Wie fahre ich schneller bergab? So verbessern Sie die Fahrtechnik

Bergab fahren: Tipps und Tricks vom Profi

Wie fahre ich schneller bergab? So verbessern Sie die Fahrtechnik

Bergauf kommt es vor allem auf Kraft, Ausdauer und Gewicht an. Bergab dagegen auf die Fahrtechnik und die richtige Mischung aus Mut und Vorsicht. Wir zeigen, wie man sich verbessert.
TEILE DIESEN ARTIKEL

Wo es rauf geht, da geht es auch wieder runter. Dieser Spruch soll eigentlich in langen, schweren Anstiegen motivierend sein. Für viele Radfahrer klingt er aber wie eine Drohung. Sie haben Angst vor der Geschwindigkeit, engen Serpentinen, entgegenkommenden Autos, Split in den Kurven, versagenden Bremssystemen. Dabei kann es unglaublich viel Spaß machen, den Berg hinunter zu jagen, eins zu werden mit dem Rennrad, Geschwindigkeiten an die 100 km/h zu erreichen. Aber es müssen auch nicht immer die Extreme sein, die Hauptsache ist, dass man sich auf dem Rad wohlfühlt. Mit ein bisschen Übung und technischem Wissen sollte das für jeden Radfahrer möglich sein.

Negative Beispiele

Jeder Radsportfan hat sie vor Augen, die Bilder, wie Jan Ulrich bei der Tour de France 2001 eine Linkskurve auf der Abfahrt vom Col de Peyresourde nicht mehr bekommt, einen Salto ins Grüne macht, mit dem geschulterten Rad wieder nach oben geklettert kommt. Wie der Spanier Joseba Beloki 2003 in der Abfahrt nach Gap schwer stürzt, sich das Becken bricht und Lance Armstrong querfeldein eine Serpentine abkürzt. Wie es Jens Voigt 2009 bei voller Fahrt hinunter vom Kleinen Sankt Bernhard das Rad verschlägt und er die Straße entlangschlittert. Bilder, die niemand sehen will – und noch weniger will man solche Situationen erleben. Aber sie können selbst den Besten, die mit ihrem Rad leben und es beherrschen, passieren, manchmal reicht eine kleine Millisekunde Unaufmerksamkeit, ein kleiner Stein oder großes Pech. Dinge, die man nicht ausschließen kann. Stimmen aber die Basics, sollte man sich nicht allzu große Sorgen machen und mit zu verkrampften Fingern den Berg hinunterschleichen.

Langsam steigern

Wichtig ist, dass man es, wenn man neu auf dem Rennrad ist, erst einmal langsam angehen lässt. Schneller geht immer. Im Straßenverkehr allerdings manchmal nicht. Eine Linie sollte jedenfalls nie überschritten werden: die Mittellinie. Bei RTFs und selbst bei Jedermann-Radrennen und UCI-Straßenrennen kann es immer passieren, dass ein Auto entgegenkommt oder ein Hindernis hinter der Kurve ist. Deshalb sollte man dort nicht zu viel riskieren.

Die Kurventechnik selbst ist nicht zu komplex: Die Kurve wird von außen angefahren, man bremst vor der Kurve, zieht nach innen, beschleunigt heraus. Die Geschwindigkeit sollte beim ersten Versuch so stark reduziert werden, dass eine sichere Fahrt in keinem Fall gefährdet ist. Ist die Geschwindigkeit zu hoch und man muss in der Kurve bremsen, kann das leicht zu einem Sturz führen, da durch die Kurvenschräglage eine verringerte Bodenhaftung besteht. Das Gewicht wird in der Kurve nach innen verlagert, dann steuert man sein Rad in Richtung Scheitelpunkt. Dabei blickt man bereits auf den Kurvenausgang. Ein Anfängerfehler ist, das innere Pedal unten stehen zu lassen. Das ist fatal, denn ein Aufsetzen führt oft zu bösen Stürzen. Deshalb wird in der Kurve nicht getreten – auch beim Herausbeschleunigen aus der Kurve kann es zum Aufsetzen kommen, wenn man zu früh wieder lostritt. Ist der Scheitelpunkt der Kurve erreicht, kann man sich wieder aufrichten und sich durch die Fliehkraft nach außen ziehen lassen. Ist es abschätzbar, dass die Kurve kein Problem mehr ist, wird beschleunigt.

