Kristina Vogel, Bahnrad, Unfall
Interview

Kristina Vogel im Interview über ihren Unfall, die Zukunft und Ziele

Kristina Vogel im Interview: "Ich finde neue Ziele"

Kristina Vogel war die erfolgreichste Sprinterin der Welt. Bis zu einem Trainingsunfall, der ihr Leben änderte. Wie die ehemalige Bahnrad-Fahrerin mit diesem Schicksalsschlag umgeht, macht sie zum Vorbild.
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Im Historischen Kesselhaus des Unfallkrankenhauses von Berlin sitzen Dutzende Journalisten, und dennoch könnte man in dem Moment, als Kristina Vogel im Rollstuhl in den Hörsaal kommt, eine Feder schweben hören. Sie trägt eine schlichte weiße Bluse, eine schwarze Hose, rote Highheels.

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Und: Sie lacht. Sie ist wie immer, wie früher, wie vor ihrem Unfall. Sie stellt sich offen den Fragen der Journalisten. Die einst schnellste Bahn-Sprinterin der Welt, die elfmalige Weltmeisterin und zweimalige Olympiasiegerin, ist querschnittsgelähmt. Das wird in diesem Moment klar. Doch sie hat sich nicht verändert. Mit ihrer Haltung ist sie ein Vorbild für alle, die ein ähnliches Schicksal tragen müssen. Das machen auch ihre wichtigsten Aussagen deutlich.

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Kristina Vogel über die Diagnose und ihren Umgang damit

„Ich habe ganz schnell nach dem Unfall realisiert, dass ich nicht mehr laufen kann. Das hat mir auch geholfen, nach dem Aufwachen aus dem Koma, die Diagnose zu verstehen. Wenn man eine Situation schneller akzeptiert, kann man schneller damit umgehen und agieren. Ich habe dabei auch ganz viel von 2009 gezehrt (Anmerkung der Redaktion: Schon in diesem Jahr erlebte sie einen schweren Trainingsunfall in Erfurt). Ich hatte damals auch eine Trauma-Behandlung. Damals musste ich schon ganz viele ähnliche Fragen beantworten. Daraus habe ich jetzt Kraft gezogen.“

Kristina Vogel über die Wochen im Krankenhaus

„Es war für mich grausam. Ich lag im Bett, wurde von links nach rechts gedreht und hatte noch nicht die Kraft, mich zu mobilisieren. Ich habe mir dann heimlich vom Physiotherapeuten Thera-Bänder geben lassen. Manchmal habe ich mir auch aus Langeweile das Bett verstellt, von unten nach oben. Das waren sehr, sehr harte Wochen. Die Ärzte haben jeden Tag gesagt: ,Frau Vogel, bleiben Sie geduldig.‘“

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Kristina Vogel über den Kampf gegen die Schmerzen nach dem Unfall

„Die ersten Wochen im Krankenhaus waren die härtesten meines Lebens. Der Kampf gegen den Laktat-Schmerz ist was anderes. Hier ist es der Kampf zurück ins Leben. Der ist härter als der Kampf um eine Goldmedaille. Aktuell habe ich auch keine Schmerzen mehr.“

Kristina Vogel über den Kontakt zu anderen Sportlern und Patienten

„Ich wollte erst mit mir selbst klarkommen und die Tragweite des Unfalls begreifen. Im Laufe dieses Prozesses komme ich aber immer mehr auf Fragen, die nur Rollstuhlfahrer beantworten können. Zum Beispiel: Wie fährt man mit der Deutschen Bahn? Meine Traumatalogin hat mir geraten, meinen Freundeskreis in Richtung Para-Sportler etwas zu erweitern. Ich habe anfangs auch bewusst den Kontakt zu anderen Patienten gemieden. Erst jetzt lerne ich hier nach und nach andere Patienten kennen.“

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Kristina Vogel über die weltweite Anteilnahme nach ihrem Unfall

„Ich hätte niemals gedacht, dass das so eine Welle schlägt. Das war berührend, das war herzzerreißend und hat mir positive Energie gegeben. Ich habe vor Freude geweint, als ich aus dem Koma erwacht bin und gemerkt habe, welche Anteilnahme es auf der ganzen Welt gibt.“

