Das neue S-Works Tarmac SL9 von Specialized
Specialized S-Works Tarmac SL9 im ersten Test
in Allgemein
Das Wichtigste zum neuen Tarmac SL9
- Neuer FACT-12r-Rahmen mit 687 Gramm Gewicht laut Hersteller
- Vier Watt Aero-Vorteil gegenüber dem Tarmac SL8 bei 45 km/h
- Neue überarbeitete Aero-Sattelstütze: S-Works-Rapide-Post
- neuer Speed Sniffer mit zehn Prozent reduzierter Stirnfläche im Steuerrohrbereich
- Reifenfreiheit bis 32 Millimeter
- UDH-Ausfallende ermöglicht auch 1-fach-Aufbauten
- Nahezu unveränderte Geometrie gegenüber dem SL8
- Komplettbike ab rund 6,5 Kilogramm laut Hersteller
Das beste Tarmac aller Zeiten?
Wenn ein Hersteller ein neues Topmodell präsentiert, sind die Erwartungen meist hoch. Beim neuen Tarmac SL9 vielleicht sogar höher als sonst. Schließlich galt bereits das Tarmac SL8 für viele als eines der komplettesten Rennräder am Markt. Die Frage lautete daher nicht, ob Specialized ein gutes Rennrad bauen kann, sondern wie sich ein bereits starkes Allround-Race-Modell weiter verbessern lässt.
Die Antwort fällt unspektakulärer aus, als manche erwartet haben dürften. Das Tarmac SL9 ist keine Revolution. Die Geometrie und das Grundkonzept bleiben weitgehend unangetastet, die Weiterentwicklung findet vor allem im Detail statt. Doch genau darin liegt die eigentliche Geschichte dieses Rades.
Statt einzelne Bestwerte zu erreichen, verfolgt Specialized weiterhin das Ziel, das Zusammenspiel aus Aerodynamik, Gewicht, Fahrverhalten, Steifigkeit und Fahrerermüdung zu optimieren. Specialized spricht von „Time to Finish“ – also der schnellstmöglichen Gesamtperformance auf realen Rennstrecken. Genau dieses Konzept eines Rennrads für nahezu jedes Streckenprofil scheint im ersten Praxiseinsatz aufzugehen.
Das Ergebnis ist laut Specialized das bislang beste Tarmac. Nicht weil Specialized das Tarmac komplett überarbeitet hätte, sondern weil die Entwickler an vielen Stellen noch kleine Verbesserungen vorgenommen haben.
Aero-Optimierung im Detail
Die größten Veränderungen finden sich dort, wo man sie auf den ersten Blick nicht sofort erkennt. Eine interessante Neuerung steckt im Inneren des Steuerrohrs. Ein asymmetrisch ausgeführter Gabelschaft schafft Platz für die interne Kabelführung und ermöglicht eine schmalere Frontpartie. Das Ergebnis ist ein um vier Millimeter schlankeres Steuerrohr mit zehn Prozent weniger Stirnfläche.
Sichtbarer wird die Überarbeitung somit am weiterentwickelten Speed Sniffer, der markanten Frontpartie des Tarmac SL9. Ergänzt wird das Aero-Paket durch ein abgesenktes Unterrohr und die neue Flow Fork, deren im unteren Bereich leicht nach außen verdrehte Gabelscheiden die Luft gezielter am Rahmen entlangführen sollen, sowie durch zahlreiche Detailanpassungen an den Rohrprofilen und eine neue Aero-Sattelstütze, die unter anderem mit dem Tarmac SL8 kompatibel ist. Diese Lösungen verdeutlichen den Entwicklungsansatz des SL9: Viele kleine Optimierungen statt einer einzelnen großen Innovation.

Ein asymmetrischer Gabelschaft und eine neue S-Works-Rapide-Post
Auch bei der Optimierung der Aerodynamik orientierte sich Specialized an realen Rennsituationen. So wurde der hintere Bereich des Rahmens gezielt für den Einsatz mit einer einzelnen Trinkflasche optimiert. Die Begründung der Entwickler: In entscheidenden Rennphasen fahren Profis in der Regel nur mit einer Flasche am Rad. Dieser auf den Renneinsatz fokussierte Ansatz zieht sich durch die gesamte Entwicklung des SL9.
Trotz der zusätzlichen Aero-Maßnahmen bleibt das Gewicht sehr niedrig. Der FACT-12r-Rahmen bringt laut Hersteller lediglich 687 Gramm auf die Waage. Mit diesem Rahmengewicht bewegt sich das Tarmac SL9 im Umfeld anderer World-Tour-Rennräder auf außergewöhnlich hohem Niveau. Leichter sind meist nur spezialisierte Bergräder.