Flow erleben

Kommt man der Ideallinie und dem Flow näher, kann man sich an höhere Geschwindigkeiten heranwagen. Je öfter man mit seinem Rad fährt, desto genauer weiß man auch, wie es in bestimmten Situationen reagiert, wie gut die Reifen haften, die Bremsen ziehen. Dass man dabei auch mal die Grenze überschreitet, passiert. In solchen Fällen sollte man aber vor allem ruhig bleiben und keine hektischen Manöver starten. Merkt man, dass man zu schnell unterwegs ist, richtet man sich in der Kurve auf und bremst dann stark, um anschließend am äußeren Rand der Kurve noch herumzufahren. Übrigens: Die Vorderradbremse besitzt mehr Bremskraft als die Hinterradbremse.

Schlau oder nicht schlau!?

„Ich weiß nicht, ob es wirklich schlau ist, mit 90 Sachen auf 21 Millimeter breiten Reifen mit einer klassischen Seilzugbremse einen Berg runter zu fahren.“ Das hat Rolf Aldag in dem Film Höllentour gesagt. Vermutlich ist es nicht besonders schlau, aber es kann Spaß machen – sofern die Seilzugbremse richtig eingestellt ist, die Reifen keine Risse haben und das ganze Rad in technisch einwandfreiem Zustand ist. Dann können sich die verkrampften Finger an den Bremsen entspannen. |||||

Tipps:

1. Fahren Sie die Kurve von außen an. Bleiben Sie immer auf Ihrer Fahrbahn.

2. Bremsen Sie vor der Kurve. Das kurveninnere Pedal muss oben stehen, damit es nicht aufsetzen kann. Lehnen Sie sich nach innen, um Fliehkräften entgegenzuwirken.

3. Die Kurve in einem Schwung fahren – der Blick geht Richtung Kurvenausgang.

4. Ab dem Scheitelpunkt nach außen tragen lassen. Beschleunigen.

Profi-Interview mit Michael Schwarzmann (23): Profi beim Team NetApp-Endura.

RennRad: Als Sprinter muss man auf Abfahrten oft alles geben, um wieder ans Feld heran zu kommen oder nicht aus dem Zeitlimit zu fallen. Entwickelt man da ein besonderes Talent als Abfahrer?

Michael Schwarzmann: Als Sprinter hat man immer mit hohen Geschwindigkeiten, Radbeherrschung und Gefahrensituationen zu tun, deshalb könnte man da schon einen Zusammenhang sehen. Oftmals ist es auch so, dass das Gruppetto den Berg schneller runter fährt als die Spitze. Ein besonderer Könner ist da zum Beispiel Bernhard Eisel.

RennRad: Hast du ein paar Tipps, wie man schnell und sicher den Berg runter kommt?

Schwarzmann: Wir sagen oft: Schnell Radfahren kommt vom Radfahren. Das heißt, wer viel auf dem Rad sitzt, der bekommt eine gute Form und auch die Sicherheit und Vertrautheit mit seinem Arbeitsgerät. Sein Material zu kennen und ihm zu vertrauen, ist enorm wichtig. Das Abfahren trainiere ich nicht speziell, aber man hat natürlich in jeder Trainingsausfahrt Abfahrten drin und wird dann auch dort besser. Wer nur fünf Mal im Jahr auf dem Rennrad sitzt, sollte es lieber langsamer angehen lassen.

RennRad: Als Profi musst du ständig ans Limit gehen und manchmal vielleicht sogar darüber hinaus. Hat man da die Bilder von Stürzen, wie den von Jens Voigt, im Hinterkopf?

Schwarzmann: Man kennt natürlich die Bilder, aber das versucht man auszublenden. Man muss sich auf der Abfahrt voll und ganz konzentrieren – auch weil selbst im Rennen immer passieren kann, dass ein Auto aus einer Hofausfahrt fährt oder irgendjemand über die Straße rennt.

RennRad: Kann es helfen, gemeinsam mit einem guten Abfahrer den Berg runter zu fahren, um von ihm zu lernen?

Schwarzmann: Grundsätzlich schon. Zumindest, wenn dieser Fahrer Rücksicht nimmt. Aber man sollte sich in Abfahrten nicht unbedingt an anderen orientieren, sondern seine eigene Geschwindigkeit finden und auch seine eigene Risikobereitschaft nicht überschreiten.

Tipps vom Profi:

1. Das Material muss immer perfekt gewartet sein.

2. Vor langen Abfahrten eine Weste anziehen oder eine Zeitung unters Trikot packen, damit man nicht auskühlt.

3. Viele Abfahrten fahren bringt Sicherheit.

4. Immer konzentriert bleiben und nicht zu viel riskieren.

5. Sich nicht von schnelleren Abfahrern verleiten lassen.


Schlagworte
envelope facebook social link instagram