196 Watt im Windkanal: das neue Merida Reacto
Aero-Race-Modell im ersten Test: Das neue Merida Reacto
in Test & Technik
2011 kam das erste Merida Reacto auf den Markt. Schon damals bot das Aero-Rennrad als eines der ersten Race-Modelle strömungsgünstig gestaltete Rohrformen, eine Aero-Sattelstütze und semi-integrierte Züge. Mit der nun fünften Generation will der taiwanesische Hersteller nicht nur die aerodynamische Effizienz gesteigert, sondern auch den Komfort und somit die Allround-Performance weiter erhöht haben. Das neue Reacto bietet gegenüber dem Vorgänger unter anderem einen leichteren Carbonrahmen, eine größere Reifenfreiheit und ein selbstentwickeltes neues einteiliges Cockpit. Ab dem Start stehen zehn Modellvarianten zur Wahl. Das breite Portfolio umfasst mit dem „One“ zudem ein Modell mit einem 1-fach-Antrieb von Classified, das Bestwerte im Windkanal erzielen soll. Die wichtigsten Fakten im Überblick:
- Zehn Komplettradvarianten zum Marktstart
- Drei Top-Modelle – „One“ als 1-fach-Variante mit Classified-Nabe
- Zwei Carbon-Level – CF5 und CF3
- CF5-Rahmen 950 Gramm, Gabel 473 Gramm
- Neu entwickeltes “Seagull” – Team-1P-CW-Carbon-Cockpit
- maximale Reifenbreite: offiziell bis 32 Millimeter
- Kompletträder ab 7,1 Kilogramm
Die Preise:
REACTO 10K: 10.199 Euro
REACTO Team: 10.299 Euro
REACTO One: 10.999 Euro
REACTO Pro: 7699 Euro
REACTO 9000: 6999 Euro
REACTO 8000: 5499 Euro
REACTO 7000: 5299 Euro
REACTO LTD: 4299 Euro
REACTO 5000: 3399 Euro
REACTO 4000: 2599 Euro
Mit dem Reacto 10K, Team und One bietet Merida zum Marktstart gleich drei verschiedene Top-Modelle an. Während sich die 10K- und Team-Modelle nur in Ausstattungs-Details unterscheiden, setzt man beim One erstmals auf die Kombination eines Mono-Kettenblatts mit einer Classified-Nabenschaltung, die den Umwerfer ersetzt. Das „One“ erzielte im standadisierten Windkanaltest des Tour-Magazins bei einer Geschwindigkeit von 45 km/h einen Bestwert beim gewichteten Luftwiderstand von nur 196 Watt.
Entwicklung & Rahmendesign
Die Entwicklung für das neue Reacto begann vor vier Jahren. Mithilfe der Laufrad-Spezialisten von Reynolds und eigenen CFD – „Computer Fluid Dynamics“-Simulationen analysierte man etliche unterschiedliche Rohrformen im Bereich des Cockpits, der Gabel, des Steuer-, Unter-, Sitzrohrs. Hunderten 2D- folgten dutzende 3D-Simulationen in Originalgröße. Danach analyiserte man 3D-gedruckte Prototypen mit Dummies im Windkanal, um die zuvor simulierten Ergebnisse zu verifizieren und zu optimieren. Erste fahrbare Prototypen mit unterschiedlichen Carbon-Layups wurden zudem in Blindtests im realen Fahrbetrieb getestet. Das renommierte Zedler-Institut unterstützte den Hersteller von Beginn an mit eigenen Labortests und Materialprüfungen.

Verschiedene Rohr-Prototypen aus der Entwicklungsphase.
Rein optisch unterscheidet sich das neue Reacto vom Vorgänger durch flächigere Rohrformen am Unter- und Steuerrohr. Dabei reizt der Hersteller die UCI-Regularien zur Rahmengestaltung voll aus. Die maximale Reifenfreiheit wuchs von 30 auf 32 Millimeter. Die Krone der neu entwickelten Gabel geht tragflächenförmig in das Steuerrohr über. Die flächigen Sitzstreben setzen nun tiefer am Sitzrohr an, das sich zum voluminösen Tretlagerbereich stärker verjüngt. Eine tiefere Aussparung am Steuerohr gewährleistet eine bündigere Integration des Cockpits und steigert – laut Merida – die aerodynamische Effizienz. Auf eine UDH-Schaltwerksaufnahme verzichtet der taiwanesische Hersteller.