Größen, Modelle und Preise
Specialized bietet das Tarmac SL9 in sieben Rahmengrößen von 44 bis 61 an. Abgesehen von kleineren Änderungen in Größe 54 bleibt die Geometrie gegenüber dem SL8 nahezu unverändert. Das dürfte vor allem Besitzer des Vorgängers freuen, die ohne größere Anpassungen auf das neue Modell wechseln können.
Gleichzeitig folgt Specialized bei den Anbauteilen den aktuellen Entwicklungen im Profisport. Die Kurbeln fallen deutlich kürzer aus als noch vor wenigen Jahren üblich und die Cockpits werden schmaler. Besonders deutlich wird dies bei den kleineren Größen, die serienmäßig mit 165 Millimeter langen Kurbeln und einem 380 Millimeter breiten Cockpit ausgeliefert werden.
In Größe 54 kommen 170 Millimeter lange Kurbeln zum Einsatz, während die Lenkerbreite weiterhin lediglich 380 Millimeter misst. Ab Größe 56 wächst auch die Cockpitbreite. Damit folgt Specialized dem Trend zu höheren Trittfrequenzen, einer kompakteren Fahrerposition und einer geringeren Stirnfläche. Gleichzeitig zeigt sich, wie stark sich die Vorstellungen einer optimalen Rennrad-Ergonomie in den vergangenen Jahren verändert haben.
Geometrietabelle des Tarmac SL9
| 44 | 49 | 52 | 54 | 56 | 58 | 61 | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Frame Stack | 501 mm | 514 mm | 527 mm | 544 mm | 565 mm | 591 mm | 612 mm |
| Frame Reach | 366 mm | 375 mm | 380 mm | 384 mm | 395 mm | 402 mm | 408 mm |
| Head Tube Length | 99.6 mm | 108.8 mm | 119.8 mm | 139.7 mm | 157.2 mm | 184.3 mm | 204.4 mm |
| Head Tube Angle | 70.5º | 71.75º | 72.5º | 72.5º | 73.5º | 73.5º | 74º |
| BB Height | 266 mm | 266 mm | 266 mm | 268 mm | 268 mm | 268 mm | 268 mm |
| BB Drop | 74 mm | 74 mm | 74 mm | 72 mm | 72 mm | 72 mm | 72 mm |
| Trail | 71 mm | 63 mm | 58 mm | 58 mm | 55 mm | 55 mm | 52 mm |
| Fork Length, full | 369 mm | 369 mm | 369 mm | 369 mm | 369 mm | 369 mm | 369 mm |
| Fork Rake/Offset | 47 mm | 47 mm | 47 mm | 47 mm | 44 mm | 44 mm | 44 mm |
| Front Center | 572 mm | 574 mm | 577 mm | 587 mm | 591 mm | 606 mm | 613 mm |
| Chainstay Length | 410 mm | 410 mm | 410 mm | 410 mm | 410 mm | 410 mm | 410 mm |
| Wheelbase | 970 mm | 973 mm | 975 mm | 986 mm | 991 mm | 1005 mm | 1012 mm |
| Top Tube Length, Horizontal | 496 mm | 508 mm | 531 mm | 540 mm | 562 mm | 577 mm | 595 mm |
| Bike Standover Height | 722 mm | 734 mm | 745 mm | 767 mm | 785 mm | 807 mm | 833 mm |
| Seat Tube Length | 433 mm | 445 mm | 456 mm | 473 mm | 494 mm | 515 mm | 545 mm |
| Seat Tube Angle | 75.5º | 75.5º | 74º | 74º | 73.5º | 73.5º | 73º |
| Stem Length | 70 | 80 | 90 | 100 | 100 | 110 | 110 |
| Handlebar Width | 380 | 380 | 380 | 380 | 400 | 420 | 420 |
| Crank Length | 165 | 165 | 165 | 170 | 170 | 172.5 | 172.5 |
| Seatpost Length | 300 | 300 | 300 | 380 | 380 | 380 | 380 |
Zunächst nur als S-Works erhältlich
Zum Marktstart konzentriert sich Specialized zunächst auf das Topsegment. Erhältlich sind die S-Works-Topmodelle mit Sram-Red-AXS oder Shimano-Dura-Ace-Di2-Schaltgruppe. In beiden Ausführungen erreicht das Rad trotz serienmäßiger 30-Millimeter-Reifen in Größe 56 ein Herstellergewicht von lediglich 6,6 Kilogramm.
