Das Stilfser Joch: Die Königin der Alpenstraßen

Passo Stelvio: Königin der Alpenstraßen

Das Stilfser Joch: Die Königin der Alpenstraßen

Unser Autor Volker Buchholz erfüllte sich einen lang gehegten Traum: die Fahrt auf das Stilfser Joch. Der Pass gehört zu den anspruchsvollsten und spektakulärsten Anstiegen im gesamten Alpenraum. Nebenbei prüfte er in der langen Abfahrt noch das Bremsverhalten von Carbon-Laufrädern.
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Jeder hat Träume – doch oft spielt die Zeit gegen den Träumenden. Vor allem wenn man von großen Herausforderungen träumt. Deshalb sollte man bei immer wiederkehrenden Träumen vor allem eines tun: Sie wahr werden lassen.

Wer von den großen Alpenpässen träumt, der sollte das in seinen besten Jahren realisiert haben. Was mich betrifft, muss ich zugeben, meinen Traum vom Stelvio schon etwas vertrödelt zu haben. Jetzt bin ich fast so alt, wie mein Rennrad-Rahmen hoch ist – es wurde also höchste Zeit. Allerdings hatte der zeitliche Verzug auch was Gutes: Als fähigen Mitstreiter konnte ich meinen fast siebzehnjährigen Sohn Timo gewinnen.

Stilfserjoch-Rennrad-Kehren

Als Vater ist es immer etwas Besonderes, mit einem Teil seiner Familie gemeinsame Abenteuer zu bestehen; zumal der „Kurze“ auch schon 1,80 Meter misst und mir in fast allen Bereichen des Rad- sports überlegen ist. Ja, fast. Nur im „Spitzkehrenfahren“ bin ich noch ein wenig schneller, was nur auf reichlich Er- fahrung beruht.

1800 Höhenmeter

Genauso ungewöhnlich wie mein Traum ist seine Entstehung. Schon seit meiner Jugend hatte ich ein Faible für die Bewegung auf zwei Rädern, fuhr drei Jahre lang Radrennen auf Straße und Bahn. Mittelmäßige sportliche Erfolge und die pflichtmäßige Bundeswehrzeit unterbrachen meine Zeit als Radrennfahrer. Es folgten viele Jahre mit einem motorisierten Zweirad, einer 750-er BMW, mit der auch der „Erstkontakt“ zum Stilfser Joch erfolgte.

Nie vergessen werde ich den Anblick der zahlreichen italienischen Rennradfahrer, die sich die Nordrampe emporkämpften – und die zahllosen glücklichen Gesichter auf der Passhöhe. An diesem Tag wurde mein Traum geboren.

Stilfserjoch-Rennrad-Kehren

Unsere Vorbereitung gestaltete sich höchst unterschiedlich. Timo baute zusätzliche Höhenmeter in sein Training ein und recherchierte im Internet bei Strava die Fahrzeiten, die die Profis für den Anstieg benötigten. Die Bestzeiten lagen bei 1:22 Stunden von Prad bis zur Passhöhe – 25 Kilometer mit 1845 Höhenmetern am Stück. Es geht bis 2757 Höhe über dem Meer hinauf. Die Besten fahren hier mit einem 18er Schnitt hinauf. Timo schätzte seine eigene Fahrzeit auf knapp zwei Stunden, das war’s. Seine Vorgehensweise würde ich mit jugendlicher Unbefangenheit und Kampfgeist beschreiben.

Stairway to Heaven

Mein Ziel war es, souverän und ohne Einbruch das Joch zu bezwingen. Ich recherchierte in meinen Büchern über Alpenpässe, notierte eine Durchschnittssteigung von neun Prozent und eine Maximalsteigung von 15 Prozent, letztere aber nur auf wenigen hundert Metern Länge. Weiter wählte ich ein Rennrad mit tauglicher Bergübersetzung: vorne 50/34 Zähne und hinten elf bis 32. Im Training standen nun lange Steigungen gepaart mit höheren Trittfrequenzen auf dem Plan, mindestens 80 Umdrehungen pro Minute.

In der gesamten Alpenliteratur wird das Stilfser Joch hinsichtlich seiner landschaftlichen Schönheiten in den höchsten Tönen gelobt. Ein Autor beschreibt es mit „Die Königin der Alpenstraßen“, auch wenn es nur der dritt- höchste Pass ist. Ein anderer nennt den Nordanstieg „Stairway to Heaven“, Led Zeppelin lässt grüßen.

