Tour du Mont Blanc, Reportage, Erfahrungsbericht
Tour du Mont Blanc: Radmarathon über 8450 Höhenmeter

8450 Höhenmeter

Tour du Mont Blanc: Radmarathon über 8450 Höhenmeter

Die Tour du Mont Blanc gilt als der härteste Radmarathon Europas: 338 Kilometer und 8450 Höhenmeter – an einem einzigen Tag. Einmal fast auf den Mount Everest. Es ist eine der größten Herausforderungen, denen sich ein Rennradfahrer stellen kann. Ein Selbstversuch.
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„Bin ich wahnsinnig? Diese eine Frage stellte ich mir immer wieder. vor, während und nach der Tour du Mont Blanc.“

Als der Startschuss die Stille durchbricht, ist es noch finster. Es ist fünf Uhr morgens – in Les Saisies, einem kleinen Dorf in den französischen Alpen. Um mich herum setzen sich 800 Radfahrer in Bewegung. Sie stürzen sich in ein Abenteuer, von dem sie nicht wissen, ob und wie sie es überstehen werden. Wie mechanisch steige ich auf mein Rennrad und tue es ihnen gleich. Vor dem schlechten Fahrbahnbelag und den nassen Straßen hatte ich im Vorfeld großen Respekt. Jetzt stelle ich bereits nach wenigen Metern im Fahrerfeld fest: Das angeschlagene Tempo ist ruhig. Keiner drängelt, keiner ist hektisch, keiner stürzt. Niemand riskiert etwas. Jeder fährt bei der Tour du Mont Blanc auf sich und seine Sicherheit bedacht.

Es ist eine fast gespenstische Ruhe, die sich während der ersten Meter im Feld breitmacht. Die ersten Kilometer bergab in den Ort Megève ähneln einem kollektiven Luftholen. Ein letzter klarer Atemzug. Ein letztes tiefes Einatmen, an einem Tag, der mir den Atem rauben wird: 338 Kilometer und 8450 Höhenmeter auf dem Rennrad – durch Frankreich, die Schweiz und Italien. Die ersten 1000 Höhenmeter habe ich nach etwa 40 Kilometern zurückgelegt – allerdings bergab.

Tour du Mont Blanc, Erfahrungsbericht, Reportage

„100 Kilometer habe ich an der Passhöhe des Col de la Forclaz bereits in den Beinen. Es ist weniger als ein Drittel der Distanz.“

Tour du Mont Blanc: Extrem

Extrem harte und lange Radmarathons sind meine Leidenschaft. Bereits ein Jahr vor meinem Mont-Blanc-Abenteuer war ich beim „Schwarzwald Super!“ am Start. Die Strecke dort: 265 Kilometer und 6800 Höhenmeter durch den Schwarzwald. Die Tour du Mont Blanc ist um mehr als ein Viertel länger.

Zur Vorbereitung fuhr ich im Juni den Dreiländergiro und Anfang Juli den Rad-Marathon Tannheimer Tal. Die Form am Berg war zu diesem Zeitpunkt vielversprechend. Jedoch fuhr ich bis zur Tour du Mont Blanc überhaupt erst zweimal im Leben länger als 300 Kilometer – beide Male aber in flachem Terrain und im Grundlagentempo. Heute soll ich die mehr als 300 Kilometer mit 8500 Höhenmetern kombinieren? Bin ich wahnsinnig? Diese Frage stellte ich mir immer wieder. Auch noch am Abend vor dem Startschuss. Oft.

Bereits die Anreise nach Les Saisies, dem Start- und Zielort der Tour du Mont Blanc, war beeindruckend. Sie führte durchs Schweizer Jura und am Genfer See vorbei. Je näher ich dem Mont Blanc kam, desto kleiner fühlte ich mich, angesichts der hohen, schneebedeckten Riesen, auf die ich zufuhr. Les Saisies, der Start- und Zielort der Tour du Mont Blanc, gilt als einer dieser typischen französischen, sehr touristisch geprägten Alpen-Retortenorte. Das Dorf besteht zum größten Teil aus Hotels. Nicht schick, nicht hässlich – einfach pragmatisch gebaut, um den Skifahrern im Winter einen Platz zum Übernachten zu bieten. In den Sommermonaten, der „Nebensaison“, hat nur ein Bruchteil der Hotels geöffnet.

