Deutschland Tour, Radsport, Rundfahrt, Radprofi
Die Geschichte der Deutschland Tour: Höhen und Tiefen seit 1911

Deutschland Tour: Wiederauferstehung

Die Geschichte der Deutschland Tour: Höhen und Tiefen seit 1911

Die Deutschland Tour hat seit seiner Entstehung im Jahr 1911 viele Höhen und Tiefen erlebt. Eine lange und wechselvolle Geschichte.
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Die Geschichte der Deutschland-Tour ist fast so alt wie die der Tour der France. Sie beginnt im Jahre 1911. Doch im Gegensatz zu Frankreich oder Italien fehlte es hierzulande stets an Kontinuität. Nicht nur die beiden Weltkriege haben die Rad-Rundfahrt unterbrochen, sondern auch fehlende Sponsoren, uneinige Organisatoren und zuletzt mehrere Dopingkrisen des Radsports.

Acht Jahre nach der ersten Tour de France und zwei Jahre nach dem ersten Giro d’Italia fiel 1911 in Breslau, das heute Wroclaw heißt und zu Polen gehört, der Startschuss zur ersten Deutschland-Tour. Sie führte über 1500 Kilometer – durch Dresden, Erfurt, Nürnberg, Mannheim, Frankfurt und Köln. Der Frankfurter Hans Ludwig, damals 26 Jahre alt, gewann sie vor dem Berliner Adolf Huschke und vor Hans Hartmann.

Elf Jahre später, vier Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, gab es die zweite Auflage: Diese zweite Tour umfasste nur vier Etappen – und führte von Köln über Aachen, Trier, Mannheim, Frankfurt und Bonn zurück nach Köln. Bis zur dritten Deutschland-Tour vergingen danach wieder fünf Jahre. Allerdings hatte sie einen merkwürdigen Rhythmus: Denn das Rennen erstreckte sich über die ganze Saison.

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Deutschland Tour als Jahreswertung mit Opel-Rennrädern

Von April bis Oktober wurde an jedem Sonntag eine Etappe gefahren. Es war mehr eine Jahreswertung als eine Rundfahrt. Richard Wolke aus Berlin, im gleichen Jahr Amateur-Vizeweltmeister auf dem Nürburgring, gewann sie. Finanziert wurde sie von der Firma Opel, die damals auch Fahrräder baute, sich aber schon bald wieder zurückziehen wollte, weil es der Fahrrad-Industrie nicht gut ging.

Doch Hermann Schwartz, ein radsportbegeisterter Schneidermeister aus Köln, überzeugte die Opel-Bosse weiterzumachen. Und so fand 1930 die erste Deutschland-Rundfahrt nur für Profis statt: Sie führte über zehn Etappen vom Opel-Standort Rüsselsheim nach Berlin und war eine rein nationale Angelegenheit. Hermann Buse aus Berlin gewann sie.

Von Opel inzwischen als „Reklamechef“ eingestellt, organisierte Hermann Schwartz ein Jahr später eine internationale Rundfahrt über 16 Etappen bei einer Länge von 4000 Kilometern. Der berühmteste Teilnehmer war der zweimalige Tour-de-France-Gewinner Nikolaus Frantz, der nach zwei Etappensiegen auf dem Teilstück nach Schweinfurt einen Reifenschaden erlitt, viel Zeit verlor und den Gesamtsieg Erich Metze aus Witten überlassen musste.

Das Kuriose an der Rundfahrt im Jahr 1931 war, dass alle Teilnehmer mit einem Opel-Rennrad ins Rennen gehen mussten, eigene Rennmaschinen waren nicht erlaubt.

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Neue Sponsoren, neuer Glanz: Die Deutschland Tour erlebt ihre Hochzeit

Nach einer sechsjährigen Pause erlebte die Deutschland-Tour in den drei Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg ihre größte Zeit: Sie hatte das Format von Tour und Giro, was auch Hermann Schwartz zu verdanken war, der neue Sponsoren akquirierte.

Ungewöhnlich liefen etwa im Jahr 1937 die Verpflegungskontrollen ab: Es gab keine fliegende Übergabe von Trinkflaschen, sondern es wurden zwei Standorte bestimmt, an denen die Fahrer eine Rast machen mussten, um die Verpflegung aufzunehmen.

Gesamtsieger wurde der Magdeburger Otto Weckerling, der schon auf der ersten Etappe zusammen mit Willi Kutschbach einen Vorsprung von über elf Minuten herausfuhr und nach elf Etappen immer noch sechseinhalb Minuten vor dem Gesamtzweiten Ludwig Geyer lag. Um rechtzeitig das Olympiastadion in Berlin zu erreichen, wo das Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft stattfand, wurde die letzte Etappe bereits um 5.30 Uhr morgens in Hamburg gestartet.

