Team Ineos, Geld im Sport
Geld im System Sport: Leitartikel zum kommerzialisierten Profisport

Sport und Geld

Geld im System Sport: Leitartikel zum kommerzialisierten Profisport

Leistung, Spektakel und Kommerz: Man liest und hört viel von „sozialen Klüften“ und „Spalten“, die sich auftun. Dies spiegelt sich auch im System Sport wider. Ein Leitartikel zu Geld im Profisport.
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Der Sport kann ein Gegenpart zum Alltag sein. Ein Bereich, in dem alle dieselben Chancen haben, in dem sich alle an dieselben Regeln halten, in dem nur Teamwork zum Erfolg führt – und doch ist er ein Spiegel der Gesellschaft. In dieser gilt: Geld zieht Geld an. Kapitalallokation nennt sich das Spiel, für das die zur Euro- und Wachstumsrettung „alternativlosen“ Niedrigzinsen und Anleihenaufkäufe der Zentralbanken wirken wie Benzin, das man in Feuer gießt. Auch im Leistungs- und Profisport werden die Abstände zwischen den reichen „Gewinnern“ des durchkommerzialisierten Systems und den „Verlierern“ immer größer. So fand sich erst weniger als zwei Monate vor den Deutschen Radsport-Meisterschaften noch ein Ausrichter. Der Hauptgrund: die hohen Kosten durch steigende Sicherheitsauflagen. Es ist ein Fall, der symptomatisch für die Probleme der Veranstalter mit der Bürokratie steht.

Geld im Profisport: Teufelskreis

Und für das „Aussterben“ der Radrennen in Deutschland. „Die Anzahl der Straßenrennen ist in den vergangenen zehn Jahren mindestens noch einmal um 50 Prozent gesunken“, sagte Udo Sprenger, der langjährige Vizepräsident des Bundes Deutscher Radfahrer, in einem Interview mit der FR. Der BDR-Präsident Rudolf Scharping kommentierte: „Als fahrradfreundliche Städte bezeichnen sich in Deutschland immer mehr Kommunen. Dann sollte man dort auch bereit sein, vor allem sonntags auch einmal im Jahr einige Straßen für ein Radrennen kostenfrei abzusperren.“

Dass die Zahl der Radrennen zurückgeht, wirkt mit vielem zusammen und hat viele Effekte – und alle sind negativ: weniger Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten für Talente, mehr Aufwand und Kosten für Eltern und Betreuer, eine noch höhere Drop-Out-Rate, eine geringere Wahrscheinlichkeit, den Rennsport überhaupt erst auszuprobieren, eine geringere Chance, es bis zu den Profis zu schaffen.

Der Teufelskreis ist absehbar: weniger erfolgreiche Radprofis, weniger Medienberichterstattung, weniger Sponsoren, noch weniger Rennen, weniger Erfolge, weniger Vorbilder, weniger Jugendliche, die neugierig auf diesen Sport werden.

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Tour de France überstrahlt alles

Während die Basis erodiert, floriert die Spitze der Leistungs- und Geld-Pyramide. Die Tour de France ist nach den Olympischen Spielen und der Fußball-WM die drittgrößte Sportveranstaltung der Welt.

Die Zahlen: zwölf Millionen Zuschauer an der Strecke, eine Milliarde vor den Fernsehgeräten. Laut mehreren Schätzungen liegt der Umsatz des Events bei mehr als 150 Millionen Euro.

Der Fahrer, der im Gelben Trikot Paris erreicht, erhält ein Preisgeld von 500.000 Euro – fast ein Viertel der Gesamtsumme von rund 2,3 Millionen Euro. Der Zweitplatzierte erhält 200.000, der Dritte 100.000 Euro. Der Träger des Gelben Trikots erhält pro Tag 500 Euro. Die Träger der anderen Wertungstrikots erhalten täglich 200 Euro – und je 25.000 Euro für den Gesamtsieg.

Dominatoren

Dabei muss man berücksichtigen: Radsport ist ein Teamsport. Kein Tour-Sieger wird sein Preisgeld für sich behalten – alle Gelder, die ein Team einfährt, fließen in einen gemeinsamen „Topf“, der dann zwischen allen Beteiligten aufgeteilt wird. Auch die Physiotherapeuten, Trainer und Team-Busfahrer werden beteiligt.

Das Team auf dem letzten Platz der Geldrangliste der Tour 2018, Education First-Drapac Cannondale, fuhr mit einem Gesamtpreisgeld von 14.420 Euro nach Hause. Das Team auf dem ersten Rang mit 726.630 Euro. Der Name dieses Teams: Sky. Es ist das Team, das die Tour de France seit Jahren dominiert. Seit 2012 gewannen sie die Große Schleife immer – außer 2014, als ihr Kapitän, Chris Froome, stürzte und die Tour vorzeitig beenden musste. Der Hauptgrund für diese Dominanz: Geld.