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Hohe Berge, lange Anstiege bei der Tour du Mont Blanc

Eine Stunde ist seit dem Startschuss vergangen. Es geht bergauf. 220 Watt zeigt mein Radcomputer. Es ist exakt der Wert, den ich mir vorgenommen habe. Bergauf will ich maximal 220 Watt treten und bergab sowie im Flachen möglichst viel Kraft sparen. Bei meinem Fahrergewicht von rund 67 Kilogramm ist dieser Wert eher niedrig.

Mein Ziel bei der Tour du Mont Blanc: durchkommen. Zu meinem Plan zählt auch, an jeder Verpflegungsstation anzuhalten und zu essen. Anders als viele der Fahrer in meiner Gruppe tue ich das bereits an der ersten Verpflegungsstation. Der Respekt vor diesem Radmarathon ist riesig. Nie zuvor habe ich eine solche Distanz mit dem Rennrad absolviert. Nie zuvor ging es über so viele Pässe.

Ich passiere die erste Verpflegungsstation. Die Straße führt bergab nach Chamonix. Als ich den Ort durchfahre, spüre ich wenig von der Faszination, die er auf Sportler ausüben soll. Nebelwolken hängen an den Bergketten. Die Sonne versteckt sich irgendwo dahinter. Der Riese, der diesem Radmarathon seinen Namen gibt, ist nicht zu sehen. Der Mont Blanc ist unsichtbar. Noch.

Tour du Mont Blanc, Col de Montets, Erfahrungsbericht

Der Weg zum Col des Montets ist 11,5 Kilometer lang und führt moderate 426 Höhenmeter bergauf.

Anstiege

Vom zweiten Anstieg des Tages werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Sechs weitere Anstiege sollen folgen. Der Weg zum Col des Montets ist 11,5 Kilometer lang und führt moderate 426 Höhenmeter bergauf. Die Passhöhe liegt auf 1419 Metern. Der Col des Montets verbindet die Schweizer Alpenpässe mit der Achse der Route des Grandes Alpes. Auf der nächsten Abfahrt – meine dritte bereits an diesem Tag – überquere ich die Grenze zur Schweiz, in den Kanton Wallis.

Unmittelbar danach geht es über Trient bereits wieder nach oben auf den 1526 Meter hoch gelegenen Col de la Forclaz. Auf und ab. Den ganzen Tag. Das macht die Tour du Mont Blanc so besonders. 100 Kilometer habe ich an der Passhöhe bereits in den Beinen. Eigentlich geht es jetzt erst richtig los. Die langen und vor allem hohen Berge stehen mir noch bevor. Wieder bleibt mein Blick am Mont Blanc hängen, der von dichten Wolken umhüllt, aber sichtbar ist. Dann geht mein Blick wieder auf den Asphalt. Die nächste Abfahrt. Die nächste Möglichkeit, um sich etwas zu erholen.

Tour du Mont Blanc, Reportage, Erfahrungsbericht

„Nach über 300 Kilometern und mehr als 15 Stunden im Sattel gebe ich kein Bild des Leidens ab. Im Gegenteil. Ich habe­ ­Gänsehaut. Nicht vor kälte: Vor Glück.“

Tour du Mont Blanc: Bergauf, bergab

Dann der nächste Anstieg: Es geht knapp 1000 Höhenmeter hinauf nach Champex-Lac. Der Schweizer Ferienort liegt auf 1498 Metern. Die ersten Fahrer verabschieden sich aus meiner Gruppe und zollen dem Tempo Tribut. Andere wiegen mit dem Oberkörper hin und her. Sie sind am Limit. Alle eint das Ziel: gemeinsam oben an der Passhöhe ankommen. Dort fülle ich an der Verpflegungsstation nur kurz meine beiden großen Trinkflaschen auf und fahre gleich weiter. Bergab. Bis ins Tal nach Orsières.

Dort beginnt das Spiel von vorne – nur noch härter. Vor dem 2469 Meter hohen Großen Sankt Bernhard hat man mich gewarnt. Die ersten Kilometer beginnen recht harmlos. Nur selten zeigt mein Radcomputer mehr als sieben Prozent Steigung. Meist liegt die Zahl deutlich darunter. Ich bleibe bei meiner 220-Watt-Pacing-Strategie, obwohl mich einige Fahrer überholen. Der dichte Verkehr von Auto- und Motorradfahrern stört mich eher. Immer wieder werde ich mit nicht ausreichendem Sicherheitsabstand von motorisierten Fahrzeugen überholt und aus dem Rhythmus gebracht.

