien. Rund 9000 Fahrer starten jährlich – mehr Platz bieten die Pässe und die Hotels im UNESCO-Weltnaturerbe der Dolomiten nicht. Die Nachfrage ist deutlich höher: Rund 31.600 Radsportler hatten sich um einen der Startplätze für 2019 beworben, die je 115 Euro kosten. Zum Zug kommt, wer Losglück hat, den Startplatz gemeinsam mit einem Übernachtungspaket bei einem der offiziellen Reiseveranstalter bucht oder für 250, 500 oder 1500 Euro ein Wohltätigkeitsticket mit Spenden-Aufschlag erwirbt.

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Maratona dles Dolomites als Wirtschaftsfaktor

Viele Teilnehmer reisen mit der Familie an und verbringen gleich mehrere Tage in der Region.

Die Maratona dles Dolomites ist ein Wirtschaftsfaktor. Die Chancen auf einen Startplatz sind also gering – inzwischen kommen jedoch auch diejenigen zum Zuge, die bereits sechsmal kein Losglück hatten.

Das Finale: Falzarego

Für die Top-Radmarathon-Fahrer kann ein Sieg in den Dolomiten die Krönung der Karriere bedeuten – viele Zuschauer verfolgen das Rennen denn das italienische öffentlich-rechtliche Fernsehen RAI überträgt das Rennen live. Die meisten der tausenden Radsportler auf den für den Verkehr komplett gesperrten Straßen bemerken das nur, weil bereits am Start die Kamerahubschrauber wie Libellen in der Morgensonne stehen, die zwischen den Dolomitenfelsen aufgeht.

Noch wärmt sie nicht, als ich schon vor sechs Uhr morgens im Schatten der Berge auf 1436 Metern Höhe in La Villa stehe und auf den Start warte. Weniger als zehn Grad Celsius zeigt der Computer, der vor meinem Lenker befestigt ist und an dem ich mich in den kommenden knapp sechs Stunden orientieren werde.

Immer wieder werde ich die Zahlen prüfen, die meine Herzfrequenz und meine Wattleistung anzeigen. Am letzten Pass, dem Passo Falzarego, beobachte ich meine Werte zum letzten Mal an diesem Tag. Ich führe eine Gruppe an, die sich im Anstieg von Pocol gefunden hat. Das letzte Stück des Passes ist relativ flach, die Steigung liegt bei etwa drei Prozent.

Der heftige Gegenwind bremst mich hier mehr als die Hangabtriebskraft. An der Passhöhe des Falzarego kommen wir auf 2105 Metern an. Die Straße führt entlang der Wände des Lagazuoi, wo sich im Ersten Weltkrieg die Österreicher und die Italiener erbitterte Stellungskämpfe lieferten.

Maratona dles Dolomites, Zitat

„In den Dolomiten Bin ich Teil einiger der schönsten Panoramen, die es auf diesem planeten gibt. “

Steil, steiler, Mür

Der Berg ist durchzogen von einem Stollensystem, in dem sich die Soldaten verschanzten. Um die Stellungen der Feinde zu vernichten, sprengte man ganze Felsblöcke aus dem Berg. Direkt an den Falzarego schließt die Auffahrt zum Passo Valparola an. Man erreicht die Höhe nach einem weiteren Kilometer und 87 Höhenmetern. Oben trinke ich den letzten Schluck aus meiner Trinkflasche. Obwohl ich viel geschwitzt habe und sich an den Oberschenkeln auf dem schwarzen Stoff meiner Hose weiße Kristalle sammeln, blieben Krämpfe bislang aus. Bislang, denn schon nach wenigen Serpentinen der Abfahrt beginnt es, in den Oberschenkeln und in den Kniekehlen zu ziehen. Ich pedaliere ruhig weiter, versuche, den Schmerz zu ignorieren.

Ich habe Durst, aber nichts mehr zu trinken. Mein Glück: Die Notlage kommt zum Ende des Rennens. Mein Pech: Ein Anstieg steht mit noch bevor. Es ist die Mür dl Giat, die Katzenmauer. Fünf Kilometer vor dem Ziel führt die Strecke über eine kurze Rampe, 360 Meter ist sie lang. Doch ihre Maximalsteigung beträgt 19 Prozent, im Durchschnitt sind es 13.

Es ist eine Gemeinheit, die kaum ungelegener kommen könnte als zum Abschluss einer Fahrt über 4230 Höhenmeter. Wie bei einem Profi-Rennen ist der Abschnitt voller Zuschauer, die die Fahrer anfeuern, bestaunen und bemitleiden. Vor mir bäumt sich die Rampe auf, ich gehe aus dem Sattel. Ich fixiere einen Mann in einem schwarzen T-Shirt, der oben an der Kuppe steht, auf seinem Kopf trägt er eine blaue Radmütze. In seiner Hand hält er einen Becher, aus dem Bier auf den heißen Asphalt schwappt, über dem sich die Sonnenstrahlen zur Mittagshitze bündeln. Im kleinsten Gang und im Wiegetritt wuchte ich mich die Rampe hinauf, der Laktat-Schmerz in meinen Beinen lässt mich die Krämpfe nicht mehr spüren.

Maratona dles Dolomites, Strecke

Die Maratona dles Dolomites ist eine der schönsten Rennradstrecken der Welt

Die Perfektion

Ich bekämpfe Feuer mit Feuer. Am Scheitelpunkt spüre ich nichts mehr, lege einen dickeren Gang ein und pedaliere gleichmäßig und mit knapp 30 Kilometern pro Stunde auf dem leicht ansteigenden Schlussabschnitt, der auf 4,5 Kilometern ins Ziel führt. Die Steigung ist gerade so steil, dass sie etwas Widerstand bietet und dennoch zügig zu fahren ist. Ich spüre keine Krämpfe mehr, keine Schmerzen. Alles wird ruhig, um mich herum und tief in mir. Sonne und Schatten wechseln sich auf dem finalen Abschnitt ab. Ich atme ruhig.

Die Luft ist perfekt: Kühl genug, um zu erfrischen, nicht zu dünn, um noch ausreichend Sauerstoff zu liefern. Ich bin wieder in Corvara – und blicke nach rechts, hinauf zum 2700 Meter hohen Felsturm des Sassonghers. Noch einmal atme ich tief ein. Ich biege links ab. Und fahre auf die Zielgerade. Das war mein ­perfekter Tag. Besser wird es nicht.

Impressionen von der Maratona dles Dolomites

Impressionen von der Maratona dles Dolomites

Johann Fährmann, RennRad, Maratona dles Dolomites

RennRad-Redakteur Johann Fährmann berichtet in der Ausgabe 7/2019 von seinen Erfahrungen

Maratona dles Dolomites, Wirtschaftsfaktor

„31.600 Bewerbungen für 9000 Startplätze: die Maratona ist eine der größten und ­Begehrtesten Radsport-Veranstaltungen weltweit. Und ein Wirtschaftsfaktor.“


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