Noch 48 Kehren

Endlich geht es los. Wir parken mit dem Auto in Prad, bestücken unsere Rennräder jeweils mit zwei Trinkflaschen, Radcomputer nullen und die korrekte Höhe von 913 Metern eingeben. Ein wenig Anspannung macht sich breit, ähnlich wie vor einem Rennen. Es ist fast zehn Uhr, die Luft ist noch angenehm kühl, das zunächst schmale Tal wird nicht mehr lange im Schatten der hohen Bergriesen liegen. Geplant ist die klassische Runde vom Stilfser Joch über den Umbrailpass zurück nach Prad.

Stilfserjoch-Rennrad-Kehren

Auf den ersten Kilometern begleitet uns der breite Suldenbach, wir queren ihn mehrfach. Die Gischt von kleineren Wasserfällen sorgt stellenweise für kalte und feuchte Luft über der Fahrbahn, ein angenehmes Mikroklima gewissermaßen.

Nach einigen Kilometern und zunächst maßvollen Steigungsprozenten ruft mir Timo zu: „Jetzt geht’s los!“ Er hatte das erste Schild der 48 rückwärts durchnumme- rierten Spitzkehren entdeckt, „48, Kehre, tornante“ stand drauf. Der eigentliche Anstieg beginnt nun. Der Count- down läuft. Kurz darauf erreichen wir das Dörfchen Gomagoi, das im Sommer wie ausgestorben ist.

Bremstest

An der Kehre Nummer 24 haben wir die Baumgrenze bei gut 2000 Metern längst überschritten und es eröffnet sich der Blick auf den berüchtigten Schlussanstieg. Die verbleibenden Spitzkehren verlaufen im steten Zickzack am kahlen Berghang zum Gipfel – das bekannte Postkartenmotiv. Links von uns erhebt sich das Ortlermassiv auf fast 4000 Meter Höhe. Rund zwei Drittel der Höhenmeter sind gemacht.

Ab jetzt haben wir unser Ziel stets vor Augen, eher motivierend als abschreckend, denn bis jetzt lief es bei uns „rund“. Das liegt auch an einigen kurzen Fotopausen. Längst fahren wir in der prallen Sonne. Timo verabschiedet sich nach vorn, will endlich sein eigenes Tempo fahren. Auf der Passhöhe begrüßt er mich grinsend mit einem „Da bist du ja endlich.“ Ein richtiges Kompliment ist das nicht. Aber er hat mir schon knapp zehn Minuten abgeknöpft. Zielstrebig steuern wir eines der vielen Cafes an. Es herrscht Kirmesatmosphäre. In der Luft liegt der Geruch von Bratwurst.

Die lange Abfahrt werden wir nun nicht nur genießen, sondern auch nutzen. Der letzte Laufrad-Test (siehe RR 9/2015) oblag meinen Händen. Dafür prüfte ich die Steifigkeiten und Komfortwerte der Laufräder im Labor. Heute geht es um den harten Praxiseinsatz. Um die Bremsleistungen zweier Satz Carbon-Laufräder.Timo hatte sich für die leichten Supreme 4c entschieden. Sie hinterließen im Test einen im aerodynamischen Sinn „schnellen Eindruck“ und bringen nur 1329 Gramm auf die Waage. Ich bestückte mein Rennrad mit den nur rund 70 Gramm schwereren Campagnolo Bora One 35. Diese punkteten mit einem vorbildlichen Bremsverhalten.

Stilfserjoch-Rennrad-tipps

Temperaturtest

Konstantes Dauerbremsen ist laut der Hersteller bei Carbonfelgen untersagt, weil es unzulässig hohe Temperaturen erzeugen, die Bremskraft nachlassen oder der Kleber in der Carbonstruktur weich werden kann. Wir bremsen also knallhart vor den Spitzkehren ab, meist aus rund 70 Kilometer pro Stunde. Nach zehn Vollbremsungen stoppen wir vorsichtshalber und machen einen Temperaturtest der Bremsflanken.

Wider Erwarten hält sich die „Bremswärme“ in beiden Fällen in Grenzen. Die Felgen weisen Temperaturen von um 70 Grad auf, liegen also im ganz sicheren Bereich. Gespräche mit den Herstellern im Vorfeld ergaben, dass sich minderwertige Carbonfelgen schon bei 120 Grad auflösen können, Qualitätsprodukte erst bei 150 Grad.

Fast am Ende der langen Abfahrt, in Gomagoi, gibt es noch den finalen Temperatur-Check, der aber keine Änderungen ergab. Einen Energieriegel weiter zeigt Timo auf einen Wegweiser: „Sulden, neun Kilometer“.Es ist sein Ernst. Mental befinde ich mich fast schon im Feierabend- Modus, will aber auch kein Spielverderber sein. Die 650 Extrahöhenmeter fordern uns allerdings weitaus mehr als gedacht. Wir tun uns richtig schwer, noch einmal unseren Bergrhythmus zu finden, das liegt insbesondere an dem längeren Steilstück mit maximal 13 Prozent zu Beginn des Anstiegs.