Erst nachdem die Route kurz nach Bourg-Saint-Pierre auf die alte Passstraße abzweigt, wird es deutlich ruhiger. Wir Radfahrer haben die Straße dann größtenteils für uns allein. Dafür wird es nun, nach mehr als 15 Kilometern moderater Steigung, deutlich anspruchsvoller. Die folgenden rund acht Kilometer haben es in sich. Es wird schön – und steil. Die Steigung pendelt sich im zweistelligen Bereich ein. Die engen Kurven und schmalen Straßen ermöglichen einen grandiosen Ausblick – in alle Richtungen. Nach unten blickt man auf ein schma­les Band an Radfahrern, die sich den Anstieg emporquälen. Nach oben und zur Seite erblickt man die Schönheit der Natur.

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Nudeln, Suppe, Tee

Die Berge, das Grün, den weiß-blauen Himmel. In einem besonders steilen Abschnitt schließe ich zu Grigor auf, einem etwa 40 Jahre alten Schotten. Wir beide staunen laut über die Schönheit der Aussicht und kommen kurz miteinander ins Gespräch. Doch unsere Allianz gegen die Höhenmeter ist nur von kurzer Dauer. Dann kann er meinem Tempo nicht mehr folgen und muss abreißen lassen. Meine Pacing-Strategie funktioniert. Ich sammle nun Fahrer um Fahrer ein. Viele davon sind noch im unteren Teil viel schneller an mir vorbeigefahren.

Die letzte Kurve, die letzten Höhenmeter des Großen Sankt Bernhard. Mein Blick wandert auf das Pass-Schild und die Verpflegungsstation. Hier auf knapp 2500 Metern Höhe werden auch Nudeln, Suppe und heißer Tee angeboten. Angesichts der Kälte ist dies definitiv eine gute Idee. Ich stelle mein Rad ab und greife nach einem Teller Nudeln.

Während ich still genießend mit einem Teller voller dampfender Nudeln auf den See blicke, der knapp unterhalb des Passes liegt, reißt mich eine bekannte Stimme aus meinen Gedanken. Es ist Grigor, der Schotte. Er strahlt über das ganze Gesicht und sagt: „Frederik, warum tun wir uns das an?“ Ich starre ihn an, zucke mit den Schultern – und wir müssen beide lachen. Ich stelle den leeren Teller beiseite, verabschiede mich von Grigor und stürze mich in die lange, kalte, nasse Abfahrt.

Dieser Artikel erschien in RennRad 6/2019. Hier können Sie die Ausgabe als Printmagazin oder E-Paper bestellen!

Die Hälfte der Strecke

Eigentlich hätte der angekündigte, aber bislang ausgebliebene Regen laut Wettervorhersage zu diesem Zeitpunkt bereits wieder nachlassen sollen, stattdessen fängt er jetzt erst an. In der langen Abfahrt Richtung Aostatal lasse ich es ruhig angehen. Überholt werde ich trotzdem nicht. Offenbar gehen auch alle anderen Fahrer auf Nummer sicher. Ich blicke auf meinen Radcomputer. Die Kilometerangabe verrät mir: Mittlerweile habe ich knapp die Hälfte der Strecke zurückgelegt. So gut es bisher auch lief, so groß sind meine Sorgen vor dem zweiten Teil. Dieser wurde mir als deutlich anspruchsvoller im Vergleich zum ersten beschrieben.

In der sehr langen und trotz des Regens durchaus schönen Abfahrt schließe ich zu einem jungen Franzosen auf, mit dem ich von da an zusammenfahre. Gemeinsam geht es ins Aostatal – und vom Regen in die Sonne. Als ich meine Regenjacke in der Trikottasche verstaue, zeigt mir mein Radcomputer 28 Grad Celsius an. Wir schließen auf eine weitere Gruppe von Fahrern auf. Zu sechst geht es in relativ zügigem Tempo weiter in Richtung des nächsten Berges, des Kleinen Sankt Bernhard. Der ist zwar kleiner als der Große Sankt Bernhard, aber immer noch 2188 Meter hoch. Wer sich hier noch gut fühlt, der wird die Tour du Mont Blanc schaffen, bekam ich im Vorfeld von vielen Seiten zu hören.

