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Extremradsport

Neuer Weltrekord von Christoph Strasser in Australien

Christoph Strassers neuer Weltrekord durch Australien

Fast 4000 Kilometer mit dem Rennrad, quer durch Australien, fast ohne Pause – in sechs Tagen und elf Stunden: Das sind die Zahlen zu Christoph Strassers neuestem Weltrekord. Doch diese Fahrt brachte so viel mehr: Erlebnisse, Erfahrungen, Emotionen.
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Ein leises gleichmäßiges Surren begleitet das Gespräch. Das Geräusch einer Kette, die Ritzel bewegt. Christoph Strasser trainiert auf dem Ergometer. Vor genau zwei Wochen fuhr er noch auf dunklem Asphalt, auf der linken Straßenseite, am anderen Ende der Welt – einmal quer durch Australien, knapp sechseinhalb Tage, fast ohne Pause.

Die ersten Fragen drehen sich um ein zum Rollen-Training passendes Thema: Monotonie. Australien ist zu größten Teilen ein flacher, karger, heißer, kaum besiedelter Kontinent. Ein weites leeres Land. Fast 4000 Kilometer lang hat es gedauert, es zu durchqueren – von einer Küste zur anderen.

„Das Wort monoton ist eigentlich untertrieben, es ist nicht stark genug. Von den 3950 Kilometern sahen 3700 komplett gleich aus. Mal sind die Bäumchen zwei Meter hoch, mal drei. Mal sieht man alle 50 Meter einen Termitenhügel, mal alle 100. Die einzige psychische Strategie, die einem da bleibt, ist, sich immer nur auf die aktuelle Gerade zu konzentrieren.“

Gegen die Hitze – und gegen sich selbst

Die Straßen sind meist endlos, ohne Kurven, eine schnurgerade schwarze Linie, die im Horizont verschwindet. Am 10. Januar um 14 Uhr steigt Christoph Strasser in Perth, an der Westküste, auf sein Fahrrad. Am 17. Januar um 3:58 Uhr nachts kommt er vor dem Opernhaus in Sydney an. Am anderen Ende des Kontinents. Den Start am Mittag hat er mit Bedacht gewählt. Denn um diese Tageszeit weht ein starker Wind vom Meer landeinwärts. Er hat sich selbst Rückenwind besorgt – für die ersten 100 Kilometer seiner Tour. Nein, es ist keine Tour. Es ist ein Rennen. Eines ohne physischen Gegner – außer der Natur. Ein Rennen gegen sich selbst. Ein Kampf des Willens, ein Kampf gegen sich selbst.

Christoph Strasser MassageChristoph Strasser seitlichChristoph Strasser von Hinten Christoph Strasser von Vorne

An den ersten beiden Tagen ist die Luft 40, 41, 42 Grad heiß. Die Sonne heizt den Asphalt auf, der von unten die Hitze an den Radfahrer weitergibt. Der Tagtraum der ersten 1000 Kilometer: Wieder in Österreich, nackt im Schnee liegen. Seine Begleiter haben eine große Sprühpumpe, wie sie in Gärtnereien und der Landwirtschaft eingesetzt wird, umfunktioniert. Einer hängt aus dem Fenster des nebenher fahrenden Minivans, pumpt – und sorgt für einen Mini-Regenschauer über dem Radfahrer. Am Zeitfahrauflieger des Rades ist eine kleinere Version der Apparatur befestigt. Eine kalte Dusche, zumindest fürs Gesicht. Am dritten Tag: Regen. Wie aus Kübeln.

„Das ist immer noch besser als die Hitze. Ich weiß von früheren Versuchen, dass es nichts bringt in der Sauna auf der Rolle zu trainieren – außer Stress für das Immunsystem und schöne Pressefotos. Nur zwei Dinge bringen was: Akklimatisation und Kühlung. Ich hatte zehn Tage, um mich an das Klima zu gewöhnen und ich hatte eine Kühlweste und Handgelenksmanschetten, die meine Begleiter aus dem Gefrierfach des Campers holten, wenn es nicht mehr anders ging. Aber, was man auch klar sagen muss: Bleibt es sieben Tage lang so heiß wie an den ersten beiden, denke ich nicht, dass man ins Ziel kommt. Wobei mir drei andere Faktoren noch mehr Probleme gemacht haben als die Hitze: Der Schlafentzug – den spürt man jeden Tag mehr. Der Verkehr – man fährt ja auf der linken, der falschen Straßenseite, teilweise über Autobahnen, weil es sonst keine Wege gibt, man wird dauernd von Roadtrains, riesigen teils 40 Meter langen LKW-Gespannen überholt, man hat Angst. Die Motivation – weil niemand anderes da ist, niemand sitzt einem im Nacken, es gibt niemanden, den man einholen kann, es gibt nur mich und das Outback.“

