Leistungsdaten von Christopher Froome: Debatte um Wattwerte

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Leistungsdaten von Christopher Froome: Debatte um Wattwerte

Die Debatte um die Wattwerte von Spitzenfahrern belebt den Radsport. Was die Leistungsdaten aussagen und worüber sie schweigen. Eine Analyse.
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Es ist der 14. Juli 2015, der Schlussanstieg, noch sechs Kilometer, Christopher Froomes Beine wirbeln wie eine Turbine, die Teamkollegen haben Tempo gemacht und fast alle Konkurrenten abgehängt. Froome attackiert. Er zieht davon und gewinnt auf dem Col de La Pierre Saint-Martin die 10. Etappe der Tour.

Einige Tage später veröffentlicht das Team Sky ausgewählte Leistungdaten: Froome trat demnach am 15,3 Kilometer langen Schlussanstieg durchschnittlich 5,78 Watt pro Kilogramm Körpergewicht. Vorher hatten Experten daran gezweifelt, dass die Leistungen der Fahrer des Teams Sky „natürlich“ seien.  Mit der Veröffentlichung der Daten wollten die Sky-Verantwortlichen die Diskussionen beruhigen. Doch diese Rechnung ging nicht auf.

Die verkündeten Zahlen sind weit weg von den Leistungen, die Fahrer wie Armstrong, Ullrich oder Pantani in der Hochzeit des Epo-Dopings erbrachten. Und doch gibt es Gründe, an ihnen zu zweifeln. Vergleichszahlen zum Beispiel, etwa die der Fahrer des Teams Lotto NL-Jumbo. Robert Gesink wurde auf jener Pyrenäen-Etappe Vierter, mit 1:30 Minuten Rückstand auf Froome. Auch er machte seine Leistungsdaten publik: 5,8 Watt pro Kilogramm Körpergewicht. Sein Teamkollege Laurens ten Dam kam 4:25 Minuten nach dem Etappensieger ins Ziel – und leistete am Schlussanstieg durchschnittlich 5,5 Watt/Kilogramm.

Physikalisches Problem

Der neutrale Beobachter blickt auf ein physikalisches Problem: Fahrer A (Froome) fährt mit einer etwas geringeren Leistung schneller bergauf als Fahrer B (Gesink). Dazu gibt es Fahrer C (Laurens ten Dam), der mit einer um rund fünf Prozent niedrigeren Leistung zehn Prozent langsamer ist. Dies kann nicht sein. Doch wessen Werte stimmen nun? Nach Froomes Pyrenäen-Vorstellung hatte der Pariser Sportphysiologe Pierre Sallet ausgerechnet, dass dieser mit durchschnittlich etwas mehr als sieben Watt/Kilogramm nach La Pierre Saint-Martin hinaufgerast sein soll. Eine Leistung, die nur von wenigen Fahrern der Epo-Ära wie Lance Armstrong erreicht worden sei.

Neue Fragen 

Sky-Trainer Tim Kerrison präsentierte also am zweiten Ruhetag der Tour seine Auswertung von Froomes Performance an besagtem Anstieg: Die ergab einen Schnitt von 414 Watt. Durchschnittliche Trittfrequenz: 97 Umdrehungen pro Minute. Durchschnittliche Herzfrequenz: 158 Pulsschläge, Maximalwert: 174. Froomes Attacke dauerte den Angaben zufolge 24 Sekunden, dabei leistete er im Mittel 556 Watt [522 korrigiert] und maximal 929 Watt [873 korrigiert]. Über die gesamte letzte Rennstunde gerechnet, leistete er 366 Watt [344 korrigiert]. Gemäß der Daten von Sky brauchte Froome für den finalen Berg 41:30 Minuten bei einer mittleren VAM von 1602 (Wert für die Steigungsgeschwindigkeit). Die höchsten je gemessenen VAM-Werte lagen bei 1.800 (Armstrong, Pantani).

