Günstige Rennräder ab 699 € im Test

Günstige Gelegenheiten

Günstige Rennräder ab 699 € im Test

Vor der Währungsreform kostete ein Einsteigerrad 999 DM. Heute sind daraus scheinbar selbstverständlich 999 Euro geworden. Das wollten wir nicht glauben und haben vier Rennräder ab 699 Euro unter die Lupe genommen.
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Für den Radtest haben wir uns dieses Mal fachfremde Hilfe ins Boot geholt. Eine Person, die zwar den Radsport am TV begeistert beobachtet, sich aber bislang nicht auf eine Rennmaschine gewagt hat, sollte uns sagen, was ihr an den Rädern gut gefällt, wo die Schwierigkeiten im Einzelnen liegen und welches für sie das beste war.

Ein Wort zu den vier Herstellern im Test: Egal ob Author, Schwinn, Wheeler oder Bulls, keiner ist ein „Billighersteller“. Sie verfügen lediglich über eine Produktpalette, die am unteren Ende eben nicht – wie bei vielen anderen – bei 1000 oder 1500 Euro endet. Sie gehen davon aus, dass man auch für 699 Euro noch ein gutes Rad zusammenbauen kann. An mangelnder Erfahrung kann es im Falle schwacher Ergebnisse bei keinem der Hersteller gelegen haben. Die Firma Schwinn beispielsweise gibt es seit über 100 Jahren. Sie gehört damit zu den Zweiradpionieren und sollte wissen, was ein gutes Rad ganz allgemein ausmacht. Allerdings waren Erfahrungswerte oder technische Unterschiede für unseren Testfahrer erst in zweiter oder sogar dritter Linie interessant.

Fachfremde Hilfe bringt neue Erkenntnisse

Vor Fahrtantritt nahm unsereTestperson drei Kriterien fachmännisch unter die Lupe. Zu unserem Erstaunen wurden per Anheben die Gewichte aller Räder verglichen und im Anschluss mit dem Daumen die Härte der Sättel und der Luftdruck in den Reifen „geprüft“. Ob das Rad eine 105er oder eine Sora besitzt, war unserem Testfahrer erst mal egal. Die Auswahl des ersten Rades für eine Testfahrt fiel auf das Sport Fastback von Schwinn. Die Farbe hatte es ihm angetan. Und uns wurde ein wichtiges erstes Entscheidungsmerkmal wieder einmal vor Augen geführt. Der optische Auftritt spielt gerade in den unteren Preisklassen eine wichtige Rolle. Die Testfahrten hielten dann unverhältnismäßig viele Überraschungen bereit. Unser Tester lieferte Informationen, derer wir uns als rennraderfahrene Redakteure nicht bewusst waren.

Zunächst aber die Ergebnisse, die wir durchaus erwartet hatten:

Egal bei welchem Rad, die Sitzposition war zu sportlich. Unser Testkandidat hätte gerne aufrechter gesessen, allerdings scheiterte die Oberlenkerposition an der weiten Entfernung der Hände zu den Bremshebeln. Ein enormes Sicherheitsbedürfnis ließ ihn den Unterlenker fassen und die Finger fast ständig die Bremshebeln touchieren. Die gebückte Racehaltung ist für einen Einsteiger nicht nur enorm unbequem, sondern raubt ihm auch die nötige Übersicht, das Sicherheitsgefühl sinkt.

Ebenfalls wenig überraschend war, dass der teuerste Sattel am schlechtesten abgeschnitten hat. Wenngleich der schnittige „Selle Italia“ am Bulls unserem Tester am besten gefallen hat, im Nachhinein würde er die weicheren Sitzgelegenheiten der anderen Hersteller bevorzugen. Vor allem auf dem Modell am Einsteiger von Author fühlte er sich sehr wohl. Wir glauben allerdings, dass unser Testfahrer, wenn er Gefallen an der Sportart finden sollte, schon bald eine etwas härtere Variante bevorzugen wird. Dann könnte der Sattel auf dem Bulls vielleicht genau der richtige sein.