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5050 Kilometer mit dem Rad durch „Großdeutschland“

Der große Triumphator der 1938er-Tour war Hermann Schild, der mit 39 Minuten Vorsprung im Gesamtklassement nach 15 Etappen das finale Ziel Berlin erreichte. Ihm folgte 1939 der Nürnberger Georg Umbenhauer als Gesamtsieger.

Die „Großdeutschlandfahrt“, wie sie 1939 hieß, war eine Rundfahrt der Superlative. Da die Nationalsozialisten die Größe des „Reiches“ demonstrieren wollten, fiel die Tour mit 5050 Kilometern länger aus als die Tour de France und der Giro d’Italia. Sie führte sowohl durch heute polnisches Staatsgebiet als auch durch das damals „angegliederte“ Österreich.

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Immer wieder Hermann Schwartz: Die Deutschland Tour nach dem Weltkrieg

Dem unermüdlichen Hermann Schwartz gelang es auch nach dem Zweiten Weltkrieg, die Deutschland-Tour wiederzubeleben. 1947 bestand sie nur aus mehreren Rundstreckenrennen im späteren Nordrhein-Westfalen. 1949 nahm die Bevölkerung wieder mehr Anteil an der Deutschland-Rundfahrt, zu der ausländische Fahrer noch nicht zugelassen waren. Das Box-Idol Max Schmeling schoss das Rennen in Hamburg an, Harry Saager, der auf der Etappe nach Köln einen siebenminütigen Vorsprung herausfuhr, gewann es.

1950 gab der Weltradsportverband UCI grünes Licht, und die ersten ausländischen Mannschaften durften wieder an deutschen Rennen teilnehmen. Den deutschen Fahrern fehlte der internationale Vergleich, und so wurden sie in jener Tour vor allem von den Belgiern nahezu vorgeführt. Roger Gyselinck, der Besitzer des kleinen Cafés „Ronde van Vlaanderen“ im belgischen Wettern, der ein Edeldomestik Rick van Steenbergens war, ließ die komplette Konkurrenz hinter sich.

Ihm folgte 1951 der Italiener Guido De Santi und 1952 der Belgier Isidore De Ryck. 1952, ausgerechnet in jenem Jahr, in dem Deutschland mit Heinz Müller einen Straßen-Weltmeister feiern konnte, musste die Tour wegen Terminstreitigkeiten abgesagt werden. Alle Bemühungen von Hermann Schwartz blieben erfolglos. Darunter litt er so sehr, dass er schwer krank wurde und noch im Oktober desselben Jahres verstarb.

Nur noch einmal, 1955, fand die Tour in jener Dekade statt. Es war eine Rundfahrt, der die deutschen Rad-Helden Rudi Theissen (Sieger), Franz Reitz (Zweiter) und Hennes Junkermann (Dritter) ihre Stempel aufdrückten.

Deutschland Tour, Hans Ludwig, Erich Metze, Radsport

Hans Ludwig (l.) und Erich Metze (r.). Ludwig war der erste Gewinner der Deutschland Tour, Metze gewann sie mit dem Opel-Rennrad.

Rudi Altig und weitere deutsche Radsportler bei der „Afri-Cola-Rundfahrt“

Inspiriert durch die Erfolge deutscher Radsportler wie Rudi Altig, Hennes Junkermann oder Rolf Wolfs­hohl fanden von 1960 bis 1962 weitere Deutschland-Rundfahrten statt, die unter dem Namen „Afri-Cola-Rundfahrt“ ausgetragen wurden. Die branchenfremde Werbung, jahrelang verpönt, hatte endgültig Einzug in den deutschen Radsport gehalten.

Die deutschen Rennfahrer-Idole schafften es jedoch nicht, ausländische Siege zu verhindern. Im Gegenteil: Rudi Altig, ein enger Wegbegleiter des Belgiers Albertus Geldermans, unterstützte seinen belgischen Freund im Kampf um den Gesamtsieg.

Bei der zweiten Afri-Cola-Rundfahrt ging ein neuer Stern am deutschen Radsport-Himmel auf: der von Friedhelm Fischerkeller, wie Wolfshohl ein echter Kölner, der die Tour mit zweieinhalb Minuten Vorsprung vor Hennes Junkermann gewann.

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Organisationsprobleme und ein schwerer Sturz in den Sechzigerjahren

Weit dramatischer als der Rennverlauf waren die Geschehnisse am Rande: Die fünfte Etappe sollte eigentlich in Schwenningen enden, doch weil es versäumt wurde, behördliche Genehmigungen einzuholen, endete der Abschnitt bereits an der bayerisch-schwäbischen Grenze in Kellmünd und wurde von dem Italiener Alessan­dro Fantini gewonnen. Der stürzte zwei Tage später auf der Etappe nach Trier so schwer, dass er im Krankenhaus verstarb.

Die letzte Deutschland-Tour der sechziger Jahre stand unter dem Motto „Pleiten, Pech und Pannen“. Um der Spanien-Rundfahrt auszuweichen, fand sie bereits im April statt. Das Wetter war entsprechend schlecht, und nicht nur einmal erreichte das Feld das Ziel weit hinter der Marschtabelle, was zu großen organisatorischen Schwierigkeiten führte.

