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Gravel: Professionalisierung einer Szene – Zahlen, Einblicke, Analysen

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Gravel: Professionalisierung einer Szene – Zahlen, Einblicke, Analysen

Höher, schneller, weiter – dies ist es, was den Sport ausmacht. Oder? Die Professionalisierung einer jungen Disziplin im Zeitraffer: die Gravel-Szene.
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Freiheit – das ist, was Viele wollen, das ist, was den Marlboro-Mann erfolgreich machte*, das ist, wofür die neue, junge, hippe Rad-Disziplin „Gravel“ steht: raus aus dem Hamsterrad, dem Bürostuhl, dem Alltag – rein in den Wald, in die Natur. Es ist eine Gegenwelt, nicht nur im Vergleich zur „normalen Arbeits-Alltags-Welt“, sondern auch in Relation zum System des organisierten Sports. In dieser Gravel-Welt ist der Freiheitsgrad größer. Und: Ihr Image nach außen ist besser, neuer, unbeschwerter. Noch.

Denn diese neue Welt bewegt sich schnell auf die alte – in diesem Fall jene des Profi-Radsports – zu. Beziehungsweise: Sie wird von ihr übernommen, assimiliert. Nach und nach, schleichend und doch schnell. Diese Wandlung der Gravel-Szene zeigt die Effekte der Professionalisierung im Zeitraffer – wie unter einem Brennglas. Gravelbikes sind: schnell, leicht, grobstollig bereift, geländegängig. Komfortabler und langstreckenorientierter als Cyclocrossräder – leichter, schneller und vielseitiger als Mountainbikes.

Gravel-Rennen wie der „Belgian Waffle Ride“ mit seiner Strecke von 217 Kilometern und 3000 Höhenmetern oder das „Unbound Gravel“ – 320 Kilometer, 3300 Höhenmeter – boomen. Doch ein solcher Aufstieg zieht im Kapitalismus stets dieselben Entwicklungen nach sich: Wo ein Markt ist, wird er bedient – in Form von Investitionen, PR, Produkten, Werbung. Die Events werden größer, der Markt wird breiter, die Umsätze und die Starterfelder werden größer – und schneller. Die „alte traditionelle“ Profi-Radsportwelt diffundiert in die neue.

Sieger waren häufig einst Straßen-Radprofis

Dies zeigt bereits ein Blick auf die Ergebnislisten der großen Gravelrennen der jüngeren Vergangenheit. Viele der Sieger und Top-Platzierten haben eine Gemeinsamkeit: Sie waren einst Straßen-Radprofis. Einer von ihnen: Peter Stetina. Er fuhr zehn Jahre lang als Profi für die Teams Garmin, BMC und Trek-Segafredo – und sagt: „Die Gravel-Szene ist sehr viel relaxter. Man trinkt abends nach dem Rennen zusammen ein Bier am Lagerfeuer. Es gibt so viel Kameradschaft.“ Die Frage ist: Wie lange noch?

Die Gravel-Rennszene professionalisiert sich nicht nur – sie wird auch verinstitutionalisiert. So verkündeten die Sprecher des Weltradsportverbandes UCI im September 2021: Ab 2022 wird es erstmals eine globale „UCI World Gravel Series“ geben, eine Rennserie mit großen Events in Europa, den USA, Kanada, Mexiko und Asien.

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320 Kilometer und WM

Dort muss man Punkte holen, um sich für die neuen offiziellen Gravel-Weltmeisterschaften zu qualifizieren. „Ich würde sagen, dass das Gravel-Fahren seit Anbeginn des Radrennsports in dessen DNA verankert ist, denn die Straßen waren nicht immer, wie sie heute sind“, sagt der UCI-Präsident David Lappartient. „Man kann sehen, dass der Sport weltweit beliebt ist und großes Entwicklungspotenzial birgt.“

Neben etlichen Ex-Profis treten längst auch Superstars wie Remco Evenepoel bei Gravel-Rennen – in diesem Fall dem „Belgian Waffle Ride“ – an. Das World-Tour-Team EF Education fährt seit 2019 „zweigleisig“: Die Verantwortlichen ermöglichen ihren Fahrern ein „alternatives“ Rennprogramm. So fuhren die EF-Profis Alex Howes und Lachlan Morton bereits 2019 beim „Dirty Kanza“ und bei „Leadville 100“ auf die Plätze drei und vier beziehungsweise fünf und drei.