Kerrison bereinigte den Wert von 414 Watt um sechs Prozent. Als Grund nannte er die von Sky genutzten asymmetrischen Kettenblätter. Die nunmehr 389 Watt geteilt durch Froomes Gewicht von 67,5 Kilogramm ergaben schließlich 5,78 Watt/Kilogramm. Auch bei dieser Rechnung tun sich Fragen auf: Warum reduziert Kerrison die Wattgesamtleistung um jene sechs Prozent, statt um vier, von denen der Hersteller der Kurbelblätter ausgeht? Und: Wie kommt er auf das Körpergewicht von 67,5 Kilogramm? Denn bei der Vorbereitungsrundfahrt Dauphiné soll es laut der britischen Zeitung The Telegraph bei nur 66 Kilogramm gelegen haben. Bei der Tour de France 2014 sogar nur bei 64 Kilogramm. Warum sollte ein Top-Favorit beim wichtigsten Rennen des Jahres zwei Kilogramm mehr auf den Rippen haben als bei der Generalprobe? Dies wäre unprofessionell und ist somit unwahrscheinlich.

Viele dieser Fragen stammen ursprünglich von einem Mann, der sich seit vielen Jahren mit Leistungsdaten von Spitzensportlern auseinandersetzt: Ross Tucker, Professor für Sportphysiologie an der Universität Kapstadt. Bei seinen Berechnungen kam er auf andere Werte als die von Sky veröffentlichten. Er bereinigte die 414 Watt Gesamtleistung um nur vier Prozent und ging bei Froome von einem Körpergewicht von 66 Kilogramm aus. Ergebnis:  6,02 Watt/Kilogramm – ein hoher, aber noch „menschlicher“ Wert. Immerhin wäre mit diesem Wert auch Froomes Vorsprung auf ein mit 5,8 bis 5,9 Watt/Kilogramm fahrendes Verfolgerfeld erklärbar gewesen.

Mehr Daten, mehr Transparenz

„Ich verstehe nicht, warum Sky nicht auch die Daten von Richie Porte und Geraint Thomas am selben Anstieg veröffentlicht hat“, sagt Ross Tucker. Porte war als Etappenzweiter 59 Sekunden hinter seinem Teamkapitän Froome, Thomas lag 2:01 Minuten zurück. „Die Zeitabstände waren perfekt, um alle drei Leistungen miteinander zu vergleichen.“ Die Zahlen hätten geholfen, Missverständnissen vorzubeugen und Aufklärung zu leisten. So bleiben weiter einige unbekannte Variablen in dieser Datendebatte.

Ebenso wenig passen die Zahlen ins Bild, die Thibaut Pinot veröffentlicht hat. Der junge Franzose, in diesem Jahr Tour-Etappensieger, machte seine Trainings- und Wettkampfdaten zugänglich. Seitdem weiß man, dass er eine maximale Sauerstoffaufnahme von 85 ml/kg/min hat, ein guter, aber nicht überragender Wert. Beeindruckender sind seine Watt-pro-Kilogramm-Zahlen. Für 60 Minuten kann er nach den veröffentlichten Angaben 5,7 Watt/Kilogramm leisten, für 20 Minuten 6,4 Watt/Kilogramm.

In den späten 1990ern und frühen 2000er-Jahren, so Ross Tucker, mussten Profis in den Schlussanstiegen der Tour-Etappen zwischen 6,4 und 6,7 Watt/Kilogramm treten, um vorne dabei zu sein. „Was Menschen tun, die 6,5 Watt/Kilogramm leisten, geht über meinen Glauben. Das ist physiologisch eigentlich nicht möglich.“ Die Werte von Fahrern wie Bradley Wiggins, Chris Froome oder Vincenzo Nibali seien im Durchschnitt rund zehn Prozent geringer als damals. „Wahrscheinlich dopen heute weniger Fahrer und die, die es tun, tun es weniger heftig.“

Bei seinem Tour-Sieg 2013 war Froome zum Beispiel rund drei Minuten langsamer als Armstrong und Pantani in den 2000er-Jahren. Von Vincenzo Nibali liegen Zahlen von 2012 vor, nach denen er bei Bergetappen des Giro an den Anstiegen 5,2 Watt/Kilogramm leistete. Auch dies liegt laut Tucker im „grünen“ Bereich.

