Der Aufsteiger: Florian Lipowitz
Florian Lipowitz: Der Aufsteiger der Tour de France 2025
in Race
Weiß ist die Farbe der Hoffnung – und es ist die Farbe eines Triumphes: Deutschland hat wieder einen potenziellen Tour-de-France-Sieger. Florian Lipowitz trug das weiße Trikot des besten Jungprofis ins Ziel der Tour 2025. Hinter den beiden „Außerirdischen“, Tadej Pogačar und Jonas Vingegaard, war er beim wichtigsten Rennen der drittbeste Radprofi des Planeten. Und das bei seiner ersten Teilnahme.

Wahrnehmung & Talent
Vor der Tour kannten ihn nur Radsport-Interessierte – heute ist er ein Held und Hoffnungsträger. Wer hierzulande das Wort Radsport hört, denkt an: die Tour de France. Sie überstrahlt alles. Andere Rundfahrten oder Klassikersiege? Schön und gut, aber was wirklich zählt, ist die Gesamtwertung der Tour. Das ist hierzulande die vorherrschende medial-gesellschaftliche Wahrnehmung.
Sportlich lässt sich Lipowitz‘ Leistung in einem Wort beschreiben: gigantisch. Er fuhr teils smart und kraftsparend, teils offensiv. Im Verlauf der 18. Etappe hinauf auf den Col de la Loze griff er 32 Kilometer vor dem Ziel im Flachstück vor dem Schlussanstieg an – und musste dafür später büßen. Er verlor an diesem Tag 1:37 Minuten auf seinen Hauptkonkurrenten um Platz drei und das Weiße Trikot, Oscar Onley. Doch: Er erholte sich schnell – und baute seinen Vorsprung auf den Viertplatzierten wieder aus.
Auch diese Tour de France zeigte wieder einmal, wie wichtig es ist, die „richtigen“ Eltern zu haben. Um im Hochleistungs-Sport zur Weltspitze zu gehören, braucht man enormes „genetisches Glück“ – oder anders gesagt: Talent.
Radsport ist eine Ausdauersportart – somit ist klar, dass der Zeit- beziehungsweise Trainingsaufwand hoch ist. Doch der Fleiß ist nur die eine Seite der Medaille. Wie der Körper auf die Trainingsreize reagiert, ist der andere. Manche haben es – das Talent und den Willen, die Physis und die Psyche. Man kann es sehen, in Form von Zahlen, Watt pro Kilogramm, Functional Threshold Power, VLamax, VO2max.

Quereinstieg & Motivation
Ralph Denk, der Red-Bull-Bora-Hansgrohe-Teamchef hat es gesehen, als er Florian Lipowitz zum ersten Mal traf. Der damals 19-Jährige rief ihn an und sagte, dass er Radprofi werden will. Denk machte mit ihm einen Termin aus. „Lipo“ fuhr die 100 Kilometer bis Raubling mit dem Rad – und wieder zurück. „Als er hier zum Vorstellungsgespräch angeradelt kam, habe ich sofort gemerkt: Okay, der Junge will“, sagt Ralph Denk in einem Interview auf der Red-Bull-Website.
Wir von RennRad berichteten 2021 zum ersten Mal über Florian Lipowitz. Da war er ein junger Quereinsteiger. Und dennoch fuhr er Top-Ergebnisse ein. Er gewann Radmarathons – unter anderem den 214 Kilometer langen Engadiner, bei dem er im Finale den zweimaligen Ötztaler-Sieger Mathias Nothegger schlug – und fuhr dann, als absoluter Neuling, in einem Fahrerfeld, bei einer der wichtigsten Rundfahrten für Nachwuchsfahrer überhaupt, dem Giro della Regione Friuli, auf den 14. Gesamtrang und den dritten Platz der Bergwertung.
Wer Ahnung vom Radsport hatte, wusste schon zu diesem Zeitpunkt: Da ist einer mit Potenzial. Viel davon. Als wir unseren großen Portraitartikel veröffentlichten, fuhr Florian Lipowitz noch für das österreichische Continental-Team KTM-Tirol. Die Equipe brachte zuvor bereits World-Tour-Profis wie Patrick Gamper, Georg Zimmermann, Lukas Pöstlberger, Patrick Konrad, Michael Gogl und Patrick Schönberger hervor. Heute, fünf Jahre später, ist Florian Lipowitz ein Star.
Radrennen-Fahren bedeutet vor allem: Treten, Sich im Peloton bewegen und Leiden. Dafür braucht man das passende „Mindset“ – ergo Wille, Selbstdisziplin, Schmerztoleranz. Radsport ist eine Ausdauer-Sportart, deshalb unterschätzen die Meisten die Bedeutung von Talent.
Allein die für Ausdauersportarten so wichtige maximale Sauerstoffaufnahme, VO2max, ist den meisten Studien zufolge zu rund 50 Prozent genetisch festgelegt. Die Körpergröße ist zu bis zu 80 Prozent, der Body-Mass-Index zu 30 bis 50 Prozent und die Muskelkraft sowie die maximale Sauerstoffaufnahme zu rund 50 Prozent im eigenen Genom festgelegt.

