Ernährung und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit: Leitartikel

Nahrung und Gesundheit

Ernährung und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit: Leitartikel

Auf der einen Seiten ernähren sich immer mehr Menschen sehr bewusst – auf der anderen nimmt die Zahl der von Zivilisationskrankheiten Betroffenen massiv zu. Von Ernährung und Gesundheit.
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Sie heißen irgendetwas mit Vegan-, Green- oder Health- – oder tragen einen kurzen asiatisch-exotisch klingenden Namen, der idealerweise übersetzt noch eine spirituelle Bedeutung hat, wie etwa „Erleuchtung“, „Reinheit“, „Jugend“ et cetera. Sie verkaufen, unter anderem, Beeren, Samen und Sprossen und „sprießen“ vorzugsweise in den besonders gentrifizierten Vierteln großer Städte wie Pilze aus dem grundsanierten überteuerten Boden. Sie servieren „Bowls“ – vulgo „Schüsseln“ – voller Quinoa, Amaranth und Goji-Beeren, Sojamilch mit Kurkuma, „Energyballs“ aus Datteln, Spinat-Acai-Rote-Beete-Smoothies und vieles mehr, das gesund ist. Und bio. Und schön macht. Und jung hält. Einer der großen Gastrotrends lautet: Bio-Rohkost- beziehungsweise Health- beziehungsweise Superfood-Restaurants.

Hunger und Leistung

Mit „Super-“ und „Functional Foods“ – was nebenbei bemerkt, kein klar definierter Begriff ist und somit auch auf Burger-, Pizza-, Chips- oder Transfett-Verpackungen gedruckt werden dürfte – werden weltweit Milliarden von Euro umgesetzt.

Immer mehr Menschen in den Industrieländern ernähren sich immer bewusster – oft mit positiven Effekten. Andere schließen Lebensmittel wie etwa Gluten, Laktose, Fleisch, Milch oder alle tierischen Produkte, komplett aus. Für Einige wird die eigene Ernährung zu einem identitätsbildenden Faktor – für andere zu einer Art Religionsersatz.

Gesamt-Gesellschaft wird dicker

Doch: Die Gesamt-Gesellschaft wird immer dicker. Zwei Drittel der Männer, 53 Prozent der Frauen und jedes sechste Kind sind hierzulande übergewichtig.

Auch beim Faktor „Ernährung“ zeigt sich die gesellschaftliche Spaltung. Etwa angesichts dieser Zahl: 20 Prozent. Jedes fünfte Kind geht hierzulande öfter hungrig zur Schule. Auf jedes zehnte Kind trifft dies täglich zu. Weitere zwölf Prozent der befragten Kinder gaben an, „fast jeden Tag“ hungrig zur Schule zu kommen. Bei gut einem Fünftel kommt es „an einigen Tagen“ vor, dass sie sich im Unterricht nicht ausreichend satt fühlen. Diese unfassbaren Zahlen hat eine Sonderauswertung der IGLU-Studie erbracht.

Diese Fehl- und Mangelernährung hat auf vielen Ebenen Effekte: So ist es etwa erwiesen, dass Kinder, die Hunger haben, in ihren schulischen Leistungen schlechter abschneiden. Auch dies zeigte sich in den IGLU-Daten: Kinder, die regelmäßig hungrig zur Schule kamen, erreichten in Lesetests durchschnittlich 517 Punkte – und damit 39 Punkte weniger als jene, die nach eigenen Angaben immer ausreichend gegessen hatten. Wobei hier natürlich wohl auch weitere sozioökonomische Faktoren mitverantwortlich sind. „Leider decken sich die Ergebnisse dieser Studie mit den Erfahrungen zahlreicher Lehrkräfte vor Ort“, sagt der Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger in einem DPA-Interview. Auf der einen Seite gebe es eine wachsende Gruppe von „Helikoptereltern“ – und auf der anderen immer mehr Eltern, die sich um das Wohlergehen ihrer Kinder kaum kümmerten.

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Kinder frühstücken nicht mehr zu Hause

Auch nach den Ergebnissen der KiGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts nimmt die Zahl der Kinder, die zu Hause frühstücken, klar ab. Unter den Sieben- bis Zehnjährigen frühstückt mehr als ein Fünftel nicht täglich zu Hause. Unter den Elf- bis 13-Jährigen ist es rund ein Drittel.