2021 absolvierte Morton seine eigene Tour de France, alleine, im Bikepacking-Modus, mit allem am Rad, das er brauchte: Er fuhr innerhalb von 18 Tagen 5510 Kilometer und 65.000 Höhenmeter weit durch Frankreich – und sorgte damit für eine enorm hohe mediale Reichweite.** „Lachlan hat den modernen Radsport verändert“, schrieb Nathan Haas danach in einer Kolumne. „Sein Stil, seine Filme, seine Weigerung, den Radprofi-Standardweg aus ‚Essen, Trainieren, Schlafen, Wiederholen‘ zu gehen. Viele Gravel-Spezialisten sind keine Fans des neuen Gesamtkonzepts der UCI und werfen der Organisation sogar vor, dass sie den neuen Sport ruinieren würde. Ich kann das Argument verstehen. Gravel ist im Grunde eine Gegenbewegung zur Ernsthaftigkeit des Straßenrennsports: Es treten keine Teams gegeneinander an, die Regeln sind bestenfalls flexibel und bei den Events ist die Atmosphäre das Wichtigste. Man könnte sagen, dass das neue Format nicht länger eine Alternative ist –sondern eine Übernahme durch den Radsport-Mainstream. Doch: Ich sehe das Ganze gar nicht als ‚Alternative‘. Lasst uns das Graveln und das Erleben dabei auf dieselbe Stufe stellen wie den Straßenradsport. Wenn man es als ‚Return on Investment‘ versteht, dann ist es ja bereits an diesem Punkt. ‚Alternative‘ klingt nach einem Plan B, dabei ist es für Viele die erste Wahl. Lasst uns die Stimmung und den Spaß erhalten und lasst den Gravel-Sport weiter wachsen.“

Gravel-Rennen: Das Niveau steigt

Haas selbst kommt aus dem Mountainbike-Sport und war zehn Jahre lang Radprofi. Im Oktober 2021 startete er beim ersten, rein mit Straßen-Profis besetzten Gravel-Rennen überhaupt, dem 125 Kilometer langen „Serenissima Gravel“ in Lido di Jesolo – und wurde Dritter. Nach der Saison 2021 beendete er seine Straßen-Karriere und wechselte in den Gravel-Sport. Wie etliche andere Ex-Straßen-Profis vor ihm, etwa: Ian Boswell, Peter Stetina, Laurens ten Dam, Ted King, Kiel Reijnen, Paul Voß.

Das Niveau der Starterfelder bei Gravel-Rennen steigt. Wie auch die mediale Reichweite und die Sponsoren-Budgets. Der Zirkel-Effekt könnte lauten: Reichweite zieht Geld an, Geld zieht Profis an. „Größere Namen“ und spektakulärere Rennen triggern eine zunehmende Medien-Reichweite. Eine wachsende Reichweite triggert weitere Investments. Noch gilt die Gravel-Szene medial als das weiße Schaf – neben dem „schwarzen“, dem „alten“, dem Straßen-Rennsport.

Rennen und Regeln

Doch bisher gilt für die Menschheitsgeschichte, und für alle gesellschaftlichen Teilsysteme, immer dasselbe Prinzip: Um je mehr – Geld, Ruhm, Macht – es geht, desto eher wird betrogen. Verliert der Gravel-Sport im Zuge seiner Professionalisierung seine „Unschuld“? Auch hier könnte zukünftig die Formel „Leistung bringt Erfolg bringt Einkommen“ gelten. Immer mehr Firmen drängen in den Markt – und profitieren vom positiven Image der Gravel-Szene, von den Bildern, die von diesem Sport transportiert werden: Natur, Freiheit, Weite, Abenteuer, Lagerfeuer-Romantik. Die großen Events stehen bislang für: Ein-Mann- oder Frau-Teams, jeder gegen jeden, Einfachheit, Kameradschaft, Fairness. Man braucht keine Rennlizenz, es gibt keine Renn-Kommissare – und keine Dopingkontrollen.