Ergänzt wird das Angebot durch S-Works-Rahmensets für individuelle Aufbauten. Die Preise sind, erwartungsgemäß, recht hoch. Das getestete S-Works-Modell zählt mit einem Preis von 13.999 Euro zu den teuersten Serienrennrädern am Markt.
Team-Designs aus der WorldTour
Parallel zu den Serienmodellen bringt Specialized auch die offiziellen Team-Framesets der vier World-Tour-Partnerteams auf den Markt. Erhältlich sind die Designs von Red Bull–Bora–Hansgrohe, Soudal Quick-Step, FDJ-Suez und SD Worx-Protime. Technisch entsprechen die Rahmensets dem regulären S-Works Tarmac SL9, optisch und im Farbdesign orientieren sie sich jedoch an den jeweiligen Teams.
Erster Fahreindruck: Gefühlt eines der dynamischsten Rennräder auf dem Markt
Die Testfahrten rund um Tossa de Mar an der katalanischen Mittelmeerküste unweit von Girona umfassten insgesamt rund 135 Kilometer und mehr als 2600 Höhenmeter. Gefahren wurde das Topmodell S-Works Tarmac SL9 mit einer Sram-Red-AXS-Schaltgruoppe sowohl mit den neuen Roval-Rapide-CLX-III- als auch mit den leichteren Roval-Alpinist-CLX-III Laufrädern.
Schon nach wenigen Kilometern fällt auf, wie schnell man Vertrauen zu diesem Rad aufbaut. Das SL9 vermittelt ein sehr direktes und präzises Fahrgefühl und macht seine Reaktionen jederzeit nachvollziehbar. Die Geometrie wirkt vertraut, gleichzeitig modern genug, um sowohl sportliche als auch etwas weniger aggressive Sitzpositionen zu ermöglichen. Trotz der klaren Race-Ausrichtung wirkt das Rad nicht zu extrem oder unkomfortabel. Die moderne Cockpitabstimmung unterstützt vielmehr das Gefühl, schnell und effizient auf dem Rad zu sitzen.
Die vielleicht größte Stärke des SL9 ist das dynamische Fahrverhalten. Selten hat ein aktuelles Racebike im ersten Test einen derart unmittelbaren und gleichzeitig kontrollierten Fahreindruck vermittelt. Das Rad reagiert unmittelbar auf Beschleunigungen. Jeder Antritt wird direkt in Vortrieb umgesetzt, ohne dass das Fahrverhalten dabei nervös wird. Kurven lassen sich exakt anvisieren, Linien präzise halten und Richtungswechsel ohne größeren Kraftaufwand umsetzen.
Das Fahrgefühl bleibt leichtfüßig, agil und dabei dennoch ausgesprochen laufruhig. Besonders an Anstiegen spielt das geringe Systemgewicht seine Stärken aus. Mit den Roval-Alpinist-CLX-III-Laufrädern wirkt das SL9 noch etwas lebendiger und kletterfreudiger. Doch auch mit den Roval-Rapide-CLX-III bleibt das Rad bergauf sehr agil.
Doch auch in den schnellen Abfahrten entlang der kurvenreichen Küstenstraßen der Costa Brava hinterließ das Rad einen sehr positiven Eindruck. Das Rad beschleunigt bergab bemerkenswert schnell, bleibt dabei aber jederzeit kontrollierbar. Leichte seitliche Windböen fielen während der Testfahrten kaum negativ auf.
Made in Racing: Im Fokus steht der Renneinsatz
Auch in seiner neuesten Generation bleibt das Tarmac ein klar auf den Renneinsatz ausgerichtetes Performance-Bike. Der Komfort bewegt sich auf hohem Niveau für diese Kategorie, erreicht aber naturgemäß nicht das Niveau ausgewiesener Endurance-Bikes. Wie komfortabel das Rad letztlich ausfällt, hängt stark von der gewählten Sitzposition und dem individuellen Bike-Fitting ab.
Positiv fällt auf, dass das Rad trotz seiner sportlichen Steifigkeit auf längeren Ausfahrten nie unbequem wirkt. Specialized legt nach eigenen Angaben großen Wert auf die Reduktion von Ermüdungserscheinungen im Renneinsatz. Dieser Ansatz erscheint nachvollziehbar, auch wenn sich dessen Wirkung im Rahmen der zwei Testausfahrten in Spanien nur begrenzt beurteilen lässt.