Die Sattelstütze ist deutlich schlanker als beim Vorgänger konstruiert und kommt ohne Versatz. Der Di2-Akku der Shimano-Varianten findet nun im Tretlagerbereich Platz. Unterhalb der Sattelklemmung bietet die Sattelstütze einen Ausschnitt – S-Flex genannt – der einen spürbaren Flex und Dämpfungskomfort bietet. Merida-typisch sind auch die Disc-Cooler-Elemente an den Bremssätteln die aerodynamisch optimiert und leichter als beim Vorgänger sind.
Ein schwarz lackierter Rahmen in der Größe M wiegt 950 Gramm – elf Gramm weniger als der Vorgänger. Die Tretlagersteifigkeit liegt bei 64, die des Steuerrohrs bei 93 Newton pro Millimeter. Erstmals verbaut Merida in diesen Bereich große 1,5-Zoll-Lager um die Steifigkeit im Steuerkopfbereich zu erhöhen. Die größte Gewichtsersparnis von rund 100 Gramm erzielten die Ingenieure bei der Sattelstütze und -Klemmung.
Neues Team-CW-1P-Cockpit
Das einteilige Team-CW-1P-Cockpit ist eine komplette Neuentwicklung und gehört bei ausgewählten Top-Modellen mit CF5-Rahmen zur Serienausstattung. Das „Seagull-Wing“-Design soll den Luftwiderstand und den Strömungsabriss bei wechselnden Windverhältnissen verbessern und gleichzeitig eine hohe Verwindungssteifigkeit gewährleisten. Seine V-Form und das Tragflächenprofil maximieren die Effizienz unter unterschiedlichen Windbedingungen. Mit der weniger progressiven, UCI-konformen Version erreicht Merida 197 Watt Luftwiderstand im Windkanal. weiter bietet der Hersteller eine schmalere, nicht UCI-konforme Version des Cockpits an, die den Luftwiderstand um ein weiteres Watt senken soll.
Der leichte Flare im Unterlenker erhöht die Kontrollierbarkeit. Das Gewicht des Carbon-Cockpits beträgt circa 320 Gramm. Es ist in drei Breiten und vier Längen ab 380 beziehungsweise 90 Millimetern erhältlich. Bei den weiteren Modellreihen setzt der Hersteller auf das Vision-Metron-5D-ACR-Evo-, das bekannte Team-SL-1P-Cockpit und Vorbau-Lenker-Kombinationen.
Ausstattung und Modellvarianten
Merida bietet das Reacto hierzulande in zehn Ausstattungsvarianten an. Alle Versionen bieten identische Rohrformen und Geometrien. Die Top-Varianten 10K, Team und One basieren auf einem Rahmen aus leichtem CF5-Carbon – alle anderen auf einen Rahmen aus etwas schwereren CF-3-Carbonfasern. Das Einstiegsmodell der Baureihe ist das Reacto 4000 für 2599 Euro – die einzige Variante, die sowohl für elektronische als auch mechanische Gruppen konzipiert ist. Zur Ausstattung gehören unter anderem eine Shimano-105-Gruppe und robuste Aluminiumlaufräder.

Merida Reacto 4000
Darüber rangiert das 5000 mit einer Shimano-105-Di2-Gruppe, Vision-Team-35-Alu-Laufrädern und Cockpit-Komponenten aus Aluminium für 3399 Euro. Das Komplettrad wiegt in der Größe M neun Kilogramm. Nur in Deutschland erhältlich wird das Reacto LTD für 4299 Euro sein. Die Ausstattung ist mit einer Shimano-105-Di2-Gruppe, Carbon-Laufräder und dem Merida-1P-Carbon-Cockpit vergleichsweise hochwertig und preis-leistungsstark.

Merida Reacto 5000
Das Reacto 7000 ist im Unterschied zur LTD-Serie mit Srams funkgesteuerter Rival-AXS-Gruppe und Vision-SC-60-i23-Carbonlaufrädern mit 60 Millimeter hohen Felgen ausgestattet. Sein Preis: 5299 Euro. Das Komplettradgewicht beträgt 8,4 Kilogramm. Das rund 400 Gramm leichtere 8000 ist mit Vision-Metron-5D-ACR-Cockpits, Reynolds-AR-60-DB-Carbonlaufrädern und einer Shimanos Ultegra-Di2-Gruppe ausgestattet. Sein Preis: 5499 Euro.
