Bikefitting, Erfahrungsbericht, Triathlon
Bikefitting: Anpassen des Triathlonrades an den Fahrer – ein Erfahrungsbericht

Bikefitting 2.0: Anpassung der Sitzposition auf dem Rennrad

Bikefitting: Anpassen des Triathlonrades an den Fahrer – ein Erfahrungsbericht

Schneller fahren bei gleicher Leistung: Das soll ein professionelles Bikefitting bewirken. Wie findet man bei der Sitzposition den richtigen Kompromiss aus Aerodynamik und Komfort?
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Top-Triathleten sind Jäger des Details, des einen Watts, der einen Sekunde: Sie arbeiten am Optimum, sie streben nach der stetigen Verbesserung. Ihr Ziel: mehr Leistung. Dafür trainieren sie härter und effizienter, regenerieren schneller – und haben Zugriff auf das neueste Material, die neuesten Technologien. Alles zusammen mündet in Leistungen, die für viele kaum nachvollziehbar sind.

Die Fragen, die im Raum stehen, lauten: Was kann man als Hobbysportler von den Profis lernen? Und wie schafft man es, sich so lange, so intensiv, so schmerzhaft am Limit zu bewegen?

Die Antwort – zumindest auf dem Rad – lautet: mehr Leistung durch Komfort und Aerodynamik. Auf den ersten Blick sind diese beiden Parameter unvereinbar. Den Faktor Komfort verbinden viele Sportler wohl am wenigsten mit dem Ziel einer verbesserten Leistung. Komfort auf dem Rad bedeutet für einige noch immer eine eher aufrechte, entspannte „Altherren“-Position auf dem Rad. Wie soll man damit schneller sein? Die Antwort lautet – natürlich stark vereinfacht: Leistung gleich Komfort mal Zeit. Je länger die Ausdauerleistung dauert, desto wichtiger wird der Faktor Komfort. Oder: Man erbringt dieselbe Leistung länger, ohne dass es unkomfortabel wird und die Wattwerte abfallen.

Professionelles Bikefitting für Triathleten

Triathleten profitieren stark von einer Radposition, bei der sich der Oberkörper von der Schwimm-Belastung erholen kann und der Bewegungsapparat für den anschließenden Lauf geschont wird. Genau hier setzt ein professionelles Bikefitting an: das Anpassen des Rades an den Fahrer, das genaue Einstellen, das Ermitteln der optimalen Sitzposition. Ein guter Bikefitter nimmt auf die individuellen Bedürfnisse, die anatomischen Besonderheiten, die physischen Fähigkeiten und die Wettkampfdistanzen des Athleten Rücksicht.

Stefan Hütter ist ein erfahrener Bikefitter. Sein kleines Radgeschäft „Bike Base“ am Schliersee sieht innen genauso aus, wie man es sich von außen vorstellt: Viele Räder auf engem Raum, viel Carbon überall, und dazu liegt der typische Geruch eines Radladens in der Luft: der leicht süßliche Duft von Kettenöl und Reifengummi.

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Welche Ziele habe ich? Welche Triathlonstrecke peile ich an?

Der Empfang ist herzlich. Ein fester Händedruck, ein kurzer Small Talk über die neuesten Carbonmodelle im Laden. Und schon sind wir mittendrin im Eingangsgespräch zu meinem Bikefitting: Welche Ziele habe ich in diesem Jahr? Welche Triathlonstrecke peile ich an? Bin ich ambitioniert oder nicht? Hütter hört zu und deutet bereits auf den Rollentrainer, in den sogleich mein Rad – das Argon 18 E-117 Tri – eingebaut wird.

Wenige Minuten später, jetzt im Rennanzug und in Radschuhen, mustert mich Stefan Hütter erneut. Bei der Pedalplatteneinstellung hatte ich im Vorfeld schon ganze Arbeit geleistet. Die Platten sind wie mit dem Lineal gezogen mittig platziert. Stefan Hütter bittet mich aufs Rad – und lässt mich treten.

Noch ist der Sattel etwas zu hoch. Ich beende das Treten und stelle die Ferse aufs Pedal. Dies ist die einfachste Variante, um die Sattelhöhe festzulegen. In der untersten Pedalstellung sollte das Bein ganz gestreckt sein. Meines ist noch überstreckt. Stefan Hütter korrigiert meine Sattelhöhe gleich mehrmals nach unten. Der Optimalfall wäre ein Kniewinkel von um die 110 Grad in der Drei-Uhr-Stellung, wobei eine Pauschalisierung schwierig ist.