Doch die Australier sind Australier – das heißt, sie verhalten sich klischeegemäß: freundlich, offen, herzlich, rücksichtsvoll. Das gilt auch und besonders für die LKW-Fahrer. Christoph Strasser erlebt keinen einzigen extrem gefährlichen Moment im Straßenverkehr. Zumindest keinen, für den man einen Autofahrer verantwortlich machen könnte. Sondern solche, für die sein vom Schlafmangel benebelter Geist verantwortlich ist. Als er zum ersten Mal vom Rad steigt, sind 36 Stunden vergangen. Pause, im Begleit-Wohnmobil, zehn Minuten Schlaf, ein Powernap. Die erste richtige Pause: nach 48 Stunden. 60 Minuten Schlaf. Sein Rhythmus für die nächsten Tage: zehn Minuten Powernap am Tag, 50 Minuten Schlaf in der Nacht.

Weniger Training

Die Idee zu der Fahrt durch Australien ist einige Jahre alt. Doch erst im Oktober 2015 wurde daraus ein Plan. Nach einem Trainingsunfall, nach einer Schulter-Operation, nachdem klar war, dass er im nächsten Jahr nicht beim Race Across America würde starten können. Doch das Training blieb, wie es in den Jahren zuvor war.

„Ich fahre nicht mehr überlang, keine Zehn- oder Zwölf-Stunden-Einheiten wie früher. Bei mir sind es inzwischen maximal sechs. Dafür sind die intensiver. Neu war, dass ich noch mehr lange Einheiten auf dem Ergometer fahren musste. Sonst war ich ja noch nie so früh im Jahr, im Winter, so gut in Form. Aber das ist kein Problem für mich, weil ich auf der Rolle viel am Laptop arbeite. Und im November war auch noch die 24-Stunden-Weltmeisterschaft. Letzten Endes kam ich im Durchschnitt auf etwa 25 Stunden Training pro Woche. Viel weniger als früher.“

Christoph Strasser ernährt sich seit sechs Jahren nach seiner eigenen Interpretation der Paleo-Diät. Also fast ohne Brot, Weizen- und Milchprodukte. Dafür mit Fleisch, Gemüse, Kräutern, Hirse, Süßkartoffeln. Er tut dies nicht, um schneller Rad zu fahren, sondern um gesünder zu sein, für eine bessere Verdauung – und damit ein stärkeres Immunsystem. In einer normalen Woche trainiert er zweimal ohne Frühstück – Nüchterntraining, um den Fettstoffwechsel zu fördern. Mit dem in einer Reha-Phase begonnenen Krafttraining hat er gegen den Rat seines Trainers wieder aufgehört. Er hat den Signalen seines Körpers vertraut. Die Belastung war zu groß. Stabilisationsübungen für den Oberkörper gehören aber weiterhin zu seinem Standard-Trainingsprogramm.

Christoph Strasser Fahrend Christoph Strasser Fuß Christoph Strasser groß Christoph Strasser im Auto

Auch in Australien ernährt er sich wie bei all seinen Extrem-Fahrten: flüssig. Ensure heißt die Konzentrat-Nahrung aus Kohlenhydraten, Proteinen, Mineralien. Die kleinen Tetrapacks bekommt man in Apotheken, in fast allen Ländern des Planeten. Christoph Strasser trinkt etliche davon, immer auf dem Rad, bis zu 13.000 Kalorien pro Tag. In die Trinkflaschen kommt immer dasselbe: Wasser mit einem Kohlenhydrat-Elektrolytpulver. Strasser trinkt bis zu 30 Liter pro Tag. Am vierten Tag regnet es noch leicht, am fünften und sechsten ist es bewölkt, 27, 28, 29, 30 Grad. Trotzdem kommt das große Tief erst nach der Hitze. Sein Tief.

„Ab der Hälfte der Strecke war klar, dass wir den Rekord holen werden. Aber unser internes Ziel war nicht nur den Rekord zu brechen, sondern nach sechs Tagen und zwölf Stunden im Ziel zu sein. Nach vier Tagen lag ich schon weit hinter unserem Plan: Der sah vor, jeden Tag 600 Kilometer zu fahren. Am ersten Tag kam ich auf 750 Kilometer, am zweiten auf 620, aber dann ging es rapide bergab. Das lag vor allem am starken Gegen- und Seitenwind – und an meiner Psyche. Ich hatte einen moralischen Knick. Das kenne ich schon von mir, das passiert bei fast jeder langen Fahrt. Ich bin immer wieder aus dem Loch rausgekommen. Indem ich mir selbst sage: Es gibt doch keine Alternative. Je langsamer du fährst, desto länger musst du auf diesem Rad sitzen, desto länger bist du dem Wetter und dem Verkehr ausgeliefert, desto länger leidest du. Also geht es nur weiter, immer weiter – so schnell es geht.“

Kampf gegen die Müdigkeit

Er ist unzufrieden. Beim nächsten Powernap kann er nicht einschlafen. Nach vier Minuten steht er auf und steigt aufs Rad. Zwei Stunden später landet er im Schotterbett neben der Straße. Sekundenschlaf. Ab dem zweiten, dritten Tag kommt eh an jeder roten Ampel die Müdigkeit durch. Sie wird jeden Tag stärker. Doch er wird auch wieder stärker. Der Gegenwind lässt nach.