Kristina Vogel über künftige Sport-Aktivitäten

„Seit dieser Woche darf ich Sport machen. Beim ersten Fahrtraining mit dem Rollstuhl bin ich direkt aus dem Stuhl geplumpst und auf den Kopf gefallen, als ich über eine Rampe rollen wollte. Schmerzen habe ich keine, aber ich habe einen Muskelkater. Ich habe jahrelang um meine Muskulatur gekämpft, dafür trainiert, jeden Tag. Nach zwei Monaten Bewegungslosigkeit fängt man bei null an. Jetzt brauche ich natürlich für die Stützfunktion des Körpers eine andere Muskulatur, als ich sie vorher gebraucht habe.“

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Kristina Vogel über ihren Lebensgefährten Michael Seidenbecher

„Michael hat mittlerweile den zweiten schweren Unfall mit mir erleben müssen. Er hat die ersten Nächte neben mir auf einem Stuhl geschlafen, ist mir nicht von der Seite gewichen. Ich weiß, ich habe bei ihm unheimlichen Halt, kann mich immer auf ihn verlassen. Ich bin aber auch froh, dass ich so eine starke Familie und so einen starken Freundeskreis habe. Sie haben mich nicht alleingelassen.“

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Kristina Vogel über ihre Pläne im Radsport

„Ich bin immer noch Athletensprecherin des Radsport-Weltverbandes – das möchte ich auch bleiben, egal ob ich mich vom Sport komplett zurückziehe oder paralympisch aktiv werde. Solche Unfälle sind leider schon viel zu oft passiert – zum Glück für viele Athleten ohne solche Folgen wie bei mir. Wir betreiben eine Risikosportart und sind nur mit unserer Haut geschützt. Da möchte ich auf alle Fälle etwas zurückgeben.“

Kristina Vogel über ihre ungebrochene Lebensfreude nach dem Unfall

„Vielleicht kann man meiner Mama an der Stelle mal Danke sagen (lacht). Was soll ich mich bedauern? Es ist, wie es ist, das hat das Schicksal für mich bereitgestellt. Ich kann an der Situation nichts ändern. Natürlich musste ich erst einmal lernen, Tränen zuzulassen und Emotionen zu verarbeiten. Aber das stärkt mich auch. Ich spüre: Ich muss mich nicht verstecken. Und das möchte ich den anderen Menschen auch zeigen.“

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Kristina Vogel über unerfüllbare Träume und Ziele

„Ich hätte gern den ewigen Rekord für mich gehabt (Anmerkung der Redaktion: den der meisten WM-Titel. Die Australierin Anna Meares hat ebenso viele gewonnen wie Vogel: elf). Zehn Jahre nach meiner ersten Elite-WM in Pruszków hätte ich im nächsten Jahr erneut in Pruszków gern meinen zwölften WM-Titel gewonnen. Vielleicht hole ich meine zwölfte Goldmedaille einfach woanders. Privat hatte ich natürlich auch Träume wie jedes Mädchen in meinem Alter. Bei der Bundespolizei wollte ich mich durchbeißen, was jetzt schneller gehen muss. Kinder zu bekommen, das funktioniert zum Glück. Ich war 18 Jahre lang Leistungssportlerin im Radsport und habe dem alles untergeordnet. Das ist jetzt vorbei. Aber ich finde definitiv neue Ziele.“

Kristina Vogel über die Frage: „Was wäre wenn?“

„Natürlich hätte es auch schlimmer kommen können – ich hätte auch tot sein können oder vom Hals abwärts gelähmt. So gesehen, hatte ich noch verdammtes Glück – und wohl einen Schutzengel.“

Kristina Vogel bei einem Rennen im Deutschland-Dress.

Über Kristina Vogel

Kristina Vogel ist die erfolgreichste deutsche Bahnsportlerin und eine der weltbesten Sprint-Athletinnen überhaupt. Bei den Olympischen Spielen 2012 in London gewann sie an der Seite von Miriam Welte ihre erste olympische Goldmedaille. Die zweite folgte 2016 in Rio de Janeiro im Sprint. Zudem gewann sie dort Bronze im Teamsprint. Mit elf WM-Titeln stellte sie den Rekord der Australierin Anna Meares bei den Weltmeisterschaften in Apeldoorn im März dieses Jahres ein. Am 26. Juni 2018 kollidierte sie beim Training auf der Radrennbahn von Cottbus mit einem niederländischen Nachwuchsfahrer und zog sich schwere Verletzungen am Rückenmark und am ersten Halswirbel zu. Das Brust- und das Schlüsselbein waren gebrochen. Seitdem ist die 27-Jährige querschnittsgelähmt.

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