Das Ende des Suldentals entschädigt uns mit eindrucksvollen Ausblicken zum Suldenferner und der vergletscherten Ostseite von „König Ortler“. Sulden ist ein echtes Eldorado für Bergwanderer, es bietet ein weit verzweigtes Wegenetz und mehrere hochgelegene Schutzhütten.

Glücklich und zugleich stark entkräftet lassen wir uns in einem noblen Cafe im Zentrum nieder, zelebrieren einen kalorienreichen und ausgedehnten „Kaffeeklatsch“.

Neue Träume

Zwei Tage später steht die nächste Herausforderung an: Die klassische Runde „Stilfser Joch – Umbrail-Pass“ starten wir nicht weniger vorbereitet und angespannt als bei unserer Erstbezwingung. Timo visiert eine gute Fahrzeit an und spricht motivierend: „Papa, gib’ mir mal ein paar Euro, damit ich oben nicht verdurste, wenn ich solange auf dich warten muss.“ Ich rücke einen Zehner raus und los geht’s. Timo entfernt sich zügig aus meinem Blickfeld, er will es heute wissen.

Es hat schon etwas Gutes, wenn man das Stilfser Joch bereits kennt: Es ist ein langer, aber fairer Anstieg, mit einer recht gleichmäßigen Steigung, keine fiesen Rampen, sogar mit zwei kürzeren Bergabpassagen. Oben angekommen sehe ich Timo entspannt auf einer Mauer sitzen.

Er strahlt mich an und ruft schon von weitem: „1:49 Stunden! Eine halbe Stunde schneller als du!“ Das ist mir in diesem Moment aber relativ egal. Erstens bin ich völlig „platt“. Und zweitens lief es bei mir nach meinem Empfinden richtig gut, gleichmäßig und souverän bin ich hier hochgefahren – genauso wie ich es mir vorgestellt habe.

Stilfserjoch-Rennrad-Kehren

Umbrailpass

Nach einer langen Mittagspause rollen wir die Südrampe herunter und biegen nach drei Kilometern rechts zum Umbrail-Pass ab. Mit etwas Schwung meistern wir die Passhöhe. Anfangs führen uns weitgeschwungene und einsehbare Kurven durch eine Wiesenlandschaft, der pure Kurvengenuss.

Entgegen den Beschreibungen der Reiseliteratur ist der Umbrailpass inzwischen nun doch durchgängig asphaltiert. Später im bewaldeten Teil entwickelt sich das Ganze zu einer unübersichtlichen „Kurvenorgie“, die Kurven nehmen teilweise einen Verlauf, mit dem wir nicht rechnen. Etliche Lenkkorrekturen und Schrecksekunden sind die Folge.

In Santa Maria gelangen wir auf eine gut ausgebaute Bundestraße und rollen hinab zu unserem Ausgangspunkt Glurns. Den Tag beschließen wir mit einem kohlenhydratreichen Drei-Gänge-Menü. „Fahren wir den Stelvio irgendwann noch einmal?“ fragt Timo. Ich denke zwei, drei, vier Sekunden lang darüber nach und antworte: „Vielleicht.“ Aus einem erfüllten Traum ergibt sich ein neuer. Oder zwei. Sie erheben sich nicht weit von hier gen Him- mel und heißen: Gaviapass – und Mortirolo.

Das Stilfser Joch

Die Passstraße zum Stilfser Joch wurde 1826 fertigge- stellt. Die damalige Trassierung wurde bis heute nicht verändert. Es genügte, die Straße zu verbreitern und die Kehren auszubauen. Die Fahrbahnbreiten liegen zwischen vier und sieben Meter, sämtliche Engstellen sind knapp zweispurig.

Geöffnet ist der Pass bei normalen Wetterverhältnis- sen von Juni bis Ende Oktober. Wetterinformationen findet man unter: www.provinz.bz.it
Die Südseite von Bormio (1217 Meter) bis zur Passhöhe auf 2757 Metern ist nicht ganz so beschwerlich, sie weist 38 Spitzkehren auf und eine durchschnittliche Steigung von acht Prozent. Zum Schutz gegen Stein- schlag und Lawinen wurde diese Strecke mit neun, davon drei extrem engen Felsgalerien ausgestattet, daher empfiehlt es sich ein Rücklicht zu montieren.

Unterkünfte in Glurns, Schlanders und Naturns findet man unter anderem unter: www.ortlergebiet.it
Einmal jährlich im Sommer ist der große Stilfserjoch- Radtag. Die Straße ist dann für Autos und Motorräder gesperrt.

Weitere Informationen: www.stelviobike.com


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