Weit schwerer noch wogen die verletzungsbedingten Ausfälle des Vorjahressiegers Fischerkeller und Rudi Altigs. So war der Sieg des Niederländers Peter Post vielen Medien leider nur noch eine Randnotiz wert.

Thurau, die Tour und die Sponsoren

Die Erfolge von Dietrich Thurau bei der Tour de France 1977, bei der er 15 Tage das Gelbe Trikot trug, weckten in Deutschland wieder das Interesse am Radsport, und mit Vitamalz, Hersteller von Erfrischungsgetränken, fand man einen potenten Geldgeber.

Wolfgang Huhn, der Marketing-Leiter von Vitamalz, wurde Rundfahrt-Chef. Er konnte zwar in Otto Ziege einen absoluten Fachmann für das Amt des Sportlichen Leiters gewinnen, aber er hatte die Finanzen nicht im Griff. Nach nur einem Jahr zog sich Vitamalz wieder aus dem Sponsoring zurück.

Huhn hatte seinen Job dort längst gekündigt und mit einem Freund eine Agentur gegründet. Hauptaufgabe: die Vermarktung der Deutschland-Tour. Mit „Capri-Sonne“ fand sich ein neuer Hauptsponsor.

Doch die Heidelberger Getränkefirma verlagerte ihr Engagement später zu einer eigenen Profimannschaft. Finanzielle Engpässe, die sinkende Popularität deutscher Fahrer und der Rückzug des Fernsehens ließen die Deutschland-Tour nach nur vier Jahren wieder in der Versenkung verschwinden. Dietrich Thurau (1979), Gregor Braun (1980), Silvano Contini (1981) und Theo de Rooy (1982) hießen die Gesamtsieger.

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Neuer Boom dank Jan Ullrich: Deutschland Tour mit Stars gespickt

Einen neuen Radsport-Boom löste 1997 Jan Ullrich aus, der erste und bis heute einzige deutsche Tour-de-France-Sieger. Und so war es nur eine logische Folge, dass auch die Deutschland-Tour wieder zu neuem Leben erweckt wurde: Die Hamburger Agentur Upsolut, die bereits ein Jahr zuvor mit ihrem Hamburger Eintagesrennen „Cyclassics“ Weltcup-Status erlangt hatte, zeichnete für die Organisation verantwortlich.

Der erste Sieger der Neuauflage wurde der Telekom-Profi Jens Heppner. Neun weitere Austragungen sollten folgen. In den ersten Jahren fand die Rundfahrt im Mai und Juni statt. Was ein Glücksfall für die Organisatoren war. Denn: Viele bekannte Namen kamen, da dieser Zeitpunkt ein idealer Wiedereinstieg nach der Frühjahrspause und vor der Tour de France war. Später wurde die Rundfahrt in den August verlegt.

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Die Dopingkrise im Radsport: Auch Deutschland Tour bleibt nicht verschont

Ab Ende der 1990er-Jahre und später Mitte der 2000er-Jahre aber änderte sich alles: Die großen Doping-Affären erschütterten den Radsport, vom Festina-Skandal über die Fuentes- und Gerolsteiner-Affären. Damit änderte sich auch die Wahrnehmung der Deutschland-Tour, die 2006 und 2007 zweimal von Jens Voigt und zuletzt 2008 von Linus Gerdemann gewonnen worden war.

Viele Jahre lang war die Deutsche Telekom ein wichtiger Sponsor der Rundfahrt. Sie zog sich aber zurück, zunächst aus der Deutschland-Tour und nach dem teaminternen Dopingskandal um Patrick Sinkewitz aus dem kompletten Radsport.

Die Lücke, welche die Telekom riss, konnte mit anderen Sponsoren nur teilweise geschlossen werden. Als dann auch noch das Fernsehen komplett aus der Radsport-Liveberichterstattung ausstieg und die Deutschland-Tour kein gewinnbringendes Projekt mehr war, zog auch der Veranstalter die Reißleine.

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Für die kommenden zehn Jahre: Deutschland Tour wieder zum Leben erweckt

Heute, zehn Jahre später, finden sich in Deutschland – auch aufgrund der großen Erfolge durch die Rennfahrer einer neuen Generation – neue Sponsoren. Es entsteht neues Interesse. Und damit eine neue Deutschlandtour.

Der Bund Deutscher Radfahrer hat seine Rechte an der Tour für die kommenden zehn Jahre an die Tour-de-France-Veranstalter der ASO, der Amaury Sport Organisation, abgetreten. Für eine mediale und eine Marketing-Macht sowie Professionalität ist somit gesorgt. Es bleibt abzuwarten, ob sich das neue Event diesmal langfristig etablieren kann.

Alle weiteren Informationen zur Neuauflage der Deutschland Tour finden Sie auf der offiziellen Homepage.


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