Eine wichtige Studie zu diesem Themenfeld führte ein Team der Universität Cardiff, Wales, um die Forscherin Hannah Littlecott durch: Sie analysierten Daten von rund 3000 neun- bis elfjährigen Schülern an 111 Schulen. Die Kinder notierten an den Untersuchungstagen jeweils alles, was sie in den vergangenen 24 Stunden gegessen hatten. Diese Informationen zum Essverhalten wurden mit den Ergebnissen von Lernstandserhebungen, den sogenannten „Statutory Assessment Tests“, in Verbindung gesetzt. Potenzielle Störvariablen wie etwa die soziale Situation der Kinder wurden durch das Studiendesign ausgeschlossen.

Gesund vs. ungesund

Das Ergebnis: Schüler, die frühstückten, wiesen eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit auf, überdurchschnittlich gut in den verpflichtenden Tests abzuschneiden als solche, die morgens kein Frühstück zu sich nahmen. Bei Kindern, die zu Hause gefrühstückt hatten, war die Wahrscheinlichkeit für überdurchschnittlich gute Noten doppelt so hoch wie bei jenen, die nicht frühstückten.

Dieser positive Einfluss auf die schulischen Leistungen wurde jedoch nicht nach allen Formen des „Frühstücks“ festgestellt – sondern nur nach dem Verzehr „gesunder“ Nahrungsmittel. Etwa: Getreideprodukten wie Müsli oder Brot sowie Obst und Milchprodukten. Das morgendliche Essen „ungesunder“ Snacks wie etwa Kartoffelchips oder Süßigkeiten vor dem Schulbeginn hatte keinen Effekt auf die Leistung. Dieser Befund bestätigt mehrere frühere Studien, in denen festgestellt wurde, dass sich vor allem Nahrungsmittel, die einen geringen glykämischen Index aufweisen, positiv auf die kognitiven Fähigkeiten, die Gesundheit, die Aufmerksamkeit und die schulischen Leistungen auswirken können.

Frühstück und Konzentration

Auch ein Forscherteam um Alexa Hoyland von der Universität Leeds, Großbritannien, fand im Rahmen einer großen Meta-Analyse von Studien seit dem Jahr 1950 einen positiven Zusammenhang zwischen dem Frühstücken und der Konzentrationsfähigkeit sowie der Gedächtnisleistung von Kindern.

Paul Veugelers von der University of Alberta, Kanada, und seine Kollegen beobachteten den Lebensstil von 5000 kanadischen Schülern und deren Eltern und setzten die schulischen Leistungen der Kinder in Relation dazu.

Das Ergebnis: Schüler, die sich – gemessen an der sogenannten „Diet Quality Index-International“-Skala – am gesündesten ernährten, schnitten im Durchschnitt bei standardisierten Tests um 41 Prozent besser ab als jene Kinder, die ungesünder aßen. Eine potenzielle Erklärung: Faserreiche Nahrung wie Obst und Gemüse ist im Gegensatz zu fettreicher besser verdaulich und hält den Blutzuckerspiegel länger konstant.

Ernährung und Bewegung

In Deutschland scheint – aus der Sicht der verantwortlichen Politiker – der Stellenwert der gesunden Ernährung nur wenig über jenem des extrem vernachlässigten Faktors „Bewegung“ zu liegen. Dies zeigt sich in sehr vielen Aspekten.

Einen großen Leitartikel zu dem Ausmaß, den Gründen und den Folgen des Bewegungsmangels finden Sie hier.

In einer Studie der TU Berlin wurde die „Qualität des schulischen Mittagessens im Land Berlin“ untersucht – mit dem Ergebnis, dass „bei der Verteilung der Nährstoffe bei nahezu allen Menüschienen der untersuchten Cateringunternehmen Optimierungsbedarf besteht“ – und die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung „nur von einer einzigen Menüschiene eines Caterers erreicht werden“. Ein Haupt-Studien-Fazit der Autoren: „Zur Erfüllung der vertraglichen Richtlinien ist eine Optimierung der Rezepturen zu empfehlen.“

Ernährung und Effekte

Im Verlauf der Corona-Pandemie nahmen die Kinder und Jugendlichen in Deutschland nicht nur signifikant zu und trieben deutlich weniger Sport – 57 Prozent der Kinder zwischen zehn und 14 Jahren bewegten sich weniger als vor der Pandemie, bis zu 40 Prozent der Kinder trieben gar keinen Sport – sondern viele veränderten auch ihr Essverhalten. Zum Schlechteren.

