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24-Stunden-Radrennen: Markus Rieber im Porträt

Markus Rieber: 24 Stunden

24-Stunden-Radrennen: Markus Rieber im Porträt

Ein Tag, eine Nacht, keine Pausen, so viele Kilometer wie möglich – das sind 24-Stunden-Radrennen. Markus Rieber ist der Fahrer, der sie dominiert hat. Mit 49 Jahren und sehr ungewöhnlichen Methoden. Einblicke in Training, Motivation und Taktik.
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808 Kilometer, 8300 Höhenmeter, ohne Pause, innerhalb von 24 Stunden. 49 Mal über dieselben Hügel, durch dieselben Kurven, durch dasselbe Festzelt, durch die Nacht, durch den Tag. Alleine.

808 Kilometer. Das entspricht einem Stundenmittel von 33,7 Kilometern. Über 24 Stunden hinweg. Ohne Pause. Das ist der Streckenrekord beim 24-Stunden-Rennen von Kelheim. Es ist sein Rekord. Der Rekord eines Mannes, der diese Extremrennen dominiert. Der nicht vom Radsport lebt, aber für ihn: ­Markus ­Rieber.

Er ist 49 Jahre alt, Werkzeugmacher, süchtig nach Sport – und hat in diesem Juli das Kelheimer 24-Stunden-Rennen gewonnen. Zum fünften Mal – nach 2012, 2013, 2014 und 2016. Beim fünften Start. Es war ein unerwarteter Sieg. Denn eigentlich war Markus Riebers Radkarriere bereits zu Ende.

Im Februar 2017 rutschte er während einer Trainingsfahrt auf ­einer Eisplatte aus. Oberschenkelbruch. Operation. Rehabilitation. Monatelange Trainingspause, 1,5 Jahre Wettkampfpause. Mit 48 Jahren. „Natürlich denkt man dann: Das war es“, sagt er.

„Natürlich denkt man: Das war es.“

Doch er entscheidet sich um. An einem Tag, an Silvester, sagte er zu seiner Frau: „Wir müssen reden. Ich glaube, ich bin noch nicht durch mit der Geschichte. Ich bin noch nicht fertig mit dem Radfahren. Einmal will ich noch, einmal muss ich noch.“ Einen Sieg will er noch, den fünften in Kelheim, den Rekordsieg.

Dieser Beitrag erschien in der RennRad-Ausgabe 10/2018. Diese können Sie in unserem Shop nachbestellen – im Print-Format oder als E-Paper!

Startschuss zum 24-Stunden-Radrennen: Am Anschlag

Juli 2018, Kelheim, 14 Uhr. Ein Donnerschlag ertönt, der Startschuss. Markus Rieber macht, was er in diesen Situationen immer macht – bei jedem der rund ein Dutzend 24-Stunden-Rennen, die er bislang gefahren ist: Er fährt am Anschlag. Seine Konkurrenten wissen schon vorher, was passieren wird. Doch kaum einer kann oder will das Tempo mitgehen. Nicht wenn noch ein Tag und eine Nacht zu fahren sind.

Der Rundkurs ist 16,4 Kilo­meter lang. Kurz nach dem Start: der Anstieg. Zwei Kilo­meter lang, meist sanft ansteigend, 100 Höhenmeter, 4,8 Prozent Durchschnittssteigung. Dann geht es leicht bergab. Bis zur zweiten kürzeren Bergauf-Passage. Dies ergibt: 170 Höhen­meter pro Runde. Markus Rieber sprintet hinauf. Kraftvoll, mit einem schweren Gang. Zum ersten Mal.

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Zeit der Entscheidung für Markus Rieber

Zwölf Stunden später. Es ist zwei Uhr nachts. Es ist kühl, es ist dunkel. In der Ferne taucht ein Licht auf. Es kommt näher. Es stammt von einer starken Akkulampe. Der Lichtkegel erhellt den dunklen Asphalt. Dieselben Meter Straße, auf denen Markus ­Rieber seit dem Startschuss gerade zum 26. Mal bergauf fährt. Der Tritt ist noch etwas langsamer. Nichts ist zu hören außer dem Klang seiner Kette und dem Klacken seiner Schaltung, als er in einen leichteren, aber immer noch schweren Gang wechselt.

„Die Nacht, das ist die einfachste Zeit. Man hat keine Ablenkung. Das ist meine Zeit. Wenn die anderen müde werden, werde ich wach.“ Er fährt seinen Rhythmus. Immer. Die ganze Nacht. Am Horizont erglimmt ein orangegoldenes Glühen. Bei 24-Stunden-Rennen ist dies häufig die Zeit der Einbrüche, die Zeit der Entscheidung.