Sora contra 105

Wie gesagt, nicht ungewöhnlich. Der Knüller ist, dass unser Testfahrer wider Erwarten mit der Schalteinheit Sora von Shimano deutlich besser zurechtkam als mit dem teureren großen Bruder, der 105er. Der Schaltvorgang mit einem Knopf und einem Hebel wie bei der Sora, war für ihn schnell zu begreifen und einfacher zu handhaben. Zum einen empfand er die räumliche Trennung der beiden Schaltvarianten durch Knopf und Hebel angenehmer als das System der 105er mit zwei hintereinander liegenden Schalthebeln. Zum anderen leuchtete der Schaltvorgang bei der Sora auch besser ein: Knopf drücken, Kette fällt nach unten, Hebel seitlich nach oben, die Kette klettert hinauf. Diese Analogie ist einfacher zu verstehen als die gleiche Schwenkrichtung für zwei unterschiedliche Bewegungsrichtungen wie Sie bei der 105er zu finden sind.

Wir bleiben bei den Schaltvorgängen

Die große Zahl der Übersetzungsmöglichkeiten, die ein drittes Kettenblatt ermöglicht, leuchteten unserem Tester rasch ein, allein an der Umsetzung haperte es. Häufig lag die Kette viel zu schräg. Entweder entschied er sich für das große Kettenblatt in Kombination mit einem ganz großen Ritzel im Heck oder für das kleine Kettenblatt mit einem der kleinsten Ritzel des Zahnkranzes. Das Ergebnis bleibt gleich: Die Kette läuft sehr schräg und schleift am Umwerfer. Justierversuche beförderten die Kette sofort auf das mittlere Kettenblatt. Hier gefiel ihm die 105er mit nur zwei Kettenblättern zunächst besser. Allerdings nur bis zum ersten Anstieg: Schnell lag die Kette im Heck auf dem Ritzel mit den meisten Zähnen, das dritte Kettenblatt wurde jetzt schmerzlich vermisst. Eine Kompaktkurbel wäre an einem Einsteigerrad die bessere Lösung.

„Die Bremsen am Bulls sind klar die besten!“ war der Testfahrer, nachdem er mit allen Rädern unterwegs war, überzeugt. Und da geben wir ihm Recht. Die 105er-Ausstattung am Bulls gewinnt beim Bremsvergleich deutlich gegen die Konkurrenz, die durchweg mit einer Kombination aus Sora-Bremshebeln und Tektro-Bremsen ausgestattet ist. Vor allem bei harten Bremsvorgängen schneidet das Duo schlecht ab und verzögert zu langsam. Ist das Bulls dank tollem Bremsverhalten aber auch gleich der beste Einsteiger?

Es ist der beste Einsteiger. Dabei spielt allerdings die hochwertigere Ausstattung eine eher untergeordnete Rolle. Für uns und unseren Testfahrer entscheidend war die einsteigerfreundliche Geometrie.

Geometrische Formen entscheiden das Rennen

Das Bulls gefällt zunächst durch einen optisch enorm sportlichen Auftritt. Ein extrem ovalisiertes Unterrohr und ein aerodynamisch angepasstes Sitzrohr geben dem Bulls in Verbindung mit einer aggressiven Typographie auf den ersten Blick einen rasanten Auftritt. Die sehr sportlich und hochwertig wirkende Shimano 105 tut ihr Übriges. Allerdings wirkt dieser Eindruck rasanter als es das Bulls tatsächlich ist. Die Sattelüberhöhung ist dank dreier dicker Spacer nicht zu sportlich und sorgt in Verbindung mit einem im Verhältnis zum Sitzrohr relativ kurzen Oberrohr (54,5 Zentimeter) und einem 110 Millimeter langen Vorbau für eine angenehm aufrechte Sitzposition. Selbst in der Unterlenkerposition hat man nie das Gefühl, zu sportlich auf dem Renner zu sitzen. Das hat man bei Bulls sehr gut gelöst.