Der Tagtraum der Kilometer 1000 bis 3000: Schlafen, richtiger Schlaf, in einem richtigen Bett. Er ist dankbar für jede Luftwelle, die er immer spürt, wenn ihn ein LKW überholt, jedes Mal ein Moment der Wachheit, ein minimaler Schub. Alles ist besser als die Stille. Und die aus­tralische Steigerungsform der Monotonie.

„Bitte bitte redet mit mir. Den Satz habe ich so oft gesagt. Ohne das Funkgerät, ohne mein Team in den zwei Begleitfahrzeugen, wäre ich niemals so schnell gefahren. Ohne die Ablenkung, ohne das Reden, das Denken würde ich so etwas nicht überstehen. Ich müsste viel öfter und länger schlafen. Sie haben mit mir diskutiert, Emails vorgelesen oder Kopfrechenaufgaben gestellt. Hauptsache geistige Beschäftigung. Reden ist viel wichtiger als Musikhören. Das habe ich zwischendrin aber auch, das meistgespielte Lied war ‚Hymn for the Weekend‘ von Coldplay, etwas softes, nichts, das pusht. Bei solch langen Distanzen wäre das kontraproduktiv.“

Er fährt schneller, mit höheren Wattwerten als bei anderen Extrem-Rennen, etwa dem Race Across America, bei dem er auch den Rekord hält. Die Strecke ist flacher. Es gibt keine extremen Spitzenbelastungen – aber auch keine Pausen, keine Abfahrten, keine Rollphasen. Treten, immer treten. Die Kniegelenke machen weniger Probleme als sonst, die Hände mehr. Die Finger werden taub, die Handflächen schmerzen, immer. Eine Sehnenscheidenentzündung am linken Daumen. Offene, entzündete Stellen am Hintern. Er kennt das alles schon. 95 Prozent der Zeit sitzt er auf seinem Zeitfahrrad, einem Specialized Shiv, hinten ist ein Citec-Scheibenrad aus Carbon verbaut, nur ab und zu, an den wenigen Anstiegen oder wenn der Oberkörper total verkrampft, wechselt er auf das normale Rennrad, ein Roubaix.

Der Tagtraum der letzten 1000 Kilometer: Steak, Gemüse, Salat. Die letzten 300 Kilometer sind die schwierigsten. Es geht durch die Blue Mountains, ständig hoch und runter – auf einer Autobahn.

„Durch den Schlafentzug werde ich mehr und mehr orientierungslos. Ich weiß nicht, wo ich bin, wohin ich muss und frage mich, was ich auf einem Highway mache. Die weißen Seitenstreifen sehen für mich wie zehn Zentimeter hohe Bordsteine aus. Ich habe total Angst, sie zu berühren, weil ich dann stürze. 50 Kilometer vor dem Ziel beginnen schon die Vororte von Sydney. Verkehr, Ampeln, Kreisverkehre. Selbst jetzt denke ich nie ans Ziel, sondern immer nur daran, den nächsten Kilometer zu überstehen. Irgendwann sehe ich dann das Meer. Die Oper erkenne ich erst, als ich direkt davor stehe. Sie ist nicht beleuchtet, wir sind vor dem Hintereingang. Die Jungs meines Begleitteams kommen zu mir – nach fünf Minuten aber auch ein paar Security-Männer, die uns vertreiben, weil wir zu laut sind. Ich werde ins Wohnmobil verfrachtet und schlafe zwei Stunden. Das war meine Ankunft.“

Motivation

Seine erste Mahlzeit, die erste feste Nahrung nach mehr als sechs Tagen: ein riesiger Burger. Danach geht es ins Hotel. Dort schläft er vier Stunden lang. Das war es, vorerst. Die richtige, die wahre, tiefe Müdigkeit kommt erst nach einer Woche. Vorher kommen die Umstellungen des Körpers, die Schweißausbrüche im Bett, die Knieschmerzen, die Gleichgewichtsprobleme beim Gehen. Er ist daran gewöhnt. Christoph Strasser hat im Extrem-Radsport alles gewonnen. Er hält zwei Welt- und etliche Streckenrekorde. Was treibt ihn jetzt noch an?

