Emma Hinze, Bahn-WM
Bahn-WM 2020 der Frauen: Die schnellsten Sprinterinnen der Welt

Goldsprint

Bahn-WM 2020 der Frauen: Die schnellsten Sprinterinnen der Welt

Vier Sprintdisziplinen trugen die Frauen bei der Bahn-WM in Berlin aus. Viermal holten die deutschen Sprinterinnen die Goldmedaillen.
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Sie widersetzt sich allen Regeln des Kampfsprints – sie braucht keine Taktik, sie fährt einfach von der Spitze aus, die letzten beiden Runden, vorne im Wind, die Gegnerinnen in ihrem Windschatten, chancenlos. Die letzten 200 Meter. Sie schaut über die Schulter, beschleunigt – und gewinnt mit fast einer Radlänge Vorsprung. Keirin ist ein Sprintrennen von sechs Fahrern. Keirin ist Taktik. Im Windschatten fahren. Kraft einteilen. Nicht diesmal, nicht in Berlin, nicht bei dieser Bahnrad-Weltmeisterschaft. Denn dies ist ihre WM. Die WM der aktuell besten Sprinterin der Welt. Die WM der Emma Hinze.

„Ich habe noch nie eine Sprinterin gesehen, die eine Meisterschaft so dominiert hat wie Emma in Berlin“, sagt der Bundestrainer Detlef Uibel. Emma Hinzes Bilanz dieser Heim-WM: Gold im Teamsprint, Gold im Einzelsprint und Gold im Keirin.

Kurz nach einer Siegerehrung, als sie gerade auf dem Weg zu ihren Eltern ist, trifft sie ihre Vorgängerin: Kristina Vogel, die einst beste Sprinterin der Welt. Sie dominierte die Sprintturniere – bis zu einem tragischen Trainingsunfall. Seitdem ist sie querschnittsgelähmt. „Ich bin sehr stolz auf Emma. Es ist Wahnsinn, was sie heute geleistet hat“, sagt Vogel. Und nicht nur an diesem Tag. Es ist die Weltmeisterschaft der Emma Hinze. Nach und nach legte sie ihre Nervosität ab und baute Selbstbewusstsein auf. „Nervosität gehört dazu“, sagt sie. „Eine gewisse Anspannung braucht man. Ich bin dann in einem Tunnel und kriege nichts um mich herum mit. Und als ich im Halbfinale die amtierende Weltmeisterin geschlagen habe, war der Weg frei. Sie war schon oft meine Gegnerin und hat mich meistens geschlagen. Diesmal war es anders.“

Emma Hinze, Kristina Vogel, Bahn-WM

Emma Hinze feiert unter anderem gemeinsam mit Kristina Vogel

Bahnrad-WM 2020: Siege und Verletzungen

Emma Hinze fuhr ihre ersten Radrennen im Alter von sechs Jahren – damals trat sie ihrem Heimatverein bei, dem RSC Hildesheim. „Emma war immer sehr ehrgeizig. Ihre große Stärke war schon immer der Sprint. Kam es auf der Zielgeraden zum Massensprint, war sie immer ganz vorn dabei“, sagt ihr Jugendtrainer Jörg Wiechmann. Emmas Vater Mathias überredete sie, es einmal auf der Bahn zu versuchen. 2013 belegte sie bei ihrer ersten Bahn-DM auf Anhieb Platz zwei im Sprint und wurde im 500-Meter-Zeitfahren Dritte. „Dieser frühe Erfolg hat den Sport für mich attraktiv gemacht“, sagt Emma Hinze. „Ich dachte nur: Das läuft, dabei bleibe ich. Außerdem bin ich eher eine Einzelkämpferin und ziehe gern mein eigenes Ding durch.“

2013 übersiedelt sie mit 16 Jahren nach Kaiserslautern, in das dortige Sportinternat, da sie zu Hause in Hildesheim keine Möglichkeit hat, auf einer Bahn zu trainieren. Doch nach nur einem Jahr wechselt sie von der Pfalz nach Brandenburg, in die Lausitzer Sportschule Cottbus. Erste internationale Erfolge stellten sich ein: Zusammen mit Doreen Heinze bestritt sie 2014 ihre erste Junioren-WM, 2015 fuhr sie an der Seite von Pauline Grabosch zu Gold und gewann die beiden Einzeltitel im Sprint und Keirin. 2016 wurde sie als Ersatzfahrerin für die Olympischen Spiele von Rio de Janeiro nominiert. Doch dann begann eine schwierige Zeit für sie: Immer wieder litt sie unter Knie- und Rückenproblemen – und dachte bereits daran, ihre Karriere zu beenden. Mit erst 20 Jahren.