Die 9000er ist identisch ausgestattet – sie basiert aber auf den etwas leichteren CF5-Carbonrahmen. Das Reacto 9000 bringt 7,8 Kilogramm auf die Waage und kostet 6999 Euro. Darüber ist das Reacto Pro für 7699 angesiedelt. Zur hochwertigen Ausstattung gehören unter anderem Shimanos Top-Gruppe Dura-Ace Di2, DT-Swiss-Arc-1600-Spline-Carbonlaufräder und das hauseigene Team-SL-1P-Cockpit Das Leichgewichtsmodell ist das Reacto Team, das neben der einer Shimano-Dura-Ace-Di2-Gruppe und dem Vision-Cockpit auch auf leichtere Metron-60-RS- Laufräder mit Carbonspeichen des italienischen Herstellers setzt. Der Preis der Team-Version: 10.299 Euro. Das 10K-Topmodell ist für 10.199 Euro unter anderem mit einer Sram-Red-AXS-Gruppe und Reynolds-BL-60-Pro-Carbon-Laufrädern ausgestattet. Die Variante kommt serienmäßig mit dem neuen Team-CW-1P-Cockpit – für alle anderen Versionen ist das Cockpit nachrüstbar.
Das One ist aufgrund der Classiefied-Gruppe mit einem Monokettenblatt mit 7,4 Kilogramm etwas schwerer als die Team- und Pro-Versionen. Das aerodynamisch optimierte Top-Modell bietet nebem dem Team-CW-1P-Cockpit auch hochwertige DT-Swiss-Arc-1100-Dicut-Laufräder mit 65 Millimeter hohen Felgen. Sein Preis: 10.999 Euro.

Merida Reacto One
Rahmengrößen & Geometrie
Die sportive Race-Geometrie übernimmt Merida von der Vorgänger-Generation. Neu sind zwei zusätzliche Größen-Optionen unterhalb der XS-Rahmenhöhe und die Sattelstütze ohne Versatz. Die Geometrie kombiniert einen vergleichsweise geringen Radstand mit kurzen Kettenstreben, einem geringen Stack und einem recht langen Reach. Der STR-Wert bei den von uns getesteten M-Modellen beträgt 1,41. Der steile Sitzwinkel von 73,5 Grad bringt den Fahrer – in der Kombination mit den vergleichsweise schmalen Vision- und Team-CW-1P-Cockpit in eine eher gestreckte, überhöhte und aerodynamische günstige Sitzposition.
| Rahmengröße | 3XS | XXS | XS | S | M | L | XL |
| ST Sitzrohrlänge (mm) | 440 | 470 | 500 | 520 | 540 | 560 | 590 |
| TT Oberrohrlänge (mm) | 506 | 521 | 535 | 545 | 560 | 575 | 590 |
| CS Hinterbaulänge (mm) | 410 | 410 | 410 | 410 | 410 | 410 | 410 |
| HTA Steuerrohrwinkel (°) | 70,5 | 70,5 | 72 | 72,5 | 73,5 | 73,5 | 74 |
| STA Sitzrohrwinkel effektiv (°) | 75,5 | 74,5 | 74 | 74 | 73,5 | 73 | 73 |
| BD Tretlagerabsenkung (mm) | 70 | 70 | 70 | 66 | 66 | 66 | 66 |
| HT Steuerrohrlänge (mm) | 100 | 105 | 112 | 128 | 140 | 155 | 175 |
| R Reach (mm) | 373 | 377 | 384 | 390 | 395 | 400 | 409 |
| S Stack (mm) | 512 | 517 | 529 | 542 | 557 | 571 | 593 |
| STR | 1,37 | 1,37 | 1,38 | 1,39 | 1,41 | 1,42 | 1,45 |
| WB Radstand (mm) | 981 | 984 | 987 | 992 | 992 | 1002 | 1011 |
| SH Überstandshöhe (mm) | 727 | 746 | 771 | 792 | 810 | 826 | 853 |
Merida Reacto Team im Test
Wir hatten die Gelegenheit die Top-Ausstattungsvarianten Reacto Team und One mehrere Tage rund um Castellón an der Costa del Azahar in Spanien Probe zu fahren. Die Touren umfassten flaches, sowie welliges Terrain und längere Anstiege und Abfahrten im bergigen Hinterland von Castellón. Gleich auf den ersten Metern mit dem Reacto 10K machte sich die hohe Agilität bedingt durch den steifen Rahmen, das Vision-Metron-Cockpit und den kompakten Radstand bemerkbar. Die Sitz- und Lenkwinkel betragen bei der Rahmengröße M je 73,5 Grad.
In der Kombination mit der ungekröpften Carbon-Sattelstütze kommt der Testfahrer so in eine Sitzposition weiter über dem Tretlager. Das nur 400 Millimeter breite Vision-Metron-5D-Evo-Cockpit erwies sich als voll ergonomisch und verwindungssteif. Zudem erwiesen sich die 60-Millimeter-Felgen der Vision-Metron-60-RS-Laufräder an den offenen Küsten-Abschnitten als überraschend wenig seitenwindanfällig. Sie harmonieren gut mit den serienmäßig verbauten leicht rollenden und Kurvengrip-starken Continental-GP-5000S-TR-Reifen in 28 Millimetern Breite.