Bulls löst das Einsteiger-Rätsel am besten

Die Mischung zwischen einem sportlichen Auftritt, einer einsteigergerechten Sitzposition und einem ansprechenden Preis ist voll gelungen.
Auch unter technischen Gesichtspunkten gibt es keinen Grund zur Klage. Wenngleich unser Testfahrer mit den Schaltwegen der 105er nicht ganz so schnell zurechtkam wie mit denjenigen der Sora, können wir der 105er ein perfektes Schaltverhalten bestätigen. Zielgenau und leichtgängig schaltet sich sowohl der Umwerfer als auch das Schaltwerk im Heck. Die Bremsen erhalten genauso Bestnoten wie der gesamte optische Auftritt der 105er von Shimano. Die weiteren Anbauteile am Bulls sind robust und wirken sportlich. Bei einem empfohlenen Verkaufspreis von 749 Euro würden wir zuschlagen.

Und die anderen? Eines ist allen gemein, die Geometrien sind bei den drei weiteren Testkandidaten deutlich sportlicher. Am sportlichsten sitzt es sich auf dem Rennrad von Author. Im Gegensatz zum Bulls 105 spiegelt sich hier die sportliche Lackierung auch auf dem Asphalt deutlich wider. Bei einer Rahmenhöhe von 58 Zentimetern hat das Oberrohr eine Länge von 59,5 Zentimetern, ist damit 4 Zentimeter länger als beim Bulls und sorgt im Zusammenspiel mit einem 120 Millimeter langen Vorbau für eine sportlich gestreckte Sitzposition. Der erfahrene Radsportler wird es verschmerzen können, unser Einstiegstester aber war überfordert und fühlte sich im direkten Vergleich auf dem Rad von Bulls aufgrund einer deutlich aufrechteren Sitzposition entsprechend sicherer und wohler.

Diesen Umstand konnte auch die prinzipiell einfach zu verstehende Sora-Schaltung nicht wettmachen. Zumal hier das dritte Kettenblatt zu einer Zunahme der Schaltkomplexität führte, anstatt zur Entspannung beizutragen. „Ich musste immer wieder nach unten schauen, um zu erfahren, warum die Kette am Umwerfer schleift und tat mich schwer eine entsprechende Justierung vorzunehmen oder eine ähnliche Übersetzung in anderer Kettenblatt-Ritzel-Kombination zu finden.“ Am Berg allerdings genoss unser Testfahrer das kleine dritte Kettenblatt. Wie bereits geschildert, eine Kompaktkurbel könnte die richtige Lösung sein.

Schalterfahrungen

Die gleichen „Schalt-Erfahrungen“ wurden auch beim Einsteiger von Schwinn und Wheeler gemacht. Beide sind ebenfalls mit Shimanos Sora und einem dritten Kettenblatt ausgestattet, bzw. im Heck des Schwinn läuft die Kette über ein Tiagra-Schaltwerk. Wenngleich das dritte Kettenblatt überfordert, muss man der Sora an dieser Stelle allerdings einmal ganz allgemein ein Kompliment in Sachen Funktionalität machen. Die Schaltwege sind leichtgängig und exakt und stehen der 105er in Sachen Funktionalität eigentlich in nichts nach. Vor allem beim Schaltwerk im Heck sind die Unterschiede marginal.

Ein nicht zu unterschätzender Nachteil war allerdings bei Author, Schwinn und Wheeler die verhältnismäßig schwache Bremsleistung der Verbindung zwischen Tektro-Bremsen und Sora-Hebeln. Geometrisch tanzen die beiden US-Amerikaner ein bisschen zwischen den Welten – man sitzt auf beiden nicht zu sportlich, sie könnten als echte Einsteiger aber durchaus eine etwas aufrechtere Sitzposition vertragen. Allerdings klopft das Schwinn, als einziges mit einer Gabel aus Carbon ausgerüstet und in Verbindung mit Anbauteilen von Ritchey, ohnehin schon fast an die Tür zur nächsten Liga. Die Mehrkosten auf der einen Seite führen aber zu einem etwas unruhigem Gesamtbild: Tiagra-Schaltwerk, Sora-Hebel, Truvativ-Kurbel und Tektro-Bremsen. Im technischen Bereich ist alles ein bisschen arg zusammengewürfelt, funktioniert hat es trotzdem.

Das Wheeler wirkt da bereits optisch viel abgeklärter: Der schwarz-graue Anzug wirkt sportlich elegant, die Ausstattung ist fast ausschließlich der Sora-Gruppe (Hebel, Schaltwerk, Umwerfer, Kurbel, Naben) entnommen und sorgt, genau wie die Wheeler-gelabelten Anbauteile, für ein rundes Gesamtbild.