In diesem Moment änderte ein Zusammentreffen viel: Sie lernt Aleksander Harisanow kennen. Er kann sie umstimmen und wird ihr Trainer. „Emma hat ihr Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft“, sagt er 2017. Und er behält recht. 2018 fuhr sie an der Seite von Miriam Welte zu EM-Bronze im Teamsprint. Im Folgejahr gewann dieses Duo EM-Silber und WM-Bronze. In der Saison 2020 stand die Cottbuserin sechsmal auf dem Podest verschiedener Weltcups, siegte in Hongkong im Teamsprint an der Seite von Pauline Grabosch und gewann in Minsk die Entscheidung im Keirin. Dann kam die WM in Berlin.

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Team und Taktik

Am Eröffnungstag gewann Hinze zusammen mit Lea Friedrich und Pauline Grabosch ihr erstes Gold im Teamsprint. „Diese Disziplin mag ich besonders“, sagt Hinze. „Sie kommt immer zuerst in einem Wettkampfprogramm. Und wenn es da gut läuft, hast du ein gutes Gefühl für die anderen Wettbewerbe.“ Nur zwei Tage später holte sie Gold im Einzel. „Der Erfolg von Berlin gibt Rückenwind für Tokio.“ Dort könnte sie im Teamsprint erneut zusammen mit Pauline Grabosch ins Rennen gehen, die sich in Berlin an der Weltspitze zurückmeldete. Vor zwei Jahren in Apeldoorn gewann Grabosch an der Seite von Miriam Welte und Kristina Vogel ebenfalls die Goldmedaille.

Darauf folgte ein Leistungstief bei der heute 22-Jährigen. Bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr in Pruszków war die Magdeburgerin noch am Boden zerstört – nach Platz 15 über 500 Meter. Im Teamsprint wurde sie gar nicht eingesetzt. In Berlin lief es ganz anders: Sie wurde zu einem wichtigen Teil des Goldteams.

Der Anteil von Trainer Tim Zühlke

Einen großen Anteil an diesem „Comeback“ hat ihr Trainer: Tim Zühlke. „Wir funktionieren sehr ausgeglichen und harmonisch, offen und ehrlich. Herr Zühlke hat eine klare Meinung und einen klaren Weg. Er weiß, wie er mit mir umgehen muss, wenn ich nicht geradeaus laufe. Neben meiner Familie und meinen Freunden ist er einer meiner engsten Vertrauten“, sagt Pauline Grabosch.

Nachdem sie bei Kristina Vogels Trainingsunfall anwesend war, musste sie sich vor allem auch mental erst einmal in den Bahnradsport zurückkämpfen. Lange Zeit stand ihre Karriere in den Monaten nach dem Unfall auf der Kippe. Mehrere Rennen sagte sie kurzfristig ab, sie zog sich zurück und nahm während der Saison eine längere Auszeit. „Ich hatte eine relativ harte Zeit. Aber ich habe mich zurückgekämpft — mir geht es wieder gut. Ich mache mir keinen Druck und versuche wieder Spaß zu haben. Ich habe mich neu fokussiert und wieder Vertrauen in mich selbst.“

Lea Sophie Friedrich

Dies zeigte sich schon bei den Weltcups im Winter: Sieg beim Weltcup in Hongkong und Platz drei in Glasgow. Die Dritte im jungen deutschen Goldteam ist auch die Jüngste: Lea Sophie Friedrich ist erst 20 Jahre alt – und schon zweifache Weltmeisterin. Neben Gold im Teamsprint gewann sie den Titel im 500-Meter-Zeitfahren. Nach Miriam Welte in den Jahren 2014 und 2018 ist sie damit erst die zweite Deutsche, die diesen Titel gewann.