Doch die Leistungen, die die Top-Fahrer erbringen, sind extrem. So liegt die Rekordzeit beim „Unbound Gravel“, über eine Strecke von 320 Kilometern mit 3300 Höhenmetern, bei: 9:58 Stunden. Die Route führt von Emporia in Kansas aus durch die Flint Hills, über Schotter, Geröll, Feldwege, Trails und Sand. Während im Straßen-Radsport weiter ehemals in Doping verstrickte Figuren wie Alexander Winokurov, Jonathan Vaughters, Ivan Basso oder Brian Holm an den Strängen ziehen, ist das Image der Gravel-Events positiv. Noch. Im April 2019 gewann der US-Amerikaner Jonathan Wood das Boulder-Roubaix-Race in Colorado. Der 36-Jährige schlug dabei 60 andere Athleten seiner Altersklasse. Drei Wochen später wurde er positiv auf Anabolika getestet.

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Ein Fahrer, ein Fahrrad – that’s it

Die Gravel-Regeln lauten: keine Teams, kein Funk, keine Begleitautos, keine Helfer. Ein Fahrer, ein Fahrrad – that’s it. Jeder muss sich selbst helfen. Bislang galt: Die Organisatoren von Gravel-Rennen können tun und lassen, was sie wollen. Jeder Starter fährt für sich, mit aller Verpflegung und allem Ersatzmaterial am eigenen Rad – wie bei der Tour de France vor 100 Jahren. Dies ist das Prinzip.

Doch: Werden im Zuge der Professionalisierung aus den Einzel- nach und nach Teamrennen werden? Diskussionen dazu kamen schon während der vergangenen Gravel-Rennsaison auf, primär unter den Top-Fahrerinnen: Bei den meisten Rennen gibt es Massenstarts – Frauen und Männer, alle fahren zunächst zusammen los. Den Windschatten anderer zu nutzen oder von einer Gruppe zur nächsten zu „springen“, all dies zählt zum normalen Rennalltag. Doch nach mehreren der großen Events kam es zu Vorwürfen gegen manche Fahrerinnen – und ihre männlichen Teamkollegen: In einigen Fällen soll es zu einer Art „Team-Zeitfahren“ gekommen sein.

So schrieb die Straßen- und Gravel-Spezialistin Whitney Allison auf Instagram: „Es ist ein großes Problem für die Entwicklung des Frauenradsports, wenn man, um konkurrenzfähig zu sein, ein halbes Dutzend Männer bei einem Rennen dabeihaben muss, die einen unterstützen. Obwohl es nicht gegen die Regeln verstößt, ist es gegen den Geist des Sports. Obwohl viele Leute auch zum Graveln gekommen sind, da es hier so wenige Regeln gibt, glaube ich, dass es einige Regeln geben muss, um den Frauenradsport auf einem wettbewerbsfähigen Niveau zu halten, sonst wird er schrumpfen.“

Bleibt Gravel Gravel?

Die große Frage lautet: Bleibt Gravel Gravel? So frei, so wild, so aufregend, so anders? Für die meisten Sportler gilt wohl: Die Leistungsspitze ist immer weit weg, in einer eigenen anderen Welt.

Alle anderen werden auf den schnellen Rädern im Gelände weiterhin das finden, was sie suchen: Spaß, Geschwindigkeit, Ruhe, Natur, eine Gegenwelt zum Arbeits-Alltags-Hamsterrad. „Ich freue mich, dass die Gravel-Szene nun mehr Aufmerksamkeit bekommt und dass meine Ex-Straßenprofi-Kollegen zu uns wechseln“, sagt Ted King, der seine Rennrad-Profi-Karriere 2015 beendete und bereits seit 2016 Gravelrennen fährt. „Wobei ich es extrem schätze, dass es im Gravel-Sport keine Hierarchie, kein Punktesystem oder andere Instrumente gibt, die den Sport zu ‚ernst‘ machen. Ich befürchte, dass sich dies nun zukünftig ändern wird. Der Gravel-Sport ändert sich.“

*Wenn auch nicht gesund, denn Wayne McLaren, der wohl bekannteste „Marlboro-Mann“, starb an Lungenkrebs / **Die Reportage zur Bikepacking-Tour-De-France finden Sie in der RennRad-Ausgabe 11/2021 / Einen großen Hintergrundartikel zum Thema Offroad-Training mit Trainingsplänen für alle Leistungsklassen finden Sie in der RennRad-Ausgabe 10/2021.

Dieser Artikel erschien in der RennRad 3/2022Hier können Sie die Ausgabe als Printmagazin oder E-Paper bestellen.


Leitartikel von Chefredakteur David Binnig aus 2022

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