Dies zeigte etwa eine gemeinsame Umfrage des EKFZ und Forsa. Demnach greifen die Kinder deutlich häufiger zu Süßigkeiten wie Schokolade, Gummibärchen, Keksen und Eis. Zehn- bis zwölfjährige Kinder konsumierten demnach 23 Prozent mehr Süßes und 28 Prozent mehr Salziges. 21 Prozent der Kinder dieser Altersstufe nahmen nach Angaben der Studie klar an Gewicht zu.

Schwächen in der deutschen Ernährungspolitik

Auch im Vergleich mit anderen Ländern weist die deutsche Ernährungspolitik im Hinblick auf die Förderung gesunder Lebensmittel große Schwächen auf. Zu diesem Ergebnis kamen Münchner und Leipziger Forscher, die für eine Studie 43 Länder hinsichtlich des sogenannten „Food Environment Policy Index“ – eines Index, der die politischen Rahmenbedingungen des Parameters Ernährung abbildet – analysierten. In den meisten der untersuchten Bereiche erzielte die deutsche Politik schlechte Ergebnisse. Dies sei, so schreiben die Autoren, „ernüchternd. 15 Prozent aller Todesfälle und mehr als 17 Milliarden Euro Gesundheitskosten pro Jahr“ gingen hierzulande auf „unausgewogene Ernährungsmuster“ zurück.

Als Konsequenzen dieser Ergebnisse fordern die Forscher das Umsetzen mehrerer Maßnahmen. Unter anderem: eine hochwertige kostenlose Verpflegung in Schulen und Kitas, das Besteuern von Softdrink-Verkäufen und das Absenken der Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse.

Weltweit sind bis zu elf Millionen Todesfälle pro Jahr auf eine ungesunde Ernährung zurückzuführen. Nach den Ergebnissen einer umfassenden Meta-Analyse von Forschern der Universität Halle-Wittenberg waren 2016 2,1 Millionen der insgesamt 4,3 Millionen kardiovaskulären Todesfälle ernährungsbedingt. Ergo: 49 Prozent. Der Anteil an der Gesamtsterblichkeit: 22,4 Prozent. Die Zahlen für Deutschland: fast 165.000 Todesfälle – 46 Prozent der kardiovaskulären und 17,9 Prozent der Gesamtmortalität.

Todesfälle und Ernährung

Eine andere Meta-Analyse, für die Millionen Daten aus 204 Ländern und Regionen ausgewertet wurden, erschien 2019 in dem renommierten Journal „The Lancet“. Die Auswertung umfasst mehrere Tausend Seiten.

Die Ergebnisse: Weltweit ist demnach jeder fünfte Todesfall auf ungesunde Ernährung zurückzuführen. Die gesundheitlichen Folgen zeigen sich laut der Statistik vor allem in Form von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Diabetes.

Die wichtigsten Risikofaktoren für vorzeitige Todesfälle und einen schlechten Gesundheitszustand in Deutschland lauten: Tabakkonsum, Bluthochdruck, hohe Blutzuckerwerte, Übergewicht. Hierzulande kommt es täglich zu 1600 Diabetes-Neuerkrankungen. Die Zahl der Typ-2-Diabetes-Neuerkrankungen bei Jugendlichen hat sich in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht. „Eine schlechte Ernährung ist für mehr Todesfälle verantwortlich als jeder andere Risikofaktor“, bilanziert der Studienautor Christopher Murray von der Universität Washington.

Ökonomische Ungleichheit als Grund für schlechte Ernährung

Richard Horton, der The-Lancet-Chefredakteur, sieht aktuell gar eine Syndemie zweier „synergistischer Epidemien“, die parallel auftreten und sich teils wechselseitig verschlimmern. Die tiefliegende Ursache dafür sei die soziale und ökonomische Ungleichheit. Diese Sicht entspricht auch jener der Studien-Autoren. Diese empfehlen, laut Focus.de, „dringend Maßnahmen zur Bekämpfung des globalen Zusammenspiels aus chronischen Krankheiten, sozialer Ungleichheit und Covid-19 zu ergreifen. Das könne robustere Gesundheitssysteme und eine bessere Gesundheit gewährleisten, zugleich würden die Länder widerstandsfähiger gegen künftige Pandemien.“ Demnach entwickelte sich seit Jahren eine „stille Epidemie“ – die niemanden zu interessieren scheint.

Für die meisten politisch Verantwortlichen scheinen die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Bewegung, Gesundheit und Krankheit keine Rolle zu spielen.

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