Ausstattung und Details
Die neue Aero-Sattelstütze sowie der neue Speed Sniffer fügen sich harmonisch in das Gesamtkonzept ein und das Rad bleibt dabei erfreulich elegant. Weniger gelungen ist hingegen die Entscheidung, das Rad serienmäßig ausschließlich mit einer 15-Millimeter-Setback-Stütze auszuliefern. Die von vielen Fahrern bevorzugte Zero-Setback-Version ist nur separat erhältlich. Positiv hingegen ist die Kompatibilität der neuen S-Works-Rapide-Post mit dem Tarmac SL8. Somit kann die neue Aero Sattelstütze auch auf dem Vorgängermodell nachgerüstet werden.
Zur hochwertigen Serienausstattung der S-Works-Modelle gehören die neuen Roval-Rapide-CLX-III-Laufräder, das Roval-Rapide-Cockpit, Ceramic-Speed-Lager im Tretlager und Steuersatz sowie der S-Works-Power-Mirror-Sattel. Damit setzt Specialized konsequent auf Komponenten, die sowohl das Gewicht als auch die Aerodynamik und Effizienz optimieren sollen.
Positiv fällt die Einführung des UDH-Standards auf. Damit sind auch moderne 1-fach-Aufbauten problemlos möglich. Im Showroom des Pressecamps wurde ein entsprechend aufgebautes Tarmac SL9 mit knapp über sechs Kilogramm gewogen.
Was unterscheidet das SL9 vom SL8?
Genau hier liegt auch der kritischste Punkt des neuen Modells. Wer vom SL8 auf das SL9 steigt, wird nicht sofort das Gefühl haben, auf einem völlig neuen Fahrrad zu sitzen. Die Unterschiede sind vorhanden, aber subtil. Erst im direkten Vergleich wird spürbar, wie konsequent Specialized an zahlreichen Details gearbeitet hat.
Für Besitzer eines aktuellen SL8 bedeutet das gleichzeitig: Ein Upgrade ist keineswegs zwingend. Wer bereits ein gut abgestimmtes SL8 fährt, besitzt vermutlich nach wie vor eines der besten Rennräder auf dem Markt. Das SL9 ist eine Weiterentwicklung – allerdings nicht in einer Größenordnung, die einen sofortigen Wechsel rechtfertigen würde.
Genau darin liegt aber auch die Herausforderung für Specialized. Das neue Tarmac SL9 muss sich nicht an einem durchschnittlichen Vorgänger messen lassen, sondern an einem außergewöhnlich starken. Die Detailarbeit hierbei ist bemerkenswert, die Fortschritte sind nachvollziehbar. Ob sie den Aufpreis für aktuelle SL8-Besitzer rechtfertigen, dürfte jedoch eine der Fragen rund um das neue Modell sein.
Fazit
Es gibt Rennräder, die in einzelnen Disziplinen noch etwas weiter gehen. Kaum ein aktuelles Rennrad vereint jedoch ein niedriges Gewicht, eine sehr gute Aerodynamik, eine ausgeprägte Fahrdynamik und Vielseitigkeit auf einem ähnlich hohen Niveau wie das neue Tarmac SL9. Die Evolution gegenüber dem SL8 fällt kleiner aus, als einige vielleicht erwartet haben. Im Sattel zeigt sich jedoch, wie wirkungsvoll die Summe vieler kleiner Verbesserungen sein kann. Das Ergebnis ist eines der dynamischsten und komplettesten Rennräder der aktuellen Generation.
Pro
- Herausragende Fahrdynamik
- Außergewöhnliche Balance aus Agilität und Stabilität
- Sehr geringes Gewicht
- Präzises Handling
- Hohe Vielseitigkeit für unterschiedliche Rennprofile
- UDH-Kompatibilität
Contra
- Geringer Mehrwert für aktuelle SL8-Besitzer
- Sehr hohes Preisniveau
- Zero-Setback-Sattelstütze nur optional erhältlich
Preis-Übersicht
- S-Works Tarmac SL9 AXS: 13.999 Euro
- S-Works Tarmac SL9 Di2: 13.999 Euro
- S-Works Team Replica Framesets: 5999 Euro
- S-Works Tarmac SL9 Frameset: 5799 Euro
Mehr zum neuen S-Works Tarmac SL9
▶ YouTube: Erste Fahreindrücke aus Girona
▶ Instagram: Reel zum Launch des neuen S-Works Tarmac SL 9
▶ Herstellerwebsite: Weitere Informationen zum S-Works Tarmac SL9






