Friedrich fährt erst ihre zweite Saison in der Eliteklasse. Dennoch wirkt sie schon sehr routiniert und nervenstark. „Sie ist konditionell unglaublich stark. Ich muss sie manchmal eher noch bremsen. Taktisch muss sie noch dazulernen, aber sie steht ja auch erst am Anfang ihrer Karriere“, sagt der Bundestrainer Detlef Uibel über sein Supertalent. Bereits 2018 war Lea Sophie Friedrich vierfache Junioren-Weltmeisterin. Den Übergang in die Frauenklasse schaffte sie nahtlos. Schon bei der WM vor einem Jahr in Polen wurde sie Vierte im Sprint. Bei der EM gewann sie Bronze und holte Silber im Keirin und im Teamsprint. Bei den deutschen Meisterschaften in Berlin im Sommer 2019 ließ sie im Sprint und im Keirin alle Konkurrentinnen hinter sich.

Lea Sophie Friedrich, Bahn-WM, Frauen

Lea Sophie Friedrich gehört zu den talentiertesten deutschen Fahrerinnen

Training und Tokio

Pauline Grabosch, Emma Hinze und Lea Sophie Friedrich gelang es bereits jetzt, die Erfolge von Miriam Welte und Kristina Vogel fortzuführen. „Wenn mir das jemand vor zwei Jahren prophezeit hätte, den hätte ich für verrückt erklärt“, sagt Detlef Uibel. Nach zwei Jahren des Umbruchs, der mit dem furchtbaren Unfall von Kristina Vogel begann und im vergangenen Jahr durch den Rücktritt von Miriam Welte endgültig eingeleitet wurde, sind die deutschen Sprinterinnen wieder in der absoluten Weltspitze.

Die drei Topathletinnen befinden sich alle noch am Anfang ihrer sportlichen Karrieren – und haben es bereits geschafft, die Nachfolge der mehrfachen Weltmeisterinnen und Olympiasiegerinnen anzutreten. „Miriam Welte und Kristina Vogel haben mit ihren Erfolgen den Nachwuchs mitgerissen, darum haben wir jetzt diese Stärke. Hinze, Grabosch, Friedrich haben sehr schnell den Sprung an die Spitze geschafft, aber das darf uns nicht übermütig werden lassen“, sagt Uibel. „Der Erfolg von Berlin ist gut für das Selbstvertrauen, aber unsere Arbeit ist noch lange nicht beendet.“

Finale Vorbereitung auf Olympia

Nach einem Konditionslehrgang auf Mallorca beginnt die finale Vorbereitung auf Olympia: Kraft- und Bahntraining auf den Pisten von Cottbus und Frankfurt an der Oder. Der Bundestrainer hat nun die schwere Aufgabe, aus dem neuen Erfolgstrio zwei Fahrerinnen für Tokio 2021 auszuwählen. Dort dürfen nur zwei Frauen starten, die dann neben dem Teamsprint auch in den Einzeldisziplinen Sprint und Keirin eingesetzt werden.

Friedrich und Hinze sind derzeit im Vorteil. Das weiß auch Grabosch, die in Berlin die perfekte Anfahrerin war. „Ich möchte nicht in der Haut des Bundestrainers stecken“, sagt sie. „Ich höre nicht auf zu zappeln, solange es nicht vorbei ist. Ich gebe meine Möglichkeit nicht kampflos auf.“ Kristina Vogel und Miriam Welte erlebten die Triumphe ihrer Nachfolgerinnen in Berlin mit und waren die ersten Gratulanten. „Jede Zeit hat ihre Athleten, ihre Stars. Ich war es vielleicht auch ein paar Jahre. Jetzt kommen neue Champions. Vielleicht war es auch das Richtige für sie, dass die zwei Alten weg sind und Platz für Neue machen“, sagte Vogel. Die neue goldene Generation ist bereits da. Die schnellsten Fahrerinnen der Welt kommen wieder aus Deutschland.

Dieser Artikel erschien in der RennRad 5/2021. Hier können Sie die Ausgabe als E-Paper oder Printmagazin bestellen.

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