„Warum hat Roger Federer im Januar die Australian Open gewonnen? Der ist 35, er hat vier Kinder und so viele große Siege. Viele fallen in ein mentales Loch, wenn sie ein großes Ziel erreicht haben. Andere aber nicht. Ich bin so priviligiert. Ich habe das riesige Glück, mein Hobby zum Beruf zu haben. Siege haben für mich fast keine Bedeutung. Es ist die Freude am Sport. Ich liebe es Rad zu fahren. Das ist meine Triebfeder. Mir geht es um Erlebnisse. Dazu gehört es, den Verlockungen des normalen Wohlstandslebens zu widerstehen: Ausgehen, auf der Couch zu sitzen, faul zu werden. Die sechs bis acht Tage Ausnahmezustand wie in Australien gehören dazu, die nehme ich in Kauf. Das ist aber nicht mein Antrieb. Mein Antrieb ist das Jahr davor.“

Trainings-Beispiele

Sweetspot: Gesamtdauer fünf Stunden. Erst vier Stunden im Grundlagenbereich (GA1), dann drei Intervalle à zehn Minuten am Sweetspot.*

Einbeinig: Abwechselnd je 30 Sekunden nur mit dem linken, dann nur mit dem rechten Bein treten. Trittfrequenz: 90 bis 100. Hochintensiv. Alle zehn Minuten ein Intervall. Gesamtdauer der Trainings- einheit: sechs Stunden.

K3: Kraftbasiertes Training auf dem Rad. Sechs Mal sechs Minuten (später vier Mal zehn) mit niedriger Trittfrequenz an der FTP-Schwelle.**

Autogenes Training: Es kann helfen, sich lange zu fokussieren. Christoph Strasser hat damit zudem gelernt, sehr schnell einzuschlafen.

* Der Sweetspot liegt zwischen 88 und 93 Prozent der Maximalleistung sowie zwischen 75 und 83 Prozent der maximalen Herzfrequenz.
** Die FTP (Functional Threshold Power) ist definiert als die durchschnittliche Leistung, die ein Radfahrer über eine Stunde maximal erbringen kann.

Der Athlet

Christoph Strasser ist 34 Jahre alt und lebt in Graz. Er arbeitete einst als Radkurier. Im Alter von 18 begann er mit dem Radsport. 2002 nahm er an seinem ersten 24-Stunden-Rennen teil. 2011, mit 28 Jahren, gewann er zum ersten Mal das 4800 Kilometer lange Race Across America. Im November 2016 wurde er Weltmeister im 24-Stunden-Fahren. An einem Tag und in einer Nacht fuhr er 886 Kilometer weit. Nach seinem Weltrekord durch Australien blieb er noch fünf Tage lang dort, um sich zu erholen, am Bondi Beach. Nach zwei Wochen Regeneration begann er den Formaufbau für das nächste Projekt: Sein vierter Sieg beim Race Across America durch die USA. Start: 13. Juni. Genau vier Monate später, am 13. Oktober, will er auf der Radrennbahn im Schweizer Grenchen den 24-Stunden-Weltrekord für die meisten Kilometer auf der Bahn brechen. Weitere Informationen zu Christoph Strasser: www.christophstrasser.at

Das Projekt zuvor: Weltmeister Christoph Strassers 24-Stunden von Kalifornien

24 Stunden — 886 Kilometer — 37,18 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit
Im November 2016 gewann Christoph Strasser die 24-Stun- den-Weltmeisterschaft in der kalifornischen Hitze. Wir haben seine Leistungsdaten.
Durchschnittswatt (NP): 256 Durchschnittswatt (avg): 241
Die schnellsten 90 Minuten: zwischen 5:00 und 6:30 Stunden Fahrzeit — mit 300 Watt
Die schwächste Phase: von 17 bis 23 Stunden — 190 Watt
Watt pro Kilogramm Körpergewicht: 3,3

Der Weltrekord in Zahlen

Gewichtsverlust: 3 Kilogramm
Geringste Kalorienzufuhr am Tag: 8000
Höchste Kalorienzufuhr am Tag: 13.000
Höchste Temperatur: 43 Grad
Niedrigste Temperatur: 12 Grad
Geringste Flüssigkeits- zufuhr am Tag: 15 Liter
Höchste Flüssigkeitszu- fuhr am Tag: 30 Liter
Durchschnittliche Watt- leistung am ersten Tag: 220
Durchschnittliche Watt- leistung am zweiten Tag: 200
Durchschnittliche Tritt- frequenz am ersten Tag: 86
Durchschnittliche Tritt- frequenz am letzten Tag: 72
Höchste Zahl der an einem Tag gefahrenen Kilometer: 750 (Strecke München-Hamburg)
Zahl der Trainingsstunden im Jahr 2016: 790

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