Grundsatzfrage 

Genau wie Tucker stellt auch der französische Sportwissenschaftler Antoine Vayer, der geläuterte früherer Trainer des Skandalteams Festina, seine eigenen Berechnungen an. Seiner Meinung nach sind alle Leistungen am Berg zwischen 430 und 450 Watt „Wunder“. Mehr als 450 Watt könnten nur „Mutanten“ treten. Lance Armstrong wog bei der Tour 71 Kilogramm – und konnte an Anstiegen durchschnittlich 470 Watt leisten. 6,6 Watt pro Kilogramm. Dies sind Dimensionen jenseits von Froome.

Doch Tucker und Vayer beobachten in den letzten Jahren seit 2013 wieder steigende Leistungen bei den Top-Fahrern. Die Diskussion um die Leistungswerte der Profis wird also weitergehen. Im Radsport ist eine Streitkultur entstanden, die es derart in anderen Sportarten nicht gibt. Manche Profis wie Robert Gesink stellen ihre Leistungsparameter mittlerweile unaufgefordert ins Internet. Das kann für Glaubwürdigkeit sorgen. Doch es bleibt die Grundsatzfrage: Besteht im Radsport noch die Unschuldsvermutung oder muss – wie es in vielen Medien gesehen wird – stets ein Unschuldsbeweis erbracht werden?

Die Zeiten

Ax 3 Domaines

◗ Ewige Bestenliste: 1. Roberto Laiseka 2001 (22:55) 2. Lance Armstrong 2001 (22:57) 3. Chris Froome 2013 (23:12)
◗ Schnellster 2013: 1, Chris Froome (23:12) 2. Richie Porte (24:03) 3. Alejandro Valverde (24:20)

Mont Ventoux

◗ Ewige Bestenliste: 1. Iban Mayo 2004 (55:51) 2. Tyler Hamilton 2004 (56:26) 3. Jonathan Vaughters 1999 (56:50)
◗ Schnellster 2013: 1. Chris Froome (59:00) 2. Nairo Quintana (59:29)

Alpe d‘Huez

◗ Ewige Bestenliste: 1. Marco Pantani 1995 (36:40) 2. Pantani 1997 (36:53) 3. Pantani 1994 (37:15)
◗ Schnellster 2013: 1. Nairo Quintana (39:48) 2. Joaquim Rodriguez (39:51) 3. Richie Porte/Chris Froome (40:54)

Froomes Leistungsdaten am Schlussanstieg, 10. Etappe

Zeit: 41:30 min
Durchschnittliche Performance: 414 w
VAM: 1602 Vm/h
Gewicht: 67.5 kg
Korrigiertes Leistungs/Gewichtsverhältnis: 5.78 w/kg
Übersetzung: 52-38 / 11-28
Ø Trittfrequenz: 97 U/min
Ø Herzfrequenz: 158 S/min
Maximale Herzfrequenz: 174 S/min

Froomes Leistungsdaten bei seiner Attacke

Dauer: 24 s
Mittlere Leistung: 556 w
Höchstleistung: 929 w
Leistung in 10s: 652 w
Ø Trittfrequenz: 102 U/min
Durchschnittsgeschwindigkeit:  25.3 km/h
Höchstgeschwindigkeit:  27.7 km/h
Ø Leistung der 4 Minuten vor der Atta>Ø Leistung der 4 Minuten nach der Attacke:  435 w (20.4 km/h, 8.4% Steigung, 103 U/min)


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