Fazit:

Am Ende setzt sich mit dem Bulls das teuerste Rad durch. Allerdings gewinnt das Bulls nicht aufgrund der höherwertigen Ausstattung. Die einsteigergerechte Rahmengeometrie hat sowohl für uns als auch für unseren externen Testfahrer den Ausschlag gegeben. Vor allem dank des kurzen Oberrohrs kommt es zu einer aufrechten Sitzposition, die dem Fahrer selbst in der Unterlenkerposition genügend Übersicht verschafft, ohne dabei den Kopf zu stark in den Nacken legen zu müssen. So können auch die Hände immer in der Nähe der Bremsgriffe bleiben, das Sicherheitsgefühl wächst, ein entscheidender Vorteil.

Dass im Fall des 105 von Bulls auch noch die Ausstattung erstklassig ist, gab, wie geschildert, nicht den Ausschlag, trägt aber durchaus einen Teil zum Testsieg bei. Vor allem das Bremsverhalten der 105er von Shimano liegt deutlich vor der Konkurrenz. Gerade bei Neueinsteigern ins Radsportgeschäft sollten hier keine Kompromisse gemacht werden; auch wenn es ein paar Euro mehr kostet, die Bremsen müssen top sein.

Dafür sollten Sie vielleicht gerade am Anfang auf ein drittes Kettenblatt verzichten. Die „Schalt-Komplexität“ nimmt deutlich zu und gerade zu Beginn gilt: je einfacher, desto besser!

Die Räder im Detail:

Kategorie Author A3306 Bulls 105 Schwinn Fastback Sport Wheeler Route 41
Preis 699€ 799€ 699€ 699€/td>
Rahmen Aluminium 6061er Aluminium Aluminium 6061er Aluminium
Größen 48, 50, 52, 54, 56, 58 cm 52 bis 64 cm (in 2-cm-Schritten) XS, S, M, L, XL 52, 55, 58, 61 cm
Geometrie klassisch klassisch Sloping klassisch
Gabel: Aluminium Aluminium Aluminium, Carbon Aluminium
Steuersatz Ritchey Leadtec LCS-709 Ahead integriert
Gewicht 10,7 kg (bei RH 58 cm) 9,7 kg (bei RH 58 cm) 9,7 kg (bei RH L) 9,8 kg (bei RH 58 cm)
Kurbel Prowheel 3-fach Shimano 105 Shimano 105 Shimano Sora
Kurbellänge 175 mm 172,5 mm 172,5 mm 172,5 mm
Schaltwerk / Umwerfer / Schalt- Bremshebel Shimano Sora 8-fach Shimano 105 Shimano Tiagra 8-fach Shimano Sora
Bremsen Tektro Shimano 105 Tektro Tektro
Laufräder Alexrims B450, Richtey Zer-Nabe Shimano WH-R500 Jalco DRX 2000-Felgen, Formula-Nabe Rigida Flyer-Felgen
Reifen 23er Author Ultra Speed 23er Michelin Dynamic 23er Vittoria Zaffiro 23er Colombiere Maxxis
Lenker Kalloy Uno Ultralight Alu ITM Racing Super 330 Ritchey Wheeler Pro Alu
Vorbau Kalloy Uno Ultralight Alu Bulls Aluminium Ritchey Wheeler Pro Alu
Sattelstütze Kalloy Uno Ultralight Alu Aluminium Ritchey Wheeler Pro Alu
Sattel Author Selle Italia Oktavia WTB Pure Wheeler Road
Vertrieb www.author.cz www.bulls.de www.schwinnbike.com www.wheeler-bikes.de

Fazit

Das Author hält auf der Straße, was es optisch verspricht. Für einen Einsteiger aber einen Tick zu sportlich. Beim Bulls: Sportliche, einsteigergerechte Sitzposition, tolle Ausstattung, attraktiver Preis. Perfekt! Carbongabel und Ritchey-Teile verführen beim Schwinn zum Kauf, allerdings wurde an anderer Stelle auch gespart. Dank ausgewogener Ausstattung und einer sportlich-komfortablen Sitzposition ist das Wheeler Route 41 ein echter Einsteiger.

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