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Geld bringt Erfolg

Das Medienunternehmen Sky hat rund 35 Millionen Euro pro Jahr in diese Über-Mannschaft gesteckt. Seit Mai hat das Team nun einen neuen Sponsor: das Chemie-Unternehmen Ineos. Dessen Gründer Jim Ratcliffe gilt als reichster Mensch Großbritanniens – mit einem geschätzten Vermögen von 24,5 Milliarden Euro. „Eine undurchdringliche Geldwand“ nennt Jonathan Vaughters, der Education-First-Manager, dieses Investment. „Mit diesem Hintergrund kann man die besten Fahrer kaufen. Aber die Frage ist, ob das für den Sport gut ist – und ob es den Zuschauern Spaß macht, solche Rennen anzuschauen. Es ist, wie wenn man im Schach mehr Königinnen kaufen kann. Dave Brailsford hat fünf oder sechs Königinnen im Team. Die meisten anderen Teams können sich nur eine leisten.“ (Quelle: BBC Sport)

Dimensionen im Fußball-Kosmos

Der Radsport könnte den Weg des Fußballs gehen – dort gilt schon lange die Maxime: Geld schießt Tore. Deshalb sind es fast immer dieselben Clubs, die etwa die Champions League unter sich ausmachen. Nur sind die Dimensionen im Fußball völlig andere: 2018 wurden 6,15 Milliarden Euro mit Spieler-Transfers umgesetzt. Ein Rekordwert. Das Team, das die Champions League gewinnt, gewinnt neben dem Ruhm noch rund 66 Millionen Euro. Selbst der Sieger des DFB-Pokalfinales verdient damit rund zehn Millionen Euro.

Die Summe, die Adidas mit dem neuen Zwölf-Jahres-Vertrag an Real Madrid zahlt, laut der Zeitung „Marca“: 1,6 Milliarden. Der FC Barcelona bekommt dagegen von Nike „nur“ rund 100 Millionen – pro Jahr. Der Umsatz des Weltfußballverbandes FIFA in der Geschäftsperiode 2015 bis 2018 laut „AFP“: rund 5,65 Milliarden Euro. Die Einnahmen der englischen Premier League allein durch den Verkauf der TV-Übertragungsrechte für die Jahre 2016 bis 2019: 6,9 Milliarden Euro. Für die deutsche Bundesliga gingen die TV-Rechte von 2017 bis 2021 für 4,64 Milliarden Euro weg – 1,16 Milliarden Euro pro Saison. Die Gesamteinkünfte von Lionel Messi in der Saison 2017/18 laut „France Football“: 126 Millionen Euro. Dies entspricht einem Stundenlohn von 1,5 Millionen Euro – oder 25.000 Euro pro Minute.

Vergleich zum Geld im Radsport

Auch die Mindestgehälter der Radprofis wurden angehoben: von 36.000 auf 38.115 Euro. Pro Jahr. Für die Fahrer der WorldTour-Teams, der höchsten Klasse des Radsports. Neuprofis sind davon ausgenommen, für sie gilt die Gehaltsuntergrenze von 29.370 Euro.

In der zweiten Liga, bei den Pro-Continental-Teams, liegt sie bei 30.855 Euro. Im Frauenradsport soll der neue Mindestlohn von 2020 bis 2023 von 15.000 auf jene rund 31.000 Euro steigen. Damit wäre immerhin Lionel Messis Minutenlohn überschritten. Sarkasmus beiseite.

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Fairness?

Wo hört der Sport auf? Dort, wo das Geld völlig regiert? Dann hat der Fußball diese Grenze längst überschritten. Natürlich gehört die Kommerzialisierung zum Profisport – die Frage ist, welche Ausmaße sie annimmt. Und: Ob sie den Sport verändert.

Wenn bei der Tour de France ein Team den anderen völlig überlegen ist – aus finanziellen Gründen – dann ist dies schlecht für die Spannung, die Zuschauer, die meisten Sponsoren, den Sport. Jonathan Vaughters fasst die Situation um das neue Team Ineos so zusammen: „Die gute Nachricht ist, dass Geld in den Radsport kommt. Die schlechte Nachricht ist, dass das Radfahren leider kein finanzielles Fairplay-System hat und es erlaubt, dass Dominanz gekauft wird, statt strategisch kreativ zu sein. Ich denke, eine finanzielle Fairness-Regel wäre hilfreich.“ So könnte man zum Beispiel eine „weiche“ Gehaltsobergrenze einführen: Diese hätte zur Folge, dass an jene Teams, die „zu viel“ ausgeben, keine Preisgelder mehr ausgeschüttet werden. Stattdessen würden diese unter den „ärmeren“ Teams verteilt. Quo vadis, Profi-Sport?

PS: Der Titel des Weltmeisters im Straßenrennen bringt dem Gewinner ein Preisgeld von 7667 Euro – Männern und Frauen gleich viel. Der Deutsche U23-Meister erhielt 2018 ein Preisgeld von 90 Euro. Der 15. der DM bekam zehn Euro. Bei den Deutschen-E-Bike-Meisterschaften 2019 sollen Preise im Wert von insgesamt rund 6000 Euro vergeben werden.


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