Leistungsfähigkeit & Fahrverhalten
Doch die körperliche Leistungsfähigkeit ist nur das eine – das Potenzial auch umsetzen zu können, ist das andere. Um bei der Tour de France auf das Podium zu fahren, muss man auch psychisch enorm stark sein. Man darf quasi keine Fehler machen. „Lipowitz fährt grauenhaft schlecht“, schrieb zu Beginn der Tour ein „unbekannter Profi”, ein Insider aus dem Peloton, auf der im englischsprachigen Raum bekannten Plattform ‚Escape Collective‘.
Er sei ein Fahrer, „der keine Ahnung hat, aber wirklich stark fährt“. Über seine Leistung beim Critérium du Dauphiné, wo er Dritter wurde, urteilte der unbekannte ‚Insider‘: „Ich habe beobachtet, wie er attackierte und dann fünf Sekunden lang vor dem Peloton herfuhr, das sein Tempo beibehielt, wodurch er sich dem Wind aussetzte und unglaublich viel Energie verschwendete.
Er hat einfach ständig das Gegenteil von dem gemacht, was er hätte tun sollen. Er ist eindeutig ein wahnsinniges Talent, aber er fährt furchtbar.“ Dieses Urteil wird der Unbekannte nun wohl revidieren müssen. Auch während der Tour ging „Lipo“ einmal zu früh in die Offensive – und verlor dadurch Zeit.

Rückschläge & Entwicklung
Aber er steckte auch diesen Rückschlag weg. „Lipo“ kam nicht als völliger Neuling in den Radsport. Sein Weg lautete: Biathlon, Radmarathons, Continental-Team, World Tour. Auch als Wintersportler gehörte das Rad-Training zu seinem Sommeralltag.
„Wir sind eine Sport-Familie. Bewegung in der Natur gehörte schon immer zu meinem Alltag. Mein erster Radmarathon war der Dreiländergiro Nauders. Ich bin damals zusammen mit meiner Mutter und meinem Vater die kleine Runde gefahren – 120 Kilometer. Ich war neun Jahre alt. Mit dem Biathlon habe ich mit acht Jahren angefangen“, sagte er gegenüber RennRad. „Als Biathlet bin ich im Sommer meist zwischen 5000 und 6000 Kilometer Rennrad gefahren. Auf den Skiern habe ich, bei Grundlageneinheiten, im Durchschnitt 40 bis 50 Kilometer pro Tag absolviert. Mit 17, 18 Jahren kam ich auf irgendetwas zwischen 600 und 700 Trainingsstunden im Jahr. Als Quereinsteiger aus dem Biathlon in den Radsport habe ich Vor- und Nachteile: Eine Besonderheit ist wohl, dass ich ein härteres Training gewohnt bin. Biathlon bereitet mehr Schmerzen als Radsport. Kürzere, aber intensivere.”

Medien & Emotionen
Medien lieben Helden – und sie lieben es, sie fallen zu sehen. Anders gesagt: Sie lieben Geschichten, die Emotionen bedienen und Aufmerksamkeit erregen. Das zeigt unter anderem das Beispiel des früheren einstigen jungen Aufsteigers und späteren Tour-Siegers, Jan Ullrich. Aus medialer Wahrnehmung kann Druck entstehen. Auch damit muss man als junger Athlet umgehen können.
Diese Tour-de-France-Podiums-Platzierung wäre für 99 Prozent aller Radprofis die Erfüllung eines Lebenstraum. Denn: Selbst für die Besten – wer Radprofi wird, ist ein Top-Talent – ist solch ein Ergebnis beim größten Rennen der Welt unerreichbar. Florian Lipowitz erreichte es im Alter von 24 Jahren, bei seiner ersten Teilnahme. Er ist erst am Anfang seines Weges.
„Weil Florian noch nicht so lange professionell Rad fährt, können wir noch extrem viel aus ihm herausholen“, sagte John Wakefield, Director of Development im Team Red Bull-Bora-Hansgrohe in einem Sport1-Interview. „Er hat physiologisch bei Weitem noch nicht seinen Peak erreicht.“ Bei „Lipo“ passt beides: Physis und Psyche – Talent und Wille.
„Ein Leben ohne Sport kann ich mir nicht vorstellen“, sagte er im RennRad-Gespräch. „Ich brauche das: Bewegung und Natur. Und dieses Gefühl danach. Dieses Gefühl abends nach einem harten Training – diese Zufriedenheit. Dieses Gefühl in den Muskeln. Es ist fast schon eine Sucht.“
