Tour de France
Tour de France: Epische Duelle der Geschichte

Epische Duelle der Tour-Geschichte

Tour de France: Epische Duelle der Geschichte

Die Tour de France schrieb viele Dramen. Einige davon handeln von den Kämpfen zweier Männer – von den Duellen der Giganten: Coppi gegen Bartali, Anquetil gegen Poulidor oder LeMond gegen Fignon.
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Sie starren sich an. Hier in den Alpen, am Col de Vars. Zwei Landsmänner, der eine jung, der andere recht alt für einen Radprofi. Ihre Rivalität ist bereits legendär. Fausto Coppi wirkt leichtfüßig, Gino Bartali atmet schwer. Bartali hat bereits mehrmals angegriffen, und damit versucht seinen Gegner endlich loszuwerden. Vergeblich. Schließlich ringt er sich durch, neigt seinen Kopf und sagt: „Hör zu, Fausto. Du weißt, dass ich heute Geburtstag habe. Lass mir die Etappe. Die Tour gehört dir.“ Fausto Coppi nickt. Und so kommt es: In Briançon feiert der deutlich ältere Bartali seinen 35. Geburtstag. Er fährt als erster über die Zielinie und mit dem Etappensieg ins Gelbe Trikot der Tour.

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Coppi vs. Bartali (Tour de France 1949)

Vor dieser Tour 1949 war es Alfredo Binda, einst dreimal Weltmeister und fünfmal Sieger des Giro d’Italia, gelungen, die beiden rivalisierenden Campionissi dieser neuen Ära in ein Team, in die italienische Nationalmannschaft, zu integrieren. Es gab klare Absprachen. Keiner sollte den Besser-Platzierten angreifen. Doch schon am fünften Tag der Tour drohte der Pakt zu zerbrechen. Coppi brach das Vorderrad. Bartali griff an. Bis Binda mit dem Begleitwagen bei Coppi war und ein paar Helfer zurückbeorderte, vergingen endlose Minuten. Coppi schäumte vor Wut: „Keine zehn Gäule bringen mich wieder aufs Rad. Heute Abend fahr ich nach Hause.“ Binda packte ihn an der Ehre: „In Italien nimmt kein Hund mehr ein Stück Brot von dir, wenn du aufgibst. Willst du Gino diesen Triumph lassen?“ Coppi verlor zwanzig Minuten. Sein blinder Masseur Cavanna brachte ihn wieder auf Kurs, und es begann eine Aufholjagd, wie man sie sich heute kaum noch vorstellen kann. Bei dem Abkommen auf dem Col de Vars lag Coppi nur noch 82 Sekunden hinter dem fünf Jahre älteren Toursieger von 1938 und 1948. In dem rund 37 Kilometer langen Zeitfahren am vorletzten Tag der Tour wollte er diesen Rückstand egalisieren.

Auf der nächsten Alpenetappe, die in Italien, im Aostatal endete, waren die beiden auf dem Weg zum Kleinen St. Bernhard erneut vorn. Auf der Abfahrt hatte Bartali eine Reifenpanne. Coppi rollte im Leerlauf weiter, da kam ein Bote von Teamleiter Binda: „Hau ab Fausto! Gino hat fünf Minuten verloren. Die Franzosen jagen dich.“ Coppi spulte die restlichen 40 Kilometer unwiderstehlich herunter, und das große Duell, das ganz Italien erregt und in zwei Lager gespalten hatte, die Bartalisten aus dem frommen Süden und die Coppisten aus dem aufgeklärten Norden, war zu Ende.

Gino Bartalli lieferte sich 1949 ein Duell, das ganz Italien spaltete.

Er stand seinem Landsmann Fausto Coppi gegenüber.

Welcher die Tour im Jahr 1949 für sich entscheiden konnte.

Anquetil vs. Poulidor (Tour de France 1964)

Mit gleicher Leidenschaft verfolgten fünfzehn Jahre später die Franzosen das Duell zwischen dem kühlen Normannen Jacques Anquetil und dem braven Kämpfer Raymond Poulidor aus Limoges. Anquetil, ein überragender Zeitfahrer, nüchterner Rechner und blendender Taktiker hatte die Tour schon viermal gewonnen. Ein Rekord zu jener Zeit. Er wurde geachtet. Poulidor war seit zwei Jahren sein nationaler Rivale. Er wurde geliebt.

Nach einem Ruhetag in Andorra schien Poulidors Stunde zu schlagen. Anquetil hatte ihn offenbar nicht seriös genug verbracht. Gleich bei der Ausfahrt aus Andorra beim Aufstieg zum Envalira geriet er in Schwierigkeiten. Er konnte den Angreifern nicht folgen: Poulidor, Bahamontes, Jiménez, Junkermann. Erst in der Ebene fand er mit Hilfe anderer, unter anderem Rudi Altig, seinen Tritt und holte langsam auf. Besonders als er auf die Gruppe mit dem Mann im Gelben Trikot traf, Georges Groussard. Als er nach stundenlanger Verfolgung wieder an der Spitze angekommen war, hatte Poulidor, der nie die Tour gewinnen, nie ein Gelbes Trikot tragen sollte, sogar noch einen Defekt: Er verlor Zeit, statt sie gutzumachen. Das Duell erreichte den Höhepunkt bei der Auffahrt zum Puy de Dôme. Anquetils Vorsprung betrug noch 56 Sekunden. Doch er war angeschlagen.