Die verbleibende Renn- und Fahrzeit: neun Stunden. Was denkt man in solchen Situationen, zu solch einer Zeit, nach Stunden des Schwitzens, des Tretens, des Hin-und-her-Rut­schens auf dem Sattel? „Nicht viel. Man ignoriert das Meiste, man verdrängt all die kleinen Schmerzen, alles Negative.“

Die Nacht – das ist die Zeit von Markus Rieber.

24-Stunden-Radrennen: Event in Kelheim

Sonnenaufgang. Ein Zwischenziel. Die Dunkelheit ist überstanden. Die Einsamkeit auch. Denn schon bald stehen wieder die ersten Zuschauer an der Strecke. Die Menschen sind es, die das Rennen von Kelheim zu einem besonderen, zu einem der größten und renommiertesten des Landes machen: Die Strecke führt durch die Innenstadt, über den Stadtplatz – und durch ein Festzelt.

Auf einer riesigen LED-Videoleinwand wird das Rennen übertragen. Es gibt Livemusik, einen Moderator, eine „Racemap-App“, mit der jeder die Fahrer live tracken kann, Würstchen- und Pommesbuden. Jahrmarktsatmosphäre. Partystimmung.

„Diesmal habe ich nur aus Pflichtgefühl weitergemacht. Ich wollte die wenigen, die an mich geglaubt haben, nicht enttäuschen.“

Seit 1997: Von 175 zu 1200 Fahrern

Das Kelheimer 24-Stunden-Rennen existiert seit 1997, dem Jahr, in dem Jan Ullrich die Tour de France gewann. Damals traten insgesamt 175 Teilnehmer als Einzel- oder Teamfahrer an. Heuer sind es fast 1200. Zwei kommen zusammen ins Ziel: Hubert Liepold und Markus Rieber.

„Ich hatte noch nie einen so schlechten Kopf wie dieses Mal. Mindestens zehnmal hab ich gedacht: Hör auf, fahr rechts ran, setz dich hin, fahr heim. Diesmal habe ich nur aus Pflichtgefühl weitergemacht. Weil ich zum ersten Mal einen Sponsor hatte, weil ich zum ersten Mal in Radklamotten fuhr, die ich nicht selbst gekauft hatte. Weil die Leute den Sieg von mir erwartet haben. Auch nachdem ich nach meiner Verletzung 1,5 Jahre lang kein Rennen mehr gefahren bin. Ich wollte die wenigen, die an mich geglaubt haben, nicht enttäuschen.“

Nach dem Sonnenaufgang wird das Rennen in Kelheim wieder von zahlreichen Zuschauern besucht.

Markus Rieber: Schluss am Nurbürgring

Es ist Riebers fünfter Sieg. Es ist das Ende eines langen Weges. Es ist sein – wohl – vorletztes 24-Stunden-Rennen. Der Domi­nator tritt ab: zwei Wochen später, bei Rad am Ring auf dem berühmten Nürburgring. Viel früher als gedacht. Nach sieben Runden. Normalerweise bedeuten die 24 Stunden auf dem Nürburgring für ihn: 16.000 Höhenmeter – und Platz eins. Viermal siegte er hier. Diesmal nicht.

„Ich war vorne dabei, bis es mir in den Rücken gefahren ist. In der siebten Runde bin ich die Hohe Acht nicht mehr hochgekommen. Das war es.“ Diesmal muss er abbrechen. Aufhören. Nach Hause fahren. „In jedem 24-Stunden-Rennen stirbt man hundert Tode – und doch kommt man immer wieder zurück.“ Diesmal nicht. Diesmal war es keine ­Frage des Willens. Diesmal war es ein Schlusspunkt. Das Ende einer Lebens­phase.

„Was bislang absolute Leidenschaft war, fange ich jetzt an zu hassen.“

„Auf dem Nürburgring wäre ich in der Abfahrt der Fuchsröhre fast gestürzt – bei 110 km/h. Da wäre ja alles kaputt. An die Risiken des Sports, an die Konsequenzen, habe ich früher nie gedacht. Jetzt auf einmal schon. Das ist halt das Alter. Altwerden ist scheiße. Was bislang absolute Leidenschaft war, fange ich jetzt an zu hassen. Ich bin wohl gerade in der Abnabelungsphase vom Radsport. Ob ich das schaffe, weiß ich nicht. Wahrscheinlich fahre ich noch einmal ein paar Radmarathons mit, den Ötztaler oder so etwas. Und so einen Hunderter pro Tag werde ich schon noch trainieren – sonst fühle ich mich nicht ausgelastet, nicht wohl. Aber wer weiß. Es kann schon sein, dass es mich noch einmal packt – wenn ich älter bin.“

Dieser Beitrag ist Teil der dreiteiligen Serie zu Markus Rieber und dem Langdistanz-Radsport. Die beiden weiteren Artikel finden Sie hier:

Langdistanz-Training: Trainingsansätze und Tipps

Markus Rieber über Training, Motivation und Ernährung


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