Europäische Zentralbank, EZB, Inflation
Inflation und ihre Folgen für die Gesellschaft

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Inflation und ihre Folgen für die Gesellschaft

Die Preise steigen und steigen. Von der Inflation und ihren langfristigen Folgen. Ein Leitartikel von RennRad-Chefredakteur David Binnig.
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Die Geschichte gibt einem, manchmal, die Chance, aus ihr zu lernen – denn sie wiederholt sich. Ein aktuelles Beispiel dafür lautet: Inflation. Kommen im Fahrradbereich neue Produkte auf den Markt, so drehen sich die Diskussionen dazu vor allem um: die Preise. Allein zwischen 2019 und 2021 betrug die durchschnittliche Preissteigerung von Rennrädern 30 Prozent. Nach einer Analyse der Online-Vergleichsplattform Idealo wurden Produkte wie Reifen, Helme, Sättel und Sattelstützen je um 15 Prozent, Werkzeuge um 27 Prozent und Luftpumpen um 21 Prozent teurer.

Die aktuellen Gründe dafür sind vielfältig: Lockdowns, Lieferkettenprobleme, Transport- und Rohstoffpreise et cetera. Zwischen Januar 2020 und Februar 2022 stiegen allein die Kosten für den Transport in einem Hochseecontainer zwischen Asien und Europa um 550 Prozent. Für uns vom RennRad-Magazin gilt: Wir mussten die langjährigen Preisgrenzen unserer Radtests anpassen, ändern, erhöhen.

Natürlich sind auch wir in vielerlei Hinsicht von der allgemeinen Preisentwicklung betroffen. So haben sich die Preise für das Papier, auf dem diese Zeilen gedruckt sind, nahezu verdoppelt. Mehrfach mussten wir, wie viele andere Medien auch, die Papierart ändern, da unsere Standard- beziehungsweise Wunschvariante schlicht nicht verfügbar war.

Inflation in Deutschland

Die allgemeine Inflation in Deutschland betrug im Juli 2022 7,5 Prozent. Bei den Nahrungsmitteln lagen die Erzeugerpreise im Mai 33,6 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Das Erzeugerpreisplus im Juli: 37,2 Prozent. Die Verteuerung der Energiepreise im Mai im Vergleich zum Vorjahresmonat: 87 Prozent. Die Inflationsrate lag bereits Ende des vergangenen Jahres, vor dem Kriegsbeginn in der Ukraine, bei fünf Prozent.

Die Inflationsbekämpfung ist die Hauptaufgabe, die Legitimation, der Europäischen Zentralbank. Die wichtigste Aufgabe der EZB, laut dem Vertrag von Lissabon, lautet: Geldwertstabilität. 2021 verkündete Christine Lagarde, die EZB-Präsidentin, dass zwei Prozent Inflation ein „Mindestziel“ sein soll. Entgegen der eigenen Aufgabe betreibt man bei der Europäischen Zentralbank seit 2008 Politik. Die EZB hat einen Einfluss auf die Energiepreise. Aktuell bieten geringer verschuldete Nationen, etwa die USA, höhere Zinsen als hochverschuldete Staaten, wie etwa Italien. Legen mehr Investoren ihr Geld in den USA an, steigt der US-Dollar, in dem Gas und Öl vorrangig gehandelt werden, und der Euro wertet ab – aktuell auf ein 20-Jahres-Tief. Ein schwacher Euro bedeutet: höhere Energie- und Importpreise.