Meine Atmung ist flüssig, die Beine bewegen sich im Takt. Ich habe keine Schmerzen und keine Krämpfe. Trotzdem wage ich es noch nicht, daran zu glauben, es ins Ziel zu schaffen. Zu groß ist der Respekt vor dem, was da noch kommt.

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Erneuter Temperaturabsturz

Wieder schlage ich 200 bis 220 Watt im Anstieg an. Meine Begleiter aus dem Aostatal hänge ich bald ab. Ich trinke regelmäßig und nehme immer zur Hälfte jedes Berges ein Gel zu mir. Da es an jeder Verpflegungsstation Gels zum Mitnehmen gibt, besteht keine Gefahr, dass sie mir ausgehen. Je höher ich am Kleinen Sankt Bernhard komme, desto kälter wird es wieder. Kurz vor der 2000-Meter-Grenze ziehen dichte Wolken auf und umhüllen den Berg. Ein erneuter Temperatursturz ist die Folge. Auf der 2193 Meter hohen Passhöhe halte ich mich nicht lange auf. Ich ziehe meine Arm- und Beinlinge wieder hoch, fülle schnell meine Trinkflaschen nach und verpflege mich kurz.

Danach geht es in die Abfahrt, vor der ich aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse großen Respekt hatte. Doch ich bin alleine und kann alles aussteuern. Zum Glück. Denn hier reiht sich Schlagloch an Schlagloch. Und: Es beginnt schon wieder zu regnen. Da die Temperatur aber mit jedem Meter bergab steigt, kühle ich nicht mehr zu sehr aus. Unten im Tal erlebe ich ein Déjà-vu: Wieder kommt die Sonne raus. Wieder wird es angenehm warm.

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Letzte Verpflegungsstation bei der Tour du Mont Blanc

In Bourg-Saint-Maurice auf 810 Metern Höhe gibt es die letzte große Verpflegungsstation. Von dort aus wartet der vorletzte Anstieg des Tages, der 1967 Meter hohe Cormet de Roselend. Meine Beine fühlen sich immer noch richtig gut an. Ich kann kaum glauben, dass ich bereits seit 280 Kilometern im Sattel sitze. Manchmal ziehe ich für ein paar Meter das Tempo an, nur um zu sehen, was noch geht.

Langsam, aber sicher beginne ich daran zu glauben, das Ziel in Les Saisies zu erreichen. Den Werten meines Wattmessgeräts kann ich zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr glauben. Seit Bourg-Saint-Maurice liegen diese im exorbitanten Bereich. Wie sich später herausstellen wird, ist die Batterie nass geworden. Also fahre ich wieder wie früher: nach Gefühl und Herzfrequenz.

Selbst das Steilstück kurz vor dem Scheitelpunkt macht mir keine Probleme mehr. Ich erreiche die Passhöhe, trinke eine Cola, verpflege mich kurz mit einem Gel und stürze mich in die Abfahrt. Zum letzten Mal an diesem Tag. Nach fast 15 Stunden im Sattel. Mit jedem Tiefenmeter wächst die Freude aufs Ziel. Noch zehn Kilometer.

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Der längste Tag

Leider bergauf. 700 Höhenmeter trennen mich vom Finish des härtesten Radmarathons Europas. Mein ganzer Körper bebt – vor Freude, vor Glücksgefühlen, vor Stolz. Völlig euphorisiert spüre ich nun keine Müdigkeit mehr – im Gegenteil: Ich werde immer schneller. Einige der Fahrer, die ich überhole, schauen mich ungläubig an – und auch ich selbst kann es nicht glauben: Nach über 300 Kilometern im Sattel gebe ich kein Bild des Leidens ab, sondern fühle mich richtig gut.

Die letzten Kilometer hinauf nach Les Saisies kann ich genießen. Ein paar Kinder am Straßenrand klatschen mit mir ab und feuern mich an. „Allez, allez, allez!“ Als ich das Ortsschild von Les Saisies erblicke, bekomme ich Gänsehaut. Die letzten Pedalumdrehungen, ein letztes Mal im Wiegetritt.

Ich fahre nach 15:59:49 Stunden über die Ziel-Linie am Col des Saisies, reiße die Arme nach oben und juble. Es ist vollbracht. Überstanden. Erlebt. Erlitten. Genossen. 338 Kilometer und 8450 Höhenmeter. Der längste Tag meines Lebens auf dem Rad geht zu Ende. Was für ein Tag, was für eine Fahrt – was für ein Erlebnis.


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