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Wissenschaftliche Empfehlungen treffen auf Gefühl

Hütter setzt neben diesen wissenschaftlichen Empfehlungen auch auf etwas Gefühl – und seine Erfahrung. Als Bikefitter und Mechaniker betreut er beispielsweise die beiden deutschen Triathlon-Profis Markus Hörmann und Julia Gajer. Immer wieder kniet Stefan Hütter etwa zwei Meter von mir entfernt am Boden und beobachtet meine Pedalumdrehungen. Seinen Augen entgeht kein unrunder Tritt.

Zwar passt nun die eingestellte Sattelhöhe, die Sattelspitze befindet sich aber noch zu weit vorne. Im Idealfall soll sie auf der Höhe des Tretlagers oder leicht davor liegen. Die Kniescheibe sollte sich über der Pedalachse oder minimal davor bewegen.

Erst als er keinen Fehler mehr entdecken kann, geht es an die Einstellung des Cockpits. Hier gilt es, die Höhe der Armauflieger-Pads, deren Breite und Position sowie die Länge der Extensions bestmöglich an die Physiologie des Athleten anzupassen. „Die Höhe der Armauflage hängt natürlich auch von deinen Zielen und Ambitionen ab. Je höher die Frontposition, desto komfortabler fühlt sich die Position an – desto mehr Windangriffsfläche bietet sie allerdings auch“, sagt Stefan Hütter, der selbst bereits einige Positionsüberprüfungen mit seinen Athleten im Windkanal vorgenommen hat.

Erklärung: Was ist Bikefitting?

Aggressive Frontposition für kürzere Distanzen

Eine tiefe, vermeintlich aggressive Frontposition ist eher auf kürzeren Distanzen zu empfehlen, da neben dem Komfort auch die Steuerbarkeit darunter leidet.

Ein Triathlet, der jedoch auf der Ironman- beziehungsweise Langdistanz in Hawaii bestehen will, muss in der Aero-Position stabil und komfortabel sitzen. Sein Rad muss zudem auch bei Böen des berüchtigten Passatwindes jederzeit sicher und beherrschbar bleiben. Ich empfinde die gewählte Position als sehr bequem und bitte Stefan Hütter, noch eine tiefe, vermeintlich aerodynamische Position auszuprobieren.

Sitzposition & Sattelhöhe

Dafür entnehmen wir zwei Spacer am Vorbau und senken das Cockpit ab. Mein Oberkörper liegt nun deutlich flacher auf dem Rad. Um den Komfort dabei nicht zu vernachlässigen, montiert Stefan Hütter die Extensions nach vorne hin ansteigend. Das hat zur Folge, dass Ellenbogen und Unterarm zwar aerodynamisch tief aufliegen, die Hände aber an den Extensions oben greifen können. Der Effekt: ein gefühlt fast doppelt so großer Komfort wie zuvor mit den flach nach vorne laufenden Extensions.

In dieser Haltung, in der ich die Hände nun näher am Körper habe, kann ich meinen Oberkörper sogar noch einmal um einige Zentimeter senken und mich in meine gewünschte, aerodynamische Position „hineindrehen“. Dazu simuliere ich den leicht angezogenen Kopf, der mit dem gedachten Helm am Kopf zwischen die Schultern passt, ohne dass dabei die Nacken- und Schultermuskulatur auf längeren Strecken verkrampft.

Bikefitting

Bikefitting ist die Anpassung des Rades an den Triathleten

Bikefitting: Finetuning an der Sitzposition

Ich bin überrascht: Mein Körper liegt nun deutlich tiefer auf dem Triathlonrad, ohne dass ich durch die neue Position Komforteinbußen spüre. Oft sind es kleine Details und Veränderungen, mit denen sich langfristig große Wirkungen auf dem Rad erzielen lassen. Darauf setze ich neben all dem Training und Material. Die Möglichkeiten des Feintunings an der Sitzposition sind grenzenlos.

Um eines kommt man jedoch nicht herum: Neue Sitzpositionen müssen ausprobiert werden. Meist dauert es zwei oder drei Ausfahrten, um die Unterschiede festzustellen. Stefan Hütter und seine Bikefitter-Kollegen sind keine „Wunderheiler“, sondern eher Helfer. Es sind meist die vielen Helfer, die Großes erst möglich machen.


Über United Cycling

United Cycling – der offizielle Vertriebspartner der kanadischen Premium-Marke Argon 18 für Skandinavien, Deutschland und Österreich schafft es eine flexible Online-Konfiguration mit Händlerexpertise zu verknüpfen. Das online individuell zusammen gestellte Rad wird zum Händler geliefert und vor Ort auf die jeweiligen Bedürfnisse des Kunden eingestellt.

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