Das Merida Reacto Team im Praxis-Test.
Das geringe Gesamtgewicht von 7,1 Kilogramm des Team-Testmodells macht sich naturgemäß bei der Beschleunigung bergauf positiv bemerkbar. Generell tendiert das Merida eher zum Parameter Agilität als zu einer hohen Laufruhe. Bei hohen Geschwindigkeiten und in schnellen, kurvenreichen Abfahrten neigte das Reacto im Testverlauf aufgrund seiner Geometrie aber nie zur Nervosität.
Das Testmodell war mit einer 52/36 Kettenblatt-Kombination vorne und einer 11-30-Kassette passend zur Ausrichtung sehr sportiv und für die meisten Terrains rund um Castellón passend übersetzt. Bei längeren und steileren Anstiegen wären leichtere Gänge jedoch eine klare Wunschoption. Die Shimano-Dura-Ace-Di2-Gruppe performte bei der Schaltgeschwindigkeit wie gewohnt auf einem Top-Niveau.
Ein Shimano-Powermeter ist in die Kurbelgarnitur integriert. Vorne und hinten bremst das Reacto auf 160-Millimeter-Discs. Dabei punkteten die Dura-Ace-Bremsen mit einer hohen absoluten Bremspower und sehr feinen Dosierbarkeit.
Merida Reacto One im Test
Am nächsten Tag wechselten wir für eine 60-Kilometer-Runde auf das „One“. Die Classified-Nabenschaltung benötigte nur wenig Umgewöhnung. Statt eines Umwerfers bedienen die Di2-Tasten am linken Brems-Schalthebel einen Stellmotor in der Hinterradnabe, der das darin verbaute Planetengetriebe und eine Untersetzung aktiviert. Die Vorteile: das System kommt ohne einen Umwerfer und zweites Kettenblatt aus. Das Gewicht entspricht in etwa einer klassischen 2-fach-Gruppe bei einer verbesserten Aerodynamik.
Bergauf bot die Classified-Gruppe größere Gangreserven als das Dura-Ace-Di2-Modell. Der Kraftschluss erfolgt während des Nabenschaltvorgangs subjektiv verzögerungsfrei und damit schneller als mit einem herkömmlichen Umwerfer. Classified gibt eine Akkulaufzeit von drei bis sechs Monaten – je nach der Nutzungsintensität – für die Empfängereinheit an der Steckachse an. Aufgeladen wird das System über einen Micro-USB-Anschluss.
Etwas umgewöhnen musste sich unser Tester beim neuen Team-CW-1P-Cockpit, dass im Oberlenker nur 380 misst und zu einem verstärkten Eindrehen der Schultern führt. Dabei überzeugte die Ergonomie jedoch voll. Das Cockpit bietet eine breite Handauflage am Übergang zu den Brems-Schaltgriffen und erleichtert das Halten einer aerodynamisch günstigen Position.
Die verbauten DT-Swiss-ARC-1100-Dicut-Laufräder sind aufgrund ihrer Felgenhöhe von 65 Millimetern keine absoluten Leichtgewichte – sie sind aber passend zur Ausrichtung des One gewählt. Bei entsprechenden Windverhältnissen boten die Laufräder zudem einen spürbaren Segeleffekt.
Allgemein überzeugte unseren Tester das neue Reacto durch seine Allround-Performance: Aerodynamisch effizient, aber mit einer hohen Agilität und Reaktivität. Auch der Komfort ist für ein Aero-Race-Modell auf einem guten Niveau, bedingt durch die vibrationsdämpfende Carbon-Sattelstütze und den 28 Millimeter breiten Reifen bei der Team-Version. Mit 30- oder 32 Millimeter-Pneus ließen sich noch mehr Komfortpunkte sammeln, ohne signifikante Einbußen beim Rollwiderstand oder der Aeroperformance.
Ein Vergleichstest des neuen Merida Reacto mit aktuellen Aero-Rennrädern weiterer Hersteller lesen Sie in der RennRad-Ausgabe 06/2026.
Stärken & Schwächen
+ Rahmensteifigkeit
+ Aerodynamik
+ Allround-Eigenschaften
+ Ausstattungs-Varianten
– kein UDH
Weitere Informationen zum Merida Reacto gibt es auf der Herstellerwebsite.

Das Merida Reacto Team im Praxis-Test an der Costa del Azahar.


