Die Geister, die man rief

Der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank und aktuelle Leiter der Kölner Vermögensverwaltung Flossbach von Storch, Thomas Mayer, analysiert in der ‚Welt‘: „In den 1980er-Jahren wurde die Inflation von den Zentralbanken hartnäckig bekämpft. In den 2000er- und 2010er-Jahren versuchten die Zentralbanker, sie wiederzuerwecken, schafften aber nur das Aufflammen einer Vermögenspreisinflation, die für sie nicht zählte. Bei seinem letzten Ausbruch in den 1970er-Jahren wurde das Inflationsgespenst schließlich durch brutale Zinsanhebungen der Zentralbanken vertrieben. Dagegen ist jetzt vorgesorgt. Während die Notenbanken sie mit immer niedrigeren Zinsen wiederbeleben wollten, verhalfen sie der Wirtschaft zu einer in Friedenszeiten noch nie gesehenen Verschuldung. Jeder Versuch, die Inflation durch Zinserhöhungen wie in den 1980ern wieder abwürgen zu wollen, ist heute zum Scheitern verurteilt. Zu viele Schuldner, darunter große Staaten, gingen bankrott. Die Inflation ist gekommen, um zu bleiben. Dafür wurde gesorgt. Auf breiter Front erleiden die deutschen Arbeitnehmer derzeit Reallohnverluste.“

Natürlich ist das Phänomen Inflation nicht mono-, sondern multikausal. Ein Haupttreiber sind die Corona-Pandemie und die Effekte der zahlreichen Lockdown-Maßnahmen: War die Globalisierung ein Inflationssenker, ist die Deglobalisierung nun ein Inflationstreiber. „Der akute Anlass“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Präsident des Münchner ifo-Instituts Hans-Werner Sinn, „ist die Verknappung von Vorprodukten für die Industrieproduktion, zum Beispiel Mikrochips, die wegen der Pandemie und damit gekoppelten Verwerfungen der Lieferketten fehlen. Auch der Preis für Energie steigt und Rohstoffe wie Aluminium werden wegen der Sanktionen gegen Russland teurer. Wir haben zu viel Nachfrage im System, während das Angebot niedrig ist.

Seit 2008 hat sich die von Nationalbanken zur Verfügung gestellte Geldmenge versiebenfacht. Damals passierte die Lehman-Pleite und seither hat sich eine Krise an die andere gereiht. Diese Probleme hat man versucht, mit mehr Geld zu lösen. Die Geldspritzen der Nationalbanken sind zum Teil in Horte, ‚auf die hohe Kante‘, geflossen statt in den Wirtschaftskreislauf, dadurch wurde die Inflation nicht befeuert. Die Geldpolitik war nicht die unmittelbare Ursache für Inflation, und sie kann sie auch nur bedingt bremsen. Doch jetzt haben die Lieferengpässe dazu geführt, dass der Ball ins Rollen kommt. Das nächste Jahrzehnt hat eine hohe Wahrscheinlichkeit, inflationär zu werden. Die grüne Energiewende wird Strom noch teurer machen, die Ukrainekrise und damit verbundene Maßnahmen werden diesen Trend noch verschärfen. Dazu kommen demografische Probleme. Die Babyboomer gehen in Pension und verbrauchen ihr Erspartes. Das Angebot nach Arbeitskräften verknappt sich, die Nachfrage bleibt hoch. Eine Erhöhung der Zinsen im Euroraum würde die Kapitalflucht nach Amerika bremsen, die seit dem vergangenen Jahr stattfand. Der Euro würde sofort aufwerten, und sämtliche Preise der aus dem Nicht-Euroraum importierten Güter, auch der Energie, würden fallen.“

Verträge und Realitäten

In den USA ist ein großer Teil der Inflation auf die gestiegenen Löhne zurückzuführen – das Geld bleibt im Land. In der EU sind vor allem die Energiepreise die Treiber – das Geld fließt ins Ausland.

Zwischen der Finanz- und der Corona-Krise, 2008 bis 2019, betrug das durchschnittliche reale Wirtschaftswachstum in der Eurozone nur rund 0,5 Prozent pro Jahr. Trotz der explodierenden Staatsausgaben und Schuldenquoten. Die Staatsschulden der Euroländer stiegen in diesem Zeitraum von 6,7 auf zehn Billionen Euro. Allein 2020 sind weitere 1,1 Billionen Euro dazugekommen. Stand heute hat die EZB für mehr als 3179 Milliarden Euro Staatsanleihen aufgekauft – und die Euro-Zentralbankmenge seit 2008 mehr als versiebenfacht. Der Vertrag von Maastricht mit der No-Bail-Out-Klausel, der eine direkte Finanzierung von Staaten verbietet, wird permanent „umgangen“.

Bereits im Dezember 2021 konstatierte Sinn: „Bei den Zwischenprodukten ist die aktuelle Inflation so stark wie seit 1951 nicht mehr. Die EZB redet sie klein. Das empfinde ich fast als Realitätsverweigerung.“ Jahrelang haben Menschen in der Regierung und an der Spitze der EZB das Inflationsrisiko bestritten. Er wolle „allen die Sorge nehmen, dass wir mit der Inflation ein allzu großes Problem kriegen“, sprach der damalige Finanzminister, Olaf Scholz, im Juni 2021.

Noch im September 2021 beklagte die EZB-Direktorin Isabel Schnabel das Ausbleiben der Inflation. Sie erwartete damals eine deutliche Abschwächung für 2022.

Transmission Protection Instrument

Statt sich mit ihrer eigentlichen Aufgabe, der Gewährleistung von Preisstabilität zu beschäftigen, kümmert sich die EZB um Dinge, die mit ihrem Mandat nichts zu tun haben. Der neueste Streich: das „Transmission Protection Instrument“. Damit wollen die Verantwortlichen der EZB die Zinsen einzelner Länder unter das Marktniveau drücken. Man wird demnach so lange zum Beispiel italienische Staatsanleihen aufkaufen, bis der Zins auf ein bestimmtes Niveau gesunken ist. Die EZB subventioniert damit die Schulden einzelner Staaten.

Die ‚Wirtschaftswoche‘ konstatiert zu dieser Politik: „Die EZB drückt die Zinsen über das gesamte Laufzeitenspektrum nach unten und kontrolliert so die Zinskurve. Das ist monetäre Planwirtschaft in Reinkultur. Um die Währungsunion zu retten, hat sich die EZB in den vergangenen Jahren den Regierungen als Finanzier angedient. Mit milliardenschweren Anleihekäufen hat sie die Finanzierungskosten nach unten gedrückt und den Regierungen Zeit für Reformen gekauft. Genutzt haben die Politiker die Zeit nicht. Statt die Wirtschaft zu reformieren, haben sie die Bonsai-Zinsen als Einladung betrachtet, noch mehr Schulden zu machen.“

In der EU gilt: Wer spart beziehungsweise seriös wirtschaftet, ist der Dumme. Die Schulden der Mittelmeerstaaten sind heute höher als zu Beginn der Staatsschuldenkrise. Deutschlands Staatsschulden stiegen seit 1990 von 538 auf 2321 Milliarden Euro. Doch: Dies sind nur die expliziten Schulden. Anders gesagt: die Spitze des Eisbergs. Schulden wurden versteckt, außerhalb des regulären Haushaltes.

Gewinner und Verlierer

Ein dafür eingeführter euphemistischer Begriff lautet: „Sondervermögen“. 26 davon existieren aktuell. Schon in Angela Merkels Amtszeit haben sich Deutschlands Schulden um mehr als 58 Prozent erhöht. Der Ökonom Dr. Daniel Stelter schätzt die Lasten, die in ihrer Ära zusätzlich geschaffen wurden, auf mindestens 3,7 Billionen Euro.

Für das „Bundeswehr-Sondervermögen“ wurden aktuell mal eben 100 Milliarden Euro neue Schulden eingeplant. „Bei einer Staatsquote von 50 Prozent beginnt der Sozialismus“, sagte einst Helmut Kohl. Noch im Jahr 2015 betrug die deutsche Staatsquote, die Ausgaben des Staates in Relation zum Bruttoinlandsprodukt, 44,1 Prozent. 2020: 50,8. 2021: 51,6 Prozent. Mehr als jeder zweite Euro wird „vom Staat“ ausgegeben beziehungsweise eingezogen, umverteilt, verkonsumiert.

Staat als doppelter Inflations-Profiteur

Der Staat ist ein doppelter Inflations-Profiteur: Zum einen entschuldet er sich – der Gegenwert der Schulden wird durch die Inflation immer geringer – und zum anderen nimmt er mehr ein: durch die steigenden Steuereinnahmen und die kalte Progression. Da das deutsche Steuersystem die Inflation nicht berücksichtigt, steigt mit jeder Erhöhung des Bruttolohns die Einkommensteuer stärker als das Einkommen selbst. In Zeiten stark steigender Preise sorgt dieser Effekt dafür, dass das Realeinkommen des „Normalbürgers“ sinkt.

2021 prognostizierten die Steuerschätzer für 2022 Steuereinnahmen in der Rekordhöhe von 848 Milliarden, für 2026 von fast einer Billion Euro. „Die EZB sollte die 70er-Jahre studieren“, schreibt Jörg Kramer, der Chefvolkswirt der Commerzbank, im ‚Handelsblatt‘. „Damals lösten Rezessionen nicht das Problem der hohen Inflation. Weil viele Notenbanken aus falsch verstandener Rücksicht auf die schwache Konjunktur eine lockere Geldpolitik betrieben, fachten sie die Inflation zusätzlich an, ohne der Wirtschaft zu helfen. Seit dem Corona-Ausbruch stechen die Ähnlichkeiten mit den 70er-Jahren ins Auge. (…) Wieder haben wir es mit Angebotsschocks zu tun (…), wieder unterstützt die Zentralbank die Regierungen durch eine lockere Geldpolitik. (…) Die EZB wird nicht verhindern können, dass ihre Anleihenkäufe die Geldmenge und am Ende die Inflation erhöhen.“

Gesellschaftliche Spaltung

Seit 2012 sind die Zinsen fast durchgehend niedriger als die Inflation. Dies ist ein unnatürlicher, politisch herbeigeführter Zustand. Für die Gesellschaft bedeuten die Sachwertinflation und der Verlust der Geldwertstabilität: eine massive Spaltung zwischen sehr reich und dem Rest.

Thomas Straubhaar, Ökonomie-Professor und Direktor des Welt-Wirtschafts-Instituts, sagte bereits 2013 zum Thema Inflation: „Sie ist und bleibt eine indirekte Steuer, die die reale Kaufkraft der Massen verringert. Alle Gläubiger von Nominalwerten, alle Sparer mit nominalen Anlagen, aber wohl auch Rentner und Sozialhilfeempfänger haben sie gleichermaßen zu tragen. Anders als andere Steuern bedarf die Inflationssteuer aber keiner parlamentarischen Zustimmung. Das kann weder als demokratisch noch als vernünftig beurteilt werden.“

Die Inflation wird wohl als ein Instrument von mehreren zur langfristigen Sanierung der Staatshaushalte eingesetzt. Diese Geldpolitik trägt zu einer enormen Sachwert-Inflation bei – und zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft. Die Preise für Sachwerte wie Aktien, Immobilien, Kunstwerke, Oldtimer oder Spekulationsmittel wie Kryptowährungen explodierten.

Während der Corona-Krise konnten die zehn reichsten Deutschen ihr Vermögen laut Oxfam-Zahlen verdoppeln. In den USA steigerte der Tesla-CEO Elon Musk bis März 2022 sein Vermögen um 851 Prozent – von 24,6 auf 234 Milliarden Dollar. Weitere Zuwächse, vor der Ankündigung von Zinserhöhungen: Sergey Brin und Larry Page je 123 Prozent, Warren Buffet 74, Jeff Bezos 46.

Inflation: Folgen für die „Normalbevölkerung“

In Deutschland muss heute, laut einer repräsentativen Befragung durch das Meinungsforschungsinstitut Ipsos, jeder zehnte Verbraucher wegen der hohen Inflation seine Ersparnisse angreifen. 25 Prozent müssen gar beim Lebensmitteleinkauf sparen. Laut des Deutschen Mieterbunds werden hierzulande im Winter Millionen Haushalte ihre Heizkosten nicht zahlen können.

Der nächste politisch induzierte Inflationstreiber, neben der steigenden CO2-Steuer, dem „Bürokratiemonster“, Zitat des Bundesverband-Freie-Immobilien-Präsidenten Dirk Salewski, Grundsteuerreform und weiteren, wurde im August beschlossen: die sogenannte Gasumlage. Für den Winter erwarten mehrere Experten in Deutschland zweistellige Inflationsraten.

Einnahmen und Ausgaben

Andere, etwa der Ökonom Heiner Flassbeck, sehen die Inflation als vorübergehend und unabhängig von der Geldmenge an – und plädieren für weiterhin niedrige Zinsniveaus.

Richtig ist, dass aktuell im Euro-Raum weder eine Konjunktur-Überhitzung noch eine „klassische Inflationssprirale“ festzustellen ist. Zinsanhebungen wären eine „Inflationsbekämpfung durch eine herbeigeführte Krise, und ohne Behebung der Ursachen“, schreibt Thomas Fricke im ‚Spiegel‘: „Helfen würde, jetzt nicht unbedingt die nächsten Abgaben zu erhöhen – oder mal wieder Mehrwertsteuern zu senken und wieder anzuheben. Der Ökonom Peter Bofinger schlägt stattdessen vor, die CO₂-Steuern immer dann wieder zu senken, wenn die Rohöl- und Energiepreise wie jetzt allzu abrupt gestiegen sind (…) Problematisch ist, dass die Währungshüter Geld über die Finanzwirtschaft in Umlauf zu bringen versucht haben. Was das Problem mit sich brachte, dass das Geld dann doch ziemlich viel in Aktien oder Immobilien investiert wurde. “

Die Abgabenquote ist hierzulande mit die höchste der Welt: Laut OECD gehen 39,3 Prozent des durchschnittlichen Bruttolohns für Steuern und Abgaben ab. Im OECD-Durchschnitt sind es 25,9 Prozent. 3,8 Millionen Menschen zahlen den Spitzensteuersatz von 42 Prozent. 1960 begann dieser Satz beim 18-Fachen des Durchschnittseinkommens – heute beim 1,4-Fachen.

Auch bei den Energiepreisen lag Deutschland schon vor dem Kriegsbeginn in der Ukraine weltweit ganz vorne: Bereits Ende 2021 waren die hiesigen Strompreise die höchsten aller G20-Staaten. Die Preise für Energie sind, laut dem Statistischen Bundesamt, schon von Juli 2020 bis Juli 2021 um rund zwölf Prozent gestiegen. Treiber waren dabei die zuvor eingeführte CO2-Steuer und die EEG-Umlage. Man begab sich in eine Energieabhängigkeit von einem Land, Russland, und verteuerte durch Subventionen und Auflagen die Kosten extrem. Gewollt. Das war der „Plan“ der Politik. Das renommierte ‚Wall Street Journal‘ nannte diese „Strategie“ bereits 2019 „die dümmste Energie-Politik der Welt“.

Kosten und Nutzen

In diesem Jahr konstatierte der berühmte ‚The Economist‘: „Jahre der Selbstgefälligkeit haben Deutschland in eine missliche Lage gebracht. Besonders merkwürdig ist, dass in einem Land, das sich der Offenheit seiner Demokratie rühmt, keine Rechenschaft darüber abgelegt wird, was schiefgelaufen ist. Es wurden Beschlüsse gefasst, die Energieversorgung aus anderen Quellen zu verringern. Unter den zahlreichen Beispielen für derartige Dummheiten betrifft das bekannteste die Kernkraft.“

Die „Energiewende“ kostete die Deutschen bislang mehr als 388 Milliarden Euro. 20 Jahre nach ihrem Beginn wird in Deutschland immer noch doppelt so viel CO2 pro Kopf emittiert wie in Frankreich – wo der Strom für Verbraucher Ende 2021 rund 60 Prozent günstiger war als hierzulande. Die Strompreise für Privathaushalte lagen bereits damals um 43 Prozent über dem europäischen Durchschnitt.

Die Zusammensetzung des Strompreises 2021: Von einem Euro sind 51 Cent Steuern und Abgaben und 25 Cent regulierte Netzentgelte. 24 Prozent des Preises sind auf das eigentliche Produkt zurückzuführen, auf den Stromeinkauf, Service, Vertrieb. Die Zahl der in den vergangenen zehn Jahren in der deutschen Windindustrie abgebauten Arbeitsplätze: 60.000. Die Gründe für die Verlagerung der Rotorblattfertigung des letzten in Deutschland fertigenden Windkraftanlagenherstellers, Nordex, laut dem Unternehmen: mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, vor allem aufgrund der neuen CO2-Steuer. Das nennt man wohl Ironie. In der Solarzellen-Produktion wurden hierzulande einst 100.000 Arbeitsplätze innerhalb von vier Jahren abgebaut.

Abhängigkeit

Deutschland war vor Kriegsbeginn beim Erdgas zu 55 Prozent von Russland abhängig. Bei Solarzellen liegt die Quote der Abhängigkeit von China bei: 95 Prozent. Mehr als 80 Prozent der eingesetzten E-Auto-Batterien werden in Asien, vorwiegend in China, produziert.

In China stammen rund zwei Drittel der Energie aus Kohlekraftwerken. Im Mai 2022 importierte China 55 Prozent mehr Rohöl aus Russland als ein Jahr zuvor. Trotz der westlichen Sanktionen nahm Russland in den ersten 100 Tagen des Krieges mehr als 93 Milliarden Euro aus Energieexporten ein. Ein Rekordwert. Indien hat, nach Angaben der Agentur Reuters, seit dem Kriegsausbruch allein bis Anfang Juni rund 62,5 Millionen Barrel russisches Öl importiert – dreimal so viel wie im gleichen Vorjahres-Zeitraum. Zwischen Mai und Juni sollen sich demnach die Kohle-Lieferungen aus Russland nach Indien um das Sechsfache im Vergleich zum gleichen Vorjahres-Zeitraum gesteigert haben.

Nach einer Recherche des ‚Wall Street Journal‘ beliefern indische Ölraffinerien den Weltmarkt mit Benzin und Diesel, das teilweise aus russischem Rohöl raffiniert wurde. Die indischen Kraftstoff-Exporte haben sich demnach innerhalb von fünf Monaten um 15 Prozent gesteigert. Die Lieferungen in die EU sollen sich im Quartalsvergleich um ein Drittel erhöht haben. Im Mai dieses Jahres verkündete Olaf Scholz, dass die deutsche Regierung beschlossen habe, in den kommenden Jahren zehn Milliarden Euro an Indien zu zahlen. Für „Klimaschutz-Maßnahmen“. Der Reingewinn von US-Unternehmen pro Flüssiggas-Schiff, das LNG nach Europa liefert: „150 Millionen Dollar. Die EU will jeden Preis überbieten“, schreibt die ‚Berliner Zeitung‘, „am Ende zahlen die privaten Haushalte.“

Der deutsche Gas-Notstand

Vom CO2-Ausstoß der Frachter gar nicht erst zu reden. Nun ist er halt da, der deutsche Gas-Notstand. Die deutsche Wohneigentumsquote ist die zweitniedrigste der westlichen Welt. Hierzulande besitzen nur rund 48 Prozent der Menschen eine Immobilie. Tendenz: sinkend.

2011 lag die Immobilienbesitzquote noch höher, bei 53,4 Prozent. In Frankreich liegt sie bei 64, in Italien bei 72, in Spanien bei 75, in Rumänien bei 96 Prozent. In etlichen Nationen, etwa in Dänemark und Polen, zahlen Erstkäufer beziehungsweise Selbstnutzer keine Grunderwerbssteuer. In Deutschland wurden diese Steuern in den vergangenen Jahren in 14 Bundesländern erhöht, teilweise sogar mehr als verdoppelt. Die Kauf-Nebenkosten hierzulande gehören zu den höchsten der Welt.

Das durchschnittliche Rentenniveau in den EU-Ländern liegt bei 70,6 Prozent des Nettoeinkommens. In Frankreich bei 75, in Spanien und Italien bei 80 Prozent, in Österreich bei knapp 90 Prozent. In Deutschland bei: 48,2 Prozent. (Die valide Vergleichbarkeit der Zahlen ist hier nicht immer gegeben, da ihnen teils unterschiedliche Methoden zugrunde liegen.)

Fast ein Drittel der Vollzeitbeschäftigten bekommt hierzulande nach 45 Berufsjahren eine Rente von weniger als 1100 Euro netto. Nach 35 Jahren Arbeit mit einem mittleren Einkommen erwerben Deutsche zurzeit Rentenansprüche auf Hartz-IV-Niveau. Die Höhe der durchschnittlichen Rente in Deutschland, Stand Ende 2018: 906 Euro. Bis 2040 müssen alle Renten gänzlich versteuert werden.

Die durchschnittliche Pension früherer Beamten: 2600 Euro – rund 72 Prozent des letzten Bruttogehaltes. Nach dem Versorgungsbericht des Bundes beziehen Bundesbeamte im einfachen und mittleren Dienst im Durchschnitt eine Pension von 2170, im gehobenen von 2780 und im höheren Dienst von 4870 Euro im Monat. Im Zeitraum von 1990 bis 2020 stiegen die Pensionskosten von 18,6 auf 73,1 Milliarden Euro. Ein Plus von fast 300 Prozent. Derweil rechnet, laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts INSA-Consulere, mehr als jeder Zweite der unter 40-jährigen Deutschen nicht damit, selbst jemals eine Rente zu bekommen. Knapp 60 Prozent der Befragten dieser Altersgruppe geben an, dass sie in Bezug auf die Rente von keiner einzigen politischen Partei berücksichtigt werden.

Lohn und Leistung

Diese extremen Diskrepanzen haben die unter den Flaggen „Gleichheit“ und „soziale Gerechtigkeit“ reitenden politischen und medialen Heerscharen wohl bislang übersehen. Wie glaubwürdig dieser Ritt ist, sollte jeder für sich selbst beurteilen.

Die Nominallöhne lagen hierzulande im zweiten Quartal dieses Jahres um vier Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Da gleichzeitig die Verbraucherpreise gestiegen sind, betrug der reale Lohnrückgang 4,7 Prozent. Stärkere Rückgänge hat es seit dem Beginn der Datenerfassung des Statistischen Bundesamtes nie gegeben.

Durch Niedrigzinsen verloren die deutschen Sparer allein 2021, nach einer Auswertung von EZB-Daten, 76 Milliarden Euro. Parallel dazu stiegen die Steuereinahmen von Bund und Ländern im Juni im Vergleich zum Vorjahr um 26,3 Prozent. In den ersten sechs Monaten des Jahres wuchs das Steueraufkommen um 17,5 Prozent auf knapp 408 Milliarden Euro. 2,5 Millionen Menschen verdienen hierzulande, mit einem Vollzeitjob, weniger als 2000 Euro brutto pro Monat – im Westen gilt dies für zehn, in den ostdeutschen Ländern für 18 Prozent der Arbeitnehmer.

Nach Daten der EZB besitzt die „untere“ beziehungsweise ärmere Bevölkerungshälfte in Deutschland 2,6 Prozent des Nettovermögens – etwas mehr als 12.000 Euro pro Person. Die ärmere Hälfte der Italiener besitzt ein dreieinhalbmal höheres Vermögen: 42.000 Euro. Das Median-Vermögen beträgt hierzulande: 70.800 Euro pro Haushalt. In Frankreich: 133.000. In Italien: 117.000. In der Schweiz: 144.000. Die Schweizer Inflation betrug im Juni im Übrigen 3,3 Prozent – weniger als halb so viel wie in Deutschland. Seit seiner Einführung hat der Euro pro Jahr fast zwei Prozent seines Werts gegenüber dem Schweizer Franken verloren. Oder wie es der Mathematiker und Finanzexperte Andreas Beck ausdrückte: „Der Euro ist der Nachfolger der italienischen Lira, eine Weich-Währung. Die Schweizer Nationalbank ist inzwischen der größte Aktionär bei Firmen des deutschen Mittelstandes. Und was ‚kauft‘ Deutschland? Unverzinste Target-2-Salden (…). Die Notenbankpolitik ist letztlich eine Umverteilung von unten und der Mitte zu den oberen zehn Prozent – und eine von jung zu alt.“

Wohlstand im Land

Der Ökonom Daniel Stelter konstatiert: „Selbst wenn wir alle Vermögen in Deutschland umverteilen würden und jeder Bundesbürger gleich viel besäße, wären wir immer noch deutlich ärmer als unsere großen Nachbarn. Überschlägig fehlen uns zwischen 1,2- bis 2,0-mal das Bruttoinlandprodukt an Vermögen, um zu Frankreich und Italien aufzuschließen. Das wären rund 4000 bis 6900 Milliarden Euro an zusätzlichem Privatvermögen. Pro Kopf 48.000 bis 84.000 Euro. Dies unterstreicht die dringende Notwendigkeit, entsprechend mehr dafür zu tun, um den Wohlstand im Land zu erhöhen.“

Dies scheint, sehr vorsichtig ausgedrückt, keine politische Priorität zu haben. Die Zusammenhänge zwischen Energie- und Rechtssicherheit, Kosten, Bürokratie, Wettbewerb, Bildung und Wohlstand scheinen viele zu negieren.

Stelter wirbt für einen schuldenfinanzierten Vermögensaufbaufonds nach dem Vorbild Norwegens. Der deutsche Handelsbilanzüberschuss ging im Vergleich zum Vorjahr in den ersten fünf Monaten 2022 um 71 Prozent zurück. Die deutsche Industrieproduktion ist seit 2018 rückläufig. Schon 2021 sank die Produktion der deutschen Autohersteller, an denen rund 800.000, oft überdurchschnittlich bezahlte Arbeitsplätze hängen, um rund zwölf Prozent – im ersten Halbjahr dieses Jahres um weitere drei Prozent.

Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit

Nach den Prognosen des Internationalen Währungsfonds wird Deutschland beim Wirtschaftswachstum 2022 eines der Schlusslichter sein. Weltweit wird dieses demnach 3,2 Prozent betragen, in China 3,3, in Großbritannien 3,2, in Frankreich und den USA 2,3 – hierzulande 1,2 Prozent. Deutschland verliert massiv an Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit und damit letztlich an Wohlstand. Der Börsenwert der deutschen Unternehmen hat, Stand Juni 2022, gemessen an der globalen Marktkapitalisierung, ein Allzeittief erreicht. An den Weltbörsen gehört kein deutscher Konzern mehr zu den Top 100. Kein. Einziger.

Nach einem Vergleich der TU Darmstadt zahlt die deutsche Industrie für Erdgas aktuell einen Marktpreis, der um den Faktor acht höher liegt als jener in den USA. 2008 betrug der Anteil des Börsenwerts deutscher Konzerne an der globalen Marktkapitalisierung mehr als vier Prozent. Heute: 1,86 Prozent.

Die Deutschlandformel

Parallel dazu ist die Verbraucherstimmung auf ein Rekordtief gefallen. Schon bei einem Realzins von minus zwei Prozent sinkt die Kaufkraft von, als Beispielzahl, 100.000 Euro innerhalb von zehn Jahren auf 81.700 Euro. Bei einer Teuerung von vier Prozent halbiert sie sich innerhalb von 18, bei sechs Prozent Inflation innerhalb von zwölf Jahren. Dies berechneten Experten des Bankhaus Metzler. Sie gehen davon aus, dass die Realzinsen noch viele Jahre negativ bleiben werden – und so die „schleichende Enteignung der Sparer durch finanzielle Repression“ weitergeht.

Das ‚Handelsblatt‘ konstatierte Anfang August: „Die Rechnung ist simpel: Eine stagnierende Wirtschaft plus immer höherer Preise für die Importe ergibt einen sinkenden Wohlstand. Das ist so etwas wie die neue Deutschlandformel.“

Dieser Artikel erschien in der RennRad 10/2022. Hier können Sie die Ausgabe als Printmagazin oder E-Paper bestellen.


Leitartikel von Chefredakteur David Binnig aus 2022

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