Als die spanischen Kletterer Bahamontes und Jiménez angriffen, rollte er an die Seite von Poulidor, lächelte ihn an und sagte: „Lass die nur fahren. Die werden uns nicht gefährlich.“ Ein Bluff! Aber der gutmütige Poulidor fiel darauf herein. Erst kurz vor dem Gipfel beschleunigte er und hängte den Normannen um 42 Sekunden ab. 14 fehlten zum Gelben Trikot. An diesem Tag hätte er Anquetil schlagen können. Im abschließenden Zeitfahren baute dieser den Vorsprung wieder auf 55 Sekunden aus und wurde damit der erste fünffache Tour-de-France-Sieger.

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Jacques Anquetil (links) wurde von den Franzosen wegen seiner fünf Tour-Siege geachtet. Sein Rivale Raymond Poulidor (2. v. l.), der ewige Zweite und Pechvogel, wurde von seinen Landsleuten geliebt. Bis heute. Ein weiteres Gigantenduell: Merckx vs. Ocaña.

Merckx vs. Ocaña (Tour de France 1971)

In der Chartreuse in den Alpen, auf dem 134 Kilometer langen Weg von Grenoble nach Orcières-Merlette, erlebt der „schöne Spanier“ Luis Ocaña eine Sternstunde, und der „unschlagbare Kannibale“ Eddy Merckx eine der größten Niederlagen seiner Karriere. Schon an den Tagen vorher, auf dem Weg zum Puy de Dome, während der Etappe nach Grenoble, zeigte er ungekannte Schwächen. Jetzt erlebte er einmal, was sonst nur seine gedemütigten Gegner erleben: Er wurde abgehängt, und hatte keine Kraft, sich dagegen zu wehren. Luis Ocaña flog davon – und holte in einer 60 Kilometer langen Alleinfahrt 8:42 Minuten Vorsprung heraus. War das der Toursieg? Selbst Merckx war davon überzeugt. „Diese Tour habe ich verloren!“ Aber er wäre nicht Eddy Merckx, wenn er das einfach hinnehmen würde. Am Ruhetag, der folgte, brütete er einen Plan aus. Auf der folgenden Etappe nach Marseille organisierte er rasch eine Fluchtgruppe mit mehreren seiner Helfer. Dann raste er derart zu Tal, dass man eine halbe Stunde zu früh ins Ziel kam. Mit zwei Minuten Vorsprung vor der Gruppe um Ocaña kam die Gruppe um Merckx ins Ziel.

Wenige Minuten fürs Klassement, aber viele Minuten für sein Prestige. Und seine Psyche. Für die Pyrenäen versprach Merckx den Angriff auf den Spanier, dessen Leistung er bewunderte. Doch es kam anders. Die Tour rollte ins Unwetter. Eisregen, Hagel, Nebel, Stürze am laufenden Band. Auch für Merckx, der sich immer wieder aufrappelte, auch für Ocaña, bei der Abfahrt vom Col du Mente. Er blieb liegen, zwei Konkurrenten schlitterten auf ihn.

Man flog ihn ins Krankenhaus. Aus der Traum vom Toursieg. Der fiel Eddy Merckx zu. Doch der bedauerte die Art und Weise seines Sieges: „Es bleibt immer ein Zweifel.“ Zwei Jahre später reihte sich Luis Ocaña dann doch noch in die Liste der Tour-de-France-Sieger ein. Eddy Merckx fehlte in jenem Jahr.

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LeMond vs. Fignon (Tour de France 1989)

Mit 50 Sekunden Vorsprung nahm 1989 Laurent Fignon das 27 Kilometer lange abschließende Zeitfahren der Tour von Versailles nach Paris in Angriff. Das sollte reichen. Es war eine dramatische Tour de France gewesen. Das Gelbe Trikot war zwischen Laurent Fignon, dem verhinderten Veterinärs-Studenten aus Paris und Greg LeMond, dem Sonnyboy aus den USA, hin und her gewechselt. Im Gebirge war der Franzose, im Flachen und vor allem bei den Zeitfahren der Amerikaner im Vorteil.

LeMond hatte den Triathlonlenker für die Rennen gegen die Uhr entdeckt, zudem einen aerodynamischen Helm, Fignon ließ weiterhin optimistisch seinen blonden Pferdeschwanz flattern. Gab das den Ausschlag? Oder war es einfach die Nervosität von Fignon, als der von den Zwischenzeiten hörte, die LeMond immer näher an ihn heranbrachten? Bei der Einfahrt auf die Champs Élysées hatte der bereits 45 Sekunden aufgeholt. Dann war LeMond im Ziel. Das ungeduldige Warten begann. Man starrte auf die große Uhr, hoffnungsfroh die Gruppe um LeMond, fassungslos die Franzosen um Fignon. Um acht Sekunden gewann der Amerikaner das Duell und die Tour. Und das nachdem er nach einem Jagdunfall zwei Jahre lang gefehlt hatte und noch immer etliche Schrotkugeln im Körper mit sich herumtrug. Es war der knappste Toursieg aller Zeiten, und das spannendste Duell der Tour-Geschichte. Zu Beginn des neuen Jahrtausends lieferten sich der Deutsche Jan Ullrich und der US-Amerikaner Lance Armstrong viele packende Duelle, die immer zugunsten des Texaners ausgingen. Beide waren in Doping-Skandale verstrickt. Armstrong wurden alle sieben Tour-de